Fischer Sauerländer 2018. € 17,00.

Stefan Klein / Stefanie Harjes: Der Traumwolf

Wie im Traum. Mit sehnsuchtsvollem Unterton und einem kleinen, begleitenden Seufzer ausgesprochen wird darunter eine Art Inbegriff des Wunderbaren verstanden. Gebunden an eine idyllische Örtlichkeit, wird daraus sogar eine Vorstellungswelt wie im Bilderbuch.
Sowohl der Traum als auch das Bilderbuch werden mit diesen umgangssprachlichen Attitüden nur marginal erfasst. Denn Träume werden zuallererst dadurch bestimmt, dass unser Bewusstsein der Verarbeitung unserer Emotionen und Erlebnisse keine Grenzen setzt; und das Bilderbuch reicht im Sinne einer Kunstform weit über das Prinzip einer heilen Kinderwelt hinaus – und vermag auf künstlerischer Ebene eben jene Traum- und Albtraum-Figuren freizugeben, die unser Gehirn nachts (re-) produziert.
Einen Wolf zum Beispiel, der farbstark einer scheinbar alltäglichen Umgebung entwächst und sich schattenhaft über einen nächtlichen Raum legt. Auch als Elias bereits wiedererwacht ist, lässt das geöffnete Maul des Wolfes die Reißzähne aufblitzen. Wild übereinander geschichtete Rot- und Grautöne signalisieren nur eines: Gefahr!
Stefanie Harjes macht damit – wie sie in einem Interview formuliert – ein Angebot an Kinder; denn an ihre eigene Figuration lassen sich kindliche Erlebnisse anbinden. Indifferenten Angstfiguren, die sich nachts in Kinderzimmern herumtreiben, wird eine Gestalt verliehen; von dieser Gestalt ausgehend, kann über Traumwölfe aller Art gesprochen werden.
Denn die Inszenierung dieses Nacht-Wesens dient weniger einem künstlerisch lustvoll aufgeladenen Horrorszenario, sondern ist vielmehr an kindliche Realitäten und damit kindliches Erleben angebunden.
Das Bilderbuch setzt mit einer fast schon kanonischen Szene ein: In behütetem Ambiente, das Stefanie Harjes hier in reduziertem Stil beispielhaft entwirft, bringt ein Vater seinen Sohn ins Bett – das aufgeschlagene Bilderbuch von Tomi Ungerer noch auf den Knien. Der Sohn hingegen setzt Verzögerungstaktiken ein – offiziell, weil er nicht müde ist; inoffiziell aber, weil er sich alleine im Dunkeln fürchtet. Denn nachts kommen die Monster – schleichen sich vom Bildrand her gegen die Leserichtung bereits an: Eine vogelhafte Gestalt züngelt nach dem Kind und schwarze gewitterstriche künden von Unheil.
Und tatsächlich: Kaum ist das Licht aus, werfen selbst die Spielfiguren film noir-artige Schatten an die Wand. Im scharfen Licht, das durch die Jalousien dringt, formiert sich bereits jener Wolf, der sich mit erneutem Umblättern mit gelb blinkenden auf das Kind stürzen wird.
Mit erneutem Umblättern jedoch beruhigt sich die Szenerie wieder.
Stefanie Harjes setzt das Umblättern als zentrales dramaturgisches Moment des Bilderbuches klug ein, um Stefan Kleins dreistufig angelegte Geschichte nicht nur künstlerisch zu strukturieren, sondern auch zu inszenieren: Dem Albtraum folgt der entgrenzte, wunderbare Traum und diesem wiederum der Klartraum – jener Traum also, der von den Träumenden als Traum wahrgenommen wird und daher die Möglichkeit birgt, Albträume umzudeuten.
Als eine „Reise in unsere innere Wirklichkeit“ hat Stefan Klein Träume in seinem erfolgreichen populärwissenschaftlichen Sachbuch im Untertitel bezeichnet. Nun versucht er das Wissen um diese Welt jenseits des rational Erfassbaren auch an Kinder heranzutragen. Doch erst durch das konstitutive Miteinander des sachorientierten Textes mit der suggestiven Bilderwelt von Stefanie Harjes erhält diese innere Wirklichkeit jene phantasievolle Ausdruckskraft, aus der die Fülle aller erdenklichen Möglichkeiten resultiert.
Stefanie Harjes ordnet die Traumwelten des kleinen Elias dabei bühnenhaft an – stellt Handlungen und Requisiten in den Raum als würde es sich um ein postdramatisches Theaterstück handeln, dessen Handlungsablauf erst durch den Blick der Leser_innen entsteht, die das Gezeigte in einen (narrativen) Zusammenhang bringen (müssen). Sie collagiert Fotografisches und Gezeichnetes, markiert den Raum und löst ihn dennoch immer wieder auf, indem Bilder einander überlagern. Mit Hilfe unterschiedlicher künstlerischer Techniken werden dabei die Figuren oder auch nur Bruchstücke figuraler Erscheinungen und Farbschichten übereinandergelegt, sodass dem illusionistischen Moment der Traumwelt sowohl auf einer expressionistischen Formal- als auch auf der Inhaltsebene entsprochen wird.
Aus seiner zauberhaften zweiten Traumphase erwacht Elias und weiß Traum und Wirklichkeit nicht so recht zu unterscheiden. Haben sich Schätze aus dem Traum tatsächlich in die Wirklichkeit geschlichen? Es ist die Großmutter, der an dieser Stelle die Rolle zukommt, im sachorientierten Dialog Informationen über das Wesen des Traums an Elias (und mit ihm an die Leser_innen) weiterzugeben.
Mit dem erneuten Umblättern entsteigen dem erneut entschlafenden Kindergesicht dann wieder Wesen, die ineinander übergehen; Wesen, die sich wortwörtlich auf den Spuren des Traumgeschehens voran bewegen. In diesen Bewegungsfluss tritt letztlich auch der Wolf wieder ein – nun nicht mehr als märchenhaftes Un-Tier, sondern als ritterlicher Gefährte des Kindes (wobei die Unterhose des Teddybären zum Helm umfunktioniert wird). Gemeinsam dringen die beiden in einen paradiesisch anmutenden Raum ein, um dort den Schlüssel zur Schatzkiste zu finden – der nach dem Aufwachen als Beweis der Wahrhaftigkeit des Traumes in die Realität hinübergerettet wird. (Nun gut, der Schlüssel kann natürlich auch ganz prosaisch als Schlüssel der Schreibtischschublade gelesen werden …)
Im Wissen um das Geheimnis von Träumen hat das Kind also in illustratorisch einfallsreicher Selbstermächtigung seine Angst besiegt und kann gestärkt in den neuen Tag gehen. Einen Tag, der vielleicht dem sachkundigen Studium der Traumforschung dient. Zumindest macht Stefan Klein dafür Angebote im erklärenden Nachwort. Stefanie Harjes lässt das Vogelzebra dazu die Tasten schlagen und eine an Zwerg Nase erinnernde Mädchenfigur interessiert aus ihrer Superheldinnenbrille blicken.

Heidi Lexe

 

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