DVD. good!movies 2018. 97min. € 14,99.

Es war einmal Indianerland. Ein Trip von Ilker Ҫatak. Nach dem preisgekrönten Roman von Nils Mohl.



Lässig werden lange Haare zu einem Dutt gedreht und legen ein Nackentattoo frei. Mausers Blick darauf markiert ein Erkennen – und zeigt, dass der 17-Jährige angekommen ist.
Angekommen ist Mauser, nachdem eine dem Pool der verbotenen Schwimm-badparty entstiegene Venus ihn auf Umwege gebracht hat. Einem Paradiesvogel gleich hat Jackie ihn aus der Stadtrandsiedlung zum Powwow gelockt, mitten hinein ins knallbunte Festivalgeschehen, wo Mauser schwebend und halluzinierend mit sich selbst konfrontiert wurde.
Angekommen ist Mauser aber auch, weil er sich von Zöllner losgesagt hat. Er hat Zöllner, seinen Vater, nicht angeschrien wie geplant. Wie erhofft. Und doch wird er bei den Wettkämpfen antreten und dabei keine Angst vor seiner eigenen Biografie und Herkunft zeigen. Er wird sich im Stadtrand verorten und sogar Emmemms Boxhandschuhe tragen. Und er wird auf die Kraft derjenigen vertrauen, an die man sich halten kann: Edda.   
Sie ist diejenige, die die Mediacontrols als Tattoo im Nacken trägt. Die Frau mit der Bohrmaschine, der Gartenhütte und dem omahaften Teeservice, die den (Schutz-) Schirm über Mauser spannt, als dessen Leben in Brüche geht, weil Zöllner seine Frau umgebracht hat. Edda, die sich mit unerschütterlichem Humor und Lust an Westernmetaphern auf das Grünhorn einlässt und Mauser erdet, nachdem Jackie ihn hat abheben lassen.


Nils Mohls Roman „Es war einmal Indianerland“ erschien 2011 und wurde im Jahr darauf mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Verortet am Stadtrand einer deutschen Großstadt entwirft der Hamburger Autor damit eine (wie er es selbst nennt) Grammatik des Erwachsenwerdens, die er mit „Stadtrandritter“ und „Zeit für Astronauten“ vervollständigt. Verbunden sind die drei Romane durch Handlungsstränge und Figuren; nicht aber über einen chronologisch fortlaufenden Plot. Auch und insbe-sondere weil Nils Mohl grundsätzlich nicht chronologisch erzählt, sondern den Text jeweils als Arrangement seiner Einzelteile präsentiert – ganz der fragmentierten Wirklichkeit seiner Protagonist_innen entsprechend. Als verbindendes Element setzt er jene Mediacontrols (Play, Stop, Break, Fast Forward, Fast Backward) ein, die zu einer Art Label der Stadtrandtrilogie wurden. Die Fragmente von Zeit, Raum, Figuren und Entwick-lungs prozessen müssen im Lektürevorgang erst in einen sinnbildenden Zusammenhang gebracht werden; und spiegeln damit die Notwendigkeit der Figuren, die Bruchstücke ihres Lebens und Erlebens in einen sinnstiftenden Zusammenhang zu bringen.

Wie lässt ein solcher a-chronologisch erzählter Roman sich verfilmen?
Gar nicht, wäre man geneigt gewesen zu sagen, bevor man den Film gesehen hat.

Doch es handelt sich nicht nur per se um einen außergewöhn-lichen (und außergewöhnlich experimentierfreudigen) Film, sondern auch im Sinne der filmischen Adaption um einen ästhetischen Glückfall: Durch seine radikale Bekenntnis zur Romanvorlage lässt „Es war einmal Indianerland“ kommerziell weit erfolgreichere, auf Jugendromanen basierende Filme weit hinter sich (zieht sozusagen fast forward an ihnen vorbei). Mitverantwortlich dafür sind Max Reinhold und Nils Mohl selbst, die das Romangeschehen durch kluge Interventionen in ein dramaturgisch schlüssiges Drehbuch überführen; sowie der Regisseur Ilker Ҫatak, der 2014 für seinen Kurzfilm „Sadakat“ den Studenten-Oscar gewonnen und in der Folge trotz zahlreicher lukrativer Angebote am Indianerland-Projekt festgehalten hat; und natürlich Jan Ruschke, der für die rasante Montage der Szenen verantwortlich zeichnet und als Cutter für die Lola, den Deutschen Filmpreis 2018, in der Kategorie Bester Schnitt nominiert war. (Davor sollte sogar Beuys seinen Hut ziehen ...)
Zur Abspielfrequenz in deutschsprachigen Kinos stand die Qualität des Films jedoch in indirektem Verhältnis; in Österreich fand der Film nicht einmal einen Verleih, der zumindest dafür gesorgt hätte, dass man den Film drei Tage lang um 14.30 Uhr in Saal 7 des Artis-Kino auf einer Leinwand in Fernsehbildschirm-größe hätte sehen können. Aber jetzt (!) ist die DVD erschienen. Im Vergleich zum gelben Filmplakat ohne die Mediacontrols am oberen Bildrand des rosaroten (?) Cover. Aber wer wollte sich darüber erregen?


Nils Mohls Roman lebt (in seinem ersten Teil) vom literarisch spannungsvollen Verhältnis des Ich-Erzählers zum Boxer Mauser. Es handelt sich um ein in zwei Stimmen realisiertes
Erzählkonzept, das sich (Achtung Spoiler!) als Alter Ego-Version herausstellt. Der Film jedoch begibt sich gar nicht erst in einen Infight mit David Fincher, sondern übernimmt eine der beiden Stimmen ins Off. Diese Stimme nutzt die Du-Form, wenn sie Mausers Erleben kommentiert (und dabei zentrale Textpassagen des Romans neu arrangiert). Leonard Scheicher schafft es dabei die Gleichzeitigkeit von Verunsicherung, Verletzlichkeit und Selbstbestimmt der Figur stimmlich zu inszenieren. Mauser hingegen, der Boxer, wird von ihm verkörpert und bleibt dabei zurückhaltend-gewitzt.
Deutliche Akzente der Alter Ego-Figur fließen im Sinne des Adaptionsprozesses in die Figur des Kondor ein, der im Film deutlich mehr Raum und Bedeutung erhält und von Joel Basman als agressionsbereiter Gangsta für „Arme“ gegeben (und Kondors Großspurigkeit dabei mit herbem Witz karikiert) wird. Kondor bringt nicht mehr nur die Ereignisse um Jackie ins Laufen, sondern übernimmt die Rolle des Agent Provocateur, der Mausers Zweifel daran schürt, für Jackie nur zum Partyknüller mit Ghettocharme zu werden. Dieses Moment der Provokation jedoch wird immer expliziter als vertrackter Wunsch Kondors nach Mausers Aufmerksamkeit inszeniert – und damit als Gradmesser für Mausers Bekenntnis zur eigenen Herkunft. Dem entsprechend wird der Boxkampf zwischen Kondor und Mauser als ebenso cooler wie martialischer Fight mitten hinein in die Stadtrand-Szenerie gestellt.
Neben Jackie (Emilia Schüle), Edda (Johanna Polley) und Zöllner (Clemens Schick) wird Kondor zur vierten Zentralfigur, die Mauser am Beginn des Films mit den (rückblickend geschilderten) Ereignissen verknüpft. In einer grandiosen filmischen Exposition wird mit unterschiedlichen Wahrnehmungs-ebenen gespielt, indem radikale Verlangsamungen auf den Moment fokussieren und diese Momente dennoch in das (Erzähl-) Universum einbetten.
Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse in Mausers Leben, die an diese vier Figuren gebunden sind, werden wie im Roman auch hier a-chronologisch arrangiert. Die Bilder scheinen (wie die Stimmen in Mausers Kopf) nie still zu halten, das Vor und Zurück zeigt ihn als einen, der aus der Bahn geworfen wurde. Die Bilder werden radikal verlangsamt, wenn Mauser seine Lebens-Balance an einem von der Decke hängenden Tennisball erprobt, werden gestoppt, wenn Mauser Edda beleidigt, beschleunigen sich im Glücksgefühl über Jackies Gunsterweisung als Timelapses und kippt in surreal beschleunigte Stop-Motion-Technik, wenn Mausers selbstgefertigter Enegrydrink als chemischer Prozess aufschäumt. Es wird sichtbar durch die Story geswitcht und durch Crash Zooms innerhalb einzelner Sequenzen für Dynamik gesorgt.
Wie ein großer Spielplatz fühlt der Film sich an, bekennt Ilker Ҫatak im Audiokommentaren der DVD; situativ konnte er gemeinsam mit dem Team ästhetische Mittel und technische Möglichkeiten erproben – wobei Wes Andersen, Jean-Luc Godard oder Gus van Sant für einige Szenen ganz explizit Pate standen. Die Lust am Zitat und Arrangement entspricht Nils Mohls eigener Vorliebe dafür, Teile zu einer Einheit zu arrangieren und damit das Erzählte formal zu gestalten.


Mit dem Aufbruch zum Powwow, zum Musikfestival an der Grenze, erzählt der Film nicht mehr rückblickend und verzichtet auf das Moment des A-Chronologischen. Die rituelle Devastierung Mausers, aus der ein neues Ich hervorgeht, wird als eine Art Endlos-Trip realisiert; sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Einerseits wird das Geschehen fast halbdokumentarisch in das polnische Garbicz-Festival eingebettet, andererseits werden die Farben und Facetten eines Drogentrips bis an die Schmerzgrenze ausgereizt und – wie der gesamte Film – mit dem suggestiven Sounddesign von Acid Pauli unterlegt.
Dann ein radikaler Schnitt: Auch Zöllner treibt sich am Festival herum; wohl um unerkannt über die Grenze abzuhauen. Mausers finale Begegnung mit ihm findet im entleerten Waldgebiet am Rande des Festivals statt. Ein Forst, der abgeholzt und vertrocknet erscheint und vorwegnimmt, dass Mausers Wut auf Zöllner letztlich verlöschen wird. Für den Übertritt in ein Leben nach Zöllner jedoch bedarf es des expliziten Übergangsrituals. Und auch wenn der totgefahrene Eber hier nicht mühselig an des See geschleppt werden muss und die Bohrmaschine nicht sichtbar 17 Löcher in Kreuzform ins Kanu bohrt, so wird die Szene am See doch zu einer der berührendsten des Films. Denn mit dem Eber und Zöllner (Stichwort: Mütze) lässt Mauser auch den Indianer gehen – die in sich ruhende Figur, die Mauser den Weg weist in ein selbstbestimmtes Leben (und damit wohl auch ins Erwachsenwerden).


Und dann, natürlich: Edda. Noch einmal. Denn dargestellt von der anbetungswürdigen Johanna Polley ist sie es, die mit ihrer Direktheit, ihrem schiefen Grinsen und ihrem leicht abwegigen Humor diesen Film prägt. Sie ist es, die Mauser Mauser sein lässt und letztlich zur Indianerfrau wird, die das Greenhorn heimführt.



Heidi Lexe

Wer Lust auf mehr hat ist herzlich an die Universität Wien eingeladen:
Am Donnerstag, den 3. Mai 2018 wird Nils Mohl in der Vorlesung Kinder- und Jugendliteratur und ihr filmischen Adaptionen zu Gast sein. Im Werkstattgespräch mit Heidi Lexe wird es anhand zahlreicher Filmausschnitte um „Es war einmal Indianerland“ gehen. (Hauptuni, HS 33, 18.30 Uhr)
Danach ist Nils Mohl der Eröffnungsreferent der STUBE-Fernkurstagung „Timewarp und Taschenuhr“ in Strobl und wird dort auch aus der Stadtrandtrilogie lesen.

Nils Mohls ganz persönlicher Drehbericht kann auf seiner Homepage nachgelesen werden.

 

 

Die gesammelten Kröten der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Krötenarchiv