Peter Hammer 2016. 96 Seiten. € 14,00.

Annette Herzog und Katrin Clante: Pssst!

 

Liebes STUBE-Tagebuch!

Es ist Freitagmittag, kalt, der Wind pfeift durch die Fenster-schlitze, der Globus taucht das warme Büro in ein sanftes Blau und auf dem Schreibtisch liegt ein Comic. Ein richtig gemütlicher Arbeitstag! „Pssst!“ nicht weitersagen. Da werden ja alle neidisch. Nochmal…

Es ist Freitagmittag, nach zwei Tagen Fortbildung ist alles im Verzug, E-Mails, E-Mails, E-Mails, der Magen knurrt, aber es muss noch die „Kröte des Monats Dezember“ online gestellt werden. „Pssst!“ Selbstmitleid im Netz liest man gar nicht gern. Nochmal…

Es ist Freitagmittag und klar, dass „Pssst!“, ein Comic/eine Graphic Novel über die Themen Erwachsenwerden, Identität und Selbstfindung einen Buchtipp wert ist. Allerdings war das Buch schon im September auf der „Beste-7-Liste“, im „Eselsohr“, in „1000 und 1 Buch“, in „Welt der Frau“, in „Kilifü“, in „querlesen“ … Wie soll man dieses Buch jetzt noch rezensieren? Vielleicht in der Form, in der es geschrieben ist? In Tagebuchform also. Und das Ganze „Heimlich, still und leise“, wie Veronika Mayer-Miedl es in einer Rezension formulierte…

Supergeil! Schön, endlich wieder Ich-Perspektive. Nicht nur Annette Herzog, deren Text von Katrine Clante auf unterschied-liche, aber meist linierte oder karierte Zettel gesetzt wird, wählt die subjektivste aller Erzählformen, nein auch ich darf dank Tagebuchformat endlich wieder „Ich“ und „mir“ und „mich“ schreiben. Und noch ein bisschen weiter gehen und sagen: „Mir gefällt das Buch“.

Warum? Die Frage ist leicht beantwortet. Weil mich jede Seite aufs Neue überrascht hat, weil die Gestaltungsformen genauso schnell wechseln wie die Inhalte und weil ich dadurch Lust am Umblättern verspüre. Und mit Umblättern ist natürlich gemeint, dass ich Viola besser kennenlernen möchte. Ich denke, dass nichts falsch daran ist, wenn ein 31-jähriger Germanist einen Comic liest, wenn er sich daran erinnern darf, wie es ihm mit rund 13 Jahren in der Schule ergangen ist und ihm wieder einfällt, wie unglaublich widersprüchlich diese Zeit des „kein Kind mehr und doch noch nicht erwachsen“-Seins ist.

Am intensivsten ist diese Erinnerung an die Teen-Jahre auf jener Doppelseite, auf der man zehn gleichgroße Panels sieht, die die Heldin auf völlig konträre Weise „von außen“ porträtieren. In einem Bild heißt es „Du bist ganz schön dick“, im nächsten „Iss, Viola! Du bist ja wie ein Strich in der Landschaft!“. Einmal lautet ein gut gemeinter Ratschlag: „Du solltest mal ein bisschen was aus dir machen.“, während ein verächtlicher Blick auf Lippenstift und Minirock mit dem Satz „Musst du unbedingt SO durch die Gegend laufen?“ quittiert wird. Obwohl ich als männlicher Land-Teenager nie Make-up oder große Ohrringe getragen habe, kann ich nachvollziehen, wie verwirrend die Lage ist, wenn schließlich auch noch die Schulärztin nüchtern zusammenfasst: „Du bist völlig normal“. Ebenso vertraut fühlen sich die Kritzeleien an, die Viola mit Kugelschreiber auf selbstverfasste Listen zeichnet. Unter den Überschriften „once I was“, „i don’t want to be“ und „I am“ reflektiert sie über ihr derzeitiges und zukünftiges Leben und entwirft so ihre zusammengestöpselte Identität gleich selbst.

Liebes STUBE-Tagebuch, ich befürchte, dass hier alle zu lesen aufhören und einwenden, dass dieses Buch nichts für die 2016er-Teenager sein kann, wenn sich der rezensierende 1999er-Teenager in Ästhetik und Themen wiederfindet. Stimmt! Aber neben handgeschriebenen Listen wird auch via Smart-phone sowie Laptop kommuniziert, im TV läuft eine Mach-was-aus-deinem-Leben-Diät-Sendung und der Umgang mit dem eigenen Teenie-Leben wird auch dank immer gültigen Fragen ein Stück weit zeitlos: „Was ist schlimmer: tot zu sein oder noch gar nicht geboren?“ Und dass die Erwachsenen nicht auf alles und schon gar nicht diese Frage eine Antwort haben und man sie dennoch irgendwie gern hat, war vor 20 Jahren ja nicht anders als heute.

Liebes STUBE-Tagebuch, mir gefällt dieses Buch und ich bin davon überzeugt, dass „Pssst!“ auch allen Teen-Violas und -Violos gefallen wird. Vor allem dann, wenn sie sich gerade nicht mehr sicher sind, was nochmal ihre Lieblingsfarbe war, wer die beste Freundin ist und sie sich die Frage stellen, ob sie mal Pilotin „Oder Schauspielerin. Oder Ärztin …“ werden sollen.

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Hanser 2016. 256 Seiten, € 15,40 / 368 Seiten, € 17,40 / 464 Seiten, € 18,50

Mats Wahl: Sturmland. Band 1 bis 3

Dystopie ≠ Altruismus
„What’s altruism?” Eine abstruse Frage, die in der TV-Serie „Gotham” (Folge 1.5 Viper) mit einem gehörigen Maß an Situationskomik von einem erwachsenen Mann, von keinem Geringeren als Lieutenant Harvey Bullock gestellt wird. Ein hartgesottener, mit allen Mitteln gewaschener Polizist, der neben James Gordon (in diversen Batmanadaptionen als Commissioner Jim Gordon bekannt) eine zentrale Rolle spielt, hat keine Ahnung von dem maßgeblichen, menschlichen Konzept namens Altruismus. Die titelgebende Stadt des DC-Helden Batmans, die während des >>>Superheld_innen-STUBE-Freitags eine wesentliche Rolle spielte, wird selbst zum Hauptakteur, versinkt in Kriminalität, Korruption sowie Gewalt und wird dadurch zu einem durch und durch dystopischen Raum. Mit Bullocks Frage nach Altruismus sowie dem Verweis auf dessen Nicht-Existenz ist ein zentrales Kriterium der Dystopie genannt.

Sturmland = Familie
Mats Wahls Sturmland-Reihe wird als Dystopie rezipiert beziehungsweise vermarktet und Altruismus spielt auch hier (k)eine wesentliche Rolle. Die Romanheldin Elin ist 16 Jahre alt, kämpft in einer lebensfeindlichen, regimegeführten, technologisierten Zukunftsvariante Schwedens, sie wird von Polizei, Clans und Banden bedroht und hat in Band 3 bereits drei Menschen getötet, womit sich jener Bereich, in dem Mitmenschlichkeit praktiziert werden kann, auf die engste Gesellschaftseinheit reduziert: die Familie. Altruistische Handlungen außerhalb des Familienkreises werden auf diese Weise auch in der Sturmland-Saga kategorisch ausgeschlossen. Das Gefühl, dass Rückhalt und Schutz nur noch im nahen Familienkreis zu finden sind und so alle anderen Entitäten zu Feinden macht, resultiert in einer perfiden Welt, die den Figuren durch naturbedingte Umstände zusätzlich lebensfeindlich entgegentritt: „Was für eine Zukunft bleibt, wenn selbst die Natur gegen dich ist?” lautet eine Frage auf dem Folder des Hanserverlags, der die Pentalogie mit auffallenden, neonfarbenen und dennoch minimalistischen Cover bewirbt und im Herbst 2017 mit dem Band „Die Liebenden” finalisieren wird.

Themen ≠ Spoiler-Alarm!
Im Mittelpunkt der dystopischen Romanreihe stehen das Leben sowie die Entwicklung Elins und die Wechselwirkung zwischen der antiutopischen Welt und der starken Mädchen- beziehungsweise Frauenfigur. Ohne viel verraten zu müssen, kommt es zu einem radikalen Prozess, dem sich Elin teils freiwillig, teils unfreiwillig aussetzt. Während Band 1 von einem archaischen Überlebenskampf zwischen Familien berichtet, Band 2 ein ordentliches Mehr an Technologie(-kritik) samt Überwachungsstaat und Robotisierung einbringt, wird in Band 3 die politische Domäne strukturgebend. Neben diesen universellen und zugleich aktuellen Themen, arbeitet Mats Wahl eine Vielzahl an weiteren Problematiken der Gegenwart ein, die sich Elin und den Leser_innen jedoch nicht belehrend oder tendenziös in den Weg stell(t)en. Wie es sich für Abenteuernarrationen gehört, denn das sind die Romane auch, legt die Protagonistin viele Meter zurück und trifft dabei auf ein ausdifferenziertes Figurenarsenal. Teaser: im dritten Band spielt Schwedens fiktionalisierte Königin eine nicht unwesentliche Rolle.

Form = Kritik
Die beiden ersten Bände sind in Gesa Kunters deutscher Übersetzung im Februar 2016 erschienen, Band 3 im August. Das Feuilleton, Blogger_innen, Autor_innen und Leser_innen hatten somit schon ausreichend Zeit, um zur Halbzeit der Reihe Stellung zu beziehen. Die Bandbreite der Einschätzungen ist groß und reicht von „Der Stil hat mir das Leben schwer gemach.” (Zitat einer Userin auf lovelybooks.de) bis zu Ursula Poznanskis Klappentext-Zweizeiler „Eine starke Heldin in einer düsteren Zukunft – Mats Wahls Dystopie ist ebenso spannend wie realitätsnah.” Kritik wird vor allem an drei Aspekten geübt: Ob der schwachen Figurencharakterisierung, der Aussparung von Informationen zur dystopischen Welt und der „gewöhnungsbedürftigen” Sprache scheint sich social media und das Feuilleton einig zu sein. Doch genau diese Kritikpunkte verweisen auf das Novum und die Stärken der Wahl’schen Dystopie-Form. Einerseits ist es die Erzählweise, die den Suspense generiert: Mats Wahl überlässt es den Leser_innen, Bilder für die zugleich sozial verrohte und technisch dominierte Welt zu finden. Andererseits ist es die implizite Einbettung gegenwärtiger Themen, die im Kontext von Politik, Überwachung, Robotisierung etc., das Genre neu definiert: detailverliebte Schilderungen, die in dystopischen Texten oft bis zur exakten Funktionsweise kleiner leuchtender Buttons reicht, weichen zugunsten einer Dystopie der Leerstelle, die uns eine angenehm unbeteiligte Erzählerstimme, in 3. Person Präsens vorsetzt. Daher ist wohl auch eine Referenz zur Bühne herzustellen. Mats Wahl lässt Innensichten und somit Psychologisierungen außen vor und charakterisiert eine in der Zukunft liegende Gesellschaftsform sowie deren soziale Prozesse über die Figurenhandlung, über den Dialog und über das dystopische Setting. Diese Lebenswelt gleicht einem minimalistischen Bühnenbild, das den Leser_innen ein hohes Maß an Imaginationsspielraum anbietet und unweigerlich zu einer unangenehmen Frage führt: „What’s altruism?”

Wie es Mats Wahl mit Altruismus hält, welche Zukunftsbilder er imaginiert, ob er Ursula Poznanski kennt, was es mit der schwedischen Königin auf sich hat und viele andere Fragen, wird Mats Wahl im Rahmen eines STUBE-Freitags „Außer der Reihe” am Mittwoch, 9. November 2016, ab 19 Uhr im Lesesaal der Fachbereichsbibliothek Germanistik, Nederlandistik und Skandinavistik an der Hauptuniversität Wien beantworten. Lesen wird er auch! Aus „Sturmland” natürlich!

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Carlsen 2016. 112 Seiten. € 14,40.

Tamara Bach: Vierzehn

Du liest den neuen Roman von Tamara Bach. Und denkst Dir, wie außergewöhnlich. Wie außergewöhnlich, dass hier einmal mehr nach der genau richtigen Form für genau jenen Lebens-Moment gesucht wird, in der die Protagonistin steht. Es ist ein seltsam geheimnisvolles Dazwischen von dem hier erzählt wird. Zwischen einem Außen, über das nicht selbst entschieden werden kann. Und einem Innen, das wohlig erscheint, aber noch unbestimmt ist. Es lässt sich nicht in Worte fassen und verdichtet sich am ehesten in der Frage: Warum eigentlich Elefanten?
Vielleicht weil Elenfanten in ihrer Präsenz den Kontrast zum leeren Raum verbildlichen. Zum Raum, der einmal belebt war und jetzt verlassen daliegt. Zum leeren Raum, in dem sich im Danach noch die Spuren des Davor zeigen. Solche Leerstellen stehen im Mittelpunkt des neuen Projektes im Kunstgeschichteunterricht. Und aus solchen Leerstellen eines jugendlichen Daseins heraus (und in sie hinein) erzählt Tamara Bach.

Auch der Text selbst hat solche Leerstellen, stellst Du fest. Er scheint vorerst überhaupt nur aus Leerstellen zu bestehen, wird Dir bewusst, während Du mit der Mädchenfigur aufwachst und Schritt für Schritt in den Tag gehst. Du begleitest sie, findest dich ein in ihrem Leben, in das sie selbst erst zurückfinden muss. Denn sie hat – wie sich in Andeutungen, Gedanken- und Erinnerungssplittern zeigt – den Boden ihres gewohnten sozialen Umfeldes unter den Füßen verloren. Nun, vielleicht nicht wirklich verloren, doch es wurde ordentlich daran geruckelt und gezogen. Die letzten Schulwochen hat sie schwerkrank im Bett verbracht („Pfeiffer’sches. Drüsenfieber sagst du gar nicht mehr, weil Drüse eklig klingt. Nach Eiter.“) und die Klassenfahrt nach Polen versäumt. Die Codes, mit denen sich die Freundinnen nun, am ersten Schultag, darüber verständigen, sind für sie nicht dechiffrierbar. Zumal sie nach Krankheit und Klassenfahrt, also während der Sommerferien, von den anderen einfach vergessen wurde und nun wortlos, sprachlos auf die Leerstelle zwischen ihr und den Emmas, Hannah und Jeanette trifft. Dafür taucht eine neue auf, Maxima, die neben sie gesetzt wird, die am Schulimbiss Parmesan auf ihre Pommes will, ganz nebenbei eine großartige Zeichnung aufs Papier bannt und den Ethikunterricht besucht. Jenen Ethikunterricht, der auf Grund der Beteiligung daran nicht eben aus den Nähten platzt und in den sich die Erkenntnis einflicht, dass die eigenen Freiheiten durch jene der anderen ihre Begrenzung finden. Wieder Gedankensplitter. Ohne vordergründige Gewichtigkeit in den minimalistisch angelegten Text gesetzt während ein Fläschchen türkisblauer Nagellack ähnlich weitgreifende Wirkung entfaltet („Du startest einen Trend und weißt es nicht mal.“).

Du durchlebst mit der Mädchenfigur die Unterrichtseinheiten eines Schultages, folgst der Gleichzeitigkeit der äußeren Trägheit schulischen Alltags und innerer Wendigkeit, mit der sie den didaktischen Volten der Unterrichtenden folgt. (Und du denkst: Wow, selten hat Schule in all ihren Bedeutungsebenen einen so hohen Stellenwert in einem jugendliterarischen Text erhalten.) Du beginnst diese Gleichzeitigkeiten immer mehr zu genießen, entdeckst immer mehr solcher zeichenhaft gesetzter Kontrastierungen. Ein 55 Kilo Pitbull an der Leine eines mit Sicherheit weniger gewichtigen Mädchens, das sich den Zumutungen des Lebens an sich stellt:

Ja, Schule hat wieder angefangen.
„Und, wie fühlt man sich mit vierzehn?“, fragt sie, erwartet aber keine Antwort.
Sagt, dass du ja jetzt strafmündig bist und dann wohl deine Mafiaaktivitäten und den Waffenhandel aufgeben musst.
Du lachst immer noch nicht.
Aber: „Danke, dass du den Hund ausführst.“ (S. 72)

Im Schneckentempo scheint man an einem Spätsommertag mit einem solchen Riesentier an der Leine voranzukommen. Um dann eine emotionale Dynamisierung zu erfahren, auf die man gut und gerne verzichtet hätte: Du folgst einer plötzlichen Idee der Mädchenfigur, die sich äußerlich gestärkt durch den Kampfhund auf eine Wieder-Begegnung einlässt. Wieder eine Leerstelle. Die neue Wohnung des Vaters, die noch unberührt und weiß ist, in der es aber dennoch bereits ein „Tatsachenzimmer“ gibt, ein Zimmer das Tatsachen schafft. Ein Blaubartzimmer, ein blaues Zimmer, ein Zimmer, in dem Umzugskisten stehen, „die dein Vater nicht bei euch gepackt hat“.

„Wann?“ Du drehst dich zu ihm, hast deine Hand im Nacken des Hundes und kraulst, schiebst seine Haut, sein Fell hin und her, wann also?
„Im Januar ist Termin“, sagt dein Vater.
Das ist in vier Monaten. Vier von neun. (S. 80)

Die Leerstelle wird zu einem Trümmerfeld. Einem Trümmerfeld, das sich später im Teller mit dem Abendessen spiegelt, während die Mutter am Balkon steht und raucht und weint und mit der Freundin telefoniert, nachdem sie und ihr Ex die Tochter mit den Trümmern ihres Ehelebens zurückgelassen haben.
Aber Tamara Bach lässt ihre Figur niemals alleine in solchen Trümmerfeldern zurück. Und dafür liebst Du ihre Romane. Das hast Du schon getan, als Miriam und Phillip zu girl from mars aus dem Club gekehrt wurden; das hast Du getan, als Bowie und Mono und Zanker und Fienchen aus zwei und zwei vier gemacht haben; das hast Du getan, als Louana an Josie Ansichtskarten aus Abenteuerland geschickt hat. Und Du tust es auch diesmal wieder, denn da sind diese Elefanten, die im leeren Raum stehen und das Glück verheißen.
Und am Ende dieses einen Tages, in dem Tamara Bach das Leben eines Mädchens verdichtet, das gerade vierzehn geworden ist und von deren schrecklichem Namen Du wenig erfährst, steht nicht die Verzweiflung, sondern jenes Geheimnis, das wie ein Pflaster auf einer Wunde klebt. Jenes Geheimnis, von dem nur jenes Mädchen weiß, das Tamara Bach zum Du ihres Romans macht. Sie folgt diesem Du mit Elementen des Bewusstseinsstroms und hält dennoch Distanz. Schafft eine Leerstelle, die du als Leserin mit genau jener Intensität füllen kannst, die dir angemessen erscheint.
Vanilleeis, denkst Du.

Heidi Lexe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Poln. v. Thomas Weiler.
Moritz 2016. 112 Seiten. € 29,90.

Aleksandra Mizielińsca und Daniel Mizielińsci : Unter der Erde. Tief im Wasser.

Wasser und Erde faszinieren die Menschheit seit jeher und in allen Kulturen ranken sich viele Sagen und Mythen um die zwei lebenswichtigen Elemente. Entdecker_innen und Naturwissen-schaftler_innen, die unglaublich viele, aber immer noch nicht alle Rätsel gelöst haben, repräsentieren in diesem Sachbuch den Drang des Menschen immer weiter in die Tiefe der Substanz einzudringen, um die Welt besser zu verstehen und die Sagen um Fakten zu ergänzen. Nicht nur eine, sondern gleich zwei mögliche Einstiegsstellen in das Abenteuer zum tiefsten Inneren der Welt gibt es in diesem großformatigen Bilderbuch. Die farblich auf die Themen abgestimmten Seiten laden mit einfacher und klarer Bildsprache zum Entdecken und Erforschen ein. Ergänzt werden die illustrierten Doppelseiten durch kurze Texte, die auch komplexe Prozesse eindeutig und verständlich auf den Punkt bringen. Die Kombination aus der Einfachheit der Bilder und der übersichtlichen Anordnung der dazugehörigen Erklärungen machen Lust auf die Entdeckungsreise und führen dabei auf spielerische und trotzdem gut strukturierte Weise über zwei unterschiedliche Zugänge zum Erdmittelpunkt. Dabei werden die Betrachter_innen mit Biologie, Geografie, Technik und Dingen des alltäglichen Lebens aus verschiedenen Blickwinkeln vertraut gemacht.

Entschließt man sich das Abenteuer im Wasser zu beginnen, taucht man vom See ins Meer ab und endet schließlich am tiefsten Grund, dem Challengertief im Marianengraben. Am Weg dahin schwimmt man mit Fischen in Korallenriffen und trifft dabei auf gigantische Ozeanriesen. Beim Betrachten des roten Koloss-Kalmaren, der nicht einmal annähernd auf die Doppelseite passt, erinnert man sich gerne an den hellgrünen Karpfen, der vor einigen Seiten ruhig durch den See geschwommen war und ist erstaunt über die unterschiedlichen Dimensionen der Tiere im Wasser. Gemeinsam mit Unterwasserwissenschaftler_innen besucht man die Titanic und Tiefseeschlote und lernt nebenbei etwas über Wasserdruck, historische Taucheranzüge und Bohrinseln. Schon bald ist der tiefste Punkt des Meeres erreicht und man gelangt zur Mitte, zum Innersten der Erde, das es zu überwinden gilt, um als Geysir wieder an die Erdoberfläche zu gelangen.

Wird die Reise von der anderen Seite begonnen, krabbelt man durch einen Ameisenhaufen, lernt diverse Höhlenbewohner
_innen kennen, sieht ausnahmsweise wie die Wurzeln von Pflanzen unter der Erde aussehen und dass es dort auch Kabel und Leitungen gibt. Auf der Erkundungstour werden zudem Antworten auf die Fragen wie elektrischer Strom erzeugt wird, was mit dem Abwasser passiert und wie Tunnel gebaut werden, gegeben. Die Reise in die Tiefe geht weiter, man fährt mit der U-Bahn, findet Überreste aus vergangenen Zeiten, erforscht Höhlen, beobachtet die Arbeit in einem Bergwerk und sieht einen Vulkanausbruch bis man bemerkt, dass man bei dem Geysir angekommen ist, der den Kreislauf wieder schließt und der Erdmittelpunkt nicht mehr weit sein kann.

Die zwei unterschiedlichen Zugänge, deren Kontrast farblich stimmig dargestellt wird, bieten eine umfangreiche Auseinander-setzung mit den verschiedenen Bereichen des Erdinneren. Neben den gut verständlichen Erklärungen werden auch Details angeboten, die das Allgemeinwissen bereichern. Besonders hilfreich sind kleine Verweise zu verwandten Themen auf anderen Seiten, die garantieren, dass man sich auf der Reise nicht verirrt und immer den Überblick behält. Vor allem jene Passagen, die sich mit den oft unsichtbaren Vorgängen unter der Erde befassen, schaffen ein Bewusstsein dafür, was alles passieren muss, damit Menschen so leben können, wie sie es auf der Erdoberfläche tun. Gleichzeitig hat die Darstellung des Inneren der Erde mit ihrem feuerroten Kern und der Tiefe des Meeres, welche die Doppelseite in das dunkelste Blau tunkt, einen Verfremdungseffekt, der unser Dasein auf dem oft selbstverständlich empfundenen Planeten aus einer ganz anderen Perspektive zeigt.

Carina Kargl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Beltz & Gelberg 2016. 78 Seiten. € 25,60.

Peter Goes: Die Zeitreise. Vom Urknall bis heute

„Vom Urknall bis heute“ lautet der Untertitel dieses Sachbuches, der auf eine aktuelle Tendenz des Kinder- und Jugendbuch-marktes verweist: Die ganze Welt komprimiert sich auf ästhetisch ansprechende Weise in großformatigen Bilderbüchern. Der belgische Graphik-Designer und Illustrator Peter Goes tut das mit Hilfe der chronologischen Perspektive (Orig. „Tujdlijn“, engl. „Timeline“), mit der wir Mitteleuropäer_innen sozialisiert wurden und werden: Zuerst soll die Entwicklung unseres Planeten in großen Zeitspannen erfahrbar werden und so verdichten sich in „Die Zeitreise“ 13,5 Milliarden Jahre auf 14 Doppelseiten. Hier werden der Ursprung, die ersten Tiere, natürlich auch die Dinosaurier, sowie die ersten Menschen vorgestellt, bevor sich die uns prägenden Zivilisationen und Reiche auf je einer Doppelseite präsentieren dürfen. Die Verdichtung der Ereignisse, die wir als Beschleunigung der Geschichte wahrnehmen zeigt sich nicht nur im Aufbau des Sachbuches, sondern auch in der quantitativen Zunahme von Text und Bild auf den einzelnen Seiten. Während sich die Epochen der Fossilien, der Dinos und der Neandertaler wie Ornamente über die erste Passage des Bilderbuches ziehen, beginnt es spätestens im 14. Jahrhundert so richtig zu wimmeln. Ab diesem Zeitpunkt wird in Jahrhunderten gezählt und historische, politische und kunstgeschichtliche Kontexte in vielen prägnanten Ein-, Zwei- oder Dreizeilern wiedergegeben, die geschwungen und direkt in die Illustrationen gesetzt werden: „Den Deutschen Johannes Gutenberg (ca. 1400-1467) bezeichnet man als den Erfinder der modernen Buchdruckerkunst. Tatsächlich gab es schon Vorläufer dieser Technik im China des 11. Jahrhunderts.“ Der Beginn des 20. Jahrhunderts leitet die dritte Passage des Buches ein, die sich ästhetisch durch mehr Farbigkeit, einer anderen Skalierung der Zeitachse und einem weiteren inhaltlichen Paradigma auszeichnet: Es wird bunter, es wird in Jahrzehnten erzählt und die Populärkultur mischt in der Darstellung von Geschichte ordentlich mit.

Das STUBE-Team hat sich Peter Goes‘ „Die Zeitreise“ gemeinsam angesehen. Hier kommen die (Lieblings-)Epochen von Heidi Lexe, Peter Rinnerthaler, Kathrin Wexberg und Simone Weiss:

Das alte Ägypten
leuchtet den Betrachter_innen gelb entgegen und ist somit farbsemantisch mit dem Sonnensymbol der ägyptischen Götterwelt verbunden. Über der Darstellung des Abu-Simbel-Palasts thront die lichtspendende Kugel und erhält ihre Aura durch den umrahmenden Informationstext, der von der Bedeutung der Sonne im Ägypten der Pharaonen berichtet: „Der Skarabäus, ein Mistkäfer, war für die Ägypter ein heiliges Tier, das mit Chepri, dem Gott der aufgehenden Sonne, verbunden ist.“ Neben der Sonne, der beigen Hintergrundfarbe und vereinzelten Schattierungen, prägt das Gelb der schweren Steinquader das Erscheinungsbild der ägyptischen Doppelseite. Somit stehen die drei Pyramiden Gisehs im Mittelpunkt der illustrierten Epoche und zeugen in ihrer Monumentalität von der Baukunst vor rund 4500 Jahren und auch von der Macht der Pharaonen. Über den Ursprung des Wortes wird gelb auf schwarz aufgeklärt: „Das Wort ‚Pharao‘ bedeutete ursprünglich ‚großes Haus‘ und verwies auf den Palast des Königspaares, das an der Spitze der Gesellschaft stand. Erst viel später wurde ‚Pharao‘ der Name für den König oder die Königin selbst.“ Doch nicht nur die zentrale Stellung auf der Bilderbuchseite, sondern auch die vielen schwarz gezeichneten Arbeiter thematisieren den Pyramidenbau samt technischen Finessen der Bauherren. Was eine fein gezeichnete Peitsche und ein drohender Zeigefinger im Bild andeuten, wird im Text ausgespart: Sklaverei und die Ausbeutung der menschlichen Arbeitsleistung ist Teil unserer Geschichte.

Peter Rinnerthaler

Die Inka/Die Azteken
Wer Geschichte nacherzählt oder wie Peter Goes zentrale Momente der Menschheitsgeschichte in je einer Doppelseite in Bild und Text unglaublich prägnant zusammenfasst, muss zwangsläufig Schwerpunkte setzen, manche Aspekte in den Vordergrund rücken, während andere weniger beleuchtet werden. Deshalb fällt es positiv auf, dass hier Geschichte nicht nur mit einem eurozentristischen Blick geschrieben (bzw. gemalt wird), sondern auch den Hochkulturen der Inka und Azteken Platz gegeben wird, inklusive ihres Unterganges (auch aufgrund von den Spaniern eingeschleppter Krankheiten). Die Seitenfarbe, ein zentrales Gestaltungsmittel dieses Buches, ist hier ein lehmiges Beige, auf dem das Schwarz des Machu Piccu, das Grün des Regenwaldes und das Blau des Ozeans besonders hervorstechen. Wimmelbuch-mäßig gibt es hier unglaublich viel zu Entdecken – von den Tieren des Regenwaldes bis hin zu einem kleinen Missionar, der passenderweise gleich neben der Wassergöttin Chalchiuhtlicue platziert ist… Spannende Einblicke in den Entstehungsprozess dieses Buches gibt es hier: http://blog.picturebookmakers.com/post/134324069746/peter-goes

Kathrin Wexberg

16. Jahrhundert:
Das ist des Pudels Kern! Der Alchemist Doktor Johannes Faust lebt und stirbt unter mysteriösen Umständen. Seine Zeitgenossen vermuten teuflische Beteiligung – der Nährboden für das Werk, das Johann Wolfgang Goethe von drei Jahrhunderte später Weltruhm bescheren soll, ist bereitet.
Nicht mit dem Teufel, sondern mit dem Papst verhandelt Heinrich VIII von England um eine Annullierung. Weil der Pontifex nicht zustimmt, gründet der König kurzerhand die anglikanische Kirche.
Von Luther bis Shakespeare – dieses Jahrhundert bringt viele berühmte und berüchtigte Gestalten zusammen. Schwarz auf hellgrauem Grund präsentieren sich die illustren Persönlichkeiten auf ihrer Doppelseite. Begleitet werden ihre teils sehr klassischen (William Shakespeare), teils comichaft verfremdeten (Martin Luther) Gesichter von kurzen Informationen über Leben und historische Umstände. Die Texte umspielen die Illustrationen in Form von kleinen Wellen, die sich über die gesamte Seite ziehen.
Wo Entwicklung ist, gibt es immer Menschen, die sie begrüßen – und solche, die sich dagegen sperren. Aus der Mitte der Doppelseite flieht eine Gruppe vor Galileo Galilei gen Seitenrand, während oben und unten Schiffe darauf warten, noch die letzten Flecken von der Weltkarte zu tilgen. Bei allen Errungenschaften der Zeit bleibt die Szenerie düster, die erhellende Aufklärung wird erst auf den folgenden Seiten zuschlagen. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Wer die Antwort nicht kennt, möge getrost weiterblättern.

Simone Weiss

Die 80er-Jahre
Das Zweifarben-Konzept wird in den 1980er-Jahren nicht nur durch Rot- oder Gelbakzente durchbrochen, sondern in einem farblichen Blickpunkt gebündelt: „Der Zauberwürfel wurde zum Kult.“ Rund um ihn und entlang des verbildlichten Zeitstroms angeordnet drängen die Dinge und Ereignisse auch hier nach Oben oder Unten: Das Band eines Mix-Tapes wird zu den Wellen, die die Falkland-Inseln umspielen, während die Kampfbomber des (ersten) Irakkriegs in den Himmelsteigen und auf eine U.S.-amerikanische Ikonografie abzuzielen scheinen: E.T., als Schattenriss im Fahrradkörbchen vor dem Vollmond. Die Schleppe von Dianas Braukleid wallt über die Stufen der Hochzeitstorte nach unten, während die Gewerkschafter von Solinarność die Faust kampfbereit in die Luft recken. Afrika wird zum Klangkörper der Live-Aid-Gitarre, Freddie Mercury lebt noch und Michael Jackson tanzt bereits in roter Lederjacke mit den Zombies. Es ist das Jahrzehnt, in dem sich Populärkultur und historische Ereignisse erstmals sichtbar vermischen, in dem die Berliner Mauer fällt, der Ghettoblaster erfunden wird, chinesische Studenten den Panzern am Platz des Himmlischen Friedens entgegentreten und der DeLorean zurück in die Zukunft (also gegen die Zeit) reist. Es ist ein Jahrzehnt, das nahe genug am Jetzt liegt, um mit dem detailverliebten Bildangebot die Möglichkeit zu bieten, sich selbst in das Zeitgeschehen einzuschreiben: „In Tschernobyl, einer Stadt in der Ukraine, die damals noch zur Sowjetunion gehörte, explodierte 1986 ein Atomreaktor – mit katastrophalen Folgen für die Umwelt und die Bevölkerung.“ Manche haben an diesem Tag ihre schriftliche Matura geschrieben, um wenige Jahre später zur Umweltzerstörung als Thema der Kinder- und Jugendliteratur zu forschen und viele Jahre später dieses Buch zu rezensieren.

Heidi Lexe

Aspekte, die zu bedenken sind:
Mit Genuss lassen sich Sachbücher wie dieses rezipieren und zeigen einmal mehr, den literarischen und ästhetischen Variantenreichtum, der in den vergangenen Jahren endlich auch auf das Sachbuch übergegriffen hat. Stunden um Stunden lassen sich hier mit dem Entdecken noch so kleiner Details verbringen.
Wer lange schaut, dem stellen sich auch viele Fragen. Wie lassen sich solche Fragen diskutieren? Gerade die Kröte, als besondere Empfehlung für Bücher, auf die ein zweiter (und dritter und vierter und …) Blick lohnt, bietet sich als Forum dafür an.
Daher möchte die STUBE ihrer überzeugten Empfehlung des Buches einige Fragen zur Seite stellen, die wir im Team diskutiert haben:

-Weibliche Geschichtsschreibung:
Warum sind Frauen in Darstellungen der Geschichtsschreibung kategorisch unterrepräsentiert? Warum dürfen Frauen lediglich als Untersuchungsobjekt (des Stethoskoperfinders), Sexsymbol (der 50er-Jahre), strenge Regentin oder Cancantänzerin (im Moulin Rouge) auftreten und nicht als Entdeckerinnen, Erfinderinnen, weibliche Stars oder etwa als erfolgreiche Sportlerinnen maßgeblich und aktiv an der Geschichtsschreibung mitwirken? Und warum wird die Chance nicht genutzt, um auf den gendersensiblen Sprachwechsel, der sich spätestens in den 2010er-Jahren in Teilen der Gesellschaft niederschlägt, hinzuweisen oder affirmativ einzubauen.

-Perspektivierung:
Warum wird der weltumspannende Blick auf die Welt und deren Geschichte an vielen Stellen gegen eine westlich orientierte Darstellung eingetauscht und so die globale Entwicklung der Erdbevölkerung beziehungsweise die Internationalität innerhalb der Geschichtsschreibung vernachlässigt? Dadurch könnten zum Beispiel im Infotext über die Kreuzzüge Positionierungen oder auch das Wort „Sieg“ vermieden werden.

-Ironie des Nebeneinanders:
Hat das der Form implizite Nebeneinander von Szenen auch Nachteile? Können aus den semantischen In-Bezug-Setzungen Kontexte entstehen, die positive aber auch negative Konnotationen zulassen?
Was heißt es zum Beispiel, wenn neben der Darstellung der Emanzipationsbewegung und dem Schild „Votes for women“, der Erfinder des Stethoskops ausgerechnet eine Frau abhört, die in der Illustration aus großem Busen und Kopf besteht?

-Lakonischer Sprachstil:
Hat die erfrischende Lakonie der Kurzinformationen ihre Grenzen? Wird eine kritische Haltung damit ausgeblendet? Denn trotz der notwendigen Verknappung der Sachtexte muss hinterfragt werden, ob es zu Unschärfen und Abschwächungen kommt, wenn es im Text zum zweiten Weltkrieg heißt, dass „viele heute lieber ‚Shoa‘“ sagen oder zum Sklavenhandel im 18. Jahrhundert festgehalten wird, dass „Mit menschlicher Handelsware [...] ein satter Gewinn zu erzielen“ war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Tyrolia 2016. 120 Seiten. € 14,95.

Elisabeth Steinkellner und Michaela Weiss:
die Nacht, der Falter und ich

So vielfältig die aktuelle Jugendliteratur thematisch und sprachlich sein mag, so einheitlich ist sie in ihrer Form: Erzählt wird von den Themen und Herausforderungen des Erwachsen-
werdens vor allem in Romanen, kürzere Formen wie Gedichte oder Kurzgeschichten für ein jugendliches Lesepublikum gibt es kaum. Das ist in dieser erstmaligen Zusammenarbeit zweier junger Künstlerinnen,  die beide in den letzten Jahren be-
merkenswerte Bücher vorgelegt haben, anders: Mit Titeln wie „Erdbeerkiwikarussell“, „Faltherz“ oder „Mondscheinsonate“ werden hier behutsam, nuanciert und vor allem sehr poetisch Einsichten in das Innenleben eines (oder mehrerer?) jugend-lichen Ichs gegeben. Ungewöhnlich ist dabei, dass das Ich weitgehend unbestimmt bleibt: In einigen der kurzen Texte, die manchmal in gebundener Sprache, manchmal in Prosaform gestaltet sind, ist zunächst unklar, ob hier ein männliches oder ein weibliches Ich spricht. Dieser Unbestimmtheit entspricht auch, dass die einzelnen Texte nicht in den Rahmen einer durch-gängigen Geschichte eingebettet sind, sondern wenn, nur lose zusammenhängend sind. Wobei selbst dieser lose Zusammen-hang etwas ist, das während der Lektüre von den Lesenden hergestellt werden kann – aber nicht muss: So könnte es sein, dass jener Vater, der in „Zugvögel“ seinen Umzug ankündigt, in „Frost“ zum Gesprächsthema zwischen zwei Jugendlichen wird, es könnte natürlich aber auch ein ganz anderer Vater sein.

Den elementaren Gefühlen, die in Elisabeth Steinkellners Texten verhandelt werden, stellte die Illustratorin Michaela Weiss in ihrem über ein Jahr hinweg laufenden Arbeitsprozess, ganz reduzierte, einfache Bilder gegenüber, die Raum für jene bereits angesprochene Unbestimmtheit lassen. Die Zuordnung der in Monotypie und Transferdruck gestalteten Bilder zu den Texten erfolgte dabei sehr intuitiv: Nicht immer sind die Bilder direkt einem Text zugeordnet, ganzseitig illustrierte Doppelseiten stehen frei im Buch und nehmen Stimmungen auf, die sich in mehreren Texten wiederfinden, entwickeln aber auch eine ganz eigene Bildsprache. Eine Doppelseite voller ordentlich aufge-reihter Schmetterlinge in verwischten, zurückgenommenen Farben lässt sich also, so die Illustratorin, als Metapher für jene Sehnsucht lesen, von der im voranstehenden Text die Rede ist, es könnten Schmetterlinge sein, die vor einem verschlossenen nächtlichen Fenster sehnsuchtsvoll auf Einlass warten, aber auch eine naturwissenschaftliche Assoziation im Sinne von zu Forschungszwecken aufgespießten Insekten ist möglich. Im Dialog mit dem Text war es Michaela Weiss ein Anliegen, die Ebenen von Imagination, Erlebtem und Wirklichkeit zueinander zu führen: Wenn sich das erzählende Ich angesichts von tropfendem, schmelzendem Schnee draußen an den Beginn des Schneefalls wenige Tage zuvor, zu Silvester (und was an diesem Tag sonst passiert ist) erinnert, verschmelzen in der bildlichen Umsetzung Erinnerung und Gegenwart, durch angedeutetes Fenster sind perfekte Schneekristalle zu sehen.

Hier übrigens ist das Bild dem Text vorangestellt, was beim Lesen bzw. Betrachten wieder ganz andere Varianten der Interaktion von Bild und Text ermöglicht. Dem unerwarteten Höhenflug der österreichischen Jugendliteratur, der an der Verleihung der österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreise im vergangenen Mai so deutlich ablesbar war, wurde hier ein weiterer, wunderschöner Akzent hinzugefügt.

Kathrin Wexberg

 

Ein Rückblick auf die Verleihung des österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2016 samt prämierter Elisabeth Steinkellner und moderierender Heidi Lexe ist >>>hier zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



rowohlt 2016. 432 Seiten, € 14,99..

Nils Mohl: Zeit für Astronauten

„Literatur ist immer die Behauptung von Ordnung“ – so Nils Mohl im Werkstattgespräch in der STUBE. Literatur ist auch die Behauptung einer Festschreibung – und steht damit im Spannungsfeld zwischen Autorschaft und Rezeption. Im besten Fall bezieht sie die Leser_innen mit ein, um die Text-Ordnung herzustellen. Dort nämlich, wo Literatur vom chronologischen Erzählen abweicht und daher im Rezeptionsprozess jene Sinngebung nachvollzogen werden muss, die auch den Figuren abverlangt wird.

Genau auf diesem Prinzip beruht Nils Mohls Romantrilogie, deren dritter Teil Zeit für Astronauten nun erschienen ist. Auf der Strukturebene der Romane wird im Vor und Zurück der Ereignisse eine einer nur noch als fragmentarisch wahrnehmbare Wirklichkeit gespiegelt. Und so wie die jugendlichen Protagonist_innen ihr Leben und Erleben erst begreifen und in einen (größeren) Zusammenhang stellen müssen, begreifen auch die Leser_innen diese Zusammenhänge erst nach und nach.
Dass es sich dabei um die literarische Konstruktion von Wirklichkeit handelt, zeigen die drei Romane durch jene Passagen, in denen die Hermetik der Fiktion durchbrochen wird: Im ersten Teil Es war einmal Indianerland sind das vor allem Medienberichte und interviewartige Aussagen der Ich-Figur über sich selbst (und andere Figuren). In Stadtrandritter sind es an die Film- und Serienwelt angelehnte Textbausteine – Trailer, Bonusmaterial, Making-Offs – in denen Erzählinformationen gegeben werden, die eigentlich keine der beteiligten Figuren haben kann.

In Zeit für Astronauten sind es Vorgriffe auf die möglichen Schicksale der Figuren, die von Kapitel zu Kapitel variieren können. Mit dem dafür genutzten Futur II ist auch die Zielrichtung der Handlung vorgegeben: Die Frage danach, wohin das eigene Leben sich entwickeln wird, führt die Protagonist_innen weg von ihrem Herkunftsort. Weg vom Stadtrand. Diesem Aufbruch entsprechend folgen auf die mythologischen Bilder des Indigenen (Es war einmal Indianerland) und der Âventiure (Stadtrandritter) nun die Zeichen-Setzungen der Weltraumfahrt. Samt Marsmädchen, das irgendwo im Nirgendwo landet (wie in allen drei Teilen begleitet vom entsprechenden Soundtrack – hier: Ash).

Dieses Marsmädchen gehört zu jenen Figuren der bisherigen Romane, die in Dreiecksbeziehungen das Nachsehen hatten; oder die den Stadtrand schon verlassen hatten, als wir als Leser_innen erstmals den 6. Stock des Südturms betreten haben. Wie Bozorg, das einsneunzig große, wandelnde Filmlexikon, der Kitty auf seinen pfannengroßen Händen getragen und sie als Gottesbeweis bezeichnet hat. Bozorg, der nach Kittys Tod versucht hat, sich wegzumachen. Als Silvester Lanzen in Stadtrandritter Merle von Aue wiedertrifft, wird Bozorg bereits auf dem Peleponnes angekommen sein. Er wird sich wochenlang in einer Mulde verschanzt haben und dort völlig abgemagert auf Christos gestoßen sein. Er wird von Christos eingeladen worden sein, verfallene Bungalows zu renovieren und einen davon zu beziehen. Er wird zum Mitarbeiter des LaBar geworden sein, dem Touristen-It-Ort der verlassenen Gegend.
Mittlerweile hat Bozorg sich zu einem Lebenszeichen durchgerungen und eine Postkarte an seine ehemalige Mitbewohnerin Domino geschickt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Pfarre zum Guten Hirten bereits abgebrannt, Mausers schlimmer Sommer liegt zwei Jahre zurück und Jackie jobbt in jenem Luxushotel, das seine Marktführerschaft gegenüber der Bar von Christos durchsetzen will. Sie taucht in LaBar auf und Bozorg beginnt langsam, seine hochgezogene Zugbrücke zu einer Einstiegsrampe umzufunktionieren und erneut jemanden in seinen Seelen-Satelliten einzulassen. Nicht wissend, dass auch Weltraum-Trümmer fatale Wirkung haben können …

Der griechische Christos gleicht der Figur des deutschen Christian aus Stadtrandritter: Beide sind mit gehörigem Coolness-Faktor ausgestattet, scheinen heilsbringend zu sein und nehmen Einfluss auf die jugendlichen Protagonist_innen. Und beide sind in das jeweilige finale apokalyptische Szenario involviert. Zeit für Astronauten läuft sogar sichtbar auf ein solches Szenario zu: Strukturgebend ist ein Countdown. Vorerst voneinander abgegrenzte Handlungsstränge werden dabei zu einem sich beschleunigenden Gesamtgeschehen verdichtet, die vier zentralen Figuren treffen aufeinander, die Erzählperspektiven gehen immer rascher ineinander über. Bis alle gleichzeitig auf engstem Raum in denselben großen Knall involviert sind: „Eine Leere, als hätte man ein Computerspiel durchgespielt.“ (S. 388)
Erst im abschließenden „Später …“ werden die Schicksale wieder voneinander getrennt und parallelisiert. Was für die einen zum bitterlichen Déjà-vu wird, birgt für die anderen die Möglichkeit zum Neuanfang und die geläuterte Rückkehr zur Home-Base.
Dorthin also, wo man in Stadtrandritter ko-existiert hat – wohlgemerkt nicht zum gegenseitigen Vergnügen. „Ich werde laufend unterschätzt“, stellt der kleine Körts auf einer Party im Guten Hirten fest, während er Domino mit Blicken förmlich auffrisst. Er präsentiert sich als aufreizend behäbiges Kerlchen mit dem Hörgerät, das sich ganz und gar überzeugt von seinen Verführerqualitäten zeigt. Auch wenn seine Annäherungsversuche an Domino als nichts anderes als die fehlgeleiteten Liebesbezeugungen eines jugendlichen Spanners gelesen werden können.

Nun wagt Körts einen neuen Versuch; ein wenig älter, immer noch wendig, immer noch unverschämt raffiniert in seinem Handeln. Und immer noch auf Dominos Fährte, als Silvesters Ex den mangelhaften Hinweisen folgt, die Bozorgs Postkarte ihr über dessen Aufenthaltsort liefert. Eine Reise, die dem Code-Wort Shangri-La-Bamba folgt? Für Körts, der sich von keinem Fehlstart verunsichern lässt, besteht kein Zweifel, dass diesmal er die Rolle des edlen Ritters (Retters) übernimmt. In seiner entwaffnenden Zuversicht stellt er sich dabei so genial verkorkst an, dass man ihm sogar als Leserin mit Sympathie folgt. Jenes „Ich schmeiß hin“, das Bozorgs Handlungen und Entscheidungen prägt, ist Körts fremd. Ihm kommt die Rolle des Außerirdischen zu – unverwüstlich durch seine extraterrestrischen Kräfte, ein Fremdkörper auf jedem Stern im All und dennoch immer mit dem Heimatplaneten verbunden. Wer zurück nach Hause finden will, sollte sich an ihn halten.

 

Heidi Lexe

Apropos Astronauten: Das STUBE-Team hat eine Auswahl an Büchern zum Thema Weltall zusammengestellt. Zur annotierten Themenliste geht es >>>hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Übersetzung ins Arabische von Mahmoud Hassanein.
Klett Kinderbuch 2016. 48 Seiten. € 10,30.

Kirsten Boie/Jan Birck: Bestimmt wird alles gut

„aturidin an takuni sadiqati“ lautet die Frage „Willst du meine Freundin sein?“ in arabischer Sprache. Diese und rund sechzig weitere „Erste Wörter und Sätze zum Deutsch- und Arabischlernen“ findet man im Anhang des Bilderbuches, das von der Flucht einer syrischen Familie nach Deutschland berichtet. Rahaf ist zehn Jahre alt, hat drei kleinere Geschwister und hat in der Schule eine neue Freundin gefunden. „Und Emma ist jetzt ihre beste Freundin, so wie Aycha zu Hause in Homs.“ In Homs beginnt die Erzählung und berichtet zuerst vom Familienleben in jener syrischen Stadt, die aufgrund der Verwüstung zum Sinnbild des Krieges und der Zerstörung geworden ist. Für die im Grunde unbeschreibbare Zerstörung nimmt Kirsten Boie die Perspektive des verängstigten Kindes ein und wählt dafür eine klare Sprachform: „Immerzu sind die Flugzeuge mit den Bomben gekommen, immerzu! Und immerzu habend die Männer auch in den Straßen gekämpft, mit Panzern und mit Gewehren. Manche Männer sind hinterher nicht mehr aufgestanden. Das hat all das Schöne kaputt gemacht.“

Auch in Jan Bircks Illustrationen wird das Schöne rasch verdrängt, indem er die Farbpalette in ganzseitigen Bildern reduziert. Das erste Bild, das zwei der Geschwister zwischen bunten Kissen im noch sicheren Privatraum und in ausgelassener Stimmung zeigt, steht im herben Kontrast zu den folgenden, in Grautönen gehaltenen Fluchtszenen. Besonders eindrücklich ist das Bild, das das Schlepper-Schiff auf offenem Meer zeigt. Das Boot wird an den rechten oberen Bildrand gesetzt. Im Vordergrund sieht man die Rückseite eines mächtigen Wals, der unter 300 dicht aneinandergedrängten Menschen hindurchschwimmen wird. Auf der gegenüberliegenden Textseite ruft währenddessen die verzweifelte Mutter: „So viele Menschen kann so ein kleines Schiff doch gar nicht tragen!“ Text und Bild lassen auf dieser Doppelseite erahnen, welchen Gefahren sich die Schutzsuchenden aussetzen müssen, um auf dem Seeweg nach Europa zu gelangen. Bis Rahaf ein freier Stuhl von einem fremden Mädchen in einem fremden Land angeboten wird, ist es noch ein weiter Weg: Hunger, Durst, Verlust jeglichen Eigentums, Angst, Beschimpfungen, Sprachbarrieren und das Gefühl des Verlorenseins sind die Begleiter der Familie und als sie endlich angekommen sind, werden sie mit dem Wort „Erstaufnahmelager“ und einer enttäuschenden Erkenntnis konfrontiert: „Und dann war das neue Zuhause doch kein Zuhause! Ein Container war es, der stand oben auf einem anderen Container, [...].“

Neben Jan Bircks Bildern, die am Ende wieder etwas an Farbe gewinnen, wird Kirsten Boies Text von Mahmoud Hassaneins Übersetzung ins Arabische begleitet. Die von rechts nach links gesetzte Schrift ist in blauer Farbe direkt unter Boies Zeilen gestellt. Auf den letzten Seiten findet man die arabischen Schriftzeichen, deren Verschriftlichung in lateinischer Schrift und die deutsche Bedeutung der kurzen Sätze wieder. So wird das kleinformatige Bilderbuch zu mehr als einem Buch, das von der Flucht einer syrischen Familie berichtet. Es ist ein Angebot an alle, die verstehen wollen, wie sich ein Kind fühlt, das sich auf einen menschenunwürdigen Weg machen muss und wohl auch ein Angebot für alle jene, die geflüchtet sind und erst Worte und Bilder für ihre traumatischen Erfahrungen finden müssen.

Peter Rinnerthaler

Eine Auswahl an Büchern zum Thema Flucht, darunter prämierte Titel wie Claude K. Dubois „Akim rennt“ oder Reinhard Kleists „Der Traum von Olympia“ finden Sie in einer annotierten Themenliste des STUBE-Teams.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Erzählt von Heinz Janisch. Mit Bildern von Lisbeth Zwerger.
NordSüd Verlag 2016. 160 Seiten. € 22,70.

Geschichten aus der Bibel

Die Bibel ist kein Buch, sondern eine Bibliothek. Dieser Satz fällt oft, wenn es um eine einigermaßen fundierte Auseinandersetzung mit der Bibel geht (und er eröffnet auch das Nachwort des hier besprochenen Buches). Für den Bereich der Kinder- und Jugendliteratur hat er eine besondere Brisanz: Denn das, was im gängigen Verständnis (und in den entsprechenden Marketingunterlagen der Verlage) als Kinder-, Jugend- oder Familienbibeln bezeichnet wird, sind in den meisten Fälle eben keine Bibeln im kanonischen Sinn, sondern eine Auswahl daraus. Und es sind Bücher – deren Gestaltungsform, Machart und Format nicht belanglos, sondern ebenfalls wesentliche Aspekte der Vermittlung von biblischen Texten sind.

Die „Geschichten aus der Bibel“, die Heinz Janisch und Lisbeth Zwerger nun bei NordSüd in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibelgesellschaft vorlegen, sind gleichzeitig auch die Geschichte bzw. Weiterentwicklung eines besonderen Buches: Bereits im Jahr 2000 gestaltete Lisbeth Zwerger großformatige, eindrückliche Bildtafeln zur Bibel, die damals herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft zu ausgewählten Texten aus der „Gute Nachricht Bibel“ erschienen. Mit zahlreichen Anspielungen und Zitaten aus der Kunstgeschichte, aber auch spannenden Aktualisierungen, unter anderem in der zeitlos wirkenden Gestaltung der handelnden Figuren, interpretiert sie bekannte Texte neu. Radikal verzichtet sie auf gängige Motive: Statt dem Regenbogen, der in nahezu jeder Bibelausgabe für Kinder abgebildet ist, zeigt sie ein Wildschweinpaar, das unternehmungslustig durch den Weißraum der Seite galoppiert. Nun erscheinen diese Bilder, ergänzt um drei neue, in einem anderen Buch: Diesmal erzählt Heinz Janisch, Mathias Jeschke, der 2000 in der Redaktion war, verfasste Kommentare und ein Nachwort. Seine zwischen die Erzähltexte gestellten Ausdeutungen bieten in einfacher und gut verständlicher Sprache Einordnungen und Kontextualisierungen, sie stellen Zusammenhänge her und spannen immer wieder auch den Bogen vom Alten zum Neuen Testament: So wird etwa nach dem Turmbau zu Babel darauf verwiesen, dass der Zustand der Sprachverwirrung im Pfingstwunder „vorausblickend auf den Heilsplan Gottes bereits zeichenhaft aufgelöst werden wird.“

Heinz Janischs Erzählton bleibt nah an den bekannten Textfassungen, er widersteht der Versuchung, die Geschichten allzu sehr auszuschmücken, setzt aber doch bemerkenswerte Akzente: Ganz an den Anfang, vor die Erschaffung der Welt, stellt er mit „Am Anfang war das Wort“ einen Satz aus dem Prolog des Johannesevangeliums, womit gleichzeitig die Rolle des Erzählens – und des Erzählers – betont wird. An einigen Stellen nimmt er behutsam sprachliche Aktualisierungen vor, wenn etwa Jesus in der Bergpredigt davon spricht, dass jede und jeder wichtig sei.

Die Textauswahl wurde geringfügig verändert: Neu sind die Geschichten von Josef und seinen Brüdern und vom zwölfjährigen Jesus im Tempel, leider weggelassen wurden unter anderem Psalmen und Lieder. Die Buchgestaltung, auf deren Rolle eingangs kurz verwiesen wurde, ist als rundum gelungen zu bezeichnen: Großformatig und schwergewichtig, mit edlem roten Leinenrücken, wird Bild und Text jeweils viel Platz gegeben, die Variation von ganzseitigen Bildern, kleineren Illustrationen und ganz zurückgenommenen Vignetten bietet viel Abwechslung. Eine Bibliothek und ein Buch also.

Kathrin Wexberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Aus dem Amerik. v. Jessika Komina und Sandra Knuffinke.
Dressler 2016. 256 Seiten. € 13,40.

Kenneth Oppel/Jon Klassen: Das Nest

Die Biene Maja ist eigentlich eine Wespe (schließlich ist sie, zumindest in der Zeichentrickserie, gelb-braun gestreift, was Bienen nicht sind) – genau genommen aber auch nicht (hat sie doch nur ein paar Flügel): Diese aufrüttelnde Klarstellung findet sich in der Enzyklopädie der populären Irrtümer auf Wikibooks. Abgesehen davon, dass hier wie so oft die literarische Vorlage, Waldemar Bonsels Buch aus dem Jahr 1912, völlig außen vor gelassen wird, wird eine deutliche Zuschreibung klar: Bienen sind irgendwie sympathisch, Wespen eher nicht.

Auch der Ich-Erzähler von Kenneth Oppels neuem Kinderroman hat vor Wespen Angst – und doch beginnt der Text mit dem Satz: „Als ich sie zum ersten Mal sah, hielt ich sie für Engel.“ Engels-gleich ist auch, was jene Gestalt, die ihm im Traum erscheint, zu ihm sagt: „,Wir sind wegen des Babys gekommen.´, sagte sie. ,Wir sind hier, um zu helfen.‘“ Und Hilfe hat diese Familie bitter nötig: Denn keiner der Ärzte weiß, was mit dem neugeborenen Geschwisterkind (vom Ich-Erzähler lange nur „das Baby“ genannt) eigentlich los ist, ob es Heilung gibt, ob es überhaupt überleben wird. Ich-Erzähler Steven wird von einer Wespe aus dem Nest im Garten der Familie gestochen, reagiert allergisch darauf – und erkennt schließlich, dass jenes geflügelte Wesen, das ihm im Traum Hilfe angeboten hat, niemand anderer ist als die Wespenkönigin selbst. Doch ihre Hilfe hat einen hohen Preis: Nach und nach stellt sich heraus, dass sie keineswegs Heilung für das kranke Baby versprochen hat, sondern vielmehr in ihrem Nest mit Stevens DNA, die sie sich durch den Stich besorgt hat, ein neues, gesundes, „normales“ Baby züchtet. In den Gesprächen, die sie mit Steven führt, klingen sehr substantielle Fragen an, die (ob intendiert oder nicht) große Nähe zu höchst aktuellen medizinethischen Fragestellungen rund um Pränataldiagnostik und Fertilitätsmedizin haben…

Der kanadische Autor, der sich bisher vor allem in den Bereichen von Phantastik und Science Fiction einen Namen gemacht hat, berichtet auf seinem Blog jedenfalls davon, dass er für dieses Buch viel Material aus seinen eigenen Alpträumen geschöpft hat: "I’d been writing notes and bits of scenes for THE NEST for ten years, without being able to figure out the characters and story properly. But it kept pulling me back, insistent as a recurring dream. And when it suddenly made sense to me, when it finally came, the novel poured out of me in just six weeks, scene after scene, with the intensity of the best nightmares.” (http://kennethoppel.blogspot.co.at/)

Sowohl der Handlungsverlauf als auch der Illustrationsstil erinnern an “Sieben Minuten nach Mitternacht” von Patrick Ness und Jim Kay – auch hier befindet sich eine Familie in einer existentiell bedrohlichen Situation, auch hier lässt das Chan-gieren zwischen real-fiktionaler und phantastischer Ebene in Bild und Text viel Raum für eigene Assoziationen. Sein Talent für das Spiel mit Hell und Dunkel hat Illustrator Jon Klassen schon mehrfach bewiesen – in seiner Darstellung von Details aus dem Familienalltag, aber auch der Wespen fügt er der Bedrohlichkeit des Textes noch andere Nuancen hinzu. Anschaulich spürbar wird dieser Horror auch im Buchtrailer des amerikanischen Verlags: Im Verlauf der Geschichte wird nach und nach offen gelegt, dass Steven es auch vor der Geburt des Babys nicht leicht hatte – und in der Konfrontation mit der Wespenkönigin, die eines Tages kommt um das neue, normale Baby gegen das „Mängelexemplar“ auszutauschen, muss er über sich und seine Ängste hinauswachsen.

Kathrin Wexberg