Mit Kommentaren von Ablus Dumbledore. Aus den ürsprünglichen Runen übertragen von Hermine Granger. Carlsen 2018. € 30,90.

J.K. Rowling / Lisbeth Zwerger:

Die Märchen von Beedle dem Barden

Es war einmal … ein Märchenbuch, das mittenhinein führt in die Wunderwelt der Metafiktion: Denn es handelt sich um ein fiktives Märchenbuch, das in einen fiktionalen Text eingeschrieben und damit zu einem metafiktionalen Element eines Romans wird. Um dieses erzähltheoretische Begriffsgewirr noch zu steigern, erscheint dieses Märchenbuch dann auch noch unabhängig vom Roman – als Spin-Off.
Aber der Reihe nach:
Im finalen Band von Joanne K. Rowlings Roman-Serie überlässt Albus Dumbledore Hermione Granger die sehr alte, wertvolle Ausgabe eines Märchenbuches, das im kollektiven Gedächtnis der Hexen und Zauberer ähnliche Bedeutung besitzt wie die „Kinder- und Hausmärchen“ in der Muggelwelt. Mit eingeschrieben in Dumbledores Nachlass ist der Wunsch, Hermione könnte das Märchenbuch „entertaining and instructive“ (HP VII, 106) finden. Denn eines der Märchen – so wird der weitere Verlauf des Romans zeigen – enthält eine Art Code, mit dem auf drei magische Gegenstände verwiesen wird – die titelgebenden „Deathly Hallows“.
Die Queste, die im Mittelpunkt von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ steht, inkludiert also „Das Märchen von den drei Brüdern“; Joanne K. Rowling schreibt es in seiner Gesamtheit in den Roman ein und verweist auf dessen (innerfiktionale) Herkunft und die kanonische Bedeutung der „Märchen von Beedle dem Barden“.
Ein Jahr nach Abschluss der „Harry Potter“-Serie stellt Rowling das fiktive Märchenbuch literarisch nach, als würde es real existieren: „Die Märchen von Beedle dem Barden“ erscheinen als Spin-Off. Dabei wird das metafiktionale Spiel des Romans lustvoll fortgeschrieben: Joanne K. Rowling deklariert sich selbst als Herausgeberin einer Neuausgabe von höchster Qualität, mit der nach langer Bearbeitungstradition der Märchen wieder auf das aus dem 15. Jahrhundert stammende Original zurückgegangen wird. Als Übersetzerin wird die runenkundige Hermione Granger engagiert. Und als besondere editorische Delikatesse werden den jeweiligen Märchen Kommentare zur Seite gestellt, die aus der Feder von niemandem Geringeren stammen als vom leider tragisch verstorbenen, ehemaligen Schulleiter von Hogwarts. Die Kommentare wurden zwischen zahlreichen Papieren gefunden, die Albus Dumbledore der Bibliothek von Hogwarts hinterlassen hat und die nun mit Erlaubnis der neuen Schulleiterin Professor McGonagall in die Neuausgabe des Märchenbandes mit aufgenommen werden dürfen.
Diese 2008 erschienene Neuausgabe wird nun nochmals herausgegeben – als Prachtband, in dem die Märchen illustriert und die Kommentare bibliophil arrangiert werden. Als neue Urheberin konnte die renommierte Künstlerin Lisbeth Zwerger gewonnen werden, die ihrem breiten Œuvre an illustratorischen Neuinszenierungen klassischer Werke nun auch jene von Beedle dem Barden hinzufügt.
Lisbeth Zwerger „erneuert“ dafür auch jenen Holzschnitt, der als einziger historischer Hinweis auf das Aussehen von Beedle verweist, und zeigt den Barden als Mann mit wuchtigem Bart, in dessen Tradition später wohl auch Zauberer-Größen wie Gandalf standen.
Albus Dumbledore hingegen grenzt die Illustratorin künstlerisch klug davon ab und inszeniert den weißen Magier mit fast neckisch abstehenden Augenbrauen und Barthaaren. Ihr Porträt von Dumbledore musste leider unvollendet bleiben. Auch wenn die Künstlerin ihren Besuch in Hogwarts, der vor dem Jahr 2007 zu datieren ist, vereinbarungsgemäß geheim hält, konnte ihr Bild damals leider nicht mehr fertig gestellt werden und muss nun als „unvollendetes“ Porträt in den Band mit aufgenommen werden.
Doch Lisbeth Zwerger fügt diesem Porträt Aquarellzeichnungen hinzu, die Dumbledore (rückerrinnernd?) in seinem Studierzimmer zeigen. So wie der unvergleichlich kluge Magier einst seine Gedanken mit Hilfe des Denkariums geleert hat, wird hier auch das Turmzimmer geleert und schafft jenen Denk-Raum, in dem die Überlegungen zu Beedles Märchen entstanden sein dürften. Albus Dumbledore fokussiert dabei auf Beedles zentrale Motive: das Miteinander von Muggeln und Magiern sowie die Frage nach der Endgültigkeit des Todes. Dumbledore ordnet diese Motive sowohl historisch als auch rezeptionsgeschichtlich ein und macht damit die (kultur-) geschichtliche Dimension der Zauberwelt auch Muggel-Leser_innen zugänglich (die naturgemäß keinen Zugang zu Bathilda Bagshots „Geschichte der Zauberei“ haben). Durch die Tintenkleckse, die Dumbledore da oder dort auf dem Pergament hinterlässt, dürfte übrigens sein Phoenix gestakt sein; in Lisbeth Zwergers Illustrationen sieht man Fawkes jedenfalls immer wieder durch die Bildräume spazieren.

Die Märchen selbst interpretiert Lisbeth Zwerger mit Hilfe jener künstlerischen Besonderheiten, die ihr gesamtes Werk prägen. Wesentlich wird dabei das Moment des Situativen: Mit großem Interesse an den Bewegungen der Figuren schafft Lisbeth Zwerger Bilddynamiken, die den Blick der Betrachter_innen stets auf einen ganz kurzen Moment lenken, der oftmals vor oder nach dem eigentlichen zentralen Erkennen oder Erblicken liegt, von dem im Märchen selbst erzählt wird.
In „Des Hexers haariges Herz“ zum Beispiel entschließt der titelgebende Magier sich, das finstere Geheimnis um seine unterkühlte Existenz zu lüften, um die umworbene Jungfrau für sich gewinnen zu können. Im Märchen selbst wird der Moment der Erkenntnis mit Blick auf Figur und Leser_innen parallel geführt. Lisbeth Zwerger hingegen nimmt eine wirkungsvolle zeitliche Verschiebung vor: Man sieht den Hexer und seine Maid über die Kellertreppe in das Verlies hinabsteigen; nur wenige Sekunden später werden die beiden den Raum betreten und die Maid wird erkennen, was uns durch die Bildkomposition bereits offenbart wird: Der Hexer verwahrt sein Herz unter einem Glassturz, um jenen Peinlichkeiten zu entgehen, die das Verliebtsein mit sich bringt.
Noch sehr viel weiter öffnet sich der wie immer bei Lisbeth Zwerger wunderbar entleerte Raum in den Illustrationen zum „Märchen von den drei Brüdern“: Die magische Brücke über den winterlichen Fluss spannt sich über eine Doppelseite und die drei Brüder stemmen sich gegen den eisigen Wind. Der Tod hat die Brücke auf der gegenüberliegenden Seite bereits betreten – für uns sichtbar. Ob die drei Brüder ihn bereits wahrgenommen haben, bleibt offen.

Die implizite Verlangsamung solcher Situationen wird aufgehoben, wenn der Blick sehr viel näher an Figuren heranrückt und aus der Körperlichkeit selbst die Dynamik der Situation resultiert: In einem faszinierenden Zoom werden in „Der Brunnen des wahren Glücks“ die drei Frauen in den Blick genommen, die durch die Hecke zum Brunnen gelangen wollen. Als wäre eine Kamera am Boden des Gartens platziert, rutschen sie an den Betrachterinnen vorbei; das Schlingengewächs, das sie aneinanderbindet und ins Ungewisse zieht, hat auch den glücklosen Ritter eingefangen – von dem allerdings nur noch ein Fuß mit aufs Bild passt.
Gleichermaßen läuft die kluge Wäscherin Babbitty aus dem Bild heraus auf uns zu, als sie in „Babbitty Rabbitty und der gackernde Baumstumpf“ vor den Häschern und Hunden des Königs flüchtet. Die Ereignisse scheinen dabei jedoch weit hinter ihr zu liegen: Der Weg verläuft sozusagen gegen die Blickrichtung in der Hügellandschaft; und die Fahnen, die am Turm der königlichen Burg wehen, scheinen noch einmal die Verrenkungen zu imitieren, die der König zuvor unternommen hat, um als wahrer Zauberkünstler zu erscheinen. 
Im eröffnenden Märchen „Der Zauberer und der hüpfende Topf“ wiederum wird eine „Bildeinstellung“ dupliziert; und dennoch hat man es mit zwei ganz unterschiedlichen Szenerien zu tun: Ein gütiger, alter Zauberer öffnet einer Hilfe suchenden Menschen-Frau die Türe. Das Portal ist umgeben von einer naturalen Tapete, Requisiten und Andenken sind im Raum platziert. Wenig später stemmt der Sohn des Zauberers sich von innen gegen dieselbe Türe, um Hilfesuchende abzuwehren. Der Raum ist nun finster, ohne Requisiten-Verweise auf die Zugewandtheit zum Leben; die Tapete hat Farbe und Design verändert und erscheint nun wie ein furchterregender, nächtlicher Gewitterhimmel.

Es sind schaurige Welten, in die Beedle der Barde seine Leser_innen entführt; aber auch pointenreich und mit Witz ausgestattete Welten; und Welten des unverhofften Glücks – das im Fall der Fountain of Fair Fortune nur scheinbar magisch bedingt ist und eigentlich aus der Selbstermächtigung der Figuren resultiert. Wie auch in den „Harry Potter“ Romanen basieren Glück und Unglück also auch hier auf ethischen Entscheidungen, auf dem Einvernehmen mit sich selbst und der Hinwendung zu jenen, die mit uns leben. Bis hin zu jenem Zeitpunkt, an dem man bereit ist, dem Tod ohne Angst zu begegnen – so wie Harry Potter es im Wald hinter Hogwarts tut und so wie es bei Lisbeth Zwerger der jüngste der drei Brüder tut, als er vom Skelett mit dem wehenden Mantel zärtlich umarmt wird.

Heidi Lexe

 

All jene, die noch mehr über Lisbeth Zwergers Illustrationen wissen wollen, sei der >>>Tagebuchbericht zum STUBE-Freitag am 16. November 2018 empfohlen, wo die österreichische Künstlerin ausführlich mit Kathrin Hogrebe (Carlsen Verlag) und Heidi Lexe über den neu erschienen Prachtband gesprochen hat. STUBE-Card-Abonnent_innen haben sogar die Möglichkeit das Werkstattgespräch als >>>Video on demand online anszusehen.

Und all jene, die wie das STUBE-Team, gar nicht genug bekommen können von Harry Potter, Beedle dem Barden und Lisbeth Zwerger sei Heidi Lexes umfangreiches wie erkenntnisreiches >>>fokus-Skriptum "Beedle der Barde" ans Herz gelegt, das noch tiefer in das Spiel mit der Fiktionalität eindringt und ab sofort auf der >>>STUBE-Homepage bestellt werden kann.

 

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