minedition 2019. € 32,90.

Sybille Schenker: Der Froschkönig

Die Brüder Grimm haben in ihrer erstmals 1812 erschienenen Märchensammlung eine nummerische Ordnung eingeführt. An den Beginn haben sie „Der Froschkönig“ gestellt. Bereits damals jedoch war der Titel des Märchens Nummer eins ein doppelter: „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. Denn auch wenn in der Rezeption zuallererst auf die Geschehnisse am Brunnen sowie an Tisch und Bett der Prinzessin fokussiert wird, erzählt das Märchen auch von jenem treuen Diener, von dem das Unglück über die Verwandlung seines Herren am Ende des Märchens sichtbar abfällt: Drei eiserne Bänder, die um sein Herz gelegt waren, werden im märchenhaften Rhythmus förmlich abgesprengt:

„Heinrich, der Wagen bricht.“
„Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist das Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als ihr in dem Brunnen saßt, als ihr eine Fretsche wast.“  

Diese wunderbare Formulierung und das aufregende Wort Fretsche werden in den meisten Bilderbuchversionen sprachlich aktualisiert. So spricht der treue Heinrich auch im Bilderbuch von Sybille Schenker von seiner bangen Befindlichkeit als „Ihr in einem Brunnen saßt / Und in einen Frosch verzaubert wart.“
Dennoch räumt die Illustratorin dieser Szene erfreulich viel Raum ein: Zwei illustrative und eine Schmuckseite begleiten den Befreiungsschlag Heinrichs, der mit einem Wagen mit acht weißen Pferden bespannt erscheint. Das sich für Kleinmädchenphantasien vom ewigen Glück wunderbar eignende Bild wird hier zu zwei Figurenstudien von Heinrich selbst verdichtet, der vorerst ganz explizit als livrierter Diener inszeniert, dann aber in illustratorischer Interaktion mit dem Königsohn gezeigt wird. Die noch verbleibenden Bänder sind ihm mit goldenen Applikationen ums Herz gelegt.

Diese Goldfolie wir zu einem der zentralen Gestaltungselemente des Bilderbuches – resultieren aus dem zentralen Requisit des Märchens: Bereits über den Innentitel wird eine Schmuck-Folie gelegt, auf der die goldene Kugel -zigfach als ornamentales Element benutzt wird. Ein Design, das sich später als eine Art Tapete im Gemach der Prinzessin wiederfinden wird. Der Frosch, dessen Körper selbst durch goldene Spiegelfolienbruchstücke markiert ist, wird die formgebende goldene Kugel in singulärer, dafür deutlich größerer Ausführung aus dem Brunnen tauchen. Davor hat er angebotene goldene Schmuckstücke abgelehnt und als Belohnung ein Leben an der Seite der Prinzessin gefordert; später wird er die in Gold applizierten Treppen zum Königspalast erklettern, um sein Recht darauf einzufordern, dass die Prinzessin ihr Versprechen hält. Selbstverständlich ist auch das Krönchen der Prinzessin golden und wirft seinen entsprechenden Glanz ab auf die Inkunabeln am Beginn der Textblöcke (oder sogar ganze Textblöcke).
Sybille Schenker setzt einmal mehr wenige Stilmittel konsequent ein. Bereits die beiden Vorgängerbände waren davon geprägt, dass sie unterschiedliche Bildebenen übereinander gelegt und damit ein wortwörtliches Eindringen in das Sujet der Märchen ermöglicht hat. In „Hänsel und Gretel“ hat sie dabei mit Transparentpapierseiten gearbeitet, in „Rotkäppchen“ mit Cut Outs. Der Scherenschnitt selbst wird dabei zum Grundelement ihrer Bildgestaltung.
Auch diesmal sind die auf hochgrammiges grünes, schwarzes oder weißes Papier gedruckten Illustrationen Scherenschnitte und/oder mit der Hilfe von Rastern gestaltete Drucke. Darüber gelegt werden durchsichtige Folien (an einer Stelle durch eine grüne Folie ersetzt), auf die wiederum Bildelement gedruckt werden. Die Figuren und Sujet werden dieserart in scharfkantigem Schwarz über das farbige Papier oder in Schwarz-Weiß gestaltete Seiten gelegt, sodass Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolgen einander überlagern.
In fließender, aus den Falten ihres Kleides entstehender Bewegung wird die spazierende Prinzessin (mit der goldenen Kugel in der Hand) dieserart am Beginn über die Szene gelegt, in der sie am Brunnen spielt. Das Pflanzenblattdesign beider Seiten wird dabei in der Überlagerung zum zeichenhaften Wald, in den man als Betrachterin mit der Prinzessin wortwörtlich hineinflaniert.
Die Folienseiten haben darüber hinaus jedoch als wesentlichen Effekt ihre Zweiseitigkeit einzubringen: Mit dem Umblättern entstehen durch verschiedenfarbige Untergründe gleichermaßen wie durch verschiedenfarbigen Schriftsatz stets neue Effekt, wenn dieselbe dargestellte Figur in ein neues (grafisches) Sujet gestellt wird.
Das Umblättern selbst kann aber auch zum integrativen dramaturgischen Bestandteil werden, wenn das Gemach der Prinzessin mit Schwarzer Folienapplikation abgedeckt wird; erst das wortwörtliche Öffnen der Türe zeigt – im durch die Folie ermöglichten Perspektivenwechsel – wer lauernd vor dieser Türe hockt. Wobei der Frosch im Sinne des am Brunnen gegebenen Versprechens natürlich ein Anrecht darauf hat, hier Eindringen zu wollen. Andererseits ist es an der Prinzessin, zu ihrer weiblichen Selbstbestimmtheit zu finden und sich weder vom Vater noch vom (metaphorischen) Frosch zu etwas zwingen zu lassen.
Erst ihr finaler Befreiungsschlag führt zum Happy End: Sybille Schenker zeigt ihn, indem das Umblättern der Folie die Flugbahn des Frosches in sichtbare Bewegung umwandelt. Erst an dieser Stelle wird die aus ihrer Verzweiflung resultierende Unbeweglichkeit der Prinzessin für einen kurzen Moment unterbrochen und entspricht der Beweglichkeit des Frosches.
Auf eine Verbildlichung der Metamorphose selbst, verzichtet Sybille Schenker. Mit dem erneuten Umblättern steht der Prinz selbstverständlich bereits im vollen Ornat vor der Prinzessin. „Der war nun nach ihres Vaters Wille ihr lieber Geselle und Gemahl.“ Ornamental umrankt erscheint die Rollen-Realität, die der weiblichen Eigenverantwortung folgt, nicht weniger bitter – auch wenn gerade die ornamental gestalteten Seiten von Sybille Schenker am Ende des Buches das Märchen noch einmal anmutig genrespezifisch herausstreichen. Und sich damit in ein grafisches und illustratorisches Gesamtkonzept fügen, das von der Covergestaltung samt Hartkarton, Ausstanzung und sichtbarer Fadenbindung bis hin zu den faszinierenden Folien-Effekten zu faszinieren weiß. Denn die Folien verkommen nicht zu einem dekorativen Element, sondern dienen einer künstlerischen Neu-Inszenierung, die der Dramaturgie des Märchens selbst folgt.

Heidi Lexe

Über Sybille Schenkers Neu-Inszenierung des Froschkönigs, über den Folieneinsatz und über Bilderbuchkunst ganz allgemein kann am 29. März 2019 ab 16 Uhr im Rahmen eines Werkstattgesprächs gesprochen werden. Die Künstlerin wird zu Gast in der STUBE sein und somit das abwechslungsreiche Veranstaltungsprogramm des Frühjahrs eröffnen.

 

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