ars edition 2017. € 13,40.

Andy Lee: Finger weg von diesem Buch

Und erst recht von dieser Rezension!

 

Huh, du hast ja doch draufgeklickt. Kann passieren, kein Problem. Jetzt aber ganz schnell wieder den Browser schließen und lieber was Anderes lesen.

 

Du liest ja immer noch weiter!
Ich bitte dich noch einmal ganz lieb. Bitte, Finger weg von dieser Rezension!

 

In dem literarischen Debüt des australischen Radio-Comedian Andy Lee wird auf ebensolche und ähnliche Taktiken zurückgegriffen, wenn ein kleines blaues Männchen den/die Leser_in wiederholt und immer verzweifelnder anfleht, das Buch endlich wegzulegen. Dabei werden neben den köstlich und pointiert dargestellten Gefühlsextremen des Männchens, die zwischen zornroter Wut und tränenüberströmter Panik changieren, unterschiedlichste Strategien der umgekehrten Psychologie durchgespielt. Vom freundlichen Bitten über Warnungen und Drohungen bis zu Schweigestrafen und zum heulenden Betteln wird das gesamte Spektrum ausgeschöpft. Warnfarbengrelle Hintergründe zeigen in Heath McKenzies Illustrationen an, dass die Toleranzschwelle des Männchens langsam überschritten wird.

Natürlich gestaltet sich die Lektüre dieses Buches als unglaublich effektvoll und witzig, wenn das Umblättern die Spannung, wie das Männchen auf der nächsten Seite wohl reagieren wird, immer höher steigen lässt. Weit über den Unterhaltungsgrad des Bilderbuches hinaus wird dabei jedoch eine ganz besondere Beziehung zwischen Leser_in und Buch hergestellt. Schon am Buchcover werden wir mit dem Befehl „Finger weg von diesem Buch“ und „Lies was Anderes“ als Leser_innen direkt angesprochen. Aber wir sind natürlich rebellisch und schlagen die erste Seite auf. Die gesamte Handlung des Bilderbuches sowie dessen Grundprinzip der umgekehrten Psychologie sind von dieser Stelle an vollständig auf das Moment des Umblätterns hin konzipiert. Ohne unser Umblättern würde Geschichte gar nicht erst entstehen, denn es wird von dieser nicht nur vorausgesetzt, so wie in Büchern ganz allgemein – die Entfaltung der Geschichte eines literarischen Werkes in Buchform basiert ja grundlegend auf dem Moment des Weiterblätterns, das als gegebene Voraussetzung angenommen wird. Hier wird das im Bilderbuch ohnehin schon dramaturgisch aufgeladene Umblättern zusätzlich als fester innerfiktionaler Bestandteil für die Geschichte handlungsbestimmend. Am Ende wird durch unser Zutun sogar eine magische Metamorphose vollzogen, die man als Leser_in durch die Verweigerung des Umblätterns scheinbar verhindern kann, wodurch die Illusion entsteht, direkt in die Geschichte eingreifen zu können.

Abgesehen von diesem bemerkenswerten Spiel mit der Involviertheit der Leser_innen in die fiktionale Handlung, wird auch die Haptik des Buches nutzbar gemacht. Auf der Rückseite des Bilderbuches findet sich neben zahlreichen Hinweisen zu anderweitigen Beschäftigungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Fernsehen, auch ein kleiner roter Pfeil mit der Notiz, dass das Buch nebenan doch viel spannender sei. Dieser selbstreferentielle Verweis auf die eigene Materialität greift hier auf originelle Weise die Positionierung des Buches in Buchhandlung, Bibliothek oder Bücherregal auf. Das Buch als physisches Objekt wird aber nicht nur im Paratext kreativ verarbeitet. Kurz vor dem dramatischen Ende zeigt eine knallrote Doppelseite das panische blaue Männchen, wie es verzweifelt die Buchränder desselben Buches, das wir gerade lesen, umfasst hält – fast so, als würde es versuchen, das Buch mit aller Gewalt zu schließen, es uns aus der Hand zu reißen. Die Leser_innen befinden sich also in einem regelrechten Handgemenge mit dem Buch und seiner Hauptfigur.

Auf dem englischsprachigen Buchmarkt hat sich das Buch, sicherlich auch aufgrund der mit sensationsreichen Schlagzeilen und schnulzig-rührenden Homestories des Autors aufgebauschten Publikationsgeschichte, massenhaft verkauft. Von „Don’t Touch This Book“ gibt es mittlerweile auch schon den zweiten Teil: „Don’t Touch This Book Again: The First One’s Better“. Ob das stimmt, bleibt abzuwarten.

Claudia Sackl

 

Nicht mehr warten muss man auf die hier angekündigte Überraschung, die am 10. November 2017 im Rahmen des STUBE-Freitags gelüftet wurde!

Es gibt ein neues STUBE-Card-Angebot!


Was sich geändert hat, welche zusätzlichen Guzzis die STUBE-Card neu bereit hält und wie man sie bestellen kann, findet man >>>hier

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Moritz 2017. € 24,00.

Anais Vaugelade: Ich bau mir einen großen Bruder.
Wie funktioniert unser Körper


Im März 2017 wurde „Das große Wissens-Sammelsurium“ zur Kröte des Monats gewählt. Ein Sachbuch, das auf Grund der außergewöhnlichen Themenzusammenstellung und dem Spiel mit der konventionellen Lexikon-Stilistik für Lust auf Wissen sorgte. Anregend war hier der kaleidoskopische Zugang, der die Welt erklärt. Bei Anais Vaugelades jüngster Publikation „Ich bau mir einen großen Bruder“ ist das nicht der Fall; es geht in die Tiefe. Wie ausdifferenziert der Sachbuchbereich für Kinder- und Jugendliche gegenwärtig aufgestellt ist, wird sichtbar, wenn man diese beiden aktuellen Sachbücher gegenüberstellt. Während das Wissens-Sammelsurium „Vom Seemannsknoten bis zum Sonnensystem“ berichtet, konzentriert sich das nun vorliegende Buch gemäß Untertitel auf die Frage „Wie unser Körper funktioniert“. Ein ambitioniertes Projekt, das mit dem einfachen Satz: „Heute baut sich Susa einen großen Bruder.“ beginnt. Neben der Unterscheidung zwischen einer Auseinandersetzung, die in die Tiefe oder in die Breite geht, liegt der zentrale Gegensatz in der hier gewählten Erzählform: es gibt Susa, es soll einen Bruder geben und somit eine Geschichte, die es zu erzählen gibt: Subjekt, Objekt, Narrativ würde die Germanistin/der Germanist festhalten. Sachbuchinteressierte Kinder- und Jugendliteraturfans fällt hingegen sofort auf, dass es sich hier um eine erzählende Sachbuchform handelt. Also kein klassisches Nebeneinander, sondern ein narratives Hintereinander von Informationen.

Zurück zu Susa. Dass wir die Erzählung mit einem kleinen, wahrscheinlich vier bis fünf Jahre alten Mädchen betreten, ist auf Grund der illustrierten Figur nicht nur besonders sympathisch, sondern auch äußerst praktisch. Wir finden uns in einem großen, weißen sowie leeren Raum wieder und beginnen ganz von vorne. Egal ob wir schon viel über die Anatomie und das Funktionieren des Körpers wissen oder nicht. Sobald uns in drei großen Sprechblasen im Querschnitt illustriert wird, warum Susa im Inneren mehr einem Krokodil ähnelt als einem Krebs oder einer Nacktschnecke, begeben wir uns gerne zurück an den Start und sind gespannt, wie diese Erzählung weitergeht und vor allem, welche Bilder dafür eingesetzt werden. Wer sich von Anfang an nicht mit einem scheinbar handwerklich begabten Kleinkind identifizieren möchte, findet vielleicht Anknüpfungspunkte in Form eines großen, grünen Krokodils samt „Enzyclopedia Crocodilis“ oder einem rot-gestiefelten Cowboy oder einem blauen Elefanten oder einer violetten Katze oder einem anderen Tier der Kinderzimmermannschaft, die sich Susa zur Unterstützung mitgenommen hat. Viele kleine Subjekte und ein großes Objekt. Für Figuration und Identifikation ist also gesorgt.

Wie sieht es aber mit der Erzählung aus? Welches Narrativ wird uns präsentiert? Im Vordergrund steht der Wunsch einen großen Bruder zu bauen, gefolgt von der Erkenntnis, dass dieses Vorhaben nicht so einfach zu bewerkstelligen ist, wie es anfänglich erschien. Das bereits fertiggestellte Skelett fällt in sich zusammen: „So fabriziert Susa ein Gelenkband“. Oder: Der bereits recht ansehnliche Körper mit Muskeln, Nerven, Augen, Ohren, Mund, Zunge, Nase, Haut und Gehirn wirkt eigentlich betriebsbereit und verleitet Susa zu einem ersten Test: „Aber ihr Bruder rührt sich nicht.“ […] „So fabriziert Susa Zähne, und einen Magen, und eine Leber und eine Blase und einen Darm“. Nach diesem ersten dramaturgischen und spannungsgeladenen Höhepunkt, der dem Bruder in Folge zwar allerlei Innereien besorgt, ist die Luft erzähltechnisch etwas draußen. Doch Langeweile stellt sich in diesem großformatigen Sachbuch trotz umfangreicher Information auf den rund 60 Seiten keineswegs ein.

Denn im Sachbuchbereich ist der Text, ob mit oder ohne sich durchziehender Erzählung, bekanntlich immer nur die halbe Miete. Anais Vaugelades illustratorische Umsetzung lädt Seite für Seite zum Staunen und Suchen ein. Der zuvor erwähnte, weiße Raum wird rasch mit Material ausgestattet, da der plüschige Bautrupp im Laufe der Zeit allerlei Utensilien ankarrt und so den unteren Bildrand farbkräftig befüllt und für eine wimmelbuchartige Szenerie sorgt. Aufgeräumt ist dagegen der nochmals darunterliegende Textraum, wo mit wenigen Zeilen Susas Vorhaben beschrieben wird. Abwechslungsreich und zugleich informativ sind aber vor allem die groß angelegten Sprechblasen der einzelnen Protagonist_innen, die in Dialog treten und mit Bild und Text für das Bauprojekt verantwortlich zeichnen. So wird in kurzen Comicstrips veranschaulicht, wie das Gehirn und die Sinne funktionieren, worin der Unterschied zwischen „Wachen und Schlafen“ liegt, wie es „Im Muskel“ aussieht oder wofür Melanin zuständig ist. Besonders gut gelungen sind sich wiederholende Doppelseiten, die die getane Arbeit zusammenfassen und so immer wieder für Überblick sorgen. Etwa kurz vor Schluss, wenn unter dem Titel „allgemein Überprüfung“ nochmals die Krokodil-Enzyklopädie zu Rate gezogen wird und auf einer ganzen Doppelseite ein circa 40 Zentimeter großes Krokodil (eigentlich Mensch) in all seinen Bestandteilen gezeigt wird.

Und dann kommt noch die Kultur ins Spiel. Als der große Bruder anatomisch perfekt ausgestattet und somit fertiggestellt und auch überprüft auf dem Boden liegt, schlägt das schlaue Krokodil noch einmal das Buch auf und sucht „nach Geschichten von fabrizierten Geschöpfen […], die lebendig wurden“. Fünf Methoden werden in Form von Informationskarten vorgeschlagen. Die Varianten des Zum-Leben-Erwecken reichen vom göttlichen Odem bis zu Geppettos Zauberstaub oder Rabbi Löws Buchstabenkombination auf der Golemstirn. Doch dann ist es ausgerechnet die kleine noch recht unbrauchbare (Zitat Susa!) kleine Schwester der Protagonistin, der es gelingt den großen Bruder aus dem Schlaf zu holen: Die Worte „Widu bielen?“ und zwei tollpatschige Hände auf der Stirn sorgen für den absoluten Höhepunkt der Erzählung und für völliges Entzückung bei den kleinen Bauherren sowie -damen, deren ausgelassene Reaktionen bildkräftig darauf verweisen, dass der Körper zwar biologisch erklärbar und dennoch ein faszinierendes Wunder ist.


Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


avant-verlag 2017. € 20,00.

Nacha Vollenweider: Fußnoten


Die Kröte im Monat Juni zeichnete sich durch zwei Merkmale aus: 1. Flurin Jeckers Buch „Lanz“ war besonders „schweizerisch“ (Grammatik und Schauplatz) und 2. besonders zeitgemäß, was die formalen Aspekte betrifft (in Blogform gegossene Jugendsprache). Bereits zwei Monate später feiern wir abermals die Avantgarde der Schweizer Jugendliteratur. Denn auch Nacha Vollenweiders Buch „Fußnoten“ hat Schweiz-Bezug (dazu mehr, wenn über den Inhalt berichtet wird) und besticht durch die Individualität der Form. Der avant-verlag spricht im Paratext sogar von einem neuen Genre: dem „Comic-Essay“. Nun muss nicht geklärt werden, was man unter einem Comic versteht, (zum Glück wurde nicht der Begriff „Graphic Novel“ verwendet) noch bedarf es einer Einführung in die Textform Essay. Aber was bitteschön ist ein Comic-Essay? Ein Blick ins „Sachwörterbuch der Literatur“ (Gero von Wilpert, Kröner 2001) schadet vielleicht doch nicht:

Der Essay behandelt „eine aktuelle Frage des geistigen, kulturellen oder sozialen Lebens“. Dank dem „oder“ in diesem kurzen Auszug müsste Nacha Vollenweider in ihrem Debut nicht alle drei Domänen des Lebens abdecken, sie tut aber genau das und das äußerst pointiert. Während einer alltäglich gezeichneten Zugfahrt im Großraum Hamburg deckt sie bereits mit einem Satz die Trias geistig-kulturell-sozial ab: „Mir wird immer gesagt, dass ich zu Übertreibungen neige, aber ich denke, das Beste in Deutschland sind die Züge“. Klarerweise bleibt Vollenweider nicht bei dieser einen makrokulturellen Strukturanalyse stehen. Die Comic-Künstlerin fährt weiter und verwebt in einer kunstvollen sowie durch illustrierte Fußnoten verbundenen Autobiographie Vergangenheit mit Gegenwart, Zeitgeschichte mit Familiengeschichte, Argentinien mit Deutschland, Buenos Aires mit Hamburg, Migrationsgeschichte mit Migrationsgeschichte. Diese Verbindungen werden einerseits bildhaft umgesetzt, wenn über den Worten „‘La niebla del riachuelo‘ am Berliner Tor, ein berühmter Tango. Wortwörtlich übersetzt. Der Nebel am Fluss.“ Gleisstränge in einer verschmierten, grauen Nebelbank verschwinden und nur kleine Silhouetten am Bahnsteig auszumachen sind. Andererseits historisch parallelisiert, wenn Deutschlands Asylpolitik im Jahr 2015 mit der eigenen Familiengeschichte zusammengeführt wird: „Das erinnert mich an meine Omas. Die waren beide Kriegsflüchtlinge als Kinder“, hält Vollenweiders Partnerin fest, als sie ein am Hamburger Bahnhof eingerichtetes Erstversorgungszentrum für Flüchtlinge durchqueren. Die Ich-Erzählerin ergänzt: „Mein Ururgroßvater verwaltete eine Kolonie in Argentinien. Dort lebten Schweizer, die vor der Hungersnot in Europa geflohen waren.“ Dieses Panel trägt die Fußnote sechs und verweist auf das letzte Kapitel, in dem der Ururgroßvater samt Porträt und Familienwappen eingeführt wird, um schließlich die Recherche in einem Vollenweider-Familientreffen und der Erkenntnis: „Als ich zurück nach Hamburg fuhr, hatte ich das Gefühl, die Geschichte meiner Familie besser zu verstehen“ gipfeln zu lassen.

Doch nicht nur das behandelte Thema macht einen Essay zum Essay. Laut Gero von Wilpert ist dieser „in leicht zugänglicher, doch künstlerisch wie bildungsmäßig anspruchsvoller, geistreicher und ästhetisch befriedigender Form“ ausgeführt. All das trifft für „Fußnoten“ voll und ganz zu. Die Formulierung „ästhetisch befriedigende Form“ ist jedoch eine Beleidigung für Vollenweiders klaren Stil, der mit Bildformaten, Framework, Perspektiven, (Be-)Schrift(-ungen) oder auch mit Allegorien kunstvoll und dennoch unaufgeregt arbeitet. Ein eindrückliches Beispiel ist die assoziative Gegenüberstellung der Sitzpolster-musterung der Deutschen Bahn mit dem Grundriss argentinischer Städte, die beide ein starres, quadratisches Muster aufweisen und in zwei querformatigen Panels gegenübergestellt werden. Dieses breite an Fotos erinnernde Format prägt den Comic, der in Schwarz-Weiß gehalten ist und so einen zeitgenössischen Stil erzeugt, der Distanz zur Ich-Erzählerin zulässt, dokumentarisch erzählt und sich damit in eine illustre Runde aktueller Publikationen einreiht, die gerne als „Dokumentarische Graphic Novels“ bezeichnet werden.

Essayistisch ist auch der geschärfte Blick für den alltäglichen Moment, der Nacha Vollenweider als eine Art Archäologin der Gegenwart auszeichnet. Als Beispiel darf ein Dialog während der Zugfahrt genannt werden, in dem sich zwei US-amerikanische Tourist_innen über „houses where the poor germans live“ unterhalten und Schrebergärten mit mexikanischen Favelas vergleichen. Von Wilpert würde wohl von einem „anregend lockerem, doch geschliffenem, teils aphoristischem, ironischen, pointiertem oder paradoxen Stil“ sprechen und bei Sätzen wie „Deswegen fahre ich so gerne Zug. Ich fühle mich dann wie in Babylon.“ würde von Wilpert beglückt anmerken, dass der (Comic-)Essay mit „eleganter Leichtigkeit mit einprägsam, originellen Formulierungen“ überzeugt. Recht hat er!


Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Jacoby&Stuart 2017. € 15,50.

Arnould Wierstra: Babel


Sie planen einen Wien-Besuch im Sommer? Nun: Den Stephansplatz sollten Sie in diesem Jahr meiden. Seit Wochen wird er saniert, der Baustellenbereich breitet sich aus, die anstürmenden Besucher_innen müssen mit wenigen Quadratmetern vor dem Dom vorlieb nehmen. Als Alternative wäre der Schöne Brunnen einen Besuch wert, jenes abseits und beinahe einsam gelegenes Brunnenhaus im Schlosspark Schönbrunn, das jene Quelle fasst, die dem Ort den Namen gibt. Ebenfalls auf der Parkseite des Brunnens liegt ein wenig versteckt die Meierei, eines der sommerlichen Lieblingscafés des STUBE-Teams, in dem es sich herrlich frühstücken oder jausnen lässt und in das sich nur selten eine_r jener tausenden Besucher_innen des Weltkulturerbes verirrt.

Dieserart gestärkt könnte man weiter zum nächsten Schloss, dem Belvedere und in der dort untergebrachten Galerie den Tod und das Mädchen besuchen, das beeindruckende Gemälde von Egon Schiele. Dieser künstlerisch-morbiden Spur folgend bietet sich das Weltgerichtstryptichon von Hieronysmus Bosch in der Galerie der Akademie der Bildenden Künste an. Hier könnte das erste kinderliterarische Intermezzo eingelegt werden, denn für eine seiner berühmten Verfolgungsjagden im Bilderbuchformat hat der niederländischen Illustrator Thé Tjong Khing natürlich auch Motive dieses Tafelbildes verwendet. Wer mit „Hieronymus“ auf den Geschmack gekommen ist, wechselt vom Schillerplatz zum Maria-Theresien-Platz und wagt sich in das Allerheiligste der österreichischen Kunstgeschichte vor. Ein ehrfurchtsvolles WOW für Vestibül, Stiegenhaus und Kuppelhalle des Kunsthistorischen Museums, ein kurzer Blick auf das berühmteste, weil einst gestohlene Salzfässchen und dann  in Saal 10 der Gemäldegalerie zu einem der  wohl berühmtesten hier versammelten Werke: dem „Turmbau zu Babel“ von Pieter Bruegel dem Älteren, entstanden 1563.

Hier lässt es sich verweilen, um mit einem kleinen Fernglas auf Entdeckungsreise in der Welt eines monumentalen biblischen Unternehmens zu gehen (siehe Gen 11, 1-9).
Und es lässt sich – sozusagen live – jene Geschichte nachverfolgen, die der niederländische Illustrator Arnould Wierstra in seinem textlosen Bilderbuch „Babel“ schildert. Er nutzt die Szenerie in Pieter Bruegels Gemälde als Handlungsort und verknüpft ein aus menschlichem Größenwahn geborenes Unternehmen mit dem (aus anthropologischer Sicht) nicht weniger vermessenen menschlichen Wunsch zu fliegen.

Natürlich lässt sich das Bilderbuch unabhängig von Pieter Bruegels Gemälde als eine Art Such- und Abenteuergeschichte lesen, die erst zu einem sehr späten Zeitpunkt in ihren kunsthistorischen Kontext eingegliedert wird. (So geht auch das Buch selbst vor.) Darum wissend lässt sich der Lektüregenuss jedoch beträchtlich steigern, wenn man bereits von Beginn an Szene für Szene des Bilderbuches parallel zum Ausgangs-gemälde führt. Denn Arnould Wierstra nutzt nicht nur dessen Topografie, sonders bildet sie auch in faszinierender Exaktheit in seinen Tuschezeichnungen nach.
Was in Pieter Breugels Gemälde beinahe peripher erscheint, wird von ihm in der ersten Doppelseite in den Mittelpunkt gerückt: Jene Renaissance-Stadt, vor deren Mauern die größtmögliche Baustelle der Menschheitsgeschichte verortet ist. Mit dem ersten Umblättern erschließt sich dann das konzeptuelle Muster des Bilderbuches – basierend auf dem Miteinander des (im Gemälde) Sichtbaren und des fiktional Hinzugefügten und dessen primärer Verortung in Innenräumen. In vier voneinander nicht durch Rahmen oder Gutter abgegrenzten Panels wird der Blick in einen solchen Innenraum geworfen. Es handelt sich um eine Art Wohnraum gleichermaßen wie um eine Werkstatt.
Konstruktionspläne an den Wänden verweisen auf ursprüngliche Erfindungen der zentralen Figur, die auch jetzt letzte Handgriffe an das neueste Werkstück legt: Eine halbmondförmige Holzkonstruktion, deren Zwischenräume mit Federn bestückt sind und die an  Ikarus gleichermaßen erinnert wie an den Drachenflügel, den Hiccup seinem feuerspeienden Freund in „How to Train Your Dragon“ baut.
Erst auf den zweiten Blick lässt sich das Spiel mit Konstanten und Varianten erkennen, denn erst auf den zweiten Blick werden die Zeitabläufe und damit verbundenen (minimalen) Veränderungen in den Panels sichtbar. Katze und Eule bestaunen das Werk des tollkühnen Mannes und können in diesen wie auch in jedem anderen, folgenden Bild gesucht und gefunden werden. Ergänzt werden die umgeschnallten Flügel nur durch eine Vogelmütze (die später verloren geht, wiedergefunden und nachgereicht wird) und eigenwilligen Federschuhen, die im weiteren Verlauf der Geschichte ebenfalls Eigenleben entwickeln werden.
Dieserart gerüstet tritt der schnauzbärtige Erfinder mit umgeschnallten Flügeln aus dem Haus.

Die Wirkung ist anders, als erhofft; er wird verspottet und aus der Stadt getrieben. Mit der Brücke, die er überquert, lässt er sich erstmals exakt in der Topografie von Pieter Breugels Gemälde verorten und trifft vor jenem Haus, das auf einem freien Feld am linken Fuß der Turm-Baustelle zu sehen ist, auf einen Invaliden in einer ungewöhnlichen Rollstuhlkonstruktion (die entsprechende Skizze hat in der Werkstatt an der Wand gehangen). Er teilt den Glauben an den Erfindungsreichtum des Handwerkers und legt den Ideen-grundstein für alles Weitere: Vorbei an der Stufenmauer jenes Baustellen-Abschnittes, in dessen Bereich der Turm im oberen Teil bereits fertig gestellt ist (die Bauarbeiter mauern und verputzen hier gerade den unteren Bereich), führt er den wagemutigen Flieger zu einer Aufstiegsmöglichkeit auf den Turm. Vor der Hütte, die sich umwaldet an den Turmfelsen schmiegt, kommt es zu einem ersten Intermezzo, mit dessen Hilfe eine Szenerie am Rande des Gemäldes von Peter Breugel weitergedacht und ins Zentrum gerückt wird: der lokale Herrscher besucht die Baustelle.
Wenig später ist jener Punkt erreicht, an dem der Aufstieg beginnen kann und der neue Ikarus an einem Seil in die Höhe gezogen wird. In der Bilderbuchgestaltung wird an diesem Zeitpunkt bereits zwischen den viertelseitigen Panels, Einzel und Doppelseiten gewechselt, werden pluriszenische Bilder mit architektonischen Detailansichten verknüpft. Er landet auf der Plattform der Flaschenzugskonstruktion (wir befinden uns bei Breugel mittlerweile auf Drittelhöhe der rechten Seite des Turmbaus), wird von den Hamsterradmenschen bestaunt und verliert seinen Vogelhut. Die auch im Gemälde gut sichtbare Leiter führt ihn eine Etage höher, die Katze wirkt schon ein wenig ängstlich, doch die Absprunghöhe erscheint noch nicht hoch genug.

Es geht also weiter hinauf – und dabei ins Innere jenes Bereichs, in dem am Gemälde der  Fels zu sehen ist. Hier drinnen in der Höhle haben die draußen herumlungernden Arbeiter ihre Spuren hinterlassen, Backgammon, Spielkarten, Flöten und der ein oder andere Totenschädel kullern im Reich der Ratten herum, die mit Blick auf Eule und Katze für ein weiteres, diesmal kämpferisches Intermezzo sorgen.
Und wieder öffnet sich mit dem Umblättern ein neuer Blick – diesmal auf jenen Innenbereich des Turmes, von dem im Gemälde nur die Außenansicht der roten Torbögen sichtbar wird. Hier oben geht ein Musiker ungestört seinem Lautenspiel nach, singt dem todesmutigen Sturzpiloten im rockigen Stil Mut zu und wird dabei von einem Jungen auf der Trommel begleitet, der keine Aufstiegsmühen gescheut hat, um die Ausstattung des Handwerkers wieder zu komplettieren. Der zieht weiter und trifft kurz bevor er ins Freie trifft auf eine ganz wunderbar inszenierte gescheiterte Existenz. Inmitten von Büchern, Theaterbildern und Requisiten lungert hier ein Leser, den Hamlet-Schädel neben sich. Ein gescheiterter Shakespeare-Darsteller? Ein Anglist der frühen Stunde in seinem Elfenbeinturm? Verwundert blickt der Kopfmensch dem Mann der Tat nach, der noch einmal Katze und Eule tätschelt, bevor er sich zum Absprung bereit macht und – die beiden können gar nicht hinsehen – auch wirklich in die Lüfte abhebt.

Was folgt, ist ein unglaublicher künstlerischer Clou des Illustrators: Die Flugbahn des wagemutigen Wegbereiters lenkt er über die Rückseite des Breugelschen Turmes – über jene Seite, die bereits fertig gestellt ist. Es entsteht ein zum Gemälde spiegelbildliches Szenario, Arnoud Wierstras ganz eigener Turm zu Babel, der sich monumental ins Bild der Küstenstadt fügt.

Mittlerweile wurden wir im KHM wahrscheinlich schon mehrmals gebeten, Saal 10 der Gemäldegalerie zu verlassen, denn man möchte schließen. Macht nix, eine Jahreskarte zahlt sich bei diesen Eintrittspreisen ohnehin aus und der Drang, das Bilderbuch noch einmal und noch einmal in all seinen Details zu erforschen und  mit Pieter Breugels Gemälde parallel zu führen, ist ohnehin unermesslich. (Man könnte dazu natürlich auch den doppelseitigen Abdruck des Gemäldes im Bilderbuch selbst nutzen, aber …) Bis dahin reiht man sich gerne in den feierlichen Tanzkreis, der den Flug-Helden umgibt, wirft einen bangen Blick auf das im Dach eines Hauses gelandete Fluggerät und die zerknautschte Vogelmütze und lässt sich vom Trommlerkind und dem Lautenspieler noch einmal das Lied des Fliegens singen.    


Heidi Lexe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Nagel & Kimche 2017. € 18,50.

Flurin Jecker: Lanz

„Warum bist du eigentlich gestern nicht da gewesen? Hey übrigens. Wir haben uns ja noch gar nicht hallo gesagt. Ich bin Lanz und du?” Das leierte ich alles runter, als sie aus dem Zimmer kam. Trotzdem freute es sie glaub, dass ich ihr hallo sagte, auch wenn nur sehr wenig zurückkam: „Anschiss.” Und ich wollte irgendwie lustig sein und sagte: „Geiler Name.” Und sie so: „Was?” − „War ein Witz.” Sie tat sich ein paar Haare hinters Ohr, und ich fragte sie, wie sie in echt hiess. Wahrscheinlich wusste sie, dass ich wusste, dass sie Lynn hiess, aber sie sagte gleich „Lynn”, und zwar nicht irgendwie genervt, sondern, im Gegenteil, mit ihrem ganzen Körper. „Ich bin Lanz. Habe ich ja schon ja gesagt …” Und weil sie dann nur „Okay” sagte, sagte ich halt „Tschüss”, und sie sagte „Tschüss” zurück. Und das tönt für euch jetzt vielleicht, wie wenn mein Versuch in die Hose gegangen wäre. Aber es gibt halt Sachen, die man nicht richtig aufschreiben kann. Nämlich, dass sie eigentlich nicht „Tschüss”, sondern „Tschüüüüss” sagte, mit so einer melodiösen Stimme, und dass sie dann durch den Gang lief und ich irgendwie spürte, dass sie spürte, dass ich ihr nachschaute und sie sich konzentrieren musste, nicht noch mal zurückzuschauen. Fragt nicht, wie ich das merkte, aber ich spürte das hundertprozentig. (S. 36)

Lanz schreibt gerade einen Blog. Nicht freiwillig und am Anfang auch mit großem Widerwillen. Daher ist das erste Kapitel dieses Jugendromans auch mit „Ich wollte Lynn und keinen scheiss Blog” betitelt. Ja, der Schweizer hat „Scheisse” gesagt. Daher gleich eines vorweg: diejenigen, die mit Kraftausdrücken, Fäkalsprache und Jugendjargon auf Kriegsfuß stehen, können die Lektüre an dieser Stelle abbrechen.
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Für alle anderen: der/die Klappentextautor_in verspricht nicht zu viel, wen er/sie schreibt: „Flurin Jeckers humorvoller Erstling [...]” ist „in einer eigenwilligen und wuchtigen, restlos glaubwürdigen Sprache” erzählt. Und noch etwas zur Sprache: auch das Doppel-s in „Scheisse” ist programmatisch. Flurin Jecker setzt nicht nur auf zeitgenössische Jugendsprache, sondern spezifiziert diese durch eine verschriftlichte Form der Schweizer Sprachvarietät (dem Verfasser ist bewusst, dass die Verwendung des Singulars bei „Schweizer Sprachvarietät” nicht korrekt gewählt ist; Beschwerden werden unter beanstandung@sprachpolizei.com entgegengenommen). Von all jenen, denen das „Schweizerische” nicht sympathisch ist, müssen wir uns an diesem Punkt ebenfalls verabschieden.
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Aber wer bitte mag das Schweizer Hochdeutsch nicht? Mit dem Wort „Znüüni“ verdoppelt sich die Köstlichkeit der vormittäglichen Zwischenmahlzeit, unübertroffen charismatisch ist das Wort „Chuchichäschtli“ (dt. kleiner Küchenschrank) und über den poetischen Mehrwert von „Glacé“ [ˈglaˌse] zu „Speiseeis“ muss erst gar nicht „getönt“ (schweiz. prahlen/klingen) werden. Der Schweizer Wortschatz findet in „Lanz“ ebenso Eingang wie die Schweizer Grammatik und somit „hat“ (dt. gibt) es einige sprachliche Unterschiede zu herkömmlichen Jugendbüchern, die den Erzählfluss aber keineswegs unterbrechen. Flurin Jeckers Formulierweise geben zusammen mit der narrativen Struktur des Textes ein hohes Tempo vor und 125 Seiten jugendlicher (Schul-)Alltag sind vorüber, noch bevor man „Aggro“; „Arschloch“ und „Schizo“ sagen konnte. Das verwundert, zumal die außergewöhnliche sowie außergewöhnlich derbe Sprachform immer wieder zu entschleunigten Momenten führt. Man nehme sich kurz Zeit für folgenden Satz:

„Ein Brunnen pisste auf dem Dorfplatz vor sich hin, und eine alte Strassenlaterne war daneben.”

Man ist geneigt von poetischer Fäkaltopographierung zu sprechen und noch mehr über die Reduziertheit, die Lakonie und den Minimalismus zu schwärmen. Doch zu viel Lobhudelei deutet meist auf den individuellen Geschmack des Rezensenten/der Rezensentin hin und die Story sollte ja zumindest kurz angerissen werden.

Lanz ist vierzehn Jahre alt, einziger Sohn geschiedener Eltern, schreibt in der vorsommerlichen Projektwoche einen Blog und er steht auf Lynn. Der anfängliche Schreibfrust wird rasch zur Schreiblust und Lanz reflektiert über die Situation zwischen zwei Wohnungen, Jungfräulichkeit, seinen nervtötenden Projektwochenlehrer und über das Schreiben selbst. Flurin Jecker setzt jedoch nicht auf einfache Lösungen, indem er dem Sich-etwas-von-der-Seele-schreiben eine kathartische Wirkung beimisst. Lanz hat schließlich genug. Er lässt Eltern, Lehrer und Lynn hinter sich und befreit sich durch einen räumlichen Ausbruch, der als Reise in eine glücklichere Zeit, in die Kindheit zu deuten ist:

Der Zug für nach Clavau war seit dem letzten Mal ausgewechselt worden. Vorher war es immer der ultimativste Klapperzug gewesen, in dem man die Fenster runterziehen konnte. Das war immer das Geilste. Vor allem im Winter. Als ich klein war, lehnte ich mich dann raus, und Mam hielt mich an den Füssen, und ich blinzelte so gegen den kalten Wind, dass mir die Tränen kamen und ich fast erstickte. Drin musste ich Luft holen und draussen pfiff der Zug in den Kurven. Mit einem Schlag kam manchmal ein Tunnel, dann war es wie im Krieg, dass, wenn ich schrie, ich den Schrei gar nicht hören konnte und mir Schnee in die Augen flog wie im grössten Schneesturm. Irgendwann spürte ich mein Gesicht nicht mehr: Dann sagte ich Babs [Papa], er solle SOFORT das Fenster zumachen, und ging mit meinem Kopf unter den Pulli von Mam, wo sie die Hand drauflegte, als ob sie schwanger gewesen wäre. Alles kribbelte. Und Babs nervte sich manchmal. Aber sagen tat er nie etwas. Jetzt war es so warm und so ruhig, dass ich fast sofort nach Chur einschlief. (S. 87-88)


Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Niederl. v. Andrea Kluitmann.
Carlsen 2017. € 15,99.

Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht

Es ist, als ob man ein überlebensgroßes Kino betritt.
So fühlt es sich für Emilia an, als sie in New York City ankommt. Wer selbst einmal zur Rush Hour nach New York eingefahren ist, kennt dieses Gefühl, das vermittelt, dass die ganze Welt einem_einer offensteht. In diesem Sinn ist auch das Motto des Buches zu verstehen, dass Anna Woltz ihrem aktuellen Roman vorangestellt hat. Es ist die US-amerikanische Unabhängigkeits-erklärung, die alle Menschen als gleich ansieht und das Streben nach Glück verankert hat.

Emilia Dezember de Wit, vierzehn Jahre alt, penibel hygienisch und Panikattacken-erfahren, kommt nach New York, um neu zu beginnen und ihr Glück zu finden. Denn ihr Vater hat sich in eine Schülerin verliebt und ist aufgeflogen. 67 peinliche SMS wurden öffentlich zugänglich und ein Shitstorm bricht über die ganze Familie herein. Emilias Mutter, eine international anerkannte Künstlerin, hat dazu noch keine Stellung bezogen. Emilia fühlt sich alleingelassen und will nur noch weg. Sie klaut die Kredit-karte ihres Vaters, bucht eine Unterkunft über eine Online-Plattform, legt sich eine glaubwürdige Geschichte zurecht und nimmt Reißaus. In New York läuft natürlich alles schief: ihr Appartement wird nicht vermietet und zu allem Übel ist Orkan Sandy im Anmarsch (der fegte 2012 tatsächlich über die Stadt). Zum Glück trifft Emilia die Geschwister Seth und Abby, und Jim, mit dem sie zusammen die Sturmtage übersteht; komplett mit Tageslicht-Stunden zählen und Trinkwasser rationieren und Kerzenlicht.

„Hundert Stunden Nacht“ ist ein Roman, der es schafft, gängige Motive der Jugendliteratur so einzusetzen, dass sie bemerkenswert passend erscheinen. Wie schon in „Gips“ das Schneechaos, ist das ungestüme Wetter in „Hundert Stunden Nacht“ das Symbol für eine innere Aufruhr, aber gleichzeitig die formale Möglichkeit, Schritt für Schritt davon zu erzählen, wie Wunden langsam heilen, Beziehungen und Glücksmomente entstehen können und wie das Sprechen über Ängste selbige ein Stück weit schwinden lässt. Durch den Stromausfall wird die zuerst so quirlige Szenerie New Yorks stark verlangsamt und auch die Ich-Erzählung, die in der Gegenwart gehalten wird, lässt die Leser_innen den Entwicklungsprozess des Mädchens nachvollziehbar mitverfolgen.

Sympathisch ausgestaltete Figuren und witzige Dialoge sind ebenso gelungen, wie der Umstand, dass er auch als Reiseführer dienlich sein kann: die besten Steckdosen der Stadt zum Aufladen des Handy-Akkus finden sich in der Buchhandlung Barnes & Noble auf der Fifth Avenue, zwischen der Fünfund-vierzigsten und der Sechsundvierzigsten Straße. Komplett mit Starbucks, wo man Muffins und Kaffee kaufen kann. Gutes WLAN. Die Toiletten sind umsonst und es gibt einen speziellen Wasserhahn, aus dem man trinken kann. Genug Bücher für Jahre. Wärme.

Jana Sommeregger

 

Anna Woltz ist DIE Autorin im Monat Mai. Neben der Kröte des Monats erhält sie am 11. Mai den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017 für ihren Roman "Gips". Anlässlich des 70-Jahr-Jubiliäums der STUBE findet die Preisverleihung erstmalig in Wien statt. Alle weiteren Informationen zum Festakt sind >>>hier versammelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Franz. v. Edmund Jacoby.
Jacoby & Stuart 2017. € 13,40.

Gilles Bachelet: Hinter den Kulissen.


Heidi Lexe über Die Toiletten und Büro für Pipi-Kacka-Angelegenheiten

Wer je im Kino, Theater, oder gar bei einem Open-Air-Konzert während der Pause in der Schlange vor dem Damenklo gestan-den hat, dem wird diese Szenerie paradiesisch erscheinen: Individuell markierte Klokabinen. Nicht einmal sein Klopapier muss man teilen; obwohl es sich ja bei der Kabine für jene Tage, an denen man seiner multiplen Persönlichkeit frönt, um eine für drei männliche Wesen reservierte Kabine handelt. Und daher zu vermuten ist, dass verbrauchte Klopapierrollen unauffällig gegen noch intakte Fremdrollen ausgetauscht werden. (Und am Ende hat wieder keiner nix gewusst!) Das Rotkäppchen hat es da besser, darf im Körbchen sogar Wein und Klolektüre nach drinnen schmuggeln. Obwohl: Wenn man es geschickt anstellt, könnte man sich mit klugem Zeitmanagement genau dann in ihre Kabine schleichen, wenn sie vom Wolf schon gefressen, aber vom Jäger noch nicht wieder befreit wurde. Himmlische Einsam-
keit winkt! Außer natürlich der große, der mittlere oder der kleine Bär haben sich auch hier am Klopapier vergangen. Dann also lieber zu Babar, der sich sicher im Grand Magasin eine vierlagige Softvariante des Aftertempos mit den kleinen applizierten Krönchen gekauft hat und sich Blatt für Blatt an die wunderbare Liftfahrt auf und ab erinnert.
Ob das Büro für Pipi-Kacka-Angelegenheiten das wohl genehmigt hat? Mit Sicherheit ist in der umfassenden Puups-Bibliothek ein toiletten juristisches Grundlagenwerk versteckt, das entsprechen-de Präzedenzfälle auflistet. Denn der Beamte, der hier ganz alleine schaltet und waltet, soll seine Expertise ja eher im Fach der Fäkalidentifizierung erworben haben. Notfalls muss beim Europäischen Parlament ein Normierungsansuchen eingereicht werden; bei dieser Gelegenheit könnte man sich auch gleich den Mannekin Pis in natura ansehen. Und sich dann Erinnerungs fotos auf sein ganz eigenes Klopapier drucken lassen, das man einfach mitbringt, wenn man sich illegitim einschleicht, während Rotkäppchen nach der Großmutter forscht, Babar Ballon fährt und die drei Bären darauf warten, dass ihr Brei abkühlt.

Claudia Sackl über Barrierefreier Zugang und In der Küche

Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau wird, aus ihrem gewohnten Metier enthoben, in den Rollstuhl gesetzt und darf im ungewöhnlichen Partyoutfit – komplett nackt – zur Fete mit Wolf, Pinocchio und Co anrollen. Den Meerjungfrauschwanz als Handi-
cap und damit als Mangelerscheinung zu inszenieren, stellt nicht nur einen kritisch-provokativen Kommentar zum Diskurs und der Definition von Behinderung dar, sondern erinnert außerdem an den Charakter Finnegan Wake aus dem Medienverbund „Monster High“: Als Sohn einer Meerjungfrau und eines Wasser-
manns sitzt er aufgrund einer motorischen Beeinträchti-gung seiner Flosse ebenfalls im Rollstuhl, ist gleichzeitig jedoch als subversive Figur konzipiert, die trotz ihres Handicaps und der damit einhergehenden Einschränkungen leidenschaftlich Extrem-
sportarten betreibt und einen überdurchschnittlich muskulösen, trainierten Oberkörper besitzt. Zugleich zeugt der Rollstuhl von einer Ermächtigung der Meerjungfrau, die in ihrer Andersheit bestehen und sich nun auch am Land in ihrer eigentlichen Gestalt frei bewegen kann. Die Verwandlung in eine „normale“ Menschenfrau wird somit überflüssig.
Unter Punkt 9 wird der Regenbogenfisch wortwörtlich in die Pfanne gehauen – und das im Jubiläumsjahr des 25 Jahre alten Bilderbuchkonzepts von Marcus Pfister. Gilles Bachelet setzt mit dieser Doppelseite einen demonstrativen Gegenpol zu den welt-
weiten Feierlichkeiten und den Merchandising-Produkten rund um das Jubiläum des bunten Fisches. Die Figur, die diese „Gräueltat“ begeht, ist das Dienstmädchen Bécassine, das 1905 von Jacqueline Rivière und Joseph Pinchon entworfen wurde und als Stereotyp des naiven Dienstmädchens aus der Bretagne, das vom Land in die Stadt kommt, auftritt. Es bleibt abzuwarten, ob in der nächsten Regenbogenfisch-Ausgabe als Gegenzug eine Figur Bachelets das Fett abkriegt – dessen bekanntester Charak-
ter ist sicherlich die Katze, die eigentlich ein Elefant ist und umgekehrt.

Peter Rinnerthaler über Die Aushilfsgarderobenfrau
und Im Fundbüro


Die Aushilfsgarderobenfrau ist eine Berufsbezeichnung, die wohl auch Helge Schneider nicht besser einfallen hätte können. Wie die "Wurstfachverkäuferin" zeichnet sich die Aushilfsgarderoben-frau nicht nur durch ihren besonderen Namen, sondern auch durch übermäßigen Enthusiasmus am Arbeitsplatz aus: „Samstag mittag und die Theke ist voll, ich steh dahinter und ich fühl mich supertoll!“ (Schneider 1997) Wie toll die Arbeitsleistung der Garderobiere, die sich soeben durch mindestens sieben Mäntel durchfraß, ankommt, ist am sichtlich irritierten Blick eines Jackett besitzers zu erkennen. Lewis Carrolls weißes Kaninchen sucht mit dem ikonischen Blick auf die Uhr wie immer das Weite und „Der kleine braune Bär“ von Danièle Bour wird sich leidvoll an das Internetmeme #youhadonejob erinnert fühlen. Doch ob sich die Übeltäterin ihrer Schuld bewusst ist, bleibt offen. Schließlich handelt es sich bei der Aushilfsgarderobenfrau um niemand Geringeren als Eric Carles‘ „Die kleine Raupe Nimmersatt“.
Im Fundbüro dreht Gilles Bachelet die Perspektiven um. Denn normalerweise ist Walter aka Waldo einer unter vielen. Auf Bild Nummer 13 findet man jedoch nicht nur einen, sondern gleich 17 auf einen Schlag. Bachelet wählt kein Wimmelbild, um Martin Handforts Walter abermals zu verstecken. Er zeigt, wo der sonst so schwer auszumachende oder gar nicht zu entdeckende und somit verloren gegangene Suchbildheld zu finden ist: im Fundbüro. Dort sitzt, steht und lungert der rot-weiß-gestreifte, Jeans tragende Mann mit Quastenmütze und Rundbrille herum. Und er scheint sich dort wohl zu fühlen. Fast verstörend wirkt das Bild mit den vielen grinsenden Walterfiguren, die den Be-
trachter_innen direkt ins Gesicht lachen. Dieser Meinung scheint auch ein weiterer Bilderbuchheld zu sein, der sich im Fund-
büroregal niederlassen musste. Was für Walter Routine ist, dürfte für Paddington Neuland sein. Jedenfalls ist dieses Bild Balsam für all jene Augen, die Walter auf konventionellem Weg noch nie erspähen konnten.

Kathrin Wexberg über In der Kantine und Der Reißwolf

Exakt in der Mitte des Buches geht es um ein Grundbedürfnis, das auch hinter den Kulissen der Kinderliteratur gestillt werden muss, „In der Kantine“ wird nämlich gegessen. Das zueinander in Beziehung setzen ganz unterschiedlicher kinderliterarischer Figuren wird hier über die Idee der Nahrungskette, des Fressens und gefressen werden, gespielt: Ein zufrieden grinsender Grüffelo, in dessen Geschichte ja der Appetit auf andere Tiere eine große Rolle spielt (Stichwort: Eule mit Zuckerguss; und schlimmer noch, Grüffelogrütze…) hat auf seinem Kantinen-Tablett ein Kaninchen angerichtet, das wiederum ein Tablett trägt, auf dem eine Karotte liegt. Der Anhang erklärt das für deutschsprachige Leser_innen schwer zu entschlüsselnde Bild-Zitat, es handelt sich ums nicht ins Deutsche übersetzte „Gros Lapin“ von Delphine Durand (das große Kaninchen hat dann später beim Kaninchenzüchter noch einen Auftritt).
Den Schlusspunkt dieses genialen selbstreferentiellen Werkes bilden schließlich im letzten Abschnitt „Der Reißwolf“ drei wilde Kerle, Figuren, deren erstmaliges Auftreten 1963 bzw. in der deutsch sprachigen Übersetzung 1967 einen Paradigmen-
wechsel markierte: Ein Kind, das wild sein darf, ein Bilderbuch, das ganz ohne pädagogischen Impetus auskommt, mit ganz wenigen Wörtern und dafür umso eindrucksvollerer Bildsprache arbeitet. So ist es konsequent, dass diesen dreien die abschließende Aufgabe zukommt, mit offensichtlichem Vergnügen Bücher im Reißwolf zu zerstören – so spielerisch und erfrischend respektlos, wie auch Gilles Bachelet mit seinen Vorlagen umgeht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Vom Seemannsknoten bis zum Sonnensystem -
nützliches und unnützes Wissen für Schlauköpfe.
Aus dem Engl. v. Christiane Manz.
Gerstenberg 2017. € 20,60.

James Brown & Richard Platt: Das große Wissens-Sammelsurium.

An ein Sachbuch meiner Jugend erinnere ich mich wie an kein zweites: Carl Sagan: Unser Kosmos. Eine Reise durch das Weltall. Mit 500 meist farbigen Abbildungen. Ein schweres, schwarzes Buch mit glänzendem Schutzumschlag und 376 Seiten purer Information. Unvergessen bleibt das Buch, da es die wahrscheinlich bitterste Bildungsniederlage markiert, die ich (abgesehen von Latein- und Mathematik- und Chemie- und Rechnungswesenprüfungen) in meiner Bildungslaufbahn kassieren durfte. Frei von Schulzwängen wollte ich dieses Buch lesen, aufnehmen, durchblicken, erfassen und begreifen. Denn wenn man DEN Kosmos versteht und kennt, ist alles geritzt. Was braucht man sonst? Schließlich ist es DER Kosmos. Da steckt alles drinnen. Nach drei Seiten exzerpierter Verhältniszahlen, Skalierungen sowie Maßangaben über das Universum und der Frage meines Vaters, was ich denn in der Schule verbrochen habe, sah ich ein, dass die 5.000-Einwohner-Stadt, in der ich damals wohnte, vorerst als Kosmos ausreichen müsse und Jahre später, dass Unser Kosmos kein Sachbuch für normalbegabte Jugendliche ist und, dass der Lernanspruch des Allumfassenden kein motivierender Ansatz (für mich) sein könne. Das genaue Gegenteil ist „Das große Wissens-Sammelsurium“.

Hier wurde mir auf 63 Seiten die Welt erklärt. Und auch wenn ich nicht jedes Wort gelesen und (wie schon immer) nicht alle mathematischen Erklärungen verstanden habe, hat es mich ein Stück klüger gemacht und es hat den Zweck eines Sachbuches voll erfüllt: es hat Lust auf Wissen gestiftet. Ich habe geblättert und geblättert und habe mich darauf gefreut, Neues kennenzulernen oder bereits Gekanntes wiederzuentdecken. Der Reiz dieses Buches liegt eindeutig in der Zusammenstellung und in der Reihenfolge der Sachthemen. 30 Kapitel, 30 Doppelseiten, 30 ganzseitige Illustrationen werden dermaßen unzusammen-hängend aneinander gereiht, dass man das Buch beim ersten Öffnen wahrscheinlich einfach nur durchblättert und die Überschriften liest. Der „Musik-Notation“ folgen zum Beispiel „Die Bauteile des Fahrrads“, danach kommen „Erdaufbau & Erdatmosphäre“, darauf „Das Griechische Alphabet“, „Schrauben und Nägel“.

Ja, Schrauben und Nägel findet man auf Seite 28 und 29. Auf der rechten Hälfte der Doppelseite sieht man 30 illustrierte Schrauben und Nägel zu einem Kreis angeordnet, von denen der durchschnittliche Billy-Experte vielleicht sechs auch tatsächlich schon eingeschraubt hat. „Senkknopf, Rundkopf, Linsensenkkopf, Flachrundkopf, Halbrundkopf und Linsenkopf“ also Schrauben- oder Nagelköpfe werden extra abgebildet; wie die 30 Grundformen heißen, erfährt man in einer dreispaltigen Legende. Auf der linken Seite befindet sich der Text, so auch eine Unterüberschrift: „Schrauben und Nägel revolutionierten das Bauwesen: Mit ihnen ließen sich Bretter ohne kunstvoll zurechtgesägte Zapfen verbinden. Ihre Erfolgsgeschichte begann vor 9000 Jahren.“ Im Fließtext erfährt man mehr über die historische Entwicklung, einzelne Aspekte werden durch illustrierte Nägel oder Schrauben in Absätze oder Infokästen abgeteilt. Nicht zwangsweise nur die Historie machen die Texte reizvoll zu lesen, sondern die damit verbundenen Erklärungen, das heißt klare Antworten auf die eine oder andere Warum-Frage, die man schon das ganze Leben herumträgt: „Schrauben kamen viel später in Gebrauch, denn ihr Gewinde ließ sich sehr schwer in Handarbeit herstellen.“

Ebenso ansprechend wie der Text wurde die Bildebene gestaltet. Einerseits lenken die dreifärbig (Schwarz-Weiß und Akzentfarbe) gestalteten Doppelseiten nicht vom Eigentlichen ab und die Illustrationen sind weder verspielt noch gestalterisch verzerrt. So zeigen „Stifte & und Pinsel“ exakt die von ihnen je nach Härtestufe (9H bis 9B) produzierten Striche, „Das menschliche Skelett“ grinst zwar, wackelt aber nicht herum und die „Wolkenklassifikation“ zeigt keine rosa Hasen oder fliegende Elefanten. Humor ist aber durchaus vorhanden. Und zwar im Text, wenn dort zum Beispiel erklärt wird, welche Fahnen man heben müsste, um den Satz „Ich will Kekse!“ anzuzeigen oder die populäre Fragen wie „Wer hat’s erfunden?“ gestellt werden. Die Illustrationen bleiben immer klar und werden durch die Kombination mit Beschriftungen, durch Listen, durch Legenden sehr erkenntnisreich.

Positiv ervorzuheben ist auch, dass sich dieses Sachbuch trotz technischem Fokus nicht dezidiert an Jungs richtet oder ein „Technikbuch für Mädchen“ sein möchte. Wer sich für die „Fibonacci-Folge“ oder das „Fliegen“ oder „Papierformate“ interessiert, wird Freude an diesem Buch haben, egal welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. Trotz der gender unspezifischen Grundhaltung ist ein Männerüberhang bei den genannten historischen Personen festzustellen, der trotz eines feministischen Exkurses im Kapitel „Die Bauteile des Fahrrads“ nicht ganz ausgeglichen werden kann. Hier wird jedoch unter der Überschrift „Die neue Freiheit der Frauen“, Susan B. Anthony zitiert, die die Mobilitätsmöglichkeit der Fortbewegungsform herausstreicht: „das Radfahren [hat] mehr für die Emanzipation getan als irgendetwas anderes auf dieser Welt.“

Wer sich nicht merken kann, wann die Sonnenwenden stattfinden, welche Uhrzeit New Yorker Uhren gerade anzeigen, wie groß A0 ist, und wer das abschließende Fazit im Morsecode nicht dechiffrieren kann, sollte dieses Buch unbedingt in die Hand nehmen:
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Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Übersetzt von Jess Jochinsen und Anja Schöne. NordSüd Verlag 2017. € 16,50.

Carson Ellis: Wazn Teez?

„Wazn teez? Mi mori an Plumpse. Wazn fümma Plumpse? Mi nanüt.” Nein, das ist nicht Niederländisch und somit auch keine späte Reminiszenz an den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016. Es handelt sich nicht um die Plansprache „Esperanto”, die auf Grund einer drohenden, neuen Weltordnung nun doch eingeführt wurde. Und selbst jene unter uns, die das Vulgo-Lateinische beherrschen, können mit diesem Dialog wohl nichts anfangen. „Käferisch” müsste man sprechen können, um den Text Carson Ellis’ Bilderbuch zu verstehen. Sinnlos ist es allerdings, wenn man das Original „Du Iz Tak” konsultiert. Denn Jess Jochimsen und Anja Schöne haben das „britische” ins „deutsche” Käferisch übertragen und damit das humorvolle Sprachspiel in die deutschsprachige Ausgabe übersetzt.  

Geführt wird der Dialog eingangs von drei sechsgliedrigen, hosentragenden sowie geflügelten Figuren, die diese kleine grüne Plumpse finden, die aus der Erde wächst und die die tierischen Protagonisten größenmäßig kaum überragt. Auf der nächsten Doppelseite wird das Ding genau inspiziert und man einigt sich darauf, dass es sich doch um einen „Sprossel” handeln müsse. Völlig begeistert von der Entdeckung stürmen die Käfer, einer farbenprächtiger als der andere, zu einem umgefallenen Baumstamm in unmittelbarer Nähe. Während dem schwerfälligen, wohl schon älteren Tausendfüßer namens „Izzi”, der er sich im Inneren des Stammes gemütlich eingerichtet hat, von der grünen Sensation berichtet wird, ist der Sprossel bereits um mehrere Zentimeter in die Höhe geschossen.

Mit dem Umblättern der Seiten entsteht eine Art Zeitraffer, wie man es aus Naturdokumentationen kennt, wenn der Wuchs der Pflanzen für das menschliche Auge nachvollziehbar gemacht wird. Auch im Bilderbuch liegt der Fokus auf der rasch wachsenden Pflanze, die vor weißem Hintergrund zu dem eigentlichen Star der Erzählung avanciert und auf der nun eine „Forzung” gebaut werden soll. Holzbretter, Mauersteine, Piratenfahne und Leiter werden wortlos angeschleppt. Und so rasch wie der mehrstöckige Bau im Geäst des Sprossels hochgezogen wurde, so schnell ist die Freude über das selbstgezimmerte Bauwerk schon wieder verloschen. Eine achtäugige, in Größe und Furchtbarkeit alle Käfer übertreffende Spinne nimmt das Fort ein und versieht die nun schon im vollen Saft stehende Pflanze samt Forzung mit einem umfassenden Netz. „Schroxxler! Titti Schroxxler” sind wohl Beschimpfungen in Richtung Eindringling, die man erst gar nicht zu übersetzen versuchen sollte.

Aus der launigen Käfergeschichte mit Sprachwitz ist rasch eine beinharte Naturreportage geworden; mit mehr Mimik, versteht sich. Die Großen siegen über die Kleinen, es gibt keine Geschenke in der Natur, jede/r ist sich selbst am Nächsten etc. Doch was uns die Natur und zahlreiche Dokumentationen über diese auch gelehrt haben, ist die Gewissheit, dass das vielfältige Tierreich einen immer noch größeren Kontrahenten im Talon hält. Mit einer gewaltigen Flügelspannweite, die zwei Drittel des Bildraumes einnimmt, fegt ein mächtiger Vogel über das Fort hinweg und nimmt die nun klein erscheinende Spinne mit, von der nur noch die schlaffen Beine zu sehen sind. Und die Käfer? Das Spektakel hat viele weitere am Boden angesiedelte Bewohner_innen aus der Nachbarschaft angelockt und diese freuen sich nun gemeinsam mit dem Trio über die soeben erblühte Farbenpracht: „An Freuenschuh! Ohhh. Iz an Freuenschuh! An mirobelli Freuenschuh!”

Carson Ellis illustriert eine frühlingshafte Parabel auf maßgebliche Naturkonzepte mit gewichtigen Namen wie „Wachstum“, „Gesetzmäßigkeit“ und „Vergänglichkeit“, die sich in den gezeichneten und üppig kolorierten Jahreszeiten widerspiegeln. Zugleich schafft sie und die deutschsprachige „Übersetzung” ein köstliches Sprachspiel, das Lust auf Sprache, wenn nicht sogar Lust auf Grammatik macht. Das Wunder Leben manifestiert sich allerdings nicht nur im Auf- und Abblühen eines gigantischen Freuenschuhs, sondern auch im Entpuppen einer grazilen Schmetterlingsdame, deren Kokon uns womöglich bis kurz vor Schluss noch gar nicht aufgefallen ist, einen einsamen Geigenspieler jedoch dazu anregt von Moll auf Dur zu wechseln. Ein hoch sympathisches Bilderbuch, das in der kalten Jahreszeit von der bunten Verheißung der Plumpsen und Sprossel verheißt und Vorfreude stiftet, auf jenen Moment, in dem wir auf den Boden blicken und fragen „Wazn teez?“


Peter Rinnerthaler

 

 

Von 30. Jänner bis 1. Februar absolvierte Yasmin El-Nady aus der Klasse 4B des BG Laaer-Berg Straße, Wien berufspraktische Tage in der STUBE. Ihre große Lust am Lesen hat sich sofort in einer Buchbesprechung niedergeschlagen:


Ill. v. Barbara Scholz. Carlsen 2017. € 7,20.

Oliver Scherz: Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika.

Ein aufregendes Abenteuer steht am Anfang dieses Kinderromans: Der siebenjährige Joscha und seine jüngere Schwester liegen schon spät am Abend im Bett, als plötzlich ein Elefant ans Fenster klopft. Der graue Riese erzählt ihnen von seinem Ausbruch aus dem Zoo und von seiner Suche nach seiner Familie in Afrika. Das große Tier bittet deshalb Joscha und Marie um Hilfe, da der Elefant Abuu nicht weiß wo, Afrika überhaupt liegt. Joscha und Marie sind bereit, sich Abuu anzuschließen und ihn auf ein großes Abenteuer zu begleiten. Sie begegnen dabei vielen listigen Tieren und sie müssen auch reihenweise Hindernisse und Orte überqueren. Das freundliche Kinderbuch zieht wohl die Meisten mit den einzigartigen Bildern und dem unverkennbaren Style an.

Yasmin El-Nady