Mit Bildern von Julie Völk.
Aus d. Niederländ. v. Meike Blatnik
Gerstenberg 2021.
€ 14, 90.

Kathleen Vereecken: Alles wird gut, immer

Ich sah nicht, wie sich meine Eltern in den nächsten Tagen langsamer bewegten. Wie angestrengt ihr Lächeln wirkte, bis es schließlich verschwand. Ich sah nicht, wie sie mit anderen Erwachsenen zusammenstanden und flüsterten. […] Natürlich sah ich das schon alles. Aber ich wollte nicht.

Es sind jene Tage im Ersten Weltkrieg, an denen in einem kleinen belgischen Dorf der Krieg ankommt. Zunächst in Form von Flüchtlingen. Massen von Menschen ziehen durch die kleine Ortschaft. Davor war heile Welt. Man wusste zwar, dass es Krieg gibt, aber der Ort, in dem die 12-jährige Alice mit ihrer Familie wohnt, ist davon (noch) verschont geblieben. Stattdessen ist sie ein ganz normales Kind, freut sich auf den Jahrmarkt, schlägt sich den Bauch mit Süßigkeiten voll und verbringt am liebsten die Zeit mit ihrer besten Freundin Johanna. Der Inbegriff dieser glücklichen Zeit ist ein metallener Globus, im Inneren hohl und voll von Süßigkeiten, die an die Geschwister verteilt werden können. Dieser Globus wird es auch sein, der am Ende an glücklichere Zeiten erinnern lässt, als die Familie noch komplett war.

Die flämische Autorin legt mit ihrem neuen Text, der 2019 zum besten flämischen Kinderbuch gekürt wurde, eine Geschichte vor, die zeitlos gelesen werden kann: Denn auch wenn der Text im Ersten Weltkrieg verortet ist, verzichtet die Autorin nahezu völlig auf innertextuelle Zeitverortungen oder warum das eigentlich neutrale Belgien doch in den Krieg verwickelt wurde. Vielmehr verhandelt sie das Erlebte aus der konsequenten Ich-Perspektive eines 12-jährigen Mädchens. Dabei wählt sie einen kindlich-naiven Blick auf das Geschehen und bleibt dabei erschreckend genau in ihren Beschreibungen.

Nachdem der Krieg immer näher kommt, beschließt die Familie zu fliehen. Wohin? Das weiß keiner so genau und nach tagelangen Strapazen auf der Flucht kehrt die Familie um. In ein Zuhause, welches nicht mehr das gleiche ist wie jenes, das sie einige Zeit zuvor verlassen hatten. Die Kinder gehen zur Schule, am Sonntag in die Kirche und der Vater zimmert Särge – früher waren es Möbel. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Kasten. Die braucht aber niemand mehr. Die Devise für die Familie ist, sich normal zu verhalten, unauffällig:

Das war etwas, über das ich lange nachdenken musste. Wie verhielt man sich normal? Sich auffällig verhalten war leicht, albern und anstrengend sein auch. Doch wie sich normal verhalten aussah, wusste ich nicht. […] Wir gingen nebeneinander her, ohne ein Wort zu sagen. Ganz normal. Bis wir in Lachen ausbrachen und beschlossen, dass sich normal zu verhalten blöd war.

Von normal kann im Ausnahmezustand Krieg natürlich keine Rede sein; Nach dem plötzlichen Tod der Mutter – durch einen Raketenangriff am Weg zum Bäcker – begibt sich die Familie nunmehr ohne Mutter wieder auf die Flucht. Ob das titelgebende Mantra der Mutter Alles wird gut, immer nun auch noch stimmt, bleibt in diesem Moment fraglich.
Bevor sich die Familie auf den Weg macht, vergräbt Alice besagten Globus mit einer Handvoll anderer Erinnerungsgegenstände im Garten – unter anderem ein Familienfoto, auf dem alle ausgelassen lachen –, die hier hoffentlich auf sie warten. Bis dahin heißt es für Alice mehr Verantwortung zu übernehmen.

Der Krieg wird von Tag zu Tag spürbarer: Kälte, Heimatlosigkeit, Hunger, Angst und Ungewissheit werden zu ständigen Begleitern. Damit einher geht auch Krankheit: Vater und Schwester erkranken an Typhus, während Alices Bruder bei einem Angriff verletzt wird. Um zumindest drei Kinder in Sicherheit zu wissen, werden Alice und ihre beiden jüngeren Geschwister mit einem Viehtransporter nach Frankreich geschickt. Ohne Sprach- und Ortskenntnisse findet sich die 12-Jährige in der Position des Familienoberhaupts wieder:

Dass ich Angst hatte, wollte ich sagen. Ich hätte es zu meinem Vater und meiner Mutter gesagt. Zu Oscar und Rosa. Auch zu Johanna. Aber niemals zu Jules und Clara. Ich war die Älteste. Und die Älteste musste die Stärkste sein.

Es wird eine zutiefst ehrliche Hauptfigur gezeichnet, die innerhalb kürzester Zeit erwachsen werden muss. Die Grausamkeiten des Krieges prägen natürlich den Plot, dennoch gelingt es der Autorin die kindliche Wahrnehmung in den Vordergrund zu rücken und unaufgeregt über Unvorstellbares zu schreiben. Dabei wird auch immer wieder der Blick auf das Positive in der Welt gerichtet und sei es auch noch so klein.
Dieser kindlichen Wahrnehmung verpflichten sich auch die fein gezeichneten, schwarz-weißen Illustrationen der österreichischen Künstlerin Julie Völk, die immer wieder in den Text oder an den Anfang respektive das Ende der Kapitel gesetzt werden. Sie nehmen mal weniger, mal mehr Raum ein und demonstrieren in ihrer Schlichtheit das Erlebte, die Ausweglosigkeit und die inneren Empfindungen der Protagonistin.
Am Ende findet sich eine Familie in Frankreich wieder, die zwei Familienmitglieder weniger zählt und in der ein scheinbar normaler Alltag eingekehrt war; die Kinder gehen zur Schule, der Vater tischlerte wieder. Alles war normal…
Nur unsere Familie war nicht mehr normal. Sie war in Stücke geschnitten. Zerschnitten wie Papier und über alle Gebäude zerstreut. […]
Zwei Schnipsel fehlten. Davongetragen vom Wind, nach oben hinauf. Bis in den Himmel.

Was aber bleibt, ist der Globus tief vergraben im Garten, der den Krieg überdauert.  

Alexandra Hofer


Nicht mit dem ersten, aber mit dem zweiten Weltkrieg beschäftigt sich die Buchliste Shoah und Widerstand.
Außerdem wurde in einer Buchliste zum Thema Flucht thematisiert, in welcher Form und aus welchen Gründen Menschen flüchten müssen und wie sich das in Kinder- und Jugendliteratur niederschlägt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Carlsen 2020.
€ 16, 50.

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Mistvertsändnis. Mit Bildern von Peter Schössow

 

Arrogant. Der Duden nennt anmaßend, dünkelhaft, überheblich und eingebildet als Bedeutungsmöglichkeiten für das Adjektiv. Rico notiert dazu Folgendes:

Wenn man auf jemanden herabsieht. So schlau kann Oskar also gar nicht sein, schließlich ist er viel kleiner als ich und musste ständig zu mir raufgucken. (I, S. 36)

Gemeinsam mit dem Visier und der Primzahl ist arrogant einer jener Begriffe, die Rico in seinen Worterklärungs-Kärtchen mit Oskar in Verbindung bringt, als die beiden einander am Spielplatz in der Grimmstraße kennenlernen. Dort, wo die Grimmstraße eine Halbinsel bildet – und damit als eine Straße erkennbar ist, die von der Dieffe weg und gleichzeitig zu ihr zurückführt. Hier treffen der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar in jenem Sommer aufeinander, als Rico nach seiner Fundnudel und Oskar nach Mister 2000 sucht.
„Kann es sein, dass du ein bisschen doof bist?“ (I, S. 33) lautet Oskars Frage an Rico. Denn Oskar hat das, was für Rico offensichtlich ist, nicht verstanden.
In der filmischen Adaption sieht man Rico das inkriminierte Wort mit Filzstift auf ein Post-it schreiben, um es im Wörterbuch nachzuschlagen: arrokant. Denn dass Ricos Rechtschreib-schwäche in seinem Tagebuch dank Rechtschreibkorrektur nicht sichtbar ist, heißt ja nicht, dass sie nicht da ist. Doch wie hat es der Wehmeyer, Ricos Lehrer im Förderzentrum, so schön formuliert:
„Deine Rechtschreibung zieht einem zwar die Schuhe aus, Rico […]. Aber wie du schreibst, das hat schon was.“ (I, S. 49)
Andreas Steinhöfel etabliert Rico von Beginn an als defizitären Erzähler, der dennoch – oder gerade deswegen – seiner ganz eigenen Sprachgebung folgt. Als Ich-Erzähler nähert sich Rico seinem Leben und Erleben auf komische Weise an und macht das Moment des Absurden zum primären Stilmittel. Rico folgt nicht nur seinem konsequent kindlichen Blick, sondern auch den wortwörtlichen Bedeutungen dessen, womit er es zu tun bekommt. Seiner Bewegung im Raum entsprechend ist auch seine Sprach-Welt eine ohne Irrwege, ohne Metaphern und Sprichwörtlich-keiten. Ricos Blick ist ein komödiantischer Blick, der die Dinge ganz naiv und unverschämt offen legt.
Die semiotische Dimension einzelner Wörter ist Rico mitunter ein Rätsel; mit Blick auf deren Semantik jedoch ist er selten um assoziative Erklärungsmuster verlegen:

Linguistin: Eine Wissenschaftlerin, die die Geheimnisse der menschlichen Sprache untersucht.  Also zum Beispiel, warum manche Autos Mehrtürer genannt werden, manche Heilige aber auch, und warum es Mehrtürertod heißt, obwohl der heilige Quirinius nicht bei einem Autounfall in Rom gestorben ist, sondern dort geköpft wurde. (III, S. 158)

Die angesprochene Linguistin ist Svens Mutter und entstammt dem dritten Band, als Rico und Oskar von Berlin aus bis an die Ostsee müssen, um das Rätsel um den Diebstahlstein zu lösen. Sven wiederum kennt man bereits aus dem ersten Band: Der gehörlose Zuhörer wird zum Wegweiser, als Rico die Dieffe zum ersten Mal (alleine) verlassen muss, um auf der Suche nach Oskar Sophia zu befragen.
Bereits mit dem dritten Band hat sich abgezeichnet, was sich nun, im fünften Band verfestigt: Durch und mit Oskar bewegt Rico sich viel selbstbestimmter durch die Welt. Gemeint ist damit eine räumliche Welt gleichermaßen wie Ricos Sprach- und Denkwelt. Nichts könnte davon besser Zeugnis ablegen, als das Worter-klärungskärtchen RUMKUGELN, das Rico extra für den Wehmeyer verfasst hat.
Gemeint ist damit aber auch Ricos Erzählwelt. Zwar wird auch Ricos fünftes Abenteuer auf wenige Tage verdichtet, doch die Zeitdehnungen des ersten Bandes (Immer noch fast schon Donnerstag I, S. 175) weichen einem zügigen Ablauf der durch-aus nicht unkomplexen Handlung, die nun sogar auf zwei Ebenen erzählt wird. Und eine umfassendere Figurenkonstellation als bisher miteinbezieht: Zusätzlich zum Haus in der Dieffe 93, des-sen Bewohner_innen-Plan weiterhin textuell in den Band einführt, kommen separat aufgelistete Handelnde dazu, denn:
Weil im Buch fast so viele Leute auftauchen, wie in einer Bingotrommel Kugeln sind, hab ich die wichtigsten hier aufgezählt. (V, S. 6)

All die Bingokugeln bereiten Rico mittlerweile viel weniger Sorgen. Statt des klackernden Durcheinanders in seinem Kopf löst sich höchstens mal eine vereinzelte Kugel – und lenkt Rico auf eine Denk-Spur, die er nicht in der Sekunde erfassen kann, der er aber dennoch nachgeht. Doch gerade diese eine Bingokugel fordert ihn gehörig heraus. Denn: Zwischen Rico und Oskar kommt es zu einem fürchterlichen Streit.

Wir erinnern uns: Mittlerweile ist das Rico und Oskar-Universum transmedial angewachsen. Für animierte Kurzfilme in der Sendung mit der Maus hat Andreas Steinhöfel seinem ver-schworenes Duo eine multikulturelle Clique an die Seite gestellt, die dann auch zu den Protagonist_innen der Kindercomics rund um Rico und Oskar wurden. Wie Rico Soo-Min, Samira, Nuri, Sarah, den Checker und den Lawottny kennen gelernt hat, wird im vierten Band (der nur an einem Tag und außer zu Beginn ausschließlich im Haus in der Dieffe 93 spielt) in Rückblicken auf den davor liegenden Sommer erzählt.
Damals hatte hinter einer hohen Mauer eine hoffnungsvolle Freundschaft begonnen, die aber im Herbst schmerzhaft und verräterisch wieder zerbrochen  (IV, S. 43) war. Grund dafür waren Oskars Alleinanspruchsanwandlungen auf Rico. Als das Vomhimmelhoch herabschwebte, wurde der Streit beigelegt, so-dass die Clique nun integrativer Bestandteil eines neuen Aben-teuers von Rico und Oskar ist. Mehr noch: Sie steht im Mittel-punkt der Ereignisse. Denn der Hinterhof, in dem die acht einander treffen, soll verkauft und bebaut werden. Es gilt also, die eigene Zugehörigkeit zu verteidigen und herauszufinden, was hier eigentlich vorgeht und wie man es verhindern kann.

Just in dieser Situation keimen Oskars Eifersuchtsanwandlungen wieder auf. Denn da ist nicht nur die Clique per se, sondern auch Ricos neu erwachtes Herzklopfen, wenn es um Sarah geht. Rico wiederum fühlt sich von Oskar hintergangen und bedrängt. Es kommt zum Streit.
Es bleibt einem beinahe das Herz stehen, als die beiden in Worten aufeinander losgehen. Denn wenn eine Freundschaft so innig und einzigartig ist, braucht es sprachliche Heftigkeit, um aus Rico und Oskar wieder einen Rico und einen Oskar zu machen. Rico wirft Oskar dessen Verbitterung ob Sarahs neuer Rolle vor. (So einen bescheuerten Freund brauch ich nicht. V, S. 91) Oskar aber fällt in alte Muster zurück. Stichwort: arrogant.

„Wenn ich so schrecklich bin, dann geh doch, du Sonderschüler!“, brüllte Oskar. „Dann hau doch ab zu deiner Scheiß-Sarah, du Arschloch!“
(V, S. 91)

Wie Kugelmenschen waren sie, die beiden. Nun aber ist etwas zerbrochen.
Doch nur eine Freundschaft, die so innig ist wie jene von Rico und Oskar gibt auch her, dass ein Streit dennoch das Vertrauen impliziert, dass man einander verbunden bleibt. Diese Ver-bundenheit bleibt sichtbar, indem Rico weiterhin eine Rico und Oskar-Geschichte erzählt. Auch wenn die beiden (räumlich) voneinander getrennt sind.

Andreas Steinhöfel nutzt dazu einen Kunstgriff.
Für Rico kommt es ganz gelegen, dass Frau Dahling die Angst befällt, ihr Herr van Scherten könnte einem Kurschatten verfallen sein. Als Frau Dahling ihrem Liebsten nach Bad Wildungen nachreist, trifft sich das nicht eben ungünstig. Denn eine der Spuren im Hinterhof-Fall weist in diese geografische Richtung. Also begleitet Rico Frau Dahling. Und der Checker begleitet Rico, während die restliche Clique gemeinsam mit Oskar in Berlin weiter ermittelt. Als Rico Reiselektüre für Frau Dahling besorgen soll, stößt er auf die Werke von Hedwig Kurzmaler und ist höchst angetan von deren vornehmer Sprache und edlen Figuren (V, S. 105) und beschließt:
Wenn ich jemals ein Buch schreibe, dann schreibe ich es so, wie die Hedwig Kurzmaler es geschrieben hätte. (V, S. 105) 

Enthusiasmiert lebt Rico sich in die Welt von „Griseldis“ ein und nutzt die Sujets der vorletzten Jahrhundertwendem, um nun seinerseits etwas ganz Neues auszuprobieren: Er erzählt Oscars kapitale Abenteuer und erschafft dafür eine metafiktionale Parallelwelt, in die er einschreibt, was Oskar in Berlin widerfährt, während er selbst in Bad Wildungen mit einer verworrenen Familiengeschichte konfrontiert wird. Verzeihung. Rico erzählt, in welche Gipfel aller Schmach Oscar Dörings durch den perfiden Verrat seines einst besten Freundes  Federico d’Oretti durchleben muss.
Oscars kapitale Abenteuer werden nicht nur grafisch stilisiert und abgesetzt, sondern von Peter Schössow auch illustratorisch auf besondere Weise begleitet: Er versetzt Oscar ins Berlin der Jahrhundertwende, schreibt zahlreiche Filmzitate in seine Bilder ein und treibt das intertextuelle Spiel mit Verweisen und Anleihen, das Andreas Steinhöfel mit Hedwig Kurzmaler anstößt (deren Namen man eigentlich anders schreibt, nämlich ganz kompliziert und als Doppelname V, S. 104) intermedial klug und humorvoll weiter.

Zum Thema arrogant hätte auch Hedwig Courths-Mahler einiges zu sagen; muss sie es doch über sich ergehen lassen, als trivial markiert zu werden. Nur ein Autor wie Andreas Steinhöfel schafft es, ihr Werk mit so viel Esprit aufzugreifen und zu zeigen, wie lustvoll man dessen Kompositionsprinzipien (literarisch) rezipieren kann. Und nicht nur das: Andreas Steinhöfel verabschiedet seine Rico und Oskar Reihe, indem er sie umfassend in eine Tradition der Kinder- und Jugendliteratur im Allgemeinen und seines eigenen Werkes im Besonderen einschreibt: Von Schwestern, die den Namen Edith und Enid Burnett tragen (und damit gleich drei Kinderbuchautorinnen die Ehre erweisen), über die Tasche von Mary Poppins bis hin zu einem Verweis auf die Hexenkinder Visibles reichen die Anspielungen, die das Herz all jener frohlocken lassen, die Kinderliteratur anders begreifen als unter den Vorzeichen pinkifizierter Hypes.
Denn rosa ist hier höchsten die Füllung winziger Windbeutel, die Rico links liegen lassen muss (manchmal muss man für Freunde Opfer bringen V, S. 313), als vor der offenen Kühlschranktüre endlich die herzerwärmende Versöhnungsszene alles wieder ins Lot bringt. Andreas Steinhöfel schließt damit noch einmal den Kreis zum Beginn dieser wunderbaren Freundschaft am Spielplatz in der Grimmstraße. Nun ist es Rico, der sich bei Oskar entschuldigt:
Ich sollte dich besser kennen und dich deswegen auch besser verstehen. Aber ich hab nur mich und Sarah gesehen, und dabei haben ein paar Sachen, die ich doof an dir finde, zu viel Gewicht gekriegt. Entschuldigung bitte. (V, S. 313)
Dieserart versöhnt spazieren die beiden über die regennassen Straßen in den Sonnenuntergang und machen dabei Rick Blaine und Captain Louis Renault alle Ehre.
Wir werden sie vermissen. Aber! Uns bleibt immer noch die Dieffe 93.

Heidi Lexe

Die ersten drei Bände rund um Rico und Oskar als filmische Adaption sind Teil der neuen Kinderfilm-Medienliste, in der verschiedene Filme zusammengetragen wurden, die auf kinderliterarischen Texten basieren.

Die gesammelten Kröten der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Krötenarchiv

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


avant 2020.
€ 20,60.

Katharina Greve: Die letzten 23 Tage der Plüm.

 

Es ist (ein aufsteigender, aber dennoch) ein Countdown, der mit dem Titel des vorliegenden Comic der deutschen Zeichnerin und Cartoonistin eröffnet wird. Von 1 bis 23, und dann – so viel sei verraten – ein Neubeginn bei Nr. 24.

Die Plüm vom Planeten Plümos zählen seit der Erfindung der Zahlen für ihr Leben gern. Aber auch über ihre fiktionale Welt hinaus liegt das Letzte-Tage-Zählen gerade voll im Trend: Die letzten Tage des von vielen mit großer Genugtuung (und zugleich mit großen Erwartungen für das Kommende) verabschiedeten Jahres 2020 haben wir schon hinter uns. Die letzten Tage einer (wie die erschreckenden aktuellen Ereignisse wieder einmal gezeigt haben) beschämenden Präsidentschaft auf der anderen Seite des Atlantiks befinden sich noch vor uns. Wie viele letzte Tage jeder und jede Einzelne von uns noch bis zum Erhalt jenes Serums zu zählen hat, das uns allen wieder eine gewisse Form von „normalem“ Leben ermöglichen soll, ist für die Meisten noch ungewiss.

Nicht zuletzt deshalb können wir dieser Tage ein paar Momente ausgelassenen Lachens gut gebrauchen. Und mit solchen kann Katharina Greve, die bereits in ihren früheren Arbeiten „Das Hochhaus“ (2017) und „Die dicke Prinzessin Petronia“ (2019) bewiesen hat, dass sie es versteht, ihre zeitgenössischen Gesellschaftssatiren in Comicform punktgenau mit einer ordentlichen Portion Ironie und Zynismus anzureichern, in ihrem neuen Buch zur Genüge aufwarten.

Aber es gibt noch einen Grund, warum die Geschichte über die sonderbaren Plüm-Wesen das Jahr 2021 eröffnen soll:
24 Tage umfasst die serielle Erzählung insgesamt.
24 Monate arbeiten wir – das sechsköpfige Team der STUBE und der Literarischen Kurse – nun in unserer neuen, gemeinsamen Organisationseinheit.
730 Tage alt ist unsere enge, enthusiasmierte und erfolgreiche Zusammenarbeit mit 01.01.2021 also. Eine Zusammenarbeit, die auf personeller Ebene zwar bereits davor in Form von (gelegentlich durchaus intensivem) Austausch untereinander bestanden hat, die nun seit 01.01.2019 aber auch strukturell verankert ist und dadurch in unser tägliches Denken und Tun, mehrere gemeinsame Veranstaltungen sowie miteinander konzipierte Fernkurse für Literatur eingegangen ist.
Um unsere nunmehr zweijährige Abteilung Literatur in der Erwachsenenbildung zu feiern und uns gegenseitig Danke zu sagen, gönnen wir uns zum Jahresbeginn also eine gemeinsame Buchempfehlung, die sich – im Sinne unseres verschiedene Lesealter übergreifenden Miteinanders – an jugendliche ebenso wie an erwachsene Leser_innen richtet. Was hier die Kröte des Monats ist, ist dort der sogenannte >>>Lese-Tipp, in dem die Literarischen Kurse jedes Monat besondere Texte aus dem Bereich der aktuellen allgemeinen Literatur empfehlen. Aber jetzt endlich zum Buch:

Mit slapstickartiger Situationskomik, frechem Wortwitz und abstruser Phantasie erzählt Katharina Greve in „Die letzten 23 Tage der Plüm“ von den letzten dreien der sorg- und ambitionslosen ungeschlechtlichen Kopffüßlern, die sich ähnlich wie Bakterien durch Teilung vermehren (was aber so anstrengend ist, dass sie schon längst darauf verzichten) und auf ihrem kargen Planeten tagein, tagaus nicht viel mehr tun als Lübosen-Würmer zu rösten, hochprozentigen Summerling zu trinken und zu schlafen. Ihr friedvoller Alltag (manche würden ihn vielleicht auch als grotesk eintönig oder gar stumpfsinnig bezeichnen) wird jäh aus der Balance geworfen, als ein pinkfarbener Punkt am Himmel auftaucht, der den Weltuntergang anzukündigen scheint:

„Schlechte Neuigkeiten, Schte, Rüm. Dieser pinke Punkt da oben kommt auf uns zu. Nach meinen Berechnungen stoßen wir in 23 Tagen mit ihm zusammen.“
„Was bedeutet das Pla?“
[­- dramaturgischer Spannungsmoment des Umblätterns -]
„Wir werden alle sterben.“
„Was machen wir jetzt?“
„Wir sind die letzten drei des stolzen Volkes der Plüm! Darum halten wir uns an unsere ehrenvollen Traditionen!
Und an die erste Plüm-Regel für ausweglose Situationen.“
[- erwartungsvoller Blick auf die rechte Buchseite -
Alle brechen in Panik aus.]

Mit reduzierter, gezielt gesetzter Strichführung verleiht Katharina Greve den drei grünen Plüm ausdrucksstarke Gesichtszüge und zieht für ihre Endzeitstimmung-erzeugende entleerte Raumdarstellung nur vereinzelte Requisiten – wie zum Beispiel grüne Flaschen – heran. Denn die zweite Plüm-Regel für ausweglose Situationen lautet: So viel Summerling trinken, wie man kann. Die angekündigte dritte Plüm-Regel für ausweglose Situationen gibt es gar nicht, denn:

„So ausweglos war noch nie eine Situation, dass die zwei anderen nicht gereicht hätten.“
„Ächz“

In 24 pointierten dialogischen Kurzszenen vor immergleichem Horizont und stetig größer werdendem pinken Punkt lässt Katharina Greve die drei letzten Plüm unterschiedlichste Möglichkeiten ersinnen, wie sie einerseits den fatalen Zusammenprall mit dem pinken Punkt verhindern und andererseits ihre letzten Tage maximal auskosten können, indem sie tun, was noch kein Plüm zuvor getan hat. Aufräumen zum Beispiel, ein Kunstwerk erschaffen – oder einen vergammelten Trufonten essen und sich zum ersten Mal in der Geschichte der Plüm eine Fleischvergiftung zuziehen... Dass Schte und Rüm im Gegensatz zu dem immer verzweifelter werdenden Pla nicht gerade die Hellsten sind, ist dabei nicht unbedingt von Vorteil. Sowohl ihr selbstgebasteltes Umleitungsschild als auch ihre Mini-Rampe, mit der sie sich zum pinken Punkt hinaufschießen möchten, um mit ihm zu reden („Rüm meint, man kann mit jedem über alles reden“), sind selbst innerhalb der nicht immer ganz nachvollziehbaren Logik der Plüm zum Scheitern verurteilt.

Regelmäßig unterbrochen werden die absurden, aber umso amüsanteren Versuche, den bevorstehenden Weltuntergang abzuwenden oder zumindest erträglicher zu machen, von jenen pseudo-wissenschaftlichen Einschüben (ebenfalls 24 an der Zahl), die den Leser_innen in historiografischem Duktus Wissenswertes über die Plüm vermitteln und damit auf erheiternde und aufschlussreiche Weise zu Greves kuriosem Worldbuilding beitragen:

Seit jeher halten die Plüm den Schlaf für den Urzustand jedes Seins, da man schlafend niemandem willentlich Schaden zufügt. Alle anderen Aktionen – wie etwa die Ernährung – dienen nur dazu, den Schlaf zu sichern. Am besten und tiefsten schlafen sie übrigens seltsamerweise auf violetten Kissen. Warum, wurde nie geklärt, da selbst die wissbegierigsten Plüm sofort eindösten, sobald sie über violette Kissen nachdachten.

Dass Katharina Greve ein Faible für besondere Buchformate hat, hat sie schon in ihrer auf einem genialen >>>Web-Comic-Bauprojekt basierenden Graphic Novel „Das Hochhaus“ gezeigt, hinter dessen außergewöhnlich schmalen, hochformatigen Buchdeckeln sich ein Stockwerk nach dem anderen nach oben schraubt und Blicke ins Innere der Apartments und des Alltagslebens der Bewohner_innen eröffnet. „Die letzten 23 Tage der Plüm“ hingegen erstreckt sich entlang der horizontalen Achse in die Länge und basiert auf einer gedruckten Comicserie, die Greve für die Tageszeitung „taz“ verfasst und für den vorliegenden Band (dessen Ende von den „taz“-Leser_innen und -Redakteur_innen maßgeblich beeinflusst wurde) um einige Episoden erweitert und neu koloriert hat. Alles andere als seriös, aber deshalb nicht weniger präzise verhandelt sie darin die großen Fragen, an denen sich Philosoph_innen seit Jahrhunderten abarbeiten. Mithilfe parodistischer Überzeichnung und grafischem Minimalismus entwirft sie eine einzigartige Endzeitwelt, die Leser_innen unterschiedlichen Alters zum Schmunzeln bringt.

 

Claudia Sackl

Bonusmaterial:

>>>Das Hochhaus. 102 Etagen Leben von Katharina Greve.
Rezension von Claudia Sackl im März 2018.

>>>könig der kinder / tänze der untertanen. gedichte. Texte von Nils Mohl. Bilder von Katharina Greve.
Kröte des Monats im August 2020 vom STUBE-Team.