Beltz & Gelberg 2019.

Nikolaus Heidelbach: Alma und Oma im Museum

„Für einen vernünftigen Museumsbesuch braucht man drei Dinge: Erstens die richtigen Schuhe, zweitens gute Augen und drittens genug Zeit. Hast du alles?“

Ein Besuch im Museum befüllt mit klassischen Gemälden, welche wiederrum von oben bis unten und von links bis rechts ausgestaltet sind mit Figuren und wundersamen Motiven aller Art, kann nicht nur auf Kinder einen einschüchternden Eindruck machen, auch vielen Erwachsenen wird dabei bange.
Was hat das alles zu bedeuten? Was wollte der Künstler hiermit ausdrücken? Und was sollte ich fühlen, wenn ich mir diese ganzen nackten Menschen ansehe?

Almas Oma lässt sich von alledem nicht beeindrucken, denn sie hat einen grandiosen Plan, um ihrer Enkelin den Besuch im Wallraf-Richartz-Museum so spannend wie möglich zu gestalten. Zunächst ist es an der jungen Museumsbesucherin, den Aufseher der Galerie mit einigen Fragen abzulenken, während ihre Oma mit dem lila-grauen Haar, in einem Knoten zusammengehalten von einem Pinsel und einem Stift, kurz verschwindet. Danach sollich das Mädchen die bereitgestellten Museums-Kopfhörer aufsetzen und allein durch die Räumlichkeiten wandern. Vollkommen allein? Nein, denn Oma wird immer in der Nähe sein. Nur eben nicht an ihrer Seite, sondern in den Gemälden! Was Alma zunächst nicht so recht glauben kann und als ein typisch verrücktes Oma-Verhalten schulterzuckend abtut, stellt sich tatsächlich als gar nicht so absurd heraus.

Durch die Kopfhörer zu ihrer Enkelin sprechend, wandert die kunstliebhabende Dame in der Mittelalter Sammlung des Museums nun kühn durch ein Gemälde nach dem anderen.
„Maler malen für Leute, die genau hingucken.“ Und das muss Alma auch tun (Wir als Leser_innen übrigens ebenso!), denn in den mannigfaltigen Werken der alten Meister – von „Das Weltgericht“, „Pfeifer und Trommler“ bis hin zur „Kreuzigung Christi“ gibt es hier viel zu sehen – ist es nicht immer einfach, sich einen Sinn aus der Gesamtheit der gekonnt gesetzten Pinselstriche zu machen.

Zwar gibt es zum Beispiel natürlich keine echten Drachen, aber die Meister der Georgslegende haben das riesige, reptilienartige Ungeheuer im „Georgsaltar“, ganz links oben, so erstaunlich echt aussehend hinbekommen – und das allein durch ihre Vorstellungskraft! Ebenso durch die reine Kraft der Imagination schaffte es der Künstler Stefan Lochner, Maria, die in „Die Muttergottes in der Rosenlaube“ zufrieden dreinschauend und umringt von Engeln zu bewundern ist, auf Eichenholz zum Leben zu erwecken.

Und ständig nehmen die Menschen in den Gemälden ein Bad! Doch Oma, die sich kichernd irgendwo in der Landschaft im Hintergrund versteckt, lässt uns wissen, dass die abgebildeten Menschen nicht außergewöhnlich versessen auf ihre körperliche Hygiene sind, sondern getauft werden. Und Jesus steigt auch nicht aus einer Badewanne, sondern bei seiner Auferstehung aus dem Grab.

Alma durchquert so also unterstützt von echtem (wortwörtlichem!) Insider-Wissen die Galerie und lernt – bis zum Ende der sich unausweichlich anbahnenden Schläfrigkeit eines jeden Museumsrundganges strotzend – viel über Kunst und die Hintergründe der unterschiedlichen religiösen Meisterwerke. Und letztendlich auch darüber, wie faszinierend die zunächst überfordernd wirkenden Werke sein können, traut man sich nur nah genug an sie heran – aber bitte nicht zu nah!
Der preisgekrönte deutsche Bilderbuchillustrator und -autor Nikolaus Heidelbach lädt mit „Alma und Oma im Museum“ alle kunstbegeisterten, oder jene die es noch werden möchten, Leser_innen ein auf eine Tour durch die Welt der mittelalterlichen Malerei. Beim Durchblättern des Buches fühlt man sich sofort gut aufgehoben in Gesellschaft der neugierigen und alles kritisch hinterfragenden Alma, deren Fragen gut jene widerspiegeln, welche vermutlich vielen Museumsbesucher_innen beim Betrachten der Werke aus vergangener Zeit auf der Zunge liegen. In fortlaufend witzigem Dialog steht sie dabei mit ihrer Oma, die einen sowohl informativen als auch satirischen Einblick in die Arbeiten der alten Meister gibt.

Die Gemälde wurden von Heidelbach in ihrer originalen Form – mal nur auf einer Seite, bei Triptychen (also Relieftafeln) auch gerne mal doppelseitig – digital in seine eigenen, unverkennbaren Illustrationen eingefügt. Nicht nur unseren zwei Heldinnen, auch allen anderen im Bilderbuch illustrierten Museumsbesucher_innen, die die Galerie mal mehr und mal weniger interessiert durchstreifen, wurden von Heidelbach viel detailorientierte Beachtung geschenkt. So gibt es auch außerhalb der Meisterwerke viel Originelles zu entdecken – von einem vollbärtigen jungen Mann, der sein höchst erstaunt dreinblickendes Baby, das wohl eine Socke verloren hat, in einem Tragetuch eingewickelt vor sich herträgt bis hin zu einem desinteressierten Vater-Sohn-Duo, die, die Bilder nicht beachtend, lediglich ihre Smartphones in die Höhe strecken, um Fotos zu schießen.

Am Ende dieses überaus witzig geschriebenen und wunderbar individualistisch illustrierten Bilderbuches angekommen, dürfte das plötzliche Verlangen, sich umgehend auf den Weg ins nächste Museum zu machen, wohl keine große Überraschung sein!


Sonja Metz

Studiert Germanistik in Wien und hat im August 2019 ein einmonatiges Praktikum in der STUBE absolviert.


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