Ill. v. Aleksandra Mizielińska und Daniel Mizieliński.
Aus dem Poln. v. Thomas Weiler. Moritz 2019. € 25,00.

Michał Libera und Michał Mendyk: Wie das klingt! Neue Töne aus aller Welt

Knistern, Rascheln, Gluck, Schluck, Blätter rascheln, vor, zurück, vor, zurück, Kichern, Rascheln, zurück, Aha, Schluck, Rascheln, Rascheln, Ahaaa, Klick, Klick, Tak tak tak tak, Klick, Kreischen, Quietschen, Pfeifen, Rattern, Klick, Rascheln, Lachen, Luftholen, Rascheln, Knistern, Rascheln, Flapp – Buch zu. So (oder so ähnlich) klang wohl die Tonspur meiner Lektüre jenes Sachbuchs, in dem der polnische Musikdramaturg und -kurator Michał Libera gemeinsam mit dem Musikjournalisten Michał Mendyk nicht nur „Töne aus aller Welt“ – wie der Untertitel ankündigt –, sondern auch aus allen möglichen (wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen) Klangkörpern versammelt.

Wie wir über Musik, Klänge und das Hören nachdenken, möchte das grelle quadratische Büchlein dabei auf spielerische Weise (trans-)formieren. So deklariert es gleich zu Beginn mutig-provokant: „Es gibt keinerlei Unterschied zwischen der Stimme von Lady Gaga, dem Getuckere eines Traktormotors und den ‚künstlichen‘ elektronischen Geräuschen von Computern oder anderen Klangmaschinen.“ Dass es diesen Unterschied natürlich sehr wohl gibt, all dies aber Schwingungen der uns umgebenden Materie sind, fächert das Buch auf gut 200 Seiten auf ungemein informative, unterhaltsame und abwechslungsreiche Weise auf. Und macht dabei ein schier endloses Spektrum an lauten und leisen Tönen, informativen Details und spannenden Musiker_innen (leider ist das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Künstler_innen jedoch etwas unausgewogen), ausgefallenen Techniken und einzigartigen Kompositionen auf, das wohl die Neugierde eines/einer jeden Betrachter_in weckt.

„Musiker sind Hinhörer“

Zunächst einmal müssen aber auch hier die Grundregeln geklärt und erläutert werden, wie Geräusche (=Schall) als schwingende Moleküle ihre (für uns unsichtbare) Vibrationen (=Schallwellen) an ihre molekularen Nachbarn weitergeben: vom Geräuschproduzent über die Luft bis zum menschlichen (oder tierischen bzw. maschinellen) Ohr. Über die ebenfalls schwingenden Stationen Ohrmuschel – Trommelfell – Hammer – Amboss – Steigbügel gelangen die Informationen schließlich in unser Gehirn, wo sie in „Höreindrücke“ umgewandelt werden. Wir haben also etwas gehört – und können das Geräusch in den meisten Fällen sogar identifizieren und verorten. Basierend auf dieser gleich anfangs vorausgeschickten Grundlage erklären die Autoren nicht nur Geräuschphänomene aus der Natur – wie das Echo und die vermeintlich blinde, mit ihren Ohren sehende Fledermaus –, sondern legen neben den durchaus wandelbaren Spielregeln der Musik (inklusive Obertöne, Mikrotöne und Halbtonschritte) zum Beispiel auch offen, wie seismografische Sensoren funktionieren und wie gefälschte Tonaufnahmen produziert werden.

„Alles ist Musik“

Im Zentrum des Buches steht dabei stets die Grundannahme, das alles – wirklich alles! – immer klingt. Von Alltagsgeräuschen wie das Hupen der Autos und das Zwitschern der Vögel, über Instrumentaltöne und die menschliche Stimme, bis hin zur ganzen Welt als Hör-Raum wird ein Bogen gespannt, der nicht nur zeigt, wie man aus Geräuschen des Alltags Musik macht, sondern ganz grundlegend infrage stellt, ob man Musik überhaupt „machen“ muss. Ob sie nicht einfach „(da) ist“. Scheinbar mühelos übertragen die beiden Verfasser ihre Faszination für das ständig schwingende Material, das uns allerorts umgibt, auf die Leser_innen und führen vor, wie Geräusche, die für das menschliche Ohr für gewöhnlich nicht wahrnehmbar sind, hörbar gemacht werden können. Von Künstler_innen wie Mark Bain oder Toshiya Tsunoda zum Beispiel, die sich auf das „Aushorchen“ von Gebäuden und Gegenständen spezialisiert haben. Mit Begeisterung erzählen die Autoren von konkreter Musik, die Alltagsgegenständen entlockt wird (Pierre Schaeffer), von kosmischen Klängen (Charles Ives) und jenen unseres Körpers (Henry Chopin), von Feldaufnahmen (Francisco López) und musikalischer Stille (John Cage).

„Musiker sind Maler“

Bereits die anschaulichen Erklärungen der polnischen Musikexperten lassen lebendige Bilder im Kopf entstehen, die auch komplizierte musikalische Funktionsweisen und technische Abläufe nachvollziehbar machen. Vervollständigt werden ihre launigen Texte in der Übersetzung von Thomas Weiler aber erst durch die Illustrationen des bewährten Sachbuch-Künstler_innenduos Aleksandra Mizielińska und Daniel Mizieliński. Deren lebhafte Bilder machen die Welt als Hör-Raum erst sichtbar und die Klänge auf den ausdrucksstark gezeichneten Doppelseiten (fast) hörbar. Mit bunt leuchtenden Farben und munterem Strich erzeugen sie jenen heiteren, peppigen Look, der das Buch besonders auszeichnet.

„Musik ist vertieftes Hören“

Vertiefen kann der/die Leser_in die schon ohnehin intensive Lektüreerfahrung auf einer eigens dafür gestalteten Website, auf der er/sie nun wahrlich zur Hörer_in wird. Unter www.wiedasklingt.de sind zahlreiche Aufnahmen, auf die im Buch (mehr oder weniger) ausführlich eingegangen wird, zum kostenlosen Nachhören bereitgestellt. Neben Musikstücken wie „Bad“ von Michael Jackson und dem zwölftontechnischen „Violinkonzert“ von Arnold Schönberg versammeln sich auf der Hör-Plattform auch Kuriositäten wie die älteste erhaltene Phonograf-Aufnahme von Thomas Edison oder die Klänge der von Bill Fontana 1987 installierten Satelliten-Ohrbrücke zwischen Köln und San Francisco. Ein geniales, nicht zu entbehrendes Komplement zu einem Buch, in dem es ums (ver)tiefe(nde) Hören geht!

„Musik ist ein Butterbrot“

Nicht nur anschaulich, sondern vor allem auch mit viel Witz und Selbstironie arbeitet dieses Sachbuch, das sich trotz seiner informationsvermittelnden Zielsetzung selbst nicht immer ganz so ernst nimmt. Aufmerksamkeit erzeugt schon das kompakte, quadratische Format. Die zunächst willkürlich erscheinende Themenabfolge entfaltet ein assoziatives Spektrum, das nicht linear von den ersten historischen Erkenntnissen über Geräusche bis hin zu modernsten Experimenten mit Klängen verläuft, in dem sich aber dennoch schlüssig eines aus dem anderen ergibt. Eine lineare, pausenlose Lektüre empfiehlt sich bei dieser Dichte an Informationen und Sinneseindrücken aber ohnehin nicht. Umso gelegener kommt das Angebot, immer wieder innezuhalten und einzelnen Tonaufnahmen online zu lauschen.


Claudia Sackl

 

Für Musiker_innen ebenso wie Nichtmusiker_innen (die es ja eigentlich – so haben wir in der Lektüre gelernt – gar nicht gibt) ist auch unsere >>>neue Buchliste, mit der das STUBE-Team eine Auswahl an Büchern und Medien rund um das Thema Musik zusammengestellt hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Beltz & Gelberg 2019.

Nikolaus Heidelbach: Alma und Oma im Museum

„Für einen vernünftigen Museumsbesuch braucht man drei Dinge: Erstens die richtigen Schuhe, zweitens gute Augen und drittens genug Zeit. Hast du alles?“

Ein Besuch im Museum befüllt mit klassischen Gemälden, welche wiederrum von oben bis unten und von links bis rechts ausgestaltet sind mit Figuren und wundersamen Motiven aller Art, kann nicht nur auf Kinder einen einschüchternden Eindruck machen, auch vielen Erwachsenen wird dabei bange.
Was hat das alles zu bedeuten? Was wollte der Künstler hiermit ausdrücken? Und was sollte ich fühlen, wenn ich mir diese ganzen nackten Menschen ansehe?

Almas Oma lässt sich von alledem nicht beeindrucken, denn sie hat einen grandiosen Plan, um ihrer Enkelin den Besuch im Wallraf-Richartz-Museum so spannend wie möglich zu gestalten. Zunächst ist es an der jungen Museumsbesucherin, den Aufseher der Galerie mit einigen Fragen abzulenken, während ihre Oma mit dem lila-grauen Haar, in einem Knoten zusammengehalten von einem Pinsel und einem Stift, kurz verschwindet. Danach sollich das Mädchen die bereitgestellten Museums-Kopfhörer aufsetzen und allein durch die Räumlichkeiten wandern. Vollkommen allein? Nein, denn Oma wird immer in der Nähe sein. Nur eben nicht an ihrer Seite, sondern in den Gemälden! Was Alma zunächst nicht so recht glauben kann und als ein typisch verrücktes Oma-Verhalten schulterzuckend abtut, stellt sich tatsächlich als gar nicht so absurd heraus.

Durch die Kopfhörer zu ihrer Enkelin sprechend, wandert die kunstliebhabende Dame in der Mittelalter Sammlung des Museums nun kühn durch ein Gemälde nach dem anderen.
„Maler malen für Leute, die genau hingucken.“ Und das muss Alma auch tun (Wir als Leser_innen übrigens ebenso!), denn in den mannigfaltigen Werken der alten Meister – von „Das Weltgericht“, „Pfeifer und Trommler“ bis hin zur „Kreuzigung Christi“ gibt es hier viel zu sehen – ist es nicht immer einfach, sich einen Sinn aus der Gesamtheit der gekonnt gesetzten Pinselstriche zu machen.

Zwar gibt es zum Beispiel natürlich keine echten Drachen, aber die Meister der Georgslegende haben das riesige, reptilienartige Ungeheuer im „Georgsaltar“, ganz links oben, so erstaunlich echt aussehend hinbekommen – und das allein durch ihre Vorstellungskraft! Ebenso durch die reine Kraft der Imagination schaffte es der Künstler Stefan Lochner, Maria, die in „Die Muttergottes in der Rosenlaube“ zufrieden dreinschauend und umringt von Engeln zu bewundern ist, auf Eichenholz zum Leben zu erwecken.

Und ständig nehmen die Menschen in den Gemälden ein Bad! Doch Oma, die sich kichernd irgendwo in der Landschaft im Hintergrund versteckt, lässt uns wissen, dass die abgebildeten Menschen nicht außergewöhnlich versessen auf ihre körperliche Hygiene sind, sondern getauft werden. Und Jesus steigt auch nicht aus einer Badewanne, sondern bei seiner Auferstehung aus dem Grab.

Alma durchquert so also unterstützt von echtem (wortwörtlichem!) Insider-Wissen die Galerie und lernt – bis zum Ende der sich unausweichlich anbahnenden Schläfrigkeit eines jeden Museumsrundganges strotzend – viel über Kunst und die Hintergründe der unterschiedlichen religiösen Meisterwerke. Und letztendlich auch darüber, wie faszinierend die zunächst überfordernd wirkenden Werke sein können, traut man sich nur nah genug an sie heran – aber bitte nicht zu nah!
Der preisgekrönte deutsche Bilderbuchillustrator und -autor Nikolaus Heidelbach lädt mit „Alma und Oma im Museum“ alle kunstbegeisterten, oder jene die es noch werden möchten, Leser_innen ein auf eine Tour durch die Welt der mittelalterlichen Malerei. Beim Durchblättern des Buches fühlt man sich sofort gut aufgehoben in Gesellschaft der neugierigen und alles kritisch hinterfragenden Alma, deren Fragen gut jene widerspiegeln, welche vermutlich vielen Museumsbesucher_innen beim Betrachten der Werke aus vergangener Zeit auf der Zunge liegen. In fortlaufend witzigem Dialog steht sie dabei mit ihrer Oma, die einen sowohl informativen als auch satirischen Einblick in die Arbeiten der alten Meister gibt.

Die Gemälde wurden von Heidelbach in ihrer originalen Form – mal nur auf einer Seite, bei Triptychen (also Relieftafeln) auch gerne mal doppelseitig – digital in seine eigenen, unverkennbaren Illustrationen eingefügt. Nicht nur unseren zwei Heldinnen, auch allen anderen im Bilderbuch illustrierten Museumsbesucher_innen, die die Galerie mal mehr und mal weniger interessiert durchstreifen, wurden von Heidelbach viel detailorientierte Beachtung geschenkt. So gibt es auch außerhalb der Meisterwerke viel Originelles zu entdecken – von einem vollbärtigen jungen Mann, der sein höchst erstaunt dreinblickendes Baby, das wohl eine Socke verloren hat, in einem Tragetuch eingewickelt vor sich herträgt bis hin zu einem desinteressierten Vater-Sohn-Duo, die, die Bilder nicht beachtend, lediglich ihre Smartphones in die Höhe strecken, um Fotos zu schießen.

Am Ende dieses überaus witzig geschriebenen und wunderbar individualistisch illustrierten Bilderbuches angekommen, dürfte das plötzliche Verlangen, sich umgehend auf den Weg ins nächste Museum zu machen, wohl keine große Überraschung sein!


Sonja Metz

Studiert Germanistik in Wien und hat im August 2019 ein einmonatiges Praktikum in der STUBE absolviert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Niederl. v. Eva Schweikart.
Gerstenberg 2019. € 26,00.

Bart Rossel und Medy Oberendorf:
Die wunderbare Welt der Insekten

„Herr Ober, hättn’s an Platz im Lokal? Ich möcht ja nicht mit den Wespen frühstücken!“, „Na heuer ist‘s aber wieder ganz schlimm!“ oder „I bleib bis de Viecha kumman, donn geh i wieda ham!“ Derlei Sprüche haben in Wien (und wahrscheinlich nicht nur hier) gerade Hochsaison. Ebenso jene Tiere, die dem Menschen den Appetit auf Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände völlig zu verderben scheinen: die Insekten.

„Die wunderbare Welt der Insekten“ schafft Abhilfe. Nicht, dass das Sachbuch eine Probepackung eines höchst effektiven Repellents beigelegt wäre oder die zehn besten Anti-Insektenmittel zum Selbermachen aufgelistet würden. Nein, dieses großformatige Sachbuch ist einfach dermaßen gut gestaltet, dass man sich im Handumdrehen in Insekten verliebt. „Verlieben“ ist vielleicht ein etwas starkes Wort, aber zumindest sorgen die Illustrationen von Medy Oberendorff und die Texte von Bart Rossel (auch die Übersetzung von Eva Schweikart trägt im Deutschen ihren Teil bei) für Faszination, was die Gliederfüßer betrifft. Bereits die ersten Sätze bringen auf den Punkt, warum man von dieser Tierklasse schlichtweg begeistert sein muss: „Insekten sind in so ziemlich allem Meister. Wenn du auch nur ein einziges Buch über Insekten liest, wirst du sehen, dass sie zweifellos die stärksten, die nützlichsten und die erfolgreichsten Tiere auf Erden sind.“ Keine Ahnung, was sie als erfolgreich auszeichnet, jedenfalls stellen Insekten darüber hinaus die höchste Artenvielfalt: „Etwa eineinhalb Millionen Tierarten sind mit Namen bezeichnet, und davon sind annähernd eine Million Insekten. Zwei Drittel aller Tiere sind also Insekten!“

Nun entsteht vielleicht der Eindruck, dass dieses Buch und somit auch Insekten einfach auf Grund all dieser Superlativen für Begeisterung sorgen. Dem ist auch so. Denn die puren Fakten, die auf einfache sowie spannungsvolle Weise und in fein portionierten Happen präsentiert werden, sind schlichtweg faszinierend. Doch das Sachbuch zeichnet sich nicht nur dank des „insect contents“ aus, sondern auch wegen der wirklich gelungenen Buchgestaltung. Im Konkreten sind es drei formale Merkmale, die sofort ins Auge „stechen“, wenn man eine der Doppelseiten aufschlägt: Illustration, Typographie und Layout. An einem Beispiel erklärt, sieht das folgendermaßen aus. Wenn auf den Seiten zwölf und 13 der Bauplan von Insekten erklärt wird, sieht man links eine feine, in blau gehaltene Illustration auf weißem Hintergrund, die eine Heuschrecke in ihre Einzelteile zerlegt und dabei stark an einen (technischen) Modellbauplan erinnert, wie man sie aus Kinder- und Jugendzeiten oder von bastelaffinen Hobbyvorlieben kennt. Per Legende wird erklärt, wie die Elemente heißen und wie sie in der Fachsprache genannt werden; die drei Abschnitte sind in Klammer sogar in lateinischer Sprache wiederholt: „Caput“, „Thorax“ und „Abdomen“. Rechts wird währenddessen in locker gesetztem Text genauer auf die Funktionen und die allgemeine Bauart der Tiere eingegangen. Hier, wie auf fast allen Seiten schützt viel Weißraum vor textlich bedingter Überforderung. Und dann kommt noch die Schriftform ins Spiel, die mit unterschiedlichen Schriftgrößen und Fettstellung die zentralen Merkmale mit wenigen Blicken wahrnehmbar machen: „Bauplan / drei / Kopf / Brust / Hinterleib / „geflügelt“ / Insekten / Kerbtiere / sechs Beine.“ So hat man bereits nach einer der ersten Seiten das Gefühl, die faszinierenden Tiere besser kennengelernt zu haben. Die Bild-Text-Typographie-Layout-Hintergrund-Verbindung wird stets beibehalten und führt dazu, dass man ein ordentliches Tempo beim „Sammeln“ der Fakten aufbaut. Man möchte sofort mehr über Schmetterling, Käfer und Co. erfahren und hält eventuell nur kurz inne, wenn man (angeleitet durch den Text) die eigene Hand neben eine Illustration legt, um einen erstaunlichen Vergleich an Ort und Stelle durchzuführen; schließlich sind die ganz Großen „Atlasspinner“, „Riesenweta“, „Goliath-“ sowie „Herkuleskäfer“ im Verhältnis 1:1 illustriert. Auch über die Illustration an sich gäbe es viel zu sagen, die meist auf sehr realistische Weise in den Kosmos der Insekten zoomen, jedoch stets auf weißem Hintergrund oder auf beeindruckenden Mustern, die die Natur für uns bereithält, freigestellt werden.

Von einem sehr guten zu einem ausgezeichneten Sachbuch (Achtung: allgemeine Sachbuchthese!) wird dieses Insektenlehrwerk jedoch durch jene Kapitel, die aus dem rein naturwissenschaftlichen in ein kulturaffines Metier führen. So erfährt man, warum die Juwelwespe (Ampulex dementor) nach einer Umfrage mit den Seelen-aussaugenden Dementoren namentlich in Verbindung gebracht wurden. Auch höchst spannend ist ein mexikanischer Brauch, der auf eine 3000 Jahre alte Legende zurückgeht, und demnach lebendige Käfer als eine Art Schmuckbrosche von Liebespaaren getragen werden. Der Höhepunkt (für mich) war schließlich die Verknüpfung naturwissenschaftlicher und forensischer Erkenntnisse, die anhand eines dramatischen Beispiels aus dem alten China (1247) veranschaulicht werden: ein Mordfall wurde mithilfe von Schmeißfliegen gelöst, da sich diese auf jene Sichel setzten, deren winzig kleine Blutspuren zwar nicht sichtbar, aber von den detektivischen Insekten wahrgenommen wurden. 

Insekten sind also nicht nur die stärksten, nützlichsten und erfolgreichsten, sondern auch intelligente Tiere, deren oft zu Unrecht als hässlich empfundenes Antlitz in diesen Illustrationen eine gewisse Schönheit erhalten. Rossel, Oberendorff und Schweikart leisten Aufklärungsarbeit und Infotainment auf ästhetisch äußerst ansprechende Weise. Und wenn man die Stechmücken am Abend gar nicht mehr ertragen möchte, bietet die kühle Leseecke und dieses erkenntnisreiche Sachbuch eine abwechslungsreiche Alternative an.


Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Obelisk 2019. € 12,00.

Lena Raubaum: Qualle im Krankenhaus

Wenn es in der STUBE zwei Themen gibt, die immer wieder als Insider(-witz) oder auch ganz im Ernst und rein aus medienwissenschaftlichem Forschungsinteresse besprochen werden, dann sind das (neben aktuellen Staffel-Finali sowie Theaterbesuchen) Tätowierungen und Krankenhäuser (in Kinder- und Jugendliteratur). Das klingt zugegebenermaßen abwegig oder auch etwas willkürlich, entspricht aber der Wahrheit, da einige der beliebtesten Erzählungen der letzten Jahre im Krankenhaus angesiedelt waren und weil Mats Wahl im Rahmen eines >>>STUBE-Freitags inbrünstig von Tattoos gesprochen hat. Bei der kunstvollen Bemalung von Haut ist es wohl das Faszinosum (kein STUBE-Teammitglied trägt ein – wie man in Wien sagt – Peckal am Körper) und die kuriose wie faszinierende Auseinandersetzung Mats Wahls. Der Handlungsraum Krankenhaus fällt dagegen regelmäßig als Garant für innovative, zeitgemäße und besonders gut gestaltete Werke auf. Kathrin Wexberg ist seit der Stunde null (und das war vor immerhin über 14 Jahren) bei dem TV-Klassiker „Greys Anatomy“ dabei und kann zu all den gängigen und weniger bekannten medizinischen Problemfällen fachkundige Kommentare beisteuern. Heidi Lexe, auch keine Ahnungslose vor der Oberärztin, ruft in besonderen Fällen und zur Belustigung aller immer wiedermal: „Er wird bradykard“ in den Raum. Sie war es auch, die (mit anderen Jurymitgliedern) dem wunderbaren Krankenhausroman „Gips“ von Anna Woltz den >>>Katholischen Kinderbuchpreis verlieh und Peter Schössows >>>Krankenhausbilderbuch „Wo ist Oma?“ von vorne bis hinten analysiert hat. Peter Rinnerthaler war in jungen Jahren Doogie-Howser-Fan und Claudia Sackl schwer begeistert, als sie vor kurzem bemerkte, dass es sich bei dem Kinderstar der frühen 1990er-Jahre um niemand geringeren handelt als Neil Patrick Harris, besser bekannt als Barney Stinson aus „How I met your mother“.

Warum muss das alles erwähnt werden? Ganz einfach: Weil in Lena Raubaums Romandebut diese beiden Themen auf einfache wie humorvolle Weise zueinanderfinden und sie somit voll im STUBE-Trend liegt. Doch der nicht ganz so lustigen Reihe nach: Max Kallinger, von allen liebevoll „Qualle“ genannt, fasst ausgerechnet drei Tage vor dem langersehnten Urlaub einen ungewöhnlich hartnäckigen Husten aus, später noch 40 Grad Fieber und die Diagnose „Lungenentzündung“; erstellt von Frau Doktor Korn, „die beste Ärztin meiner Welt“. Qualles Feststellungen bleiben jedoch nur selten unbegründet und so nimmt Lena Raubaum auf das Genre rekurrierend Diagnosen vor, die ihr Protagonist in Form von Listen abarbeitet. Woran erkennt man also gute Ärzt_innen? „1. Sie hören dir zu. 2. Sie kennen sich aus oder sagen dir, wenn sie sich nicht auskennen. 3. Sie können gut erklären. 4. Sie schauen fast immer müde aus.“ In dieser kurzweiligen Form ist auch das zweite Kapitel „Das bin ich (ganz kurz) und das zehnte Kapitel „10 Dinge“ gestaltet. Im letzteren erfährt man in Listenform und reflexiv, was an einem Krankenhaus durchaus für Wohlgefallen sorgen kann.

Die österreichische Autorin belässt es in Sachen aus der Reihe tanzende Erzählformen allerdings nicht bei Listen, sondern weiß auch mit anderen narrativen Finten für Abwechslung zu sorgen. Als Qualle der erste spitze Gegenstand in den Arm gerammt werden soll, montiert sie eine direkte Leser_innenansprache in den Fließtext, indem Folgendes vorgeschlagen wird: „Du, jetzt kommt eine Stelle, da kommt eine Spritze vor. Eh nur kurz. Falls du Spritzen nicht magst und das auslassen willst, lies einfach da weiter, wo der Pfeil ist, o. k.? Ich versteh das.“ Auf der übernächsten Seite folgt ein kleines Pfeilsymbol und im Text geht es weiter mit einer Röntgenszene.

Apropos Sprachform: Lena Raubaums gewählter Erzählton verleiht diesem Roman eine ganz besondere Note. Neben Listen und kleinen Erzählkniffen besticht der Roman durch eine unmittelbare, an Mündlichkeit und ein klein wenig auch an Christine Nöstlinger erinnernde Form, die dank vieler Dialoge sehr dynamisch wirkt. Vor allem weiß Raubaum, wann und wie man Pointen setzt; vor allem dann, wenn es um die Figurencharakterisierung geht: „Und? Wie heißt du? ‚Lustig, dass du fragst. Öner‘ ‚Öner?‘ ‚Ja. Öner. Ist türkisch. Wie schöner, aber ohne sch.‘ ‚Na dann…‘, sagte ich. ‚Ön, dich kennenzulernen!‘“

Neben der eigentlichen Erzählung in Dialogen und den tragikomischen Überlegungen Qualles, erhält der Roman eine weitere Erzählebene. Dank Sabine Kranz‘ Illustrationen kommt nun auch das zweite Lieblingsthema der STUBE zur Geltung: Tätowierungen. Denn der zuvor vorgestellte Öner wird im Laufe der Erzählung nicht nur zu einem guten Freund Qualles, sondern auch zu einem der wohl charismatischsten und begabtesten Romanfiguren, die den Berufsstand der Tätowierer_innen anstreben. Am bildästhetischen Höhepunkt der Geschichte, als der junge Patient Familienbesuch erhält, ist Qualles Körper bereits von oben bis unten mit Stilproben des kreativen Zimmernachbarns überzogen und verleitet die Schwester zu einer zielsicheren Beobachtung: „‚Du schaust aus wie ein Comic-Heft!‘“ Immer wieder werden kleinformatige Illustrationen und so auch Öners Zeichenkunst in das Layout eingewoben und lockern so den Krankenhausalltag auf, bis zu jenem Moment, der in keiner guten Krankenhauserzählung bzw. -serie fehlen darf: der Abschied von neu gewonnen Freunden, der von Lena Raubaum abermals launig inszeniert wird: „‚Was heißt Freunde?‘ ‚Jaklarin koküjor‘, sagt der Öner. ‚Echt?‘ ‚Nein, Spaß. Das heißt „deine Füße stinken“‘, rief der Öner und prustete los. […] Dann beruhigte sich der Öner wieder und sagte: ‚Arkadaschlar. Das heißt Freunde.‘“

Eine weitere Übersetzungsleistung ist schließlich im Anhang zu finden, wo Begriffe der österreichischen Sprachvarietät in einem „Lexikon“ neben medizinischen Termini (Stethoskop, Desinfektionsmittel und Diabetes) erklärt werden. Nicht nur die Tatsache, dass die Worte „Gatsch“, „Federpennal“ oder „wuzeln“ Eingang in den Text fanden ist Lena Raubaum und dem Obelisk-Verlag hoch anzurechnen, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der in einem Kinderroman Fußnoten gesetzt werden. Dort ist auch die österreichische Redewendung „Gleich hammas geschafft“ zu finden. Eine Formulierung mit dreierlei Bedeutung für diese Rezension: 1. Wir kommen nun zum Schluss. 2. Lena Raubaum packt österreichische Nonchalance in eine Krankenhauserzählung, die beinahe George Clooneys unvergessenen Charme in den Schatten stellt und 3. „Geschafft hamma“ / hat Lena Raubaum einen jener Krankenhausromane, von dem man noch länger sprechen wird.

Peter Rinnerthaler

Da nicht nur das Bemalen von Haut sehr kunstvolle Formen annehmen kann, hat die Kunstexpertin Claudia Sackl eine abwechslungsreiche >>>Liste mit aktuellen Büchern zusammengestellt, die das Thema Kunst auf unterschiedliche, ausdifferenzierte und auf jeden Fall artifizielle Weise aufgreifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Niederl. v. Eva Schweikart. Thienemann 2019. € 15,00.

Annet Schaap: Emilia und der Junge aus dem Wasser

Wie erzählen von dieser dichten, intensiven Geschichte, ihren Drehungen und Wendungen, die sich nach und nach zu einem überraschenden Ganzen zusammenfügen und von einem eigenwillig schillernden Figurenensemble bewegt werden? Da ist Augustus Wassermann, ursprünglich Steuermann, der sich – nachdem er beim Kampf um seine Frau ein Bein verloren hat – als Leuchtturmwärter verdingt und mit seiner Tochter Emilia, genannt Lämpchen, im Leuchtturm lebt. Diese unerschütterliche Emilia, die in ihrer Hilflosigkeit und Überforderung ebenso präsent und authentisch ist wie in ihrer Stärke und Kraft und alle und alles um sie herum aufrüttelt. Da ist die hinterhältig-intrigante Lehrerin Fräulein Amalia, die Lämpchen als Dienstmädchen ins „Schwarze Haus“ bringt, in dem angeblich ein Monster haust. Jedenfalls aber Martha, die Haushälterin, eine verbitterte, ängstliche und doch gutmütige Frau, die – aus Sorge um ihren geistig beeinträchtigten Sohn Lennie – nicht immer das tut, was sie eigentlich spürt. Ja, Lennie, ein liebenswerter, scheuer und ängstlicher Junge, der sich letztendlich als treuer Begleiter und Beschützer erweist. Ebenso wie Nick, der gute Geist im Schwarzen Haus, zurückhaltend-sensibler Helfer, für alle, die in Not sind. Und da ist das „Monster“, eigentlich Edward Robert George Evans, Sohn des auch in seiner Abwesenheit stets bedrohlich präsenten Admirals und einer verschwundenen Meerjungfrau, ein Zwischenwesen, das weggesperrt, bissig und aggressiv geworden ist. Bis Edward von Lämpchen, die ihn Fisch nennt, „gefunden“, hartnäckig in eine freundschaftliche Beziehung verwickelt und über alle Hindernisse hinweg seinem eigentlichen Element, dem Wasser, zugeführt wird. Davor aber beinahe von Ivo, dem bösartigen Schaubudenbesitzer, als neue Attraktion für seine „Freakshow“ gefangen, auf spektakuläre Weise gerettet wird und erstmals von seiner Mutter hört. Und schließlich taucht auch der Admiral auf, ein selbstgerechter, gefühlskalter Mann, der keine Schwächen duldet, seinen Sohn jahrelang versteckt gehalten hat und am Ende an Ivo verhökern will.

Diese und noch viele andere besondere Menschen treiben die in sechs Teile gegliederte Erzähhlung (jeweils mit einer atmosphärischen, doppelseitigen Schwarz-Weiß-Illustration eingeleitet) in atemberaubendem Tempo voran. Der Plot mäandert zwischen Märchen und Realität, scheint in Ton und Motivik bisweilen an Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, anzudocken, um plötzlich in eine harte, zeitlich und örtlich nicht definierte Realität zu kippen, die wiederum den Boden für unvermutete, trotz aller Unglaublichkeiten doch seltsam-plausible (Ver-)Wandlungen bereitet. Damit wird ein tragfähiges Handlungsgerüst gebaut, das die vielfältigen und komplexen Fäden auseinander- und wieder zusammenführt, kurze Verschnaufpausen verschafft und in einem furiosen Finale diverse Zusammenhänge und die Herkunftsgeschichten der beiden jungen Protagonisten offenlegt. Die klug aufgebaute Dramaturgie und der dynamische Spannungsbogen entwickeln eine Faszination, der man sich nicht entziehen kann (und will). Das ungewöhnliche Setting an einer rauen See, ein mutiges Mädchen, dessen Kopf vor lauter Sorgen manchmal durcheinander ist, dessen Kraft es selber nicht kennt, aber im entscheidenden Moment intuitiv einzusetzen weiß, ein Junge, der aufgrund seiner Besonderheit weggesperrt und gezwungen wird, ein Leben zu führen, das ihm nicht entspricht und rund um die beiden vom Leben geschlagene, gestrandete Menschen, deren Mängel ebenso evident sind wie ihr Mut, und die – mit sich selbst ringend – in ihren jeweiligen Verbannungsorten ausharren, bis sie sich, einander erkennend, daraus lösen können. Der spröde Erzählton, rau wie die See, voller aufwühlender Spannungs-Schaumkronen, passt kongenial zu der traurig-fesselnden Geschichte von Unterdrückung und Hineingeworfensein, von verlorenen Lieben, Streit und Versöhnung und nicht zuletzt von selbstbestimmten Entscheidungen, verborgene Pfade freizulegen.

Annet Schaap, die an der Kunstakademie in Kampen und Den Haag studierte und eigentlich als Buchillustratorin arbeitet, hat sich mit „Lampje“ – so der Originaltitel – den Traum des Schreibens erfüllt. Ein Traum, den zu verfolgen sich zweifellos gelohnt hat und der in einer überzeugenden, stimmigen Übersetzung eine bereichernde Erweiterung fand.

Ela Wildberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Zaglossus 2018. € 23,00.

Lilly Axster & Christine Aebi mit / with Henrie Dennis & Jaray Fofana: Ein bisschen wie du / A lillte like you

Samstag, 30. März 2019, 17:35 Uhr, Wien. In einem Hinterhof im 10. Wiener Gemeindebezirk wurden Tische aufgestellt, Menschen sitzen auf Klappstühlen und blättern in dicken Ringordnern mit bunten Zeichnungen. Andere haben sich Essen geholt, plaudern und rauchen. Eine Frau mit einer silberglänzenden Trainingsjacke begrüßt all jene, die gerade von der Straße kommen und trägt dann Bierbänke in einen Raum, der im Grunde schon mit Sitzmöglichkeiten bis an den Rand gefüllt wurde. In der ersten Reihe wartet eine Frau mit hochgesteckten Haaren unter dem Cover eines Bilderbuches: „Ein bisschen wie du / A little like you“ ist zu lesen. Die Frau mit der Jacke ist die Autorin Lilly Axster, die Frau unter dem Cover die Illustratorin Christine Aebi. Die beiden Künstlerinnen haben vor einigen Jahren ein preisgekröntes Bilderbuch über Sexualität namens „Das machen?“ gestaltet. Auf Grund ihres kreativen Outputs und dem stets zu geringen Platz in Bilderbüchern konnten die beiden nicht all ihre Ideen verwirklichen. Das Thema Identität und Mode ist übriggeblieben und sollte in ein neues Projekt übergehen.

Fünf Jahre später präsentieren sie dieses Buch und es ist alles ganz anders gekommen als geplant und dennoch oder gerade deswegen wirken beide glücklich, etwas aufgeregt und traurig zugleich. Glücklich, sicherlich weil es ein schönes Buch geworden ist, und sie dieses nun mit vier weiteren an der Publikation beteiligten Personen vorstellen können. Traurig, weil das Buch einer Freundin gewidmet ist, die knapp nach ihrem 50. Geburtstag gestorben ist: Linda Nkechi Louis. Eine Frau, die vielen eine gute Freundin, ein Bezugsmensch, ein Vorbild und vieles mehr gewesen sein muss, da jedes Mal, wenn in der Präsentation ein Foto, ein Video gezeigt oder ihr Name genannt wird, sich ein Gefühl der Anerkennung im Raum ausbreitet. Im Bilderbuch heißt sie Mom Chioma, die Linda Nkechi Louis' Leben im Buch porträtiert. Doch es wäre kein Bilderbuch von Axster und Aebi, wenn die Erzählung aus nur einer Perspektive narrativiert wäre. Es ist ein vielstimmiges Projekt geworden, genau wie die Buchpräsentation, die so viele Menschen angezogen hat, sodass auch die Bierbänke, der Boden und die geöffneten Türen nicht frei blieben. Neben dem Bilderbuchduo haben sich Henrie Dennis und Jaray Fofana auf einem breiten Ledersofa niedergelassen, sie sind beide mit Christine Aebi extra aus der Schweiz angereist, um davon zu berichten, wie sie die beiden Künstlerinnen kennengelernt haben und wie sie an der Gestaltung des Bilderbuches beteiligt waren. Doch der Bericht über das „Wie“ tritt beinahe in den Hintergrund, da die zwei jungen Frauen eine Performance hinlegen, die das Publikum sofort für die beiden einnimmt.

Das „Performative“ ist auch ein zentrales Stichwort für Christine Aebis Illustrationen, die Jaray Fofanas „Bewegungen abgezeichnet“ und somit eine kindliche Figur als weitere Perspektive in die Erzählung eingebracht hat. Neben diesen illustrierten Studien übernehmen jedoch auch die leerstehende Wohnung, Alltagsgegenstände sowie ein offener Kleiderschrank und Kindheitsfotos von Henrie Dennis eine Erzählstimme, um von Mom Chiomas Leben und ihrer „legacy“ zu berichten: „Till her very last days, Mom Chioma would sometimes say to me: “You are on point, Terry, just cool, just you“. Der Text ist in englischer Sprache gehalten. In diesem Zitat, aber auch auf den anderen Seiten; kombiniert mit deutschen Textpassagen, die einander nicht einfach parallel übersetzten, sondern unterstützen oder ergänzen, so wie das auch Bild und Text in einem/diesem Bilderbuch tun. Für das Layout dieser außergewöhnlichen Textgestaltung hat man Frederik Marroquin ins Boot geholt, der an diesem Abend davon berichtet, wie er von den beiden Künstlerinnen daran erinnert wurde: „this is a picturebook, with pictures“. Einige Seiten wurden dennoch zur Gänze ohne Bilder gestaltet, um dem Text mit Hilfe von starken Kontrasten und großen Buchstaben noch mehr Ausdruck zu verschaffen. Wie im Bilderbuch wechselt man auch am Abend die Sprachen als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Eine Selbstverständlichkeit, die Lilly Axster und Christine Aebi in vielen Bereichen auszeichnet: selbstverständlich gibt man jungen Menschen das Mitspracherecht bei der Buchgestaltung, selbstverständlich entwickelt man das Bilderbuch über fünf Jahre immer weiter und weiter (davon zeigen die dicken Ringordner im Innenhof), selbstverständlich ist der Blick auf Queernes und Diversität, und selbstverständlich tritt man am Ende des Abends und am Ende des Bilderbuches in den Hintergrund und überlässt dem eigentlichen Star die Bühne: „What is normal? Is there anything or any person that is normal – in this world? I’ve been asked that question all my life. Try to be normal. What is being normal? I think I am normal. Because I don’t want to be like everybody. I wanna be me. And that makes me normal for me.“

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


minedition 2019. € 32,90.

Sybille Schenker: Der Froschkönig

Die Brüder Grimm haben in ihrer erstmals 1812 erschienenen Märchensammlung eine nummerische Ordnung eingeführt. An den Beginn haben sie „Der Froschkönig“ gestellt. Bereits damals jedoch war der Titel des Märchens Nummer eins ein doppelter: „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. Denn auch wenn in der Rezeption zuallererst auf die Geschehnisse am Brunnen sowie an Tisch und Bett der Prinzessin fokussiert wird, erzählt das Märchen auch von jenem treuen Diener, von dem das Unglück über die Verwandlung seines Herren am Ende des Märchens sichtbar abfällt: Drei eiserne Bänder, die um sein Herz gelegt waren, werden im märchenhaften Rhythmus förmlich abgesprengt:

„Heinrich, der Wagen bricht.“
„Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist das Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als ihr in dem Brunnen saßt, als ihr eine Fretsche wast.“  

Diese wunderbare Formulierung und das aufregende Wort Fretsche werden in den meisten Bilderbuchversionen sprachlich aktualisiert. So spricht der treue Heinrich auch im Bilderbuch von Sybille Schenker von seiner bangen Befindlichkeit als „Ihr in einem Brunnen saßt / Und in einen Frosch verzaubert wart.“
Dennoch räumt die Illustratorin dieser Szene erfreulich viel Raum ein: Zwei illustrative und eine Schmuckseite begleiten den Befreiungsschlag Heinrichs, der mit einem Wagen mit acht weißen Pferden bespannt erscheint. Das sich für Kleinmädchenphantasien vom ewigen Glück wunderbar eignende Bild wird hier zu zwei Figurenstudien von Heinrich selbst verdichtet, der vorerst ganz explizit als livrierter Diener inszeniert, dann aber in illustratorischer Interaktion mit dem Königsohn gezeigt wird. Die noch verbleibenden Bänder sind ihm mit goldenen Applikationen ums Herz gelegt.

Diese Goldfolie wir zu einem der zentralen Gestaltungselemente des Bilderbuches – resultieren aus dem zentralen Requisit des Märchens: Bereits über den Innentitel wird eine Schmuck-Folie gelegt, auf der die goldene Kugel -zigfach als ornamentales Element benutzt wird. Ein Design, das sich später als eine Art Tapete im Gemach der Prinzessin wiederfinden wird. Der Frosch, dessen Körper selbst durch goldene Spiegelfolienbruchstücke markiert ist, wird die formgebende goldene Kugel in singulärer, dafür deutlich größerer Ausführung aus dem Brunnen tauchen. Davor hat er angebotene goldene Schmuckstücke abgelehnt und als Belohnung ein Leben an der Seite der Prinzessin gefordert; später wird er die in Gold applizierten Treppen zum Königspalast erklettern, um sein Recht darauf einzufordern, dass die Prinzessin ihr Versprechen hält. Selbstverständlich ist auch das Krönchen der Prinzessin golden und wirft seinen entsprechenden Glanz ab auf die Inkunabeln am Beginn der Textblöcke (oder sogar ganze Textblöcke).
Sybille Schenker setzt einmal mehr wenige Stilmittel konsequent ein. Bereits die beiden Vorgängerbände waren davon geprägt, dass sie unterschiedliche Bildebenen übereinander gelegt und damit ein wortwörtliches Eindringen in das Sujet der Märchen ermöglicht hat. In „Hänsel und Gretel“ hat sie dabei mit Transparentpapierseiten gearbeitet, in „Rotkäppchen“ mit Cut Outs. Der Scherenschnitt selbst wird dabei zum Grundelement ihrer Bildgestaltung.
Auch diesmal sind die auf hochgrammiges grünes, schwarzes oder weißes Papier gedruckten Illustrationen Scherenschnitte und/oder mit der Hilfe von Rastern gestaltete Drucke. Darüber gelegt werden durchsichtige Folien (an einer Stelle durch eine grüne Folie ersetzt), auf die wiederum Bildelement gedruckt werden. Die Figuren und Sujet werden dieserart in scharfkantigem Schwarz über das farbige Papier oder in Schwarz-Weiß gestaltete Seiten gelegt, sodass Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolgen einander überlagern.
In fließender, aus den Falten ihres Kleides entstehender Bewegung wird die spazierende Prinzessin (mit der goldenen Kugel in der Hand) dieserart am Beginn über die Szene gelegt, in der sie am Brunnen spielt. Das Pflanzenblattdesign beider Seiten wird dabei in der Überlagerung zum zeichenhaften Wald, in den man als Betrachterin mit der Prinzessin wortwörtlich hineinflaniert.
Die Folienseiten haben darüber hinaus jedoch als wesentlichen Effekt ihre Zweiseitigkeit einzubringen: Mit dem Umblättern entstehen durch verschiedenfarbige Untergründe gleichermaßen wie durch verschiedenfarbigen Schriftsatz stets neue Effekt, wenn dieselbe dargestellte Figur in ein neues (grafisches) Sujet gestellt wird.
Das Umblättern selbst kann aber auch zum integrativen dramaturgischen Bestandteil werden, wenn das Gemach der Prinzessin mit Schwarzer Folienapplikation abgedeckt wird; erst das wortwörtliche Öffnen der Türe zeigt – im durch die Folie ermöglichten Perspektivenwechsel – wer lauernd vor dieser Türe hockt. Wobei der Frosch im Sinne des am Brunnen gegebenen Versprechens natürlich ein Anrecht darauf hat, hier Eindringen zu wollen. Andererseits ist es an der Prinzessin, zu ihrer weiblichen Selbstbestimmtheit zu finden und sich weder vom Vater noch vom (metaphorischen) Frosch zu etwas zwingen zu lassen.
Erst ihr finaler Befreiungsschlag führt zum Happy End: Sybille Schenker zeigt ihn, indem das Umblättern der Folie die Flugbahn des Frosches in sichtbare Bewegung umwandelt. Erst an dieser Stelle wird die aus ihrer Verzweiflung resultierende Unbeweglichkeit der Prinzessin für einen kurzen Moment unterbrochen und entspricht der Beweglichkeit des Frosches.
Auf eine Verbildlichung der Metamorphose selbst, verzichtet Sybille Schenker. Mit dem erneuten Umblättern steht der Prinz selbstverständlich bereits im vollen Ornat vor der Prinzessin. „Der war nun nach ihres Vaters Wille ihr lieber Geselle und Gemahl.“ Ornamental umrankt erscheint die Rollen-Realität, die der weiblichen Eigenverantwortung folgt, nicht weniger bitter – auch wenn gerade die ornamental gestalteten Seiten von Sybille Schenker am Ende des Buches das Märchen noch einmal anmutig genrespezifisch herausstreichen. Und sich damit in ein grafisches und illustratorisches Gesamtkonzept fügen, das von der Covergestaltung samt Hartkarton, Ausstanzung und sichtbarer Fadenbindung bis hin zu den faszinierenden Folien-Effekten zu faszinieren weiß. Denn die Folien verkommen nicht zu einem dekorativen Element, sondern dienen einer künstlerischen Neu-Inszenierung, die der Dramaturgie des Märchens selbst folgt.

Heidi Lexe

Über Sybille Schenkers Neu-Inszenierung des Froschkönigs, über den Folieneinsatz und über Bilderbuchkunst ganz allgemein kann am 29. März 2019 ab 16 Uhr im Rahmen eines Werkstattgesprächs gesprochen werden. Die Künstlerin wird zu Gast in der STUBE sein und somit das abwechslungsreiche Veranstaltungsprogramm des Frühjahrs eröffnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bohem 2019. € 61,70.

Rudyard Kipling und Gabriel Pacheco:
Die Dschungelbücher

Wer Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ mit einem freudigen Bare Bare Necessities auf den Lippen aufschlägt, mag sich bei der Lektüre des Ursprungstextes über die Radikalität wundern, mit der das Menschenkind Mowgli hineingestellt ist in die Herausforderungen und Gesetzmäßigkeiten des Dschungels. Denn dem britischen Autor war selbstverständlich weniger daran gelegen „Mowglis Brüder“ als liebenswürdige Gefährt_innen darzustellen, als vielmehr die Exotik einer Konfrontation des Menschlichen mit dem Animalischen herauszustreichen. Mowgli wird zum wilden Kind, das jenseits der menschlichen Zivilisation aufwächst und sich wesenhaft in die Hierarchie des Dschungels einfügen muss. Die Gesetze des Dschungels spielen dabei eine zentrale Rolle und werden von Rudyard Kipling auch in das Text-Patchwork seiner beiden Dschungelbücher mit eingefügt: „The Jungle Book“ erschien erstmals 1894; bereits 1895 erschien ein weiterer Band unter dem Titel „The Second Jungle Book“. Die beiden Bücher enthalten insgesamt 15, voneinander unabhängige Geschichten, denen jeweils ein lyrischer Text vorangestellt ist. Nur in den ersten drei dieser Geschichten wird Mowglis Schicksal erzählt – das dennoch zum Synonym für „Das Dschungelbuch“ in seiner Gesamtheit geworden.

Nur wenige Buchausgaben gehen sowohl auf den Ursprungstext, als auch illustratorisch auf dessen Motivik zurück und etablieren Mowgli in jener körperlichen Ausgesetztheit (und Verwahrlosung), die ein Leben unter Wölfen mit sich bringt. Der mexikanische Illustrator Gabriel Paccheo nutzt dafür einen illustratorischen Stil, der surrealistisch anmutet, aber dennoch auf die Romantik verweist. Dieserart hat er sich 2015 bereits auf das Märchen „Die Schöne und Das Biest“ eingelassen und eine von allen medialen Bildern befreite Bilderbuch-Version vorgelegt. „Das Dschungelbuch“ wird nun entlang seiner Bilder in eine assoziative Kunst-Betrachtung überführt: Gebunden zu einer überdimensionalisierten Kunstkarten-Sammlung greift Pacheco einzelne Szenen aus mehreren Geschichtenkreisen des Originals illustratorisch auf. Auf der Rückseite der Bildtafeln wird dann zweisprachig ein dazugehöriges Text-Zitat gesetzt. Dieses assoziative Moment führt das STUBE-Team nun kollektiv weiter:


Jetzt und immer
Er wuchs heran und wurde so kräftig, wie ein Knabe werden muss, der nicht versteht, was lernen heißt und an nichts zu denken hat, außer, was man essen kann.

In zarter, blauer, kursiv gesetzter Serifenschrift auf mattem, goldenen Hintergrund fasst dieser eine Satz einen zentralen Lebensabschnitt eines außergewöhnlichen Kindes zusammen. Auf der Vorderseite korrespondiert das viel Platz einnehmende, Gold schimmernde Fell Baloos mit dem Textraum auf der Rückseite, womit nur einer von vielen möglichen Anknüpfungspunkte angesprochen wäre, der die räumlich voneinander getrennte Bild- und Textebene miteinander verbindet. Auch die in das Bild, genauer gesagt, die in die üppige Pflanzenwelt collagierten Textpassagen laden ein, das assoziative Spiel zu beginnen. Es ist jedoch die Verbindung zwischen den ausgewählten Worten und der bildästhetische Inszenierung Mowglis, die für viel Interpretationsspielraum sorgt.
Er wuchs heran … verweist im Besonderen auf das biografische Moment der Figur, das in Rudyard Kiplings Erzählung kurz vorher durch die Leser_innenansparche nochmals stärker ins Zentrum gerückt wird: Gut zehn Jahre müssen wir nun überspringen und mit der Vorstellung begnügen, was für ein wunderbares Leben Mowgli bei den Wölfen führte; denn alles genau zu beschreiben, würde so viele Bücher wie Jahre füllen. Wir blicken in diesem Moment also auf eine Zeit zurück, die von vielen Erfahrungen sowie Freude geprägt war und in dieser pointierten Zusammenfassung einen starken Kontrapunkt zu der Charakterisierung Mowglis in der Illustration darstellt. Denn dort sehen wir eine Figur, die gedankenverloren in die Ferne blickt und zärtlich die Schnauze des überdimensionierten Bären in Händen hält. Dabei sitzt der in grau gehaltene Junge auf einem starken Ast, der quer durch das Bild verläuft und ihm so eine erhöhte Position ermöglicht. Mowglis Körper ist nach links gewandt, entgegen der konventionellen Leserichtung (westlicher Länder), womit die rückwärtsgewandte Haltung bildsprachlich aufgenommen wird. Die Emotionalität der Figur scheint dem Text jedoch entgegengesetzt zu sein. Während man von einem heranwachsenden, kräftig werdenden Jungen, der nicht weiß, was lernen heißt, eine fröhlich ausgelassene Inszenierung unter seinen tierischen Freunden erwarten würde, zeigt uns Gabriel Pacheco einen melancholisch gestimmten Mowgli, dessen Pupillen – wie im ganzen Buch – durch dunkle Augenhöhlen ausgespart werden. Ein runder Rücken, dunkle ins Gesicht fallende Haarsträhnen, nach unten hängende Beine und die „Farblosigkeit“ des Körpers, die ihn von der matt-bunten Kolorierung des Dschungels abhebt, unterstützen das traurig wirkende Erscheinungsbild des Jungen.
Mit etwas Mut zur Interpretation könnte man darüber nachdenken, ob es mit Mowgli, in dieser elaborierten Verschränkung von Bild und Text, eine ähnliche Bewandtnis hat, wie mit Michelangelos Moses-Statue, zu der sich Sigmund Freud im Jahr 1914 die Frage stellte, ob der Künstler ein „zeitloses Charakter- und Stimmungsbild“ geschaffen habe oder ob ein bestimmter Moment im Leben Moses dargestellt werde. Und genau das dürfte der springende Punkt und das gelungene Spannungsverhältnis in Pachecos Bilder sein: die Kunst, entscheidende Momente im Leben Mowglis mit einer zeitlosen Wirkung auszustatten, die Rückschlüsse auf die gesamte Vita des besonderen Menschenkindes ermöglicht.

Peter Rinnerthaler


Grün natürlich!

Selbst wer vom Dschungelbuch bzw. den Dschungelbüchern mehr kennt als die Disney-Version, würde als Farbe zu diesen Texten wohl Grün assoziieren. Doch zum Figurenarsenal dieser vielschichtigen Geschichten gehört nicht nur die bekannte Truppe von Tiger und Schlange und der Mungo Rikki-Tikki-Tavi (als Kind zum Leidwesen meiner vorlesenden Mutter eine meiner liebsten Geschichten…), sondern auch Kotick, „Die weiße Robbe“. Wie in anderen Texten der Dschungelbücher sind auch hier wunderschöne Liedtexte, wie etwa das Schlaflied der Robben, eingebaut. Ihre besondere Atmosphäre bekommt die Geschichte auch durch die innerfiktionale Zuschreibung ihrer Tradierung: Denn die Erzählinstanz hat sie nicht etwa erfunden, sondern von Limmershin, einem Winterzaunkönig, gehört, als er diesen auf einem Dampfer, unterwegs nach Japan, gesund pflegte. Gabriel Pacheco zeigt in der ersten von drei Bildtafeln zu „Die weiße Robbe“ die tierische Hauptfigur, noch sehr klein und kindlich, im Kreise ihrer Familie. Man muss genau hinschauen, um zu unterscheiden, was nun Felsen und was Robben sind. Denn dem stets nebligen Wetter von Novastoschnah, dem Schauplatz der Handlung, der auf dem abgedruckten Textausschnitt beschrieben wird, entspricht auch die Farbgebung. Dominiert wird das Bild von Schwarz und Grau, das Blau des Meeres und des Himmels sind sehr verwaschen und dunkel. Neben Meereswesen wie einer Möwe und angedeuteten Wasserpflanzen sind im Bild auch gespiegelte Textauszüge in unterschiedlichen Schriftgrößen und -arten zu erkennen, die als Verweis auf das komplexe intertextuelle und intermediale Verweissystem der Dschungelbücher wie auch der vorliegenden Prachtausgabe gedeutet werden können. Ob die Atmosphäre des Bildes mehr Geborgenheit oder Bedrohlichkeit ausstrahlt, muss jede_r Betrachter_in für sich entscheiden – das Thema der Geschichte, der unauflösliche Gegensatz zwischen Tieren und Menschen, die die Robben grausam töten, bleibt jedenfalls ungebrochen aktuell.

Kathrin Wexberg


Elefantentanz
Die Luft war erfüllt von all den wundersamen Klängen der Nacht, deren Zusammenspiel eine einzige große Stille ergab – das Geräusch eines Bambusrohrs, das gegen ein anderes schlägt, das Rascheln eines Tieres im Unterholz, das Kratzen und Krächzen eines halbwachen Vogels (Vögel sind nachts weitaus häufiger wach als wir uns vorstellen) und das Rauschen eines entfernten Wasserfalls.

In Rudyard Kiplings Geschichte „Toomai von den Elefanten“ wird diese ursprüngliche Idylle durch das Jaulen und Zerren der eben eingefangenen „wilden“ Elefanten im Lager der Menschen konterkariert. Die scheinbare Harmonie der Natur wird jäh gebrochen durch den gewaltsamen Eingriff der Menschen.
Immer schon war es, unter anderem, der Elefant, auf dessen Körper – der in Gabriel Pachecos kunstvoller Illustration in den Mittelpunkt gestellt wird – in Indien die Konflikte zwischen Mensch und Natur, Zivilisation und Wildnis ausgehandelt wurden. Und er ist es noch heute, auch wenn er großteils vom Arbeits- zum Tourismustier umfunktioniert wurde. In jedem Fall kann er aber nur gemeinsam mit seinem menschlichen Gegenüber gedacht werden. Der Mahout, der Führer und oftmals Eigentümer von domestizierten Arbeitselefanten, ist neben dem Elefanten Kala Nag nicht nur der zweite Protagonist von Kiplings Geschichte „Toomai von den Elefanten“, sondern auch jene Figur, die in literarischem Text und kultureller Imagination die Brücke zwischen Mensch und Wildnis bildet.
Auf Gabriel Pachecos Bild ist jedoch „nur“ der Elefant zu sehen. Dieser scheint eins-geworden mit der Natur, die ihn umgibt. Reiche ornamentale Formen aus satten Grüntönen schmiegen sich an seinen Körper und die auf seinem Rüssel tanzenden Vögel, und verwischen die Grenzen zwischen Wald und Tier. Und doch trägt er Schmuckstücke, die dem zugleich wilden und gezähmten Tier von menschlicher Hand auferlegt wurden. Goldene Aufsätze zieren seine (einstmals) gefährlichen, (nun) gestutzten Stoßzähne, aufwendige Stoffe seine gewaltigen Beine. Die körperliche Abwesenheit des Menschen ist letztlich also nur eine scheinbare, sind doch auf allen Ebenen kulturelle Einschreibungen in die Natur zu erkennen. Ausschnitte aus alten Schriftstücken fügen sich zwischen die pflanzlichen Formationen, befüllen Farnblätter und Baumkronen, deren natürliches Durcheinander auf diese Weise mit typografischer Ordnung durchsetzt wird. Ein hohes graues Gebäude – womöglich ein Tempel aus Stein oder ein gar ein modernes Hochhaus aus Beton? – ist im Hintergrund zu sehen. Befinden wir uns womöglich doch nicht auf der Lichtung tief im Herzen des wilden Dschungels, auf der die Elefanten in Kiplings Geschichte zu ihrem sagenumwobenen Tanz zusammenkommen? Oder beobachten wir gerade, wie sich die Natur den ihr vom Menschen entwendeten Raum wieder zurückholt?
Trotz dieser spannungsreichen Ambiguitäten stellt Gabriel Pacheco seinem Bild ein Zitat gegenüber, das den Eindruck einer natürlichen, tierreichen, beinahe magischen Wildnis erzeugt, die unabhängig vom Menschen besteht. Und auch in Andy Serkis‘ Realverfilmung „Mogli: Legende des Dschungels“ (2018) wird der Elefant – der auf ganz ähnliche Weise wie Pachecos Dickhäuter körperlich mit der Natur verschmilzt – zum (Schutz-)Geist eines Waldes, der ebenso in Buch und Film wie in Illustration eine eigenständige Handlungsmacht erhält.

Claudia Sackl


These two things fight together in me
Es ist eine liebliche indische Maid, die einen Wasserkrug auf dem Kopf trägt, der Mowgli am Ende der charmant-sangesfreudige Animationsfilm-Version von „Das Dschungelbuch“ folgt und damit zu den Menschen zurückkehrt. Walt Disneys 1967 erschienener Film lässt Mowgli also zu den Menschen zurückkehren und setzt damit eine scheinbar wesenhafte Notwendigkeit an das Ende seines Werks. Rudyard Kipling hingegen etabliert mit Mowgli eine Figur, die geprägt ist von der Unmöglichkeit, eine solche wesenhafte Zugehörigkeit zu finden. Die dritte Geschichte von „The Jungle Book“ zeigt Mowgli als Fremden unter jenen Menschen, zu denen er zurückkehren will. Der Wilde wird von den Jägern als Aufschneider abqualifiziert. Doch auch im Wolf-Pack, in das Mowgli einst aufgenommen wurde, weiß Shere Khan einen populistischen Stachel zu löcken und stigmatisiert Mowgli als Menschen, der sich über die Wölfe erhebt. Wolf-Pack und Mankind werden dieserart zu jenen beiden „Seelen“ in Mowgli von denen das gewählte Zitat aus „Tiger! Tiger!“ spricht.
Es ist jene Geschichte, die über Mowglis Kindheit hinausweist; Gabriel Pacheco inszeniert dem entsprechend eine adoleszente Figur, die sich in ein Tigerfell hüllt. Fell und Haar gehen dabei ineinander über, sodass Mowgli zu jenem hybriden Wesen wird, als das er sich auf der Suche nach seiner Zugehörigkeit empfindet. Den Verrat von Wölfen und Menschen hat er damit beantwortet, dass er Shere Khans Macht viele Jahre nach dessen Angriff, der Mowgli überhaupt erst in das Gebiet der Seeonee-Wölfe hat flüchten lassen, überwindet. Trickreich lockt er den siegessicheren Tiger in eine Schlucht, durch die er mit der Hilfe von Bagheera in gegengesetzter Richtung eine Büffelherde treibt. Diese eindrücklich geschilderte Szene kontrastiert Kipling mit Mowglis Entscheidung, danach für sich zu bleiben. Mowgli breitet das Fell Shere Khans auf dem Ratsfelsen der Seeonee aus – verweigert sich aber dem heuchlerischen Begehr des Rudels, ihn zu ihrem neuen Anführer zu machen.
Pacheco grenzt all diese Ereignisse in seinem Bild aus, wenn Mowgli sich das noch blutige Fell wie einen Mantel überstreift. Er, der Herkules des Dschungels, erscheint in dieser Situation als der einsamste Mensch der Welt. Vor marmoriert wirkendem Hintergrund stellt Pacheco Mowgli bewusst auf einen erhöhten Platz – und dennoch ins Nichts. Aus den Brauntönen der unbestimmten Ferne schält sich am unteren Bildrand der Dschungel, dessen Grau nur dort scharf konturiert wird, wo Mowgli selbst steht: vor dem Geäst eines abgestorbenen Baumes, der keinen Schutz mehr bietet und keinen Hort der Zuflucht mehr darstellt.
Davor zeichnet sich in fließender Bewegung das strahlend-ockerfarbene Tigerfell ab. Der Kopf des Raubtieres fällt nach hinten, die Reißzähne zeigen (ebenfalls) ins Nichts.
Indem Mowgli sich in das Tigerfell hüllt, umschließt es sich selbst mit seiner eigenen Biografie; denn Shere Khan markiert Anfang und Ende seines Lebens im Rudel der Wölfe, das ihn gleichermaßen verstoßen hat wie das Menschenrudel. Von diesem Zeitpunkt an jagt Mowgli alleine im Dschungel. Dieses Allein-Sein liegt wie eine Durchgangspassage zwischen Kind und Mann und setzt damit mental die Topografie der Schlucht fort. „Aber er blieb nicht immer allein, denn mit den Jahren wuchs er zum Mann heran und nahm sich eine Frau. Aber das ist eine Geschichte für die Großen.“

Heidi Lexe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Fischer Sauerländer 2018. € 17,00.

Stefan Klein / Stefanie Harjes: Der Traumwolf

Wie im Traum. Mit sehnsuchtsvollem Unterton und einem kleinen, begleitenden Seufzer ausgesprochen wird darunter eine Art Inbegriff des Wunderbaren verstanden. Gebunden an eine idyllische Örtlichkeit, wird daraus sogar eine Vorstellungswelt wie im Bilderbuch.
Sowohl der Traum als auch das Bilderbuch werden mit diesen umgangssprachlichen Attitüden nur marginal erfasst. Denn Träume werden zuallererst dadurch bestimmt, dass unser Bewusstsein der Verarbeitung unserer Emotionen und Erlebnisse keine Grenzen setzt; und das Bilderbuch reicht im Sinne einer Kunstform weit über das Prinzip einer heilen Kinderwelt hinaus – und vermag auf künstlerischer Ebene eben jene Traum- und Albtraum-Figuren freizugeben, die unser Gehirn nachts (re-) produziert.
Einen Wolf zum Beispiel, der farbstark einer scheinbar alltäglichen Umgebung entwächst und sich schattenhaft über einen nächtlichen Raum legt. Auch als Elias bereits wiedererwacht ist, lässt das geöffnete Maul des Wolfes die Reißzähne aufblitzen. Wild übereinander geschichtete Rot- und Grautöne signalisieren nur eines: Gefahr!
Stefanie Harjes macht damit – wie sie in einem Interview formuliert – ein Angebot an Kinder; denn an ihre eigene Figuration lassen sich kindliche Erlebnisse anbinden. Indifferenten Angstfiguren, die sich nachts in Kinderzimmern herumtreiben, wird eine Gestalt verliehen; von dieser Gestalt ausgehend, kann über Traumwölfe aller Art gesprochen werden.
Denn die Inszenierung dieses Nacht-Wesens dient weniger einem künstlerisch lustvoll aufgeladenen Horrorszenario, sondern ist vielmehr an kindliche Realitäten und damit kindliches Erleben angebunden.
Das Bilderbuch setzt mit einer fast schon kanonischen Szene ein: In behütetem Ambiente, das Stefanie Harjes hier in reduziertem Stil beispielhaft entwirft, bringt ein Vater seinen Sohn ins Bett – das aufgeschlagene Bilderbuch von Tomi Ungerer noch auf den Knien. Der Sohn hingegen setzt Verzögerungstaktiken ein – offiziell, weil er nicht müde ist; inoffiziell aber, weil er sich alleine im Dunkeln fürchtet. Denn nachts kommen die Monster – schleichen sich vom Bildrand her gegen die Leserichtung bereits an: Eine vogelhafte Gestalt züngelt nach dem Kind und schwarze gewitterstriche künden von Unheil.
Und tatsächlich: Kaum ist das Licht aus, werfen selbst die Spielfiguren film noir-artige Schatten an die Wand. Im scharfen Licht, das durch die Jalousien dringt, formiert sich bereits jener Wolf, der sich mit erneutem Umblättern mit gelb blinkenden auf das Kind stürzen wird.
Mit erneutem Umblättern jedoch beruhigt sich die Szenerie wieder.
Stefanie Harjes setzt das Umblättern als zentrales dramaturgisches Moment des Bilderbuches klug ein, um Stefan Kleins dreistufig angelegte Geschichte nicht nur künstlerisch zu strukturieren, sondern auch zu inszenieren: Dem Albtraum folgt der entgrenzte, wunderbare Traum und diesem wiederum der Klartraum – jener Traum also, der von den Träumenden als Traum wahrgenommen wird und daher die Möglichkeit birgt, Albträume umzudeuten.
Als eine „Reise in unsere innere Wirklichkeit“ hat Stefan Klein Träume in seinem erfolgreichen populärwissenschaftlichen Sachbuch im Untertitel bezeichnet. Nun versucht er das Wissen um diese Welt jenseits des rational Erfassbaren auch an Kinder heranzutragen. Doch erst durch das konstitutive Miteinander des sachorientierten Textes mit der suggestiven Bilderwelt von Stefanie Harjes erhält diese innere Wirklichkeit jene phantasievolle Ausdruckskraft, aus der die Fülle aller erdenklichen Möglichkeiten resultiert.
Stefanie Harjes ordnet die Traumwelten des kleinen Elias dabei bühnenhaft an – stellt Handlungen und Requisiten in den Raum als würde es sich um ein postdramatisches Theaterstück handeln, dessen Handlungsablauf erst durch den Blick der Leser_innen entsteht, die das Gezeigte in einen (narrativen) Zusammenhang bringen (müssen). Sie collagiert Fotografisches und Gezeichnetes, markiert den Raum und löst ihn dennoch immer wieder auf, indem Bilder einander überlagern. Mit Hilfe unterschiedlicher künstlerischer Techniken werden dabei die Figuren oder auch nur Bruchstücke figuraler Erscheinungen und Farbschichten übereinandergelegt, sodass dem illusionistischen Moment der Traumwelt sowohl auf einer expressionistischen Formal- als auch auf der Inhaltsebene entsprochen wird.
Aus seiner zauberhaften zweiten Traumphase erwacht Elias und weiß Traum und Wirklichkeit nicht so recht zu unterscheiden. Haben sich Schätze aus dem Traum tatsächlich in die Wirklichkeit geschlichen? Es ist die Großmutter, der an dieser Stelle die Rolle zukommt, im sachorientierten Dialog Informationen über das Wesen des Traums an Elias (und mit ihm an die Leser_innen) weiterzugeben.
Mit dem erneuten Umblättern entsteigen dem erneut entschlafenden Kindergesicht dann wieder Wesen, die ineinander übergehen; Wesen, die sich wortwörtlich auf den Spuren des Traumgeschehens voran bewegen. In diesen Bewegungsfluss tritt letztlich auch der Wolf wieder ein – nun nicht mehr als märchenhaftes Un-Tier, sondern als ritterlicher Gefährte des Kindes (wobei die Unterhose des Teddybären zum Helm umfunktioniert wird). Gemeinsam dringen die beiden in einen paradiesisch anmutenden Raum ein, um dort den Schlüssel zur Schatzkiste zu finden – der nach dem Aufwachen als Beweis der Wahrhaftigkeit des Traumes in die Realität hinübergerettet wird. (Nun gut, der Schlüssel kann natürlich auch ganz prosaisch als Schlüssel der Schreibtischschublade gelesen werden …)
Im Wissen um das Geheimnis von Träumen hat das Kind also in illustratorisch einfallsreicher Selbstermächtigung seine Angst besiegt und kann gestärkt in den neuen Tag gehen. Einen Tag, der vielleicht dem sachkundigen Studium der Traumforschung dient. Zumindest macht Stefan Klein dafür Angebote im erklärenden Nachwort. Stefanie Harjes lässt das Vogelzebra dazu die Tasten schlagen und eine an Zwerg Nase erinnernde Mädchenfigur interessiert aus ihrer Superheldinnenbrille blicken.

Heidi Lexe