Aus dem Franz. v. Katharina Knüppel.
Prestel 2018. € 25,70.

Gilles Clément und Vincent Gravé: Ein großer Garten

 

Großformatige Sachbücher haben derzeit Konjunktur. Für dieses mit 42 cm x 30 cm bemessene Buch braucht es aber eine besonders geräumige Lesesituation, wird es beim querformatigen Aufschlagen doch so groß (und vor allem lang), dass die Doppelseiten nur bei genügender Entfernung auf einen Blick erfasst werden können. Der von Katharina Knüppel aus dem Französischen übersetzte Titel sprengt jedoch nicht nur die Format-Grenzen des bisher Bekannten. Zugleich Sachbuch, Wimmelbuch und Bilderbuch, folgt es den Metamorphosen des Gartens im Rhythmus der Jahreszeiten und einem grundsätzlichen Ordnungsprinzip nach Monaten: Jedem Kalendermonat wird eine Doppelseite gewidmet, die jeweils einen kurzen (Sach-)Text auf der linken Seite mit einer abfallenden Wimmelbild-Illustration auf der rechten Seite kombiniert. Auch Suchhinweise gibt es. Diese fallen manchmal ganz traditionell und konkret, manchmal herausfordernd kryptisch aus, was den Suchspaß deutlich erhöht. Damit ist es aber auch schon vorbei mit den eingehaltenen Genrekonventionen.

So einiges fällt in diesem Buch aus der zeitlichen und räumlichen Ordnung, wenn das Jahr beispielsweise nicht bei Kalendermonat Nr. 1, sondern im Mai beginnt (wo ja die meisten Pflanzen gesät werden) oder der Weihnachtsmann schon im November auftaucht. Begonnen wird allerdings chronologisch, bei der menschheitsgeschichtlichen Entstehung des Gartens, wobei Gillés Clement in seinem lakonischen Ton die menschliche Transformation von Jäger- und Sammler_innen zu modernen Konsument_innen gekonnt auf den Punkt bringt:

Früher fanden [die Menschen] das Saatgut und die Pflanzen in der Wildnis, in der Nähe ihrer Dörfer oder sogar weiter weg, wenn sie auf Reisen gingen. Sie sammelten. Heute gehen sie in ein Geschäft. Sie kaufen.

Im Mittelpunkt steht damit gleich zu Anfang nicht der kleinbürgerliche Garten hinter dem Haus, sondern der kommerzielle Anbau von Gemüse und Früchten auf großflächigen, geordneten Feldern. Aber keine Sorge: die kleine private Wildnis findet genauso Platz wie der große Wald und die bunte Blumenwiese. Der Detailreichtum der Bilder, die gewohnte Größenverhältnisse und die Grenzen des Realen außer Kraft setzen, unterstreicht dabei stets die Formenvielfalt der Natur und die Magie des Wachsens. Die über- sowie unterirdischen Bildwelten werden als geheimnisvolle, vor Leben überquellende Labyrinthe inszeniert, in denen sich die im Text oftmals anthropomorphisierten Pflanzen und Wurzeln auf wundersame, aber selbstbestimmte Weise ihre Wege durch eine Natur bahnen, die sich vom Menschen nur bedingt domestizieren lässt. Die wimmelnden Gärtnerfiguren (deren schelmisch-absurder Diversität neben dem Vor- und Nachsatzpapier im Monat September eine ganze Bildseite gewidmet wird) treten dabei nicht als menschliche Gärtner_innen, sondern als mikroskopisch kleine, geschäftige Heinzelmännchen auf. De-individualisiert mit immer gleicher Latzhose und leeren Gesichtern, widmen sie sich immer neuen ausgefallenen Tätigkeiten, die einmal mehr, einmal weniger mit Gartenarbeit zu tun haben. Sie bewässern die Felder, pflegen das Grün, bauen Fernsehantennen aus Marienkäfern und schießen Brombeer-Teilchen mit Kanonenrohren durch die Lüfte.

Die feinen Zeichnungen voller intertextueller und kultureller Anspielungen entziehen sich zudem jeglicher traditioneller Wimmelbuchästhetik und erscheinen wie Ausschnitte eines Mikrokosmos, den wir uns durch den Blick eines Mikroskops erschließen. Pro illustrierter Seite übernimmt immer eine Frucht-, Gemüse- oder Pflanzensorte die Hauptrolle, die sich gemeinsam mit den vervielfachten Miniaturgärtnern, unterschiedlichen tierischen Bewohnern und gartenfremden Versatzstücken in hybride, surrealistische Landschaften einfügen. Immer wieder verstecken sich Augenpaare in den mal gewissenhaft strukturierten, mal wild wuchernden Gartendarstellungen. Faune verschmelzen als Götter der Natur ganz körperlich mit der Erde und futuristische Pflanzenarten erinnern eher an extraterrestrische Science Fiction als an botanische Dokumentation. Die sachliche Informationsvermittlung tritt dabei zugunsten der Imagination phantastisch-absurder Welten in den Hintergrund. Wenn sich Raumschiffe als Pilze tarnen und Spiegeleier aus Brombeeren platzen, dann erübrigt sich auch die Frage, wer zuerst da war, die Henne oder das Ei.

Die dazugehörigen Texte zeigen sich meist weniger übermütig, aber ebenso unkonventionell. Einerseits geben sie konkrete praktische Hinweise zu den Aufgaben eines Gärtners sowie allgemeine Informationen zur Pflanzenwelt. Angereichert durch kurze philosophische Exkurse und humorvolle Passagen, gehen sie andererseits aber deutlich über diesen sachlichen Aspekt hinaus:

Stets steckt [der Gärtner] die Hände in die Erde und schaut in den Himmel. […] Zwischen der Saat und der Ernte wacht der Gärtner, er staunt und … gärtnert. Gärtnern heißt zu verstehen, was passiert, und auf das zu reagieren, was nicht vorhersehbar war. […] Der Blumenwald lässt den Gärtner, der seine Hasen- und Ameisenaugen für ihn öffnet, staunen. Er versteht zwar nicht alles, aber er ist sehr interessiert. Also legt er sich hinein in den Wald und lauscht. Auch er versucht, mit den Pflanzen zu sprechen, er tut, was er kann. Manchmal schläft er dabei ein.

Der konstante Frohsinn der Gärtner erstarkt jedoch, als im Januar der Schnee des Winters und das Eis der Welt bis ins Wohnzimmer schmelzen. In poetischen und zugleich subversiven Zeilen stellt Gillés Clement Fragen nach der Zukunft der Gärtner des Planeten, denen Vincent Gravé ein apokalyptisches Szenario einer unter Wasser getauchten, verschmutzen Welt gegenüberstellt. Nicht nur in der Verbindung unterschiedlicher Genres liegt also die Stärke dieses bemerkenswerten Buches, sondern auch in seiner differenzierten Darstellung der vermeintlichen Oppositionen von Natur und Kultur, die zuletzt auch eine ökokritische Perspektive übernimmt.

Claudia Sackl

 

Passend zum Thema Garten hat das STUBE-Team eine Auswahl an Büchern zusammengestellt, deren Bandbreite vom Pflanzensachbuch über den Insektenkrimi bis hin zum Kunstmärchen reicht. Zur annotierten Themenliste geht es >>>hier

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


DVD. good!movies 2018. 97min. € 14,99.

Es war einmal Indianerland. Ein Trip von Ilker Ҫatak. Nach dem preisgekrönten Roman von Nils Mohl.



Lässig werden lange Haare zu einem Dutt gedreht und legen ein Nackentattoo frei. Mausers Blick darauf markiert ein Erkennen – und zeigt, dass der 17-Jährige angekommen ist.
Angekommen ist Mauser, nachdem eine dem Pool der verbotenen Schwimm-badparty entstiegene Venus ihn auf Umwege gebracht hat. Einem Paradiesvogel gleich hat Jackie ihn aus der Stadtrandsiedlung zum Powwow gelockt, mitten hinein ins knallbunte Festivalgeschehen, wo Mauser schwebend und halluzinierend mit sich selbst konfrontiert wurde.
Angekommen ist Mauser aber auch, weil er sich von Zöllner losgesagt hat. Er hat Zöllner, seinen Vater, nicht angeschrien wie geplant. Wie erhofft. Und doch wird er bei den Wettkämpfen antreten und dabei keine Angst vor seiner eigenen Biografie und Herkunft zeigen. Er wird sich im Stadtrand verorten und sogar Emmemms Boxhandschuhe tragen. Und er wird auf die Kraft derjenigen vertrauen, an die man sich halten kann: Edda.   
Sie ist diejenige, die die Mediacontrols als Tattoo im Nacken trägt. Die Frau mit der Bohrmaschine, der Gartenhütte und dem omahaften Teeservice, die den (Schutz-) Schirm über Mauser spannt, als dessen Leben in Brüche geht, weil Zöllner seine Frau umgebracht hat. Edda, die sich mit unerschütterlichem Humor und Lust an Westernmetaphern auf das Grünhorn einlässt und Mauser erdet, nachdem Jackie ihn hat abheben lassen.


Nils Mohls Roman „Es war einmal Indianerland“ erschien 2011 und wurde im Jahr darauf mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Verortet am Stadtrand einer deutschen Großstadt entwirft der Hamburger Autor damit eine (wie er es selbst nennt) Grammatik des Erwachsenwerdens, die er mit „Stadtrandritter“ und „Zeit für Astronauten“ vervollständigt. Verbunden sind die drei Romane durch Handlungsstränge und Figuren; nicht aber über einen chronologisch fortlaufenden Plot. Auch und insbe-sondere weil Nils Mohl grundsätzlich nicht chronologisch erzählt, sondern den Text jeweils als Arrangement seiner Einzelteile präsentiert – ganz der fragmentierten Wirklichkeit seiner Protagonist_innen entsprechend. Als verbindendes Element setzt er jene Mediacontrols (Play, Stop, Break, Fast Forward, Fast Backward) ein, die zu einer Art Label der Stadtrandtrilogie wurden. Die Fragmente von Zeit, Raum, Figuren und Entwick-lungs prozessen müssen im Lektürevorgang erst in einen sinnbildenden Zusammenhang gebracht werden; und spiegeln damit die Notwendigkeit der Figuren, die Bruchstücke ihres Lebens und Erlebens in einen sinnstiftenden Zusammenhang zu bringen.

Wie lässt ein solcher a-chronologisch erzählter Roman sich verfilmen?
Gar nicht, wäre man geneigt gewesen zu sagen, bevor man den Film gesehen hat.

Doch es handelt sich nicht nur per se um einen außergewöhn-lichen (und außergewöhnlich experimentierfreudigen) Film, sondern auch im Sinne der filmischen Adaption um einen ästhetischen Glückfall: Durch seine radikale Bekenntnis zur Romanvorlage lässt „Es war einmal Indianerland“ kommerziell weit erfolgreichere, auf Jugendromanen basierende Filme weit hinter sich (zieht sozusagen fast forward an ihnen vorbei). Mitverantwortlich dafür sind Max Reinhold und Nils Mohl selbst, die das Romangeschehen durch kluge Interventionen in ein dramaturgisch schlüssiges Drehbuch überführen; sowie der Regisseur Ilker Ҫatak, der 2014 für seinen Kurzfilm „Sadakat“ den Studenten-Oscar gewonnen und in der Folge trotz zahlreicher lukrativer Angebote am Indianerland-Projekt festgehalten hat; und natürlich Jan Ruschke, der für die rasante Montage der Szenen verantwortlich zeichnet und als Cutter für die Lola, den Deutschen Filmpreis 2018, in der Kategorie Bester Schnitt nominiert war. (Davor sollte sogar Beuys seinen Hut ziehen ...)
Zur Abspielfrequenz in deutschsprachigen Kinos stand die Qualität des Films jedoch in indirektem Verhältnis; in Österreich fand der Film nicht einmal einen Verleih, der zumindest dafür gesorgt hätte, dass man den Film drei Tage lang um 14.30 Uhr in Saal 7 des Artis-Kino auf einer Leinwand in Fernsehbildschirm-größe hätte sehen können. Aber jetzt (!) ist die DVD erschienen. Im Vergleich zum gelben Filmplakat ohne die Mediacontrols am oberen Bildrand des rosaroten (?) Cover. Aber wer wollte sich darüber erregen?


Nils Mohls Roman lebt (in seinem ersten Teil) vom literarisch spannungsvollen Verhältnis des Ich-Erzählers zum Boxer Mauser. Es handelt sich um ein in zwei Stimmen realisiertes
Erzählkonzept, das sich (Achtung Spoiler!) als Alter Ego-Version herausstellt. Der Film jedoch begibt sich gar nicht erst in einen Infight mit David Fincher, sondern übernimmt eine der beiden Stimmen ins Off. Diese Stimme nutzt die Du-Form, wenn sie Mausers Erleben kommentiert (und dabei zentrale Textpassagen des Romans neu arrangiert). Leonard Scheicher schafft es dabei die Gleichzeitigkeit von Verunsicherung, Verletzlichkeit und Selbstbestimmt der Figur stimmlich zu inszenieren. Mauser hingegen, der Boxer, wird von ihm verkörpert und bleibt dabei zurückhaltend-gewitzt.
Deutliche Akzente der Alter Ego-Figur fließen im Sinne des Adaptionsprozesses in die Figur des Kondor ein, der im Film deutlich mehr Raum und Bedeutung erhält und von Joel Basman als agressionsbereiter Gangsta für „Arme“ gegeben (und Kondors Großspurigkeit dabei mit herbem Witz karikiert) wird. Kondor bringt nicht mehr nur die Ereignisse um Jackie ins Laufen, sondern übernimmt die Rolle des Agent Provocateur, der Mausers Zweifel daran schürt, für Jackie nur zum Partyknüller mit Ghettocharme zu werden. Dieses Moment der Provokation jedoch wird immer expliziter als vertrackter Wunsch Kondors nach Mausers Aufmerksamkeit inszeniert – und damit als Gradmesser für Mausers Bekenntnis zur eigenen Herkunft. Dem entsprechend wird der Boxkampf zwischen Kondor und Mauser als ebenso cooler wie martialischer Fight mitten hinein in die Stadtrand-Szenerie gestellt.
Neben Jackie (Emilia Schüle), Edda (Johanna Polley) und Zöllner (Clemens Schick) wird Kondor zur vierten Zentralfigur, die Mauser am Beginn des Films mit den (rückblickend geschilderten) Ereignissen verknüpft. In einer grandiosen filmischen Exposition wird mit unterschiedlichen Wahrnehmungs-ebenen gespielt, indem radikale Verlangsamungen auf den Moment fokussieren und diese Momente dennoch in das (Erzähl-) Universum einbetten.
Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse in Mausers Leben, die an diese vier Figuren gebunden sind, werden wie im Roman auch hier a-chronologisch arrangiert. Die Bilder scheinen (wie die Stimmen in Mausers Kopf) nie still zu halten, das Vor und Zurück zeigt ihn als einen, der aus der Bahn geworfen wurde. Die Bilder werden radikal verlangsamt, wenn Mauser seine Lebens-Balance an einem von der Decke hängenden Tennisball erprobt, werden gestoppt, wenn Mauser Edda beleidigt, beschleunigen sich im Glücksgefühl über Jackies Gunsterweisung als Timelapses und kippt in surreal beschleunigte Stop-Motion-Technik, wenn Mausers selbstgefertigter Enegrydrink als chemischer Prozess aufschäumt. Es wird sichtbar durch die Story geswitcht und durch Crash Zooms innerhalb einzelner Sequenzen für Dynamik gesorgt.
Wie ein großer Spielplatz fühlt der Film sich an, bekennt Ilker Ҫatak im Audiokommentaren der DVD; situativ konnte er gemeinsam mit dem Team ästhetische Mittel und technische Möglichkeiten erproben – wobei Wes Andersen, Jean-Luc Godard oder Gus van Sant für einige Szenen ganz explizit Pate standen. Die Lust am Zitat und Arrangement entspricht Nils Mohls eigener Vorliebe dafür, Teile zu einer Einheit zu arrangieren und damit das Erzählte formal zu gestalten.


Mit dem Aufbruch zum Powwow, zum Musikfestival an der Grenze, erzählt der Film nicht mehr rückblickend und verzichtet auf das Moment des A-Chronologischen. Die rituelle Devastierung Mausers, aus der ein neues Ich hervorgeht, wird als eine Art Endlos-Trip realisiert; sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Einerseits wird das Geschehen fast halbdokumentarisch in das polnische Garbicz-Festival eingebettet, andererseits werden die Farben und Facetten eines Drogentrips bis an die Schmerzgrenze ausgereizt und – wie der gesamte Film – mit dem suggestiven Sounddesign von Acid Pauli unterlegt.
Dann ein radikaler Schnitt: Auch Zöllner treibt sich am Festival herum; wohl um unerkannt über die Grenze abzuhauen. Mausers finale Begegnung mit ihm findet im entleerten Waldgebiet am Rande des Festivals statt. Ein Forst, der abgeholzt und vertrocknet erscheint und vorwegnimmt, dass Mausers Wut auf Zöllner letztlich verlöschen wird. Für den Übertritt in ein Leben nach Zöllner jedoch bedarf es des expliziten Übergangsrituals. Und auch wenn der totgefahrene Eber hier nicht mühselig an des See geschleppt werden muss und die Bohrmaschine nicht sichtbar 17 Löcher in Kreuzform ins Kanu bohrt, so wird die Szene am See doch zu einer der berührendsten des Films. Denn mit dem Eber und Zöllner (Stichwort: Mütze) lässt Mauser auch den Indianer gehen – die in sich ruhende Figur, die Mauser den Weg weist in ein selbstbestimmtes Leben (und damit wohl auch ins Erwachsenwerden).


Und dann, natürlich: Edda. Noch einmal. Denn dargestellt von der anbetungswürdigen Johanna Polley ist sie es, die mit ihrer Direktheit, ihrem schiefen Grinsen und ihrem leicht abwegigen Humor diesen Film prägt. Sie ist es, die Mauser Mauser sein lässt und letztlich zur Indianerfrau wird, die das Greenhorn heimführt.



Heidi Lexe

Wer Lust auf mehr hat ist herzlich an die Universität Wien eingeladen:
Am Donnerstag, den 3. Mai 2018 wird Nils Mohl in der Vorlesung Kinder- und Jugendliteratur und ihr filmischen Adaptionen zu Gast sein. Im Werkstattgespräch mit Heidi Lexe wird es anhand zahlreicher Filmausschnitte um „Es war einmal Indianerland“ gehen. (Hauptuni, HS 33, 18.30 Uhr)
Danach ist Nils Mohl der Eröffnungsreferent der STUBE-Fernkurstagung „Timewarp und Taschenuhr“ in Strobl und wird dort auch aus der Stadtrandtrilogie lesen.

Nils Mohls ganz persönlicher Drehbericht kann auf seiner Homepage nachgelesen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Tyrolia 2018. € 14,95.

Michael Roher: Frosch
und die abenteuerliche Jagd nach Matzke Messer

Vorab eine Klarstellung: Es liegt natürlich NICHT am Titel, dass ausgerechnet ein Frosch die Kröte des Monats bekommt. Zumal es in diesem Kinderroman überhaupt nicht um einen Frosch geht. Worum es dann geht? Nun ja, um Frosch, die eigentlich Lupinie Anneliese Meltzer heißt, aber eine Vorliebe für die Farbe Grün hat. Und, wie der Titel schon sagt, um Matzke Messer, einen Kinderfresser. Darüber hinaus aber auch um eine aus Versehen in einen Drachen verwandelte Hexe, eine irrtümlich auf den Mond verschossene menschliche Kanonenkugel, eine Gurke mit Gehirnerschütterung – um nur einige Aspekte anzusprechen. Neben der im besten Sinne völlig durchgeknallten Geschichte überzeugen die einigermaßen ungewöhnlichen Hauptfiguren, die sich das STUBE-Team daher genauer angeschaut hat…

Frosch

Dass eine gute Ausrüstung wesentlich für das Gelingen von Abenteuern ist, wissen wir spätestens seit John Fardells genialem Bilderbuch „Der Tag, an dem Louis gefressen wurde“ – dort war es übrigens ein Schluckauf-Frosch, der nach einer Verfolgungsjagd den gefressenen kleinen Bruder in einer Hicks- und Rülpsparade aus dem Inneren der Ungeheuer hinauskatapultiert hat. So spricht es für die Kompetenz von Frosch, dass sie ihren Rucksack bereits drei Wochen vor Beginn des erhofften Abenteuers mit allem befüllt hat, was sie so brauchen könnte – darunter so nützliche Dinge wie ein Lexikon über Vampire, Naschvorrat für siebzehn Wochen und eine wasserdichte Dose für geheime Unterlagen. Dass die Urlaubsdestination ein Gurkenbauernhof in Hinterschweinsbach ist, tut ihrer Abenteuerlust nur kurz Abbruch, denn sobald sie das Gerücht vom Kinderfresser Matzke Messer hört, ist klar, dass es selbst an diesem langweiligen Ort eine wichtige Mission für sie gibt. Die Entschlossenheit, mit der sie an einem Knackpunkt der verwickelten Geschichte ihren prall gefüllten Rucksack kurzerhand verkauft, um an einen weit wichtigeren Gegenstand zu kommen, ist ein weiterer Beweis für die Genialität dieser wunderbar unkonventionellen Mädchenfigur – denn was nützt die beste Ausrüstung, wenn man verloren im Universum gelandet ist und sich nach Mama und Papa sehnt?

Kathrin Wexberg


Achtung, Achtung!

Haltet eure Glitzerhüte und Schminkkästen fest, behaltet euren Nagellack bei euch und schließt die Kleiderschränke zu, denn hier – kommt – Gunnar. Gunnar Gürkchen von Gutenstein aka Tinkerbell die Zauberfee findet nämlich Gefallen an allem, was glitzert und glänzt, sei es sein neuer pinkfarbener Nagellack oder das „hinreißend sexy Galaxy-Gunnar-Glitzerkostüm“, das er sich eigens für den Weltraumausflug zusammengestellt hat. So eine Gelegenheit zur modischen Selbsterprobung lässt er sich auf keinen Fall entgehen. Schließlich sollte eine Gurke von Welt stets wohl-gepflegt und schick auftreten, wenn sie schon mal die Möglichkeit bekommt, aus der Gurkenkiste hinaus ein paar Schritte in die große weite Welt zu machen. Seine guten Manieren hat Gunnar für solche Situationen auf jeden Fall längst perfektioniert! Selbst mit Gehirnerschütterung und verlorenem Gedächtnis weiß er noch immer über die Gepflogenheiten gurkigen Zusammenseins Bescheid und lässt, wenn es denn sein muss, auch gerne mal die Hüllen fallen. Einer muss es ja tun. Hin und wieder kann es übrigens auch vorkommen, dass er vor lauter Überschwang ein paar Küsschen verteilt, das Eis muss ja irgendwie gebrochen und der eigenen Freude Ausdruck verliehen werden. Doch wehe es sind seine frisch lackierten Fingernägel, die brechen, dann kann man sich mit tausendprozentiger Sicherheit auf einen hysterischen Anfall gefasst machen – Nobody is perfect!

Julia Krokoszinski


Steckbrief einer Senfgurke

Name: Big G.
Styling: Leder, je Kluft desto yeah
Lieblingsessen: Butterbrot mit Senf
(ohne Schinken, ohne Kren, vor allem aber: ohne Gurkerl)
Lieblings-Lokal: Big George in Timelkam
Stadt: Cumberland, Maine, U.S.
Song: Gangstas Paradise (Coolio)
Comic: Sin City
Roman: Wir pfeifen auf den Gurkenkönig
Schauspieler: Benedict Cumberbatch
Schauspielerin: Amandla Stenberg (Bussi, Bossi!)
Film/derzeit: Black Panther
Film /all time: Malcolm X
Serie: Luther (Idris Elba: Bussi, Bossi!)
Autor_in: Angie Thomas
Illustrator_in: Michael Roher
Künstler_in: Banksy
Musiker_in: Keith Richards
Wer ich gerne sein möchte: Captain Jack Sparrows Vater
Was ich gerne sein möchte: So cool wie Jack Sparrows Vater (Bussi, Bossi!)
Motto: THUG Life

Heidi Lexe


Die Sprachkünstler_innen

Rudi Junior und Gina di Centriolo
Krasser könnte der Unterschied zwischen den beiden sprachauffälligsten Figuren der Erzählung nicht sein. Auf der einen Seite die unwiderstehliche Gurkendame Gina die Centriolo, die stets weiß, was Sache ist und dies schwungvoll mit keckem Akzent auf den Punkt zu bringen weiß: „Haben wir eine Wahl? Ik meine, diese Alte maken una Insalata aus uns, wenn sie nikt bekommt ihre Essen!“ Die Rede ist in diesem Fall von der jähzornigen Hexe namens Walpurga Graupner, die am Gretelweg 7 in 6666 Hinterschweinsbach wohnt und unbedingt Rübeneintopf von ungebeten Gästen verlangt. Auch die Hexe Graupner hat steile Sprüche wie „Achselschweiß und Schwefelfurz“ drauf, soll aber nicht ablenken von den eigentlichen Sprachwundern. Noch eine Kostprobe von Gina gefällig? „Ik halte keine zehn Minuten mehr aus mit diese Putzfimmel-Mumie! No! Mökte ik lieber sterben, als wenn ik muss bleiben nok länger mit diese Ekin Azea unter eine Dak.“ Wenn Sie sich nun fragen, wer oder was ist Ekin Azea? Das ist die angesprochen Mumie mit Sauberkeitsdrang und auch sie trägt mit ihrer Namensgebung zum unersättlichen Humor Michael Rohers bei. Doch auch sie soll nicht den Weg versperren für die zweite Sensation, wenn es um Sprache geht. Auf der einen Seite haben wir also Gina, die mit glasklaren Ansagen sowie italienischem Akzent für Ordnung und mit ihrem herzhaften „Mamma mia!“ für heitere Stimmung sorgt. Auf der anderen Seite steht der Bauernsohn: Junior genannt, ein eher wortkarger Junge, der jedoch mit einwandfreiem Dialekt glänzt und dessen Sprachvarietät wohl dem Vierländereck Wald-, Most-, Mühl- und Traunviertel zuzuordnen ist. Auch hier soll ein Beispiel für Verständnis sorgen: Als Junior von Mücke gefragt wird, ob es denn nicht es etwas Aufregendes am Hof gebe, Kampfstiere zum Beispiel, antwortet dieser mit den Worten: „Na. Nua Guakn.“ Über die weiß er allerdings für seine Verhältnisse viel und exaltiert zu berichten: „Na jo. Hauptsächlich hom mia do Guakn. Mi mochan jo Semfguakn, oiso so einglegte Guakn im Glasl mit Semfkeandl und Essig und Zucka und so, kennst de?“ Junior ist jedoch nicht zu unterschätzen, weder sprachlich noch als Antriebsmotor für den crazy Verhandlungsverlauf. Schließlich ist er es der Frosch von dem titelgebenden Matzke Messer berichtet: „Jo, a Kinderfresser is des, ana vo de gonz oagn! Zumindest sogt des de oida Meier. Owa, ehrlich gsogt, de gute Frau hot an ziemlichen Sprung in da Schissl, wonnst verstehst wos i moan?" Wir verstehen Junior selbstverständlich und können von dieser charmanten Mundartkunst gar nicht genug bekommen. Daher muss auch unbedingt Juniors letzter Satz zitiert werden: „I schlof im Bett ei und wonn i aufwoch, bin i iagndwon im Goadn oda in da Stubm oder wo.“ [Dieser Satz könnte auch für den begeisterten Verfasser dieses kurzen Beitrags zutreffen, wenn man „Stubm“ mit STUBE übersetzt.) Das allerletzte Wort bekommt aber die bezaubernde Gurke Gina Gina di Centriolo, die mit folgender Zeile gut und gerne die Meinung des STUBE-Teams über Michael Rohers neuem Kinderroman aussprechen darf:
„Das ist ja fantastico! Una Sensazione! Ragazzi!“

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


kunstanst!fter 2018. € 24,70.

Kaugummi verklebt den Magen*

*Ein nicht ganz so wahres Buch von Christina Röckl

Aus dem „Dada Manifesto“, 1918:
„Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhytmen [sic!], […]“ (Richard Huelsenbeck)

Aus dem Kaugummi Manifesto, 2018:
„Wir [erwachsene Menschen] tun doch tatsächlich so, als wüssten wir alles. […] Deshalb wollen wir sie [Kinder] manchmal einfach nur verkackeiern“ (Christina Röckl)

In knapp einem Monat (12. April 2018) wird die berühmte Grundsatzerklärung der Kunstbewegung Dada 100 Jahre alt. Genau zur richtigen Zeit – also jetzt – erscheint Christina Röckls zweites Bilderbuch, das man nicht besser als mit Richard Huelsenbecks Worten beschreiben kann: „ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhytmen [sic!]“. Eine Zutat fehlt in dieser Beschreibung allerdings noch und das ist das, was Christina Röckl einleitend mit „verkackeiern“ herrlich frech umschreibt: die vorsätzlich kreative Lüge. „Kaugummi verklebt den Magen“ ist ein bildgewaltiges Manifest gegen Fake-News, wie man das im Jahr 2018 wahrscheinlich bezeichnen darf und gleichzeitig ist das Bilderbuch eine augenzwinkernde Hommage an die unerschöpfliche Kreativität der Erwachsenen, wenn es darum geht Abstrusitäten wie „Wer zu lange in die Glotze guckt, kriegt viereckige Augen“ in die Welt zu setzten.

Dadaistisch ist die Form, dadaistisch ist der Inhalt und vor allem ist die „nicht ganz so“ ernsthafte Haltung gegen Wissensvermittlung dadaistisch, die Christina Röckl bereits in ihrem Fußnotenuntertitel anspricht und damit strenge Mentalitäten anprangert, wie auch vor 100 Jahren Hugo Ball, George Grosz, Hans Arp und Co. den ach so dogmatischen Expressionismus anprangerten. Dada hin, Dada her. Wenn man das fast quadratische Bilderbuch zum ersten Mal in Händen hält, wird schlagartig klar, dass es sich nicht um ein schnell-schnell produziertes Stück Kinderliteratur handelt. (Doch wer den kunstanst!fter Verlag kennt, ist ohnehin vorgewarnt!) Das 26 Seiten umfassende Buch ist satte 13 Millimeter dick und das „Aufschlagverhalten ist gut“, wie es Christina Röckl in einem Interview selbst formuliert. Dafür sorgt eine spezielle Bindung, die extra für dieses Buch mit den extra üppigen Einbandpappen angewandt wurde. Dass die Haptik, die durch den vorgetäuschten Umfang selbst eine Mogelpackung darstellt, für Christina Röckl ein Herzensanliegen ist, merkt man rasch, wenn sie über Bücher spricht oder wenn sie wie bei einem >>>STUBE-Freitag in Workshops mit Bilderbuchfans Druck- und Bindetechniken erprobt.

Erprobt hat sich Christina Röckl mit diesem Bilderbuch aber auch selbst. Sie lotet nicht nur die Grenzen der Materialität aus, sondern kreiert auch auf der erzählerischen Ebene ein regelrechtes Spektakel der Bilderbuchkunst. Bild und Text verbinden sich hier nicht parallel oder im Zopf oder kontrapunktisch (wie das Jens Thiele einst unterschied). Für die Röckl‘sche Form des Erzählens müssen erst noch Begriffe erfunden werden. Vielleicht könnte man es als eine mit Bild und Text arbeitende Klimax der Expressivität bezeichnen. Das ist natürlich positiv gemeint und verweist darauf, dass es nicht immer Sinn macht nach Strukturen zu suchen, sondern vielmehr die Wirkung des Kunstwerkes für sich sprechen zu lassen. Denn wie die vielen unterschiedlichen Textbausteine – Sprechblasen, Newsbanner, Beschriftungen, Lexikonartikel, Fahneninschriften, Wegweiser und vieles mehr – mit der artifiziellen Illustration korrespondieren, tritt tatsächlich in den Hintergrund. Bild ist Text und Text ist Bild und am Ende gehen die sonst meist gut zu trennenden Ebenen völlig ineinander auf. Was bleibt ist ein gewaltiges rhythmisches Farbrauschen, das es im Bilderbuch so wahrscheinlich noch nicht gegeben hat.

„Kaugummi verklebt den Magen“ ist ein Buch für alle, die noch nie etwas von Fußnoten gehört haben, für alle, die Bilderbuchkunst schätzen, für alle, die schon viele Fußnoten gesetzt haben, für alle, die die schrägsten Bilderbuchfiguren kennenlernen wollen und vor allem für jene, die glauben, dass Spinat Muskeln wachsen lässt, Cola die Füße schwarz einfärbt, drei Mal küssen Babys macht, beim Schielen die Augen stehen bleiben, …

Peter Rinnerthaler

Für alle, die mehr über „Kaugummi verklebt den Magen“, über Christina Röckls erstes Bilderbuch "Und dann platzt der Kopf", für das sie den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat und über Christina Röckl selbst erfahren möchten, gibt es ein ausführliches Video-Interview mit Peter Rinnerthaler. STUBE-Card-Inhaber_innen finden die Videos im exklusiven >>>STUBE-Card-Bereich

Wer noch keine STUBE-Card besitzt, die Videos sehen will und auch die umfangreichen Serviceleistungen der STUBE genießen möchte, kann sich >>>hier informieren und auch anmelden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Franz. v. Maren Illinger.
minedition 2017. € 15,40.

Emmanuel Bourdier und ZÄU: Haselnusstage

Ein Credo des STUBE-Teams lautet: Wir lieben Paratexte. Zum Beispiel kryptische Widmungen vor der eigentlichen Erzählung oder interessante Zusatzinfos über die Gestaltung bei Comics/Graphic Novels oder seitenlange Dankesworte im Anhang. Vorsichtig und Zurückhaltung ist allerdings bei der Lektüre von Klappentexten geboten. Wer möchte schon gespoilert werden oder die Lektüre von modischen Schlagwörtern beeinflussen lassen? Auch bei „Haselnusstage“ empfiehlt es sich nicht sofort auf die Rückseite des Bilderbuchs zu blicken, sondern ganz konventionell vorne zu beginnen und im Impressum zu lesen, dass das Buch vom Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis unterstützt wurde oder sich zu wundern, dass sich Emmanuel Bourdier bei Zikaden bedankt, „denen meine Schwester und ich immer gelauscht haben.“

Einmal umblättern und man liest „14 Uhr / Heute riecht Papa nach Pfefferminze. Mist. Ich mag es lieber, wenn er nach Haselnuss riecht.“ (Somit wäre auch das erste Paratextmysterium bereits mit Satz Nummer eins gelüftet). Gegenüber sieht man das strahlende Gesicht des Vaters, das auf einer ganzen Seite groß in Szene gesetzt wird: ein breites Kinn, buschige Augenbrauen, schwarze und kurzgeschnittene Haare, schneeweiße Zähne, die das heitere Lächeln besonders hervorheben. Diese Nahaufnahme des väterlichen Kopfes stellt keine Ausnahme dar, sondern kann wohl als das ästhetische Spezifikum des Illustrators ZÄU bezeichnet werden. Fast in allen Illustrationen führt er die Betrachter_innen mitten in die Szenerie, indem er angeschnittene Gesichter oder zumindest Figuren im Brustbild zeigt, wodurch ein intensiver Mix aus Nähe und Enge entsteht. Der Fokus liegt somit auf der Mimik des jungen Ich-Erzählers und die seiner Eltern und dadurch auch auf deren emotionaler Einstellung.

Das intime Familienporträt wird sowohl auf der Bildebene als auch auf der Textebene erzeugt. Die sprachliche Entsprechung der Nahaufnahmen sind die nuancierten Beobachtungen und Überlegungen des Jungen: „Ich weiß, dass Papa mein Papa ist, wenn ich nur seine Ohren anschaue. Wir sind die beiden Einzigen auf der Welt, die mit den Ohren nach oben und unten und rechts und links wackeln können. Mit der Zunge die Nasenspitze berühren oder die Nasenlöcher aufblähen, das können doch viele auf dem Planet Erde. Das mit den Ohren können nur wir.“ Zu sehen ist das halbe Gesicht des Jungen und noch größer des Vaters Hinterkopf mit weiß herausleuchtendem Ohr. Text und Bild können in dieser konzentrierten Kombination einen äußerst persönlichen Einblick in die Vater-Sohn-Beziehung geben. Die intensivierte Nähe erzeugt über die Doppelseiten hinweg auch ein Gefühl der Enge, das für das Thema des Bilderbuches noch von zentraler Bedeutung sein soll. Auch über die Beschreibung des Geruchs „Hinter der Minze riecht es nach Zigaretten. Papa hat wieder angefangen zu rauchen. Schon das dritte Mal in sechs Monaten.“, gelingt es Bourdier, dass man dieser Beziehung oft näherkommt, als man es vielleicht möchte. Das gilt vor allem für jene Szene, in der der Vater zornig wird: „Er hat mich am Arm gepackt und mir richtig ein bisschen wehgetan.“ Grund war die „Fünf im Diktat“.

Dargestellt werden die fröhlichen und die traurigen Momente in groben Kreidestrichen, die eine schwarz-braun-weiß-graue Farbpalette nicht verlassen. Zur Universalität der Erzählung über das Thema Familie unter besonderen Umständen trägt zudem die Aussparung spezifischer Merkmale bei, die Rückschlüsse auf eine bestimmte räumliche Verortung ermöglichen würden. Ob das Bilderbuch in Frankreich, Mexiko oder Russland spielt, ist irrelevant. Es spielt in einem städtischen Milieu, der Rest bleibt Interpretation. Stichwort Interpretation! Folgt man den Erzählungen des Jungen, der die Hochs und die Tiefs der väterlichen Beziehung schildert, der in Rück- und Vorausblicken davon erzählt, wie glücklich und betrübt er sein kann, lässt bis knapp vor Ende zwar durchklingen, dass das Verhältnis zu seinem Vater von einer sehr hohen Intensität bestimmt ist, doch dass sich all das Erzählte und Reflektierte innerhalb einer einzigen Stunde in dem Besucher_innenzimmer eines Gefängnisses abspielt, bleibt bis zur letzten Doppelseite offen. Der Klappentext verrät dies, wenn es heißt: „Eine Stunde. Eine Stunde mit ihm. […] Eine Stunde, um all die anderen zu vergessen.“ Das Moment der Überraschung, das dieses Bilderbuch auszeichnet und das das Moment der Überraschung auf geschickte Weise inszeniert, darf allerdings nicht nur als eine Art Pointe verstanden werden. Als plötzlich Gitterstäbe und ein Wärter auftauchen beginnt man zu überlegen, ob es bereits illustratorische Indizien für die Gefängnisszenerie gab oder ob der Junge bereits im Text darauf verwiesen hat. Nicht wirklich lautet die Antwort. Kahle Wände, schmuckloses Geschirr tauchen im Bild zwar auf, geben jedoch keine eindeutigen Hinweise. Das Bilderbuch-bestimmende Moment und somit der eindrücklichste Anhaltspunkt ist die Intensität, mit der die Beziehung beschrieben wird, aber auch die sprachlich äußert klug gelöste Passage, in der es um die in der Schule gestellte Frage nach dem Beruf des Vaters geht und die abermals auf die fein abgestimmte Gefühlslage des Jungen verweist: „Am Anfang, als meine Freunde mich fragten, welchen Beruf Papa hat, wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte. […] „Aber jetzt weiß ich, was ich antworte: Wolkenbildhauer, Maulwurfsbändiger, Schimpfworterfinder.“ Dank einer poetischen wie fantasievollen Taktik gelingt es dem Jungen auszuweichen und dennoch die persönliche wie liebevolle Einstellung zu seinem Vater zu formulieren, die er an einer anderen Stelle auch auf wehmütige Weise auszudrücken weiß: „Aber leider ist er auch ein … Leermacher, Geisterkönig, Nebelfabrikant.“

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Carlos Spottorno & Guillermo Abril: Der Riss

„Die ukrainische Regierung und die prorussischen Rebellen im Osten des Landes haben am Mittwoch [27.12.2017] hunderte Gefangene ausgetauscht.“ (Wiener Zeitung, 28.12.2017)

Was wie ein überraschendes Weihnachtswunder wirkte, war jedoch eine langfristig geplante Aktion zwischen den beiden verfeindeten Seiten. Dass in einem EU-Nachbarland (seit nun über drei Jahren) Krieg herrscht und dass es überhaupt Kriegs-gefangene gibt, scheint allerdings niemanden mehr zu wundern. Für wesentlich mehr Verwunderung und Medienpräsenz sorgt ein sich anbahnender, militärischer Konflikt zwischen Nordkorea und den USA, wo sich am 20. Jänner 2018 der Amtsantritt Donald Trumps als US-Präsident zum ersten Mal jährt. Viel Kritik musste dieser jeher für sein Vorhaben einstecken, eine Mauer an der mexikanischen Grenze errichten zu wollen. Ein Gros der Schelte kam aus der Europäischen Union, was für Guillermo Abril, dem spanischen Reporter, der für den Text der Graphic Novel „Der Riss“ verantwortlich war, nicht nachvollziehbar ist:

„Mehr als Verlogenheit sehe ich in dieser Kritik reines Unwissen. Wissen wir EuropäerInnen in den verschiedenen Ländern überhaupt, dass es Mauern mit dem gleichen Ziel in Melilla, in Griechenland und in Bulgarien bereits gibt?“

Guillermo Abril und der Dokumentarfotograf Carlos Spottorno haben die Mauern und Zäune Europas selbst gesehen, sie haben sich an die Grenzen der Union begeben, zwei Jahre lang darüber für eine Zeitung berichtet und am Ende eine Graphic Novel über die fatale Lage in Nordafrika, Griechenland, Italien, Ungarn, dem Baltikum, Polen und Finnland publiziert. Via Polen gelangten sie auch in die Ukraine, wo in diesem kurz nach Weihnachten wieder angesprochenen Krieg bereits 9.000 Tote und 20.000 Verletzte verzeichnet wurden und wo laut Guillermo Abril von der Öffentlichkeit unbemerkt 500 US-amerikanische und kanadische Soldaten stationiert sind, um „die ukrainischen Truppen zu trainieren“.

Das Cover dieser Graphic Novel, zeigt allerdings keine Kriegsszenerie, sondern ein junges Mädchen auf hoher See, mit Schwimmweste, gerettet von Mundschutz-tragenden Männern. Das Thema Flucht steht im Raum. Die beiden Journalisten fokussieren allerdings nicht ausschließlich auf die Migrations-ströme der letzten Jahre, sondern legen eine Reportage über die Europäische Union und deren Brüchigkeit vor, in der die katastrophale Lage im Mittelmeer als eine von mehreren Zerreißproben für die EU dargestellt wird.

„Der Riss“ dient als Metapher, um die Geschehnisse an den Grenzen Europas verstehen zu können. Zu komplex und zu unmenschlich sind die Umstände, die die Reporter in der Exklave Melilla, auf Lampedusa oder in Ungarn erleben und nach der nun abgeschlossenen Berichterstattung in Comicform veröffentlichen. Mit nachbearbeiteten Fotografien und sachlichen Infotexten entsteht ein ästhetisches wie journalistisches Kunstwerk zur Vermittlung europäischer Zeitgeschichte, die die beiden Journalisten kaum fassen konnten:

„[…] wir erlebten die Tragödie auf dem Mittelmeer, als wir bei einer Rettung von Geflüchteten auf hoher See dabei waren, und wir hatten Zugang zum größten Geflüchtetenlager Europas, auf Sizilien. In diesen Momenten war es unvorstellbar, dass das alles nur ein Jahr später noch in den Schatten gestellt werden würde durch die größte Fluchtwelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Zeit und Distanz zu diesen ersten Reisen Anfang 2014 öffneten uns die Augen. Wir begannen, die Spannungen zwischen den euro-päischen Ländern, die von den Grenzen ausgingen, schärfer zu beobachten: Schengen wurde ausgesetzt, der Populismus und der Nationalismus wuchsen, der Brexit, Trump … Europa und die Welt veränderten sich, je stärker die Risse aufbrachen, von denen wir im Buch sprechen.“, fasst Guillermo Abril in einem im Anhang abgedruckten Interview zusammen.

Um diese schwerwiegenden sowie komplexen Ereignisse und Zusammenhänge in eine nachvollziehbare Erzählung bringen zu können, wählen Spottorno und Abril eine Form, die man durchaus als zeitgenössischen Trend am Comicmarkt bezeichnen darf: die dokumentarische Graphic Novel, die einen hohen Authentizitätsanspruch verfolgt. Selten wird dieser allerdings so klar formuliert und zu verbürgen versucht, wie im Impressum dieser Graphic Novel:

„Alle Geschichten in diesem Buch sind real und entsprechen den Erlebnissen der Autoren auf ihren Reisen, die für die hier zusammengestellten Reportagen dienten. Die Reihenfolge wurde für ein besseres Verständnis der Geschichte mitunter verändert. Über die farbliche Bearbeitung aller Fotos hinaus wurden einige Aufnahmen gedreht, Horizonte begradigt und optische Ver-
zerrungen korrigiert, um die visuelle Erzählung zu erleichtern.


Was hier äußerst sachlich klingt, beschreibt jedoch sehr gut, wie gearbeitet wurde. Durch die Modifikation der Bilder entstand eine außergewöhnliche Ästhetik, der der Spagat zwischen dokumentarischem Journalismus und anspruchsvoller Kunst gelingt. Daneben können dank der Comictechnik und der sequenzierten Bildabfolge Fluchtnarrative sehr eindrucksvoll nacherzählt werden, aber auch emotionale Momente erzeugt werden, wenn etwa auf Lampedusa angeschwemmte Alltagsgegenstände der Flüchtenden wortlos nebeneinander-gestellt werden. Dass dahinter ein durchdachtes Bild- und Textprogramm steht, bemerkt man schnell und wird von Carlos Spottorno auch reflektiert:

„Als ich darüber nachgedacht habe, wie man die Reportage so erzählen kann, dass Text und Foto gleichberechtigt sind und sich gegenseitig bereichern, habe ich mich mit der Graphic Novel beschäftigt und erkannt, dass das die perfekte Sprache für uns ist.“

Carlos Spottorno und Guillermo Abril schaffen somit auch „die perfekte Sprache“, um neu aufkeimenden antieuropäischen Haltungen entgegentreten zu können, um Fakten und Bilder in ordentlich recherchierter und technisch hochwertiger Form in der Hand zu haben und um Jugendlichen wie Erwachsenen verständlich zu machen, wie wichtig ein funktionierendes Europa für kommende Krisen ist.

Peter Rinnerthaler