Moritz 2021.
Aus d. Poln. v. Thomas Weiler.
€ 29,95.

Aleksandra Mizielinsca / Daniel Mizielinscy / Natalia Baranowska: Alle Welt zu Tisch

Erde und Wasser, Musik und Klänge, Nationalparks und Weltkarten. Die Sachbücher des polnischen Grafiker*innenpaars Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski sind unverkennbar, gehören zu den innovativsten ihrer Art und erfreuen nicht nur die Augen (und Ohren) ihrer kindlichen, sondern auch ihrer erwach-
senen Betrachter*innen. Mit „Alle Welt zu Tisch“ stellen sie ihren beliebten Publikationen – diesmal in Zusammenarbeit mit Natalia Baranowska – ein Buch zur Seite, das sich der kulinarischen Vielfalt unseres Globus widmet. Seine Weltgeschichte des Essens von 11 500 v. Chr. bis 2020 ordnet das Verfasser*innentrio jedoch nicht chronologisch auf einem linearen Zeitstrahl, sondern fächert sie in insgesamt 26 ausgewählte Nationen auf. 

Jedem Land werden zwei Doppelseiten gewidmet, die jeweils in drei verschiedene Bereiche eingeteilt sind: (1) Mit kleinen Vignetten bebilderte Textfelder geben blitzlichtartige Einblicke in die Koch- und Essgewohnheiten des ausgewählten Landes und verknüpfen dabei auf kurzweilige Weise historische sowie zeitgenössische Dimensionen. (2) Ein schmaler, sich über die oberen Seitenränder erstreckender Querbalken greift Elemente aus diesen Erzählungen auf und setzt sie in einer zusammen-
hängenden Darstellung, die mehrere Zeit- und Raumebenen miteinander verschränkt, ins Bild. (3) Und schließlich lädt ein auch farblich von den anderen Textfeldern abgehobenes Rezept zum Nachkochen ein. 
(Zugegebenermaßen gestaltet sich die praktische Verwendung als Kochbuch aufgrund des ausladenden Formats des Buches und der dicken, hochwertigen Seiten etwas schwierig. Anstatt das überdimensionale Buch umständlich aufzuspreizen, bietet es sich daher an, das jeweilige Rezept abzufotografieren und auf einem digitalen Bildschirm der eigenen Wahl abzurufen.)

Aleksandra Mizielinska, Daniel Mizielinski und Natalia Baranowska stellen mit ihrem Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sowohl die Auswahl der Länder als auch der dargestellten Speisen sind exemplarisch und wollen auch so verstanden werden. Dieses Konzept geht insofern auf, als die kulinarischen Traditionen der jeweiligen Länder stets als vielfältiges Ergebnis kulturellen Austauschs sichtbar werden. So beschränken sich die Autor*innen in den USA beispielsweise nicht in stereotyper Haltung auf eine Einführung in das Fast Food-Sortiment von Hamburger, Hot Dog und Donut, sondern tragen u. a. mit ihrer Darstellung des Gumbo (ein in Louisiana beliebtes scharfes Eintopfgericht) der kulinarischen Vermischung europäischer, afrikanischer und karibischer Elemente Rechnung. 

Es sind vor allem diese transnationalen und transkontinentalen Querverbindungen, die zu einer vertiefenden Auseinander-
setzung nicht nur mit den kulinarischen Besonderheiten einzelner Länder, sondern auch mit den historischen Verflechtungen verschiedener Kulturen anleiten. Diese wird nicht zuletzt auch durch die dichte (Quer-)Verweisstruktur des Bandes angeregt: Während das nach Ländern geordnete Inhaltsverzeichnis auf dem Vorsatzpapier auf einer Weltkarte verortet wird, finden kochmotivierte Leser*innen darauffolgend auch ein nach Seitenzahlen geordnetes Verzeichnis aller im Buch vorgestellten Rezepte. Zum Abschluss werden die einzelnen historischen Ereignisse, auf die auf den Doppelseiten referiert wird, noch einmal in chronologischer Reihenfolge auf einem Zeitstrahl versammelt – wodurch die Gleichzeitigkeit bzw. Abfolge dieser globalen, oftmals miteinander verbundenen Entwicklungen auf besondere Weise sichtbar wird.

Brasilien

Essen und Kochen, zwei ganz basale menschliche Tätigkeiten, um die es in diesem Buch geht, passieren nicht im luftleeren Raum, sondern haben immer auch mit Geschichte und Gesellschaft des jeweiligen Landes zu tun. Das wird gleich zu Beginn auf der Doppelseite zu Brasilien im Sinne einer postkolonialen Perspektive sehr klar formuliert beziehungsweise nachvollziehbar erklärt: Das Gebiet, das übrigens unglaubliche 47,3 Prozent der Fläche Südamerikas ausmacht, war schon vor Jahrtausenden von verschiedenen (indigenen) Völkern besiedelt, dann wurde vor gut 500 Jahren das Land für Portugal in Besitz genommen – keine Rede vom unsäglichen „Entdecken eines Landes“, eine Formulierung, die leider noch immer oft verwendet wird. Mit der Verschleppung der afrikanischen Sklav*innen kamen dann auch ihre Ess- und Kochgewohnheiten nach Brasilien und bereicherten die lokale Küche, nach der Unabhängigkeit ergänzt um die kulinarischen Vorlieben der Einwander*innen (im Buchtext leider nur männlich formuliert). Die beiden Rezepte zum Nachkochen sind klug gewählt, weil sie relativ unaufwändig sind und zwei elementare Bereiche abdecken: Zum Frühstück gibt es Pão de queijo (sprich: Pau di keyschu), mit Käse gefüllte, warme Tapiokakugeln (habe ich in Brasilien öfter gegessen). Und der süße Hunger zwischendurch kann mit üppigen Brigadeiros (sprich: Brigadeyrus), Pralinen aus lange gekochter Zuckermilch, gestillt werden (werde ich demnächst ausprobieren und dann essen, im kommenden Corona-Winter wird süßes Soulfood wohl durchaus angebracht sein). Damit vor lauter Essen das Bedürfnis nach Geschichten, Mythen und nicht zuletzt ein wenig Horror nicht zu kurz kommt, endet der Abschnitt über Brasilien mit zwei ziemlich verstörenden Legenden über die Entstehung der Guaraná-Frucht und der Açai-Beeren, letztere betitelt mit der schönen Überschrift: Schlimmer geht immer. Durchaus passend auch zur aktuellen politischen Lage in Brasilien …

Kathrin Wexberg

Spanien

Zugegeben: Am besten schmeckt spanisches Essen, wenn man im Morgengrauen mit der Wandergruppe zur Tagesetappe am Jakobsweg aufgebrochen ist und 11 Stunden später bei der Ankunft im kleinen Hotel von der Wirtin hört: Ich habe Paella (sprich: „Pa-eja“) für euch gemacht. Man denkt in diesem Moment natürlich nicht daran, dass es eigentlich die Araber*innen waren, die den Reis und den Safran im 8. Jahrhundert nach Spanien gebracht haben. Man ist einfach nur glücklich darüber, dass es eine so wunderbare Erfindung wie die Pfanne mit einem Durchmesser von zumindest 50 cm gibt, in der die ursprünglich aus dem ostspanischen Valencia stammende Köstlichkeit über dem Feuer gart. Den Namen der Pfanne selbst verdankt man den Römer*innen (Paella stammt vom lateinischen patella), das Bier, das man dazu trinkt, den German*innen. Man schläft beinahe im Sitzen ein und denkt an jene wunderbaren ersten 40 Minuten des kommenden Tages, in denen die Blasen an den Füßen nicht schmerzen. Aber irgendwann kommt man an dieser Bar in den Bergen vorbei, in der der Jamón Iberico in beeindruckenden geräucherten Keulen von der Decke hängt. Gemeinsam mit all den in kleinen Tonschüsselchen oder auf kleinen Tellern servierten Köstlichkeiten lässt er wunde Füße rasch vergessen (Tapas statt Hansaplast-Tape). Und irgendwann steht man dann doch am windumtosten Kap Finisterre und sieht dorthin, woher die spanischen Seefahrer die Kartoffeln gebracht haben. Und siehe da: Nach Wochen des Pilgerns ist man so rank und schlank, dass selbst die 8 Eier, die in die Tortilla de Patatas geworfen werden, kein Problem mehr darstellen. ¡Buen Camino!

Heidi Lexe


Israel

So facettenreich wie das Land Israel in Kultur, Natur und Leben ist, so facettenreich ist es auch auf kulinarischer Ebene. Ausgehend vom Judentum und dessen religiösen Vorschriften wird auf die Entstehung von heutigen Nationalgerichten geblickt, wobei nicht auf die Differenzierung von koscherem (erlaubtem) und treifem (verbotenem) Essen verzichtet wird. Der Abriss der Speisegewohnheiten, die den Sabbat als Tag des gemeinsamen Essens hervorheben, zeigt, wie heutige Nationalgerichte kulturell und geschichtlich gewachsen sind. Der omnipräsente Hummus samt Falafel stammt ursprünglich beispielsweise von den Araber*innen, während aus Ostmitteleuropa das Schnitzel nach Israel wanderte. Das bunte Mosaik verschiedener Kulturen, das sich nicht nur in der florierenden Hauptstadt Tel Aviv zeigt, bestimmt das Alltagsleben gleichermaßen wie den Speiseplan. Gespickt mit Hard Facts über Geschichte und Religion werden einzelne Nahrungsmittel herausgegriffen, ohne die die israelische Küche nicht auskommen würde. Liebevoll „Fettbömbchen“ genannt wird Sesam, jene Getreideform, die – sei es in Form der Samen oder verarbeitet als Tahin – für viele Gerichte unabkömmlich ist. Die in Israel zu findende Vielfältigkeit von Mensch und Essen schlägt sich auch in den Illustrationen des polnischen Künstler*innenduos nieder: Einer Polonaise gleich wandern Figuren unterschiedlicher Ethnien über die Bildseiten. Während auf der ersten die historische Belagerung und Unterdrückung Israels im Zentrum steht, zeigt die zweite Doppelseite das gemeinsame Feiern mit all den Kochzutaten, die sich in israelischen Küchen finden lassen. Entsprechend der ursprünglichen Herkunft von Hummus und Co. wird innerhalb der beiden Doppelseiten auch auf andere Kulturen verwiesen, beispielsweise, wenn durch einen Abstecher nach Ägypten geklärt wird, was es mit Gesäuertem auf sich hat.
Die Rezepte für süße Hamantaschen (Teigtaschen gefüllt mit Mohn) und Hummus bilden schon ein kleines israelisches Menü, das man sich von Zeit zu Zeit auf jeden Fall zu Gemüte führen sollte.

Alexandra Hofer

Russland

Deftig. So lassen sich die „typisch russischen“ Speisen treffend beschreiben. Warum deftig? Wer einmal einen strengen russischen Winter erlebt hat, weiß, dass man beim Essen auf Nahrhaftes setzen sollte. Und so sind in Russland einfache Gerichte beliebt. Das hat auch Tradition, denn unter den rauen Bedingungen des eisigen Winters war das Überleben wichtiger als exquisiter Geschmack – was nicht heißen muss, dass es nicht auch exquisite russische Köstlichkeiten gibt: Eine Kostprobe wert ist in jedem Fall der Kissel, ein altrussischer Pudding aus Beerenfruchtsaft, Zucker und Kartoffelstärke. Köstlich und auch einfach zuzubereiten, wie man dem Rezept in diesem Sachbuch entnehmen kann. Wer sich über den Geschmack und die Zubereitung dieses Gerichts hinaus auch für seine Geschichte interessiert, wird in diesem Sachbilderbuch ebenfalls fündig: Früher wurde der Kissel-Pudding nicht süß, sondern sauer serviert und aus fermentiertem Getreide oder Mehl zubereitet. Einer Legende zufolge wurde der Kissel einmal sogar zum Lebensretter einer ganzen Stadt: Nachdem die Vorräte zu Ende gegangen waren, harrten die Bewohner*innen die Belagerung ihrer Heimatstadt aus, indem sie das verbliebene Mehl zu Kissel verarbeiteten.
Das vielleicht bekannteste russische Gericht ist allerdings nicht der Kissel, es sind die Bliny – Buchweizenfladen, die entweder süß oder pikant zubereitet werden können. Gegessen wurden sie – so wie alle anderen Speisen – nicht nur von der ländlichen Bevölkerung, sondern sie schmeckten auch den Zaren, von Iwan dem Schrecklichen bis zu Peter dem Großen […]. Um ein König*innenmahl (oder besser gesagt: Zar*innenmahl) einzunehmen, braucht man also nicht viel Geld in die Hand zu nehmen – ein paar Pelmeni (mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) und etwas Sauerkraut tun es auch.
Abschließend noch ein Praxis-Tipp für Vegetarier*innen: Wer sichergehen möchte, dass in dem bestellten Gericht kein Fleisch zu finden ist, sollte nicht nur fragen, ob die jeweilige Speise vegetarisch ist, sondern auch, ob man darin Hühnerfleisch findet. Denn selbiges zählt in Russland auch zu den vegetarischen Genüssen.

Julia Lückl


Indien

Heilige Butter und göttliche Gewürze – zugegeben, wer diese Überschrift liest, könnte sich schnell an stereotype Darstellungen indischer Küche und Kultur erinnert fühlen. Hinter den sprechenden einleitenden Stichworten verbirgt sich jedoch kein exotisierender Spaziergang durch dicht gedrängte indische Verkaufsstraßen, auf denen intensiv duftende Gewürze in all ihren vorstellbaren Farbvariationen feilgeboten werden, sondern eine kultur- sowie religionsgeschichtlich sensible Darstellung kulinarischer Traditionen in Indien und im Hinduismus. Die Verwurzelung vieler indischer Speisen und Essgewohnheiten in religiösen und spirituellen Bräuchen wird dabei ebenso thematisiert wie die historische Bedeutung des Landes für Nahrungsmittel, die heute zu unser aller Alltag gehören: Zucker beispielsweise wurde erstmals von Menschen aus Indien hergestellt und ging von dort aus um die Welt
Eine viel zentralere Rolle als dieses Süßungsmittel nimmt in der indischen Kochkunst allerdings jenes Produkt ein, das nicht nur in so gut wie allen Speisen vorkommt, sondern auch als Prasad (प्रसाद, sprich „Praschad“) – d. h. als Opfergabe in hinduistischen Tempeln und auf Hausaltären – nicht fehlen darf: Ghee (घी, sprich „Gi“) ist eine Art Butterschmalz, das aus reiner Kuhmilch gewonnen wird und sich auch bei hohen Temperaturen über mehrere Wochen hält.
In „Alle Welt zu Tisch“ findet man nicht nur ein praktisches Rezept zur Herstellung von Ghee, sondern auch die Gelegenheit, die zweite wichtige Grundlage der indischen Küche auszuprobieren: Durch das Aromarösten (kurzes Erhitzen der Gewürze in heißem Öl) treten die Geschmacksstoffe von Gewürzen wie Koriander, Kardamom oder Bockshornklee besonders hervor und sorgen auch schon während des Kochens für ein ganz besonderes Geruchserlebnis. Um den Bohneneintopf Rajma Chawal (राजमा चावल, sprich „Radschma Tschwal“) selber nachzukochen, bietet es sich außerdem an, die bekannte indische Gewürzmischung Garam Masala gleich auf Vorrat zu besorgen, wird sie doch für eine Vielzahl von indischen Gerichten benötigt.

Claudia Sackl


Japan

Gleich und doch anders, in jedem Fall aber in seinem ganz spezifischen Wechselspiel zwischen Tradition und Moderne wird in dieser kulinarischen Weltausstellung Japan inszeniert. Gleich, weil Leser*innen, die schon im vorliegenden Buch geschmökert haben, sich auf den beiden Doppelseiten gut zurechtfinden werden (der Seitenaufbau wurde ja bereits im Einleitungstext beschrieben). Anders, weil Kulturgüter, die häufig mit Japan assoziiert werden, in die Gestaltung eingearbeitet wurden: Das Zartrosa der Kirschblüten schmückt nicht nur die illustrierten Baumkronen, sondern bildet auch den Untergrund für das Schriftbild; Pagoden und eine Ansicht des verschneiten Fuji-san finden als architektonische und landschaftliche Wahrzeichen Japans Einzug in das bunte Gewimmel; die Darstellung von Himmel, Bergen und Wellen verweist auf Bilder des bekannten japanischen Künstlers Katsushika Hokusai.
Die erste Doppelseite arbeitet im historischen Rückblick heraus, warum Fleisch in der pflanzendominierten japanischen Küche (Land- wie Meeresgemüse sind gleichermaßen beliebt!) nur spärlich vorkommt. Geschmäcker, die den besonderen kulinarischen Reiz des Landes ausmachen – wie die Geschmacksrichtung „umami“, die salzige Sojasauce oder das scharfe Wasabi – bilden Konstanten von der historischen Skizze bis in die Gegenwart, der sich die zweite Doppelseite annähert. Dieser zeitliche Übergang wird durch den Shinkansen, den japanischen Hochgeschwindigkeitszug, der von links nach rechts in die Bildseite einfährt, auch grafisch umgesetzt. Zwischen Bergkulisse und Pagoden schießen nun Wolkenkratzer in die Höhe, darunter erhalten die Leser*innen Einblick in unterschiedliche Imbissbuden und Restaurants. Kochfreudige bekommen zwei Rezepte an die Hand; mit hausgemachter Misosuppe und gefüllten Onigiri wird das Gelesene auch geschmacklich erlebbar gemacht. In diesem Sinne: Mahlzeit, oder 頂きます (itadakimasu)!

Sarah Auer


Was, wo und wie gegessen wird und wie Essen sonst noch in Kinder- und Jugendliteratur Einzug findet, kann >>> hier in einer Kulinarik-orientierten Themenliste nachgelesen werden.

Und was das Künstler*innenduo sonst noch so gemacht hat, wird in einem Fachbeitrag von Peter Rinnerthaler für 1001 Buch ausführlich besprochen, der im internen >>> STUBE-Card-Bereich zur Verfügung gestellt wird.

Die gesammelten Kröten der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Krötenarchiv

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Hanser 2021.
Aus d. Engl. v. Birgitt Kollmann.
€ 17,50.

Lauren Wolk: Echo Mountain. Ellie geht ihren eigenen Weg

In de Beag ist finsta.
Auf de Beag stengan Bam.
In de Beag wohnan d’Noan.
Aus de Beag mecht i ham.


So besingen der Wiener Liedermacher Ernst Molden und sein musikalischer Gefährte Willi Resetarits auf ihrem Album „Ohne di“ warnend die Gefahren der Berge (beziehen sich dabei jedoch mit dem ihnen eigenen Schmäh auf gefährliche Erhebungen wie den Kahlenberg oder den Nussberg). Ähnlich bedrohlich empfinden die Mutter und Esther, die ältere Schwester der Ich-Erzählerin Ellie, ihr Leben auf dem titelgebenden Echo Mountain. Ein Leben voll harter Arbeit und bitterer Armut, dem eine große Zäsur voranging: Die Handlung ist im Maine des Jahres 1934 verortet, nach dem Börsenkrach musste der Vater seine Schneiderwerkstatt in der Stadt aufgeben, die Mutter ihren geliebten Beruf als Musiklehrerin. Wie bereits in ihrem 2018 mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ausgezeichneten Roman „Das Jahr, in dem ich Lügen lernte“ erzählt die US-amerikanische Autorin ihren Text also aus einem historischen Setting heraus. In jenem damals auf hohem literarischen Niveau erzählten Jahr wurde die Frage nach der ethischen Herausforderung einer Lüge, die ausgesprochen werden könnte, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, und in weiterer Folge auch das komplexe theologische Thema der Schuldverstrickung (die Jurybegründung zum Nachlesen gibt es >>> hier) angesprochen. Um ähnliche Fragen geht es auch im neuen Text: Denn nach dem alles verändernden Unfall ihres Vaters, der seitdem in seinem Bett im Koma liegt, meint Ellie nicht nur als Einzige die Wahrheit zu kennen, sondern auch die Schuld auf sich nehmen zu müssen:

Das war der Moment, in dem ich beschloss, dass es schlimmer sein würde, anderen die Schuld zu geben, als sie selbst auf mich zu nehmen. Wenn ich irgendetwas vom Berg – und von meinem Vater – gelernt hatte, dann das: dass ich mich stärker und glücklicher fühlte, wenn ich es schaffte, etwas Schweres zu tun und es gut zu machen.

Dieses gut machen bedeutet für die zwölfjährige, ebenso tatkräftige wie willensstarke Protagonistin, auf eigene Faust nach einem Heilmittel zu suchen, das den Vater wieder gesundmachen kann – denn einen weiteren Besuch des Arztes kann sich die Familie niemals leisten. Auch moderne Annehmlichkeiten wie Apotheke oder Supermarkt, ganz zu schweigen von Möglichkeiten der Informationsbeschaffung wie dem Internet, gibt es am schroffen Echo Mountain nicht. Dafür bietet er mit seiner Fülle an Pflanzen und Tieren zahlreiche Naturheilmethoden, die Ellie unerschrocken anwendet. Dabei, und das macht jene Passagen besonders beeindruckend, handelt sie nie naiv, sondern ist sich stets bewusst, was ihr Handeln für das jeweilige Wesen bedeutet:

Eine der schwersten Lektionen, die ich je gelernt hatte, handelte von Honigbienen und der Tatsache, dass sie sterben, wenn sie stechen. Dass sie nicht einfach den Stachel zurücklassen können, sondern auch einen Teil ihres Körpers verlieren müssen. Und sterben. Wie die auf meinem Handschuh. Wie die, die mich in die Wange gestochen hatte. Mir leuchtete es nicht ein: Ich hatte ihnen keinen einzigen Tropfen Honig weggenommen. Ich war schon ein gutes Stück entfernt. Und doch hatte diese Biene ihr Leben gelassen.

Als alle Versuche zunächst vergeblich bleiben, beschließt Ellie sich gegen den Willen der Mutter an jene alte Frau zu wenden, die ganz alleine oben auf dem Berg lebt und die die Mutter nur „die Hexe“ nennt. Um festzustellen, dass diese selbst dringend Hilfe braucht. Und dann ist da noch Larkin, ein gleichaltriger Bub, der offenbar etwas mit jenen wunderschönen geschnitzten Geschenken zu tun hat, die Ellie seit einiger Zeit gefunden hat. Auf üppig auserzählten, manchmal ein wenig an der Grenze zum Naturkitsch schrammenden gut 370 Seiten führt Lauren Wolk all diese Erzählstränge zusammen, um schließlich offenzulegen, dass die Schicksale der Hauptfiguren schon lange vor dem Einsetzen der Handlung miteinander verknüpft waren. Am Ende ist Ellie in vielen herausfordernden Situationen über sich selbst hinausgewachsen, hat mutig Dinge getan, die schon beim Lesen ekelerregend sind. Und sich unermüdlich in dem geübt, was offenbar ihre Bestimmung ist: Heilen.

Kathrin Wexberg

Unter den beeindruckendsten Stellen des Romans sind jene, in denen Ellie versucht, den wilden Bienen Honig zu entlocken, ein wahres Wundermittel für unterschiedlichste Probleme. Dazu passend hat die STUBE mit Hilfe von Sommer-Praktikantin Julia Lückl eine Buchliste zum Thema >>> Bienen zusammengestellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Kunstmann 2021.
€ 20,60.

Atak: Piraten im Garten

Wild.
Das Gegenteil davon wäre zahm, oder ruhig, oder brav.
Ohne diese gegenteiligen Wort-Paare zu nennen, setzt das Buch dennoch mit einer solchen gegenteiligen (Figuren-) Konstellation ein. Während nämlich wilde Gestalten im Garten Einzug halten (draußen) scheint der Junge mit der Pluderhose, der in seinem Kinderzimmer spielt (drinnen), nicht nur ein wenig aus der Zeit gefallen, so ruhig und brav, als würde es sich um Kästners Emil handeln. Selbst das Entlein, das ihm zur Seite gestellt ist, hockt auf seinem/ihrem Lesesessel und schmökert in „Der kleine Prinz“. (Besonders wild dürfte auch das Entenleben bei dieser Lektüre nicht verlaufen …)
Aber wir haben es ja mit einem Bilderbuch zu tun, das auf seiner Textebene nur in gegensätzlichen Einzelbegriffen erzählt wird. Daher: draußen. Ein wilder Garten, der durchaus an jenen alten, verwahrlosten Garten erinnert, von dem ein Kinderbuch erzählt, das drinnen auf dem Kinderzimmerboden liegt. Noch wilder erscheint dieser Garten, als bereits das Vorsatzpapier auf
Piet
Igor
Ronja
Albert
Tupp
Egon
Norman
fokussiert. Pfeifen rauchen, Säbel rasseln, Pistolen sind gezückt. Finster blickend macht die illustre Gruppe sich auf. Wohin?

Von drinnen fällt der Blick der Leser*innen durchs Fenster nach draußen, während das Kind auf seine Abenteuerspielfigur konzentriert ist, die wohl gerade mit Popeye um eine Schatzkiste streitet. Das Piratenboot liegt (auf Grund gelaufen und unbeachtet) an der Seite. draußen aber scheint sich etwas anzubahnen. Leise versuchen sich die wilden Gestalten durchs Gartendickicht zu schleichen. Ein nicht eben leichtes Unterfangen mit dem Holzbein von Egon, den hohen Absätzen von Ronja und den Stampferbeinen von Tupp. Doch wer hätte gedacht, dass die vor kurzer Zeit im Garten gefeierte Party zum Auslöser der folgenden Ereignisse würde?
Auf das leise nämlich folgt – der für das Bilderbuch per se bestimmenden Dramaturgie des Umblätterns folgend – ein sehr (!) lautes BOOM! So laut, dass es den Leser*innen als Pop-up entgegenspringt. hier blicken die Piraten ein wenig indigniert auf den Luftballon, den der massige Tupp gerade zertreten hat. dort aber ist deutlich mehr durcheinandergeraten. Denn das Haus, das vorher an die Villa Kunterbunt erinnert hat, gemahnt nun an den Fuchsbau der Familie Weasley. drunter und drüber ist hier alles geraten; schnell muss der Schaden untersucht werden. Nun gut, das Entchen reagiert eher langsam, aber das Kind sprintet los um nachzusehen, ob hinten und vorne noch alles beim alten ist.
Der narrative Charakter wird nun zwar weiter verfolgt, wird aber der Erkundung des Hauses (rauf und runter) untergeordnet, durch die neue Wort-Gegensatzpaare effektvoll präsentiert werden können. Genutzt wird dabei der Blick durch die einzelnen Zimmertüren – die ihrerseits zur Gegensatzinszenierung beitragen. Denn groß ist die Türe und klein das Cut-Out, durch das wir blicken. Zu erspähen ist dabei (mit dem Umblättern) eine Doppelseite, in der nun wirklich alles durcheinander geraten ist. Sind die Bildelemente dann aber geordnet, lassen sie sich auch herrlich in Mengen erfassen – von 1x bis 12 x.
Hinter der blauen Türe wiederum ist alles in Mix-Max-Manier vertauscht und muss erst richtig gestellt werden. Selbstverständlich ist dabei auch der jeweilige Blick durch die Türe als Gegensatzvariante inszeniert: ganz schwer wird da plötzlich das zum Guckloch gehobene Entchen, während daneben ein Luftballon ganz leicht an der Schnur schwebt.

Die Farbigkeit der Türen hingegen dient der anspielungsreichen Ausgestaltung der Bildwelten: Kraftvoll und durchaus derb inszeniert der Comickünstler ATAK seine großformatigen Bilder; in kräftiger Farbgebung werden die Sujets flächig und ornamental über die Doppelseiten geworfen, als handle es sich bei dem Kind um Florian und bei den Ereignissen um eine Reise über die Tapete. Es bedarf eines zweiten Blicks, um bei all dieser Bildfülle die kluge Dramaturgie der Geschichte zu erkennen – und dabei all das zu entdecken, was versteckt wurde. Denn in das Bildsammelsurium, das sich zu Garten, Kinderzimmer und Hausflur ordnet, werden zahlreiche Bildanspielungen mit einbezogen, die (kinder-) literarische und kunstgeschichtliche Traditionen, Alltags- und Populärkultur lustvoll miteinander verknüpfen. Eine rote Türe? Hier dürfen Erdbeere und Spiderman genauso wenig fehlen wie Hulk und Erbsenschote bei der grünen. Münchhausen, Struwwelpeter, Petersson oder die drei Schweinchen werden mit dem Wanderer über dem Nebelmeer oder den Schlümpfen durcheinandergewürfelt. Schließlich ist hier alles verkehrt herum. Oder doch passend?

Letztlich weist Pippi Langstrumpf den Weg – auch durch die letzte Zimmertüre in den Garten. Denn auch bei Pippi ging alles kreuz und quer und auch sie wollte Seeräuberin werden. Wie die Piraten im Garten, die versuchen, ihren Schatz zu verstecken. Sie werden dabei versteckt (verdeckt) beobachtet. (Nein, nicht vom Grüffelo. Der versteckt sich im Hintergrund vor der Maus.) Dabei haben Kind und Ente eine Idee und setzen Sein und Schein ein, um die Piraten in die Flucht zu schlagen. Sie bergen den Schatz und kehren nach ihrem Piraten-Abenteuer an den Ausgangsort zurück: ins Kinderzimmer. Ein Essen, das noch warm sein könnte, gibt es hier nicht. Wohl aber ein Bett, in dem sich von all den Aufregungen träumen lässt, die stattgefunden haben, als man noch wach war. Die geborgene Schatzkiste aber ist leer. Der Schatz? Nun, vielleicht halten die Leser*innen ihn selbst ihn Händen? Vom wilden Garten ist ein wilder Kerl geblieben … und schon wartet das nächste wilde Abenteuerland auf seine Leser*innen.

Heidi Lexe

Nicht nur bei den Piraten gibt es einen Garten zu entdecken, sondern auch bei all den Texten, die sich auf der Buchliste zum >>> Garten finden.

Und die Zeit des Gartens ist natürlich auch die Zeit des Sommers. Wie dieser in unterschiedlichen Werken der Kinder- und Jugendliteratur thematisiert wird, kann in der neuen >>> Sommer-Buchliste nachgelesen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist wieder soweit: Im Juni wird die Kröte der STUBE und der Lesetipp der Literarischen Kurse wieder gemeinsam bespielt. Doppelte Lesempfehlung bedeutet auch Doppelrezension, die in ihrer Gesamtheit wunderbar die Geschichte von Bambi und dessen Autor Felix Salten nachzeichnet.


Jacoby & Stuart 2020.
€ 43,20.
Residenz 2020.
€ 34,00.

Felix Salten / Benjamin Lacombe: Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde.

Museum Wien MUSA: Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne. Ausstellungskatalog.

„Jetzt!“ sagte die Mutter. „Und nicht zu nahe hinter mir!“

Bambi raste hinter ihr drein. Donner schlug von allen Seiten über Ihnen zusammen. Es war, als wäre die Erde mitten entzwei gerissen. Bambi sah nichts. Er rannte. Die angesammelte Begierde, wegzukommen aus dem Getöse, weg aus dem Dunstbereich dieser aufpeitschenden Witterung, der angesammelte Drang zur Flucht, die Sehnsucht sich zu retten, waren endlich in ihm entfesselt. Er rannte. Ihm schien, als habe er die Mutter stürzen sehen, aber er wusste nicht, ob sie wirklich gestürzt war. Er fühlte einen Schleier um die Augen. Den hatte ihm die endlich ausbrechende Angst vor dem Donner darüber geworfen. Er konnte nichts überlegen, nichts beachten, er rannte.

Man kann es Paul Reitter, Literaturwissenschaftler der Ohio States University und amerikanischer Erforscher deutsch-jüdischer Kultur nicht übelnehmen, wenn er festhält: In the end, „Bambi“ may be Austrian schmaltz. Paul Reitter erkennt aber genau darin auch das Potential, „Bambi“ in den amerikanischen Kitsch einzugemeinden, wie Walt Disney das mit seinem Film aus dem Jahr 1942 getan hat. Disney greift dabei zurück auf Felix Saltens Roman aus den 1920er-Jahren, etabliert jedoch eine herzallerliebste Szenerie rund um das kleine, staksige Rehkitz, die mit Saltens literarischem Versuch, dem Seelenleben eines Waldtieres nahe zu kommen, nur mehr am Rande zu tun hat.

„Jetzt!“ sagte die Mutter. „Und nicht zu nahe hinter mir!“

Verwiesen ist hier auf die Romanversion jener Szene, die mehrere Generationen von Kinobesucher*innen nachhaltig traumatisiert hat: Jene Szene, in der Bambis Mutter bei einer winterlichen Treibjagd erschossen wird und das Rehkitz alleine im Schnee zurück bleibt. Es mag erstaunen, dass Felix Salten (1989 als Siegmund Salzmann in Pest in Österreich-Ungarn geboren) selbst Jäger war, sich dabei jedoch von der gefühlsduseligen Lüge des Waldfriedens abgrenzt und das natürliche Gesetz des Tötens betont, wie Daniela Strigl in ihrem Beitrag „Bambi & Co. Saltens Tierbücher als Dokumente der Zeitgenossenschaft“ zeigt. Dennoch zählt Felix Salten durch seine Tierbücher gleichermaßen wie als Feuilletonist zu einem frühen Aktivisten des Tierschutzvereins, der sich gegen Massentierhaltung und moderne Schlachtbetriebe sowie die Gefangenschaft von Wildtieren in Menagerien oder Zirkussen ausspricht. Der 1931 erschienene Roman „Freunde aus aller Welt. Roman eines zoologischen Gartens“ gibt nachhaltig Zeugnis davon.
Daniela Strigls Beitrag bezieht den zuletzt aufgearbeiteten Nachlass von Felix Salten mit ein und ist Teil des Katalogs zu einer Ausstellung von Wien Museum (im MUSA) und wienbibliothek im rathaus (die jetzt ja endlich wieder besucht werden darf und daher auch bis 19. September 2021 verlängert wurde). Ausstellung und Katalog etablieren Felix Salten als umtriebigen Journalisten gleichermaßen wie als vielgestaltigen Autor und zeigen dessen dichtes Netzwerk zu Künstler*innen und Kunstrichtungen der Wiener Moderne auf.
Denn hinter den beiden Chiffren Bambi und Mutzenbacher verbirgt sich eine mit dem Wiener Kulturleben der Zeit dicht verwobene Biografie (und Werkgeschichte). Allein Murray Halls Beitrag über den Rechtsstreit rund um „Die Geschichte einer Wiener Dirne“ liest sich wie ein Krimi – gibt es doch bis heute keinen Beweis dafür, dass Felix Salten der Autor der „Josefine Mutzenbacher“ ist (wie Karl Kraus zeitlebens journalistisch süffisant betont hat). Die Erben haben die Autorschaft zuerst juristisch zurückzuweisen versucht, um Salten nicht in die Nähe von Pornografie zu bringen; waren aber dann doch sehr umtriebig darum bemüht, die Autorschaft zu beweisen, als es um profitable Rechte und Tantiemen an den zahlreichen Lizenzen, Adaptionen und Neuauflagen des Werkes ging.

„Jetzt!“ sagte die Mutter. „Und nicht zu nahe hinter mir!“

Der Tod von Bambis Mutter bildet eine Zäsur in jenem Roman, der zum erfolgreichsten von Felix Salten wurde. Beginnend mit 15. August 1922 erschien die „Lebensgeschichte aus dem Walde“ in Fortsetzungen in der „Neuen Freien Presse und in ihrer Gesamtheit noch im selben Jahr in einem Jahrbuch desselben Verlags. Die Rechte lagen aber schon beim Verlag Ullstein, der das Buch dann auch im Dezember 1922 herausbrachte – weitgehend erfolglos wie sich zeigte. Die Rechte gingen an den Autor zurück und erst mit einer Neuausgabe des Romans im Verlag Zsolnay setzte ab 1926 eine Erfolgsgeschichte ein, für die eine 1928 erschienene amerikanische Ausgabe mit der Übersetzung von Autor und Verleger Charles Whittaker Chambers und einem Vorwort des Autors John Galsworthy nicht unbedeutend gewesen sein dürfte. 
Die erzählte Lebensgeschichte aus dem Walde beinhaltet eine Entwicklungsgeschichte, in der sich durchaus die bürgerliche Welt der Zeit spiegelt. Zum strukturbildenden Element wird dabei der Tod von Bambis Mutter. Denn im ersten Teil bleibt Bambi in deren behütendem Einflussraum, ohne die Welt recht erklärt zu bekommen. Nach deren Tod aber wandelt sich die kindliche Lebensphase zum adoleszenten Weg der Erkenntnis über den eigenen Platz im Leben – an neuralgischen Punkten begleitet vom alten Fürsten, dem Vornehmsten im Walde, in dem Bambi gegen Ende des Romans den eigenen Vater erkennt. Das, was im mütterlichen Schonraum noch nicht begriffen werden konnte, wandelt sich nun zu einer Haltung männlicher Selbstbestimmtheit und Separation. Eingenommen wird ein wortwörtlicher Standpunkt des machtvollen Alleinseins, von dem aus gütig auf die Familie (nun Bambis eigene) hinab geblickt werden kann.  
Dieserart unterscheidet sich Felix Saltens Roman sehr deutlich vom Walt Disney-Film, der ja auf dem fröhlichen, kollektiven Miteinander im Wald basiert – und dafür auch die Figur des Kaninchens Klopfer/Thumper einführt. Unterschiedliche politische Implikationen des Romans, wie die sich an den Hirschen (im Vergleich zu den Rehen) beängstigend abzeichnende, und an das Herrenmenschentum erinnernde Vormacht, bleiben im Animationsfilm ausgespart.
Dennoch (oder gerade deswegen) hat Walt Disneys Film sich ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben, während der Roman selbst über Jahrzehnte hinweg kaum literarische Präsenz erlangt hat. Mit den Arbeiten von Illustrator*innen wie Markus Lefronçois oder Benjamin Lacombe aber rückte er zuletzt wieder ins Bewusstsein der (Kinder- und Jugend-) Literatur.

„Jetzt!“ sagte die Mutter. „Und nicht zu nahe hinter mir!“

Der französische Illustrator Benjamin Lacombe nutzt die Zäsur des Romans für eine buchgestalterische Mitte und breitet seine künstlerischen Mittel wortwörtlich aus: Die Warnung der Mutter wird in deutlich vergrößerter, weißer Schrift ins Dunkel der Doppelseite gesetzt, der Wald drängt vom rechten Rand bereits ins Bild. Mit dem Umblättern stehen die Betrachter*innen mitten im Dickicht. Cut Outs ermöglichen Lacombe mehrere Papierschichten übereinander zu legen, die wie ein Altarbild aufgefaltet werden können und zu einem eindrucksvollen Wald-Panorama anwachsen. In dessen Zentrum erst mit dem Aufklappen der verlorene Bambi sichtbar wird. Einmal mehr legt Benjamin Lacombe ein Meisterstück der Medienkombination dar und nutzt unterschiedliche künstlerische Zugänge, um die Lebensgeschichte aus dem Walde neu zu inszenieren. Die Textseiten sind mit Schmuckleisten gestaltet, die das Wurzelwerk des Waldes aufgreifen und in ihrem verschlungenen Wesen an mittelalterliche Buchgestaltungen erinnern. Naturszenen aus dem Wald werden darüber hinaus in farbintensiven Illustrationen aufgegriffen, die sowohl Bambi als auch andere Figuren in atmosphärisch aufgeladene Szenarien stellen und dabei naturalistische Momente mit malerischem Farbspiel und abstrahierten Perspektiven kombinieren. Unerreicht die Eule, deren Auge aus dem Schwarz einer Baumhöhle leuchtet. Die zahlreichen Bewegungs- (sprich: Action-) Szenen hingegen werden braungrauen Bildfolgen skizzenhaft aufgegriffen, sodass Saltens ja durchaus nicht unpathetischer Text eine erfreuliche Dynamisierung erfährt und damit neu zugänglich wird.

Heidi Lexe

Wer des Französischen mächtig ist und sich genauer für Benjamin Lacombes Arbeitsweise an „Bambi“ interessiert, erhält >>> hier einen Werkstatteinblick.

Informationen zur Ausstellung „Im Schatten von Bambi“ von Wien Museum und wienbibliothek im Rathaus finden Sie >>> hier

Quellen | Zur weiterführenden Lektüre:

Daniela Strigl: Bambi & Co. Saltens Tierbücher als Dokumente der Zeitgenossenschaft. In: Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne. Leben und Werk. Herausgegeben von Marcel Atze unter Mitarbeit von Tanja Gausterer. Wien: Residenz Verlag 2020. S. 319-345.

Heidi Lexe: Bambi – ein Klassiker? In: Felix Salten. Der unbekannte Bekannte. Herausgegeben von Ernst Seibert und Susanne Blumesberger. Praesens Verlag 2006. S. 97-108.

Im Walde treibt sich Bambi herum; was in diesem Handlungsraum und Darstellungsgegenstand aber noch so alles geschieht, zeigt die kürzlich zusammengestellte Buchliste zum Thema >>> Wald.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus d. Franz. v. Ulrich Pröfrock.
Lettering v. Minou Zaribaf.
Carlsen 2020.
€ 24, 90.

Thomas Cadène und Benjamin Adam: soon

Science Fiction. Dystopie. Utopie? Climate Fiction. Near-Future Fiction. Future History. – Die von den beiden französischen Comic-Künstlern Thomas Cadène und Benjamin Adam kreierte Graphic Novel „soon“ kann mit vielerlei Labels versehen werden. Geeint werden die unterschiedlichen, ineinander verschränkten Genre- und Motivtraditionen durch ein gemeinsames Anliegen: Die Frage, wie unsere Welt in der Zukunft aussehen könnte, wie diese Zustände beschrieben werden können und wie wir in der Zukunft (genauer gesagt im Jahr 2151) wohl über unsere unmittelbare Vergangenheit sprechen werden.

In einer eindrücklichen, durchaus unkonventionellen Bild-Text-Welt entwirft „soon“ ein zukünftiges Szenario, in dem Klimakatastrophen, Kriege und Pandemien zu einer Apokalypse geführt und die Menschheit auf ein Zehntel der Bevölkerung dezimiert haben. Die Übriggebliebenen leben in sieben urbanen Zentren, ihr Alltag, ihr Energieverbrauch und ihre Bewegungen werden streng reglementiert. Denn die Ressourcen der Erde neigen sich dem Ende zu. Während die verschiedenen Stadtzonen in Asien, Afrika und Amerika – in Europa scheint keine nennenswerte Zivilisation überlebt zu haben – von ihrer Umgebung abgeschottet werden, dürfen die (offiziell) nicht bewohnbaren – weil entweder zerstörten/verstrahlten oder geschützten – 88 % der Erdoberfläche nur von qualifiziertem Forscher- und Arbeitspersonal betreten werden, das die Regeneration der Natur penibel überwacht. In einem für diese Zwecke eingerichteten Labor befindet sich unser Protagonist Juri in der Lehre, als er von seiner Mutter Simone in die Stadt (New Winnepeg, Nordamerika) zurückbeordert wird: Sie steht kurz vor ihrem Aufbruch zu einer Weltraummission ohne Wiederkehr, die im Rahmen des sogenannten SOON-Projekts untersuchen soll, ob die Menschheit auf dem mehrere Lichtjahre entfernten Planeten Proxima Centauri B eine Zukunft haben könnte. Ihre von Presseterminen begleitete Weltreise durch die verbliebenen Stadtzonen unternimmt Simone gemeinsam mit Juri. Dieser ist jedoch wenig interessiert an einer emotionalen Aufarbeitung der Mutter-Sohn-Beziehung, sondern erkundet stattdessen in adoleszenter Selbstbefragung und -bewährung die elternfreien Zonen der jeweiligen Stadt: Ähnlich utopischer Gattungs-traditionen bereist der Protagonist die (für ihn ebenso wie für uns) fremde Welt, die wir anhand seiner Erfahrungen und Reflexionen näher kennen- und hinterfragen lernen.

Das ist ein Erzählstrang der vorliegenden Graphic Novel, der in einzelnen Episoden in unterschiedlichen Pastelltönen aufgefächert wird – und der theoretisch gesehen auch stringent als separate Erzählung gelesen werden könnte. Unterbrochen wird die fortlaufende Handlung im Jahr 2051 jedoch regelmäßig von dokumentarischen Einschüben, die historische Sachinformationen zu der erzählten Zukunftswelt liefern. Scheinen diese zunächst wie auktoriale Erzählerkommentare aus dem Off, wird bald klar, dass sich hier eine deutlich komplexere und durchdachtere Erzählkonstruktion auftut: Denn es handelt sich hierbei vielmehr um Fragmente einer Erinnerungskultur, die Juri (in unterschiedlichen Altersstufen) im Dialog mit seiner Mutter oder Freunden aushandelt. Dies geschieht stets in mediatisierter Form. Mal hilft Simone ihrem Sohn beim Lernen für eine Geschichtsprüfung – zwischen den beiden Juris Tablet, auf dem er seinen Lernstoff in einer vielverzweigten Timeline und unterschiedlichen Infografiken notiert. Mal spazieren sie durch ein interaktives Geschichtsmuseum, dessen Böden und Wände aus Panels bestehen. Die unterschiedlichen Erzählebenen (die jeweiligen Meta-Bilder und die im Gespräch befindlichen Figuren) weiß Benjamin Adam dabei stets auf geniale Weise ineinander zu verweben. Er erschafft nicht nur (detaillierte, verschachtelte) Räume in Panels, sondern platziert seine (Körper-gewordenen) Panels auch im Raum. Die Figuren wiederum bewegen sich häufig nicht innerhalb, sondern außerhalb der Panels durch das Weltall-blaue Gutter, dessen strikte geometrische Struktur mal subtil, mal gänzlich aufgebrochen wird.

„soon“ zeichnet sich aber nicht nur seinen klugen, experimentellen Umgang mit seiner Seitenarchitektur aus, sondern hinterfragt auch auf gesellschaftspolitischer und philosophischer Ebene, wie aus dem Zukünftigen ebenso wie aus dem Vergangenen Sinn erzeugt werden kann. Jene Sequenzen, die retrospektiv auf unsere unmittelbare Zukunft blicken, erzählen nicht einfach linear die Historie dieser zukünftigen Welt nach, sondern hinterfragen durch ihre dialogische Struktur die autorisierte Geschichtsschreibung und zeugen so von dem Spannungsverhältnis zwischen dem kanonisierten kollektiven Gedächtnis der Zukunftswelt und alternativen Erinnerungsformen. Die dichte Struktur der Graphic Novel wird zudem immer wieder durch unterhaltsame Details aufgelockert. Beispielsweise, wenn Oprah Winfrey in Zeitungsausschnitten aus dem Jahr 2034 als US-amerikanische Präsidentin auftritt, während unter den Schlagzeilen berichtet wird, dass Donald Trump wieder einmal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Auf beeindruckend und zugleich beängstigend realistische Weise extrapolieren Thomas Cadène und Benjamin Adam in „soon“ Entwicklungen unserer Gegenwart und erschaffen eine Zukunft, die uns erschreckend nahe erscheint. Während der Grippe-Pandemie im Jahr 2040 fällt der internationale Zusammenhalt auseinander, als die WHO sich außerstande sieht, eine gerechte Verteilung der Impfstoffbestände zu gewährleisten: Als das Virus über die Welt kam, musste mangels wirklicher gemeinsamer Politik … / … jedes Land eigenständig mit den Herstellern von Impfstoffen verhandeln. / Die reichsten Länder bekamen mehr Impfstoff., fasst Juri vor seiner Timeline zur Gesundheitskrise > 2065 zusammen. Das vor jeglicher Berichterstattung über Covid-19 entstandene, 2019 in französischer Originalausgabe erschienene Buch wirkt heute fast prophetisch, das darin imaginierte Szenario dadurch noch ein wenig unheimlicher – aber keinesfalls weniger faszinierend, wenn es auf höchster Graphic-Novel-Kunst die Zerbrechlichkeit gleichermaßen wie die Widerstandsfähikeit der Erde und der Menschheit literarisiert.

Claudia Sackl


Universum, Weltall, Weltraum: Für diese unendliche Weite gibt es unterschiedliche Namen. Wie dieser Raum unterschiedliche Thematisierung in allen Genres der Kinder- und Jugendliteratur findet, zeigt die ausführlich annotierte Buchliste zum Thema >>> Weltall.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Diogenes 2021.
€ 24, 90.

Benedict Wells: Hard Land

Die innige Zusammenarbeit zwischen STUBE und Literarische Kurse schlägt sich nicht nur im täglichen Tun nieder, sondern wird durch das nächste Leseheft im Fernkurs »ausLESEN« der Literarischen Kurse durch eine weitere Dimension ergänzt: Heidi Lexe widmet sich darin den intermedialen Dimensionen von Literatur – und dieser Anlass ist Grund genug, im April die Kröte und den Lese-Tipp gemeinsam zu bespielen.

In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.

Mit diesem ersten Satz wird eigentlich schon alles vorwegge-nommen, was für Sam von Bedeutung ist. Und dennoch stellt sich auf den folgenden 337 Seiten keine Sekunde Langeweile ein, wenn retrospektivisch mit einem Jahr Abstand erzählt wird:

1985, Missouri/USA: Der zu Beginn des Textes 15-jährige Sam lebt in einem verschlafenen, fiktiven Örtchen namens Grady, wo mit dem Slogan „Die 49 Geheimnisse von Grady" geworben wird – wobei von den Einwohner*innen keiner so genau weiß, welche das sind (einige weniger werden aber im Verlauf des Textes gelüftet).

Die Sommerferien stehen vor der Tür und das heißt für den einzelgängerischen Protagonisten, dass die wohl langweiligste Zeit des Jahres auf ihn zukommt. Wäre da nicht zum einen die Krebserkankung seiner Mutter, die wie ein dunkler Schatten über der Familie hängt und zum anderen der Nebenjob im hiesigen Kino, das kurz vor der Schließung steht. In eben diesem trifft er auf die drei Freund*innen Cameron, Hightower und Kirstie, die soeben die Schule abgeschlossen haben und bald in neue Gefilde namens College aufbrechen werden. Den vier Freund*innen bleibt also ein gemeinsamer Sommer; jener Sommer, der für Sam zugleich der aufregendste und traurigste sein wird. Einerseits ist da seine Familie. Die Mutter schwer krank, der Vater wortkarg und scheinbar anteilslos und die Schwester weit entfernt, um für die erfolgreiche Serie „Georgetown“ zu arbeiten. Und andererseits eben jener Freundeskreis, durch den Sam aus seinem Schneckenhaus herausgeholt wird und durch den er sich allmählich von seiner Familie abnabelt. Und es ist der Sommer des ersten Verliebt-Seins.

Das Setting der 1980er-Jahre wird in diesem Coming-of-Age-Roman durch unzählige intermediale Verweise geprägt. In einem Podcast wurde Bendict Wells, der selbst ein Kind der 1990er-Jahre im ländlichen Bayern aufgewachsen ist, gefragt, warum ein deutscher Autor seinen Text in den 1980ern in den USA verortet. Die Antwort fiel recht knapp aus: Sehnsucht. Und genau diese Sehnsucht gelingt es dem Autor, in seinen Text zu transportieren – mit Witz, aber auch der notwendigen Tragik für den Plot. Und sie ist das Gefühl, das den jugendlichen Protagonisten stets begleitet, aber keine konkrete Benennung findet.

Wo zunächst „nur“ eine literarische Thematisierung von Sehnsuchtsmotiven und die Selbstfindung sowie Trauerbe-wältigung einer jugendlichen Figur vermutet wird, zeigt sich beim genaueren Hinsehen eine raffiniert-durchdachte Textkomposition: In fünf Teile gegliedert (Die Wellen, Der Ball in der Luft, Die Prüfung, Der Streich und Die Pointe) erinnert der Text dieserart an den Aufbau eines Dramas (Exposition, Komplikation, Peripetie, Retardation und Katharsis), während die 49 Kapitel auf jene 49 Geheimnisse verweisen, die es in Grady zu entdecken gilt.

Gespickt mit intermedialen Anleihen entsteht so eine ganz be-sondere Atmosphäre, die dazu einlädt, Platten aus den 1980ern aufzulegen und währenddessen „La Dolce Vita“ oder „Breakfast Club“ auf VHS-Kassette anzusehen. Beginnend mit dem titel-gebenden Gedichtband „Hard Land“ des fiktiven Autors William Morris, der traditionellerweise im vorletzten Schuljahr an Gradys Highschool gelesen wird – eine Referenz auf Diogenes-Autoren-kollegen Joey Goebel „Heartland“ ­– und der immer wieder plotprägend ist, hat man es im Text mit einem regelrechten Füllhorn an Verweisen auf Text, Film und Musik zu tun. Da ist beispielsweise der Pick-up von Hightower, der nur das Bossmobil genannt wird, denn dort ist ausschließlich Musik von Bruce Springsteen erlaubt – auch wenn die Lieder nicht mehr gehört werden können:
»Verdammt, Brand, ich kann’s nicht mehr hören, dieses Gerede von Stahlfabriken und ehrlichen amerikanischen Arbeitern und irgendeinem Mädchen aus der Jugend und diese ganzen Storys!«
Doch Hightower sagt nur: »Das sind Phasen. Mal nervt dich der Boss, aber dann kriegt er dich auch wieder!«
Und so war’s.


Musikalisch bleiben die intermedialen Verweise nicht auf den Text beschränkt, vielmehr wird durch einen mitgelieferten Soundtrack die transportierte Stimmung erweitert und intensiviert. Die Film-welt der 80er-Jahre wird auf inhaltlicher Ebene durch den Job im Kino und das gemeinschaftliche Filmrezipieren geprägt, während auf der formalen Ebene Filmelemente bis zur letzten Seite ausgespielt werden, wenn am Ende keine Danksagung im herkömmlichen Sinne steht, sondern Abspann & Credits.

Literarische Verweise wiederum ergeben sich durch die Buch-handlung, die von Sams Mutter geführt wird, aber auch durch teils subtile, teils eindeutige innertextliche Referenzen. Sprachliche Kniffe nehmen daneben ebenso viel Raum ein; denn wie lässt sich ein adoleszentes Leben besser beschreiben als mit dem Begriff Euphanologie, eine Wortschöpfung aus Euphorie und Melancholie, die Wells Kirstie in den Mund legt und seinerseits den Grundton des Romans auf den Punkt bringt.

Trotz dieser Fülle an Verweisen bleibt der konsequent aus der Ich-Perspektive erzählte Text stets bei der Innenwelt des Protagonisten und dessen Zerrissenheit:

Und ich sagte, dass ich nicht mal wisse, welches mein Ich sei: Sam, der hier am Tisch saß und gerade diese Worte sprach. Oder das unsichtbare Wesen in meinem Kopf, das Sam dabei beobachtete und alles innerlich kommentierte.
Aber was, wenn auch das falsch war? Wenn das wahre Ich eben nicht die eigenen Gedanken, Gefühle und inneren Stimmen war, sondern etwas
dahinter, das man nur erahnen, aber nie ganz erwischen konnte?

Die erste Liebe wir von der wortgewandeten Kirstie mit der Zahn-lücke nicht erwidert und der Protagonist findet sich mit dem Tod seiner Mutter konfrontiert und in einer Leere wider, nachdem seine Freund*innen zum College aufgebrochen waren. Er bleibt alleine mit dem Vater zurück, zu dem er nie einen Draht gehabt hat. Sams innere Zerrissenheit erreicht hier ihren Peak; auch wenn sich sein Erfahrungshorizont in den Sommermonaten er-weitert hat und die Euphorie das tonangebende Gefühl war, dominiert gegen Ende die Melancholie, vielleicht sogar die Schwermut. Benedict Wells nutzt dafür nicht nur bekannte Songtexte sowie Film- und Buchzitate, die aufgerufen werden, sondern stellt diesen auch Texte, die aus seiner eigenen Feder stammen, an die Seite. Neben selbstgeschriebenen Lyrics des Protagonisten nimmt der bereits genannte Gedichtband „Hard Land“ eine besondere Rolle ein, wenn immer wieder lyrische Passagen in den prosaischen Text eingestreut werden:

Du wirst zurückkehren zu diesen Jahren, doch
betreten wirst du sie nie mehr …
Jugend ist der Ort, den du verlassen hast.


Sam ist im erzählten Sommer und den darauffolgenden Monaten durch den Verlust und die gesammelten Erfahrungen den Kinderschuhen und frühen Jugendjahren entwachsen. Er befindet sich in der Übergangsphase zum Erwachsenwerden, was durch eine weiteres Zitat aus „Hard Land“ gekonnt auf den Punkt gebracht:

Kind sein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsen-
werden ist, wenn er wieder herunterfällt.
[…]
[M]ir wurde bewusst, dass
mein Ball schon längst wieder herunterfiel, und ich fragte mich, ob ich ihn zuvor, speziell im letzten Sommer, wirklich hoch genug geworfen hatte.


Alexandra Hofer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Mit Bildern von Julie Völk.
Aus d. Niederländ. v. Meike Blatnik
Gerstenberg 2021.
€ 14, 90.

Kathleen Vereecken: Alles wird gut, immer

Ich sah nicht, wie sich meine Eltern in den nächsten Tagen langsamer bewegten. Wie angestrengt ihr Lächeln wirkte, bis es schließlich verschwand. Ich sah nicht, wie sie mit anderen Erwachsenen zusammenstanden und flüsterten. […] Natürlich sah ich das schon alles. Aber ich wollte nicht.

Es sind jene Tage im Ersten Weltkrieg, an denen in einem kleinen belgischen Dorf der Krieg ankommt. Zunächst in Form von Flüchtlingen. Massen von Menschen ziehen durch die kleine Ortschaft. Davor war heile Welt. Man wusste zwar, dass es Krieg gibt, aber der Ort, in dem die 12-jährige Alice mit ihrer Familie wohnt, ist davon (noch) verschont geblieben. Stattdessen ist sie ein ganz normales Kind, freut sich auf den Jahrmarkt, schlägt sich den Bauch mit Süßigkeiten voll und verbringt am liebsten die Zeit mit ihrer besten Freundin Johanna. Der Inbegriff dieser glücklichen Zeit ist ein metallener Globus, im Inneren hohl und voll von Süßigkeiten, die an die Geschwister verteilt werden können. Dieser Globus wird es auch sein, der am Ende an glücklichere Zeiten erinnern lässt, als die Familie noch komplett war.

Die flämische Autorin legt mit ihrem neuen Text, der 2019 zum besten flämischen Kinderbuch gekürt wurde, eine Geschichte vor, die zeitlos gelesen werden kann: Denn auch wenn der Text im Ersten Weltkrieg verortet ist, verzichtet die Autorin nahezu völlig auf innertextuelle Zeitverortungen oder warum das eigentlich neutrale Belgien doch in den Krieg verwickelt wurde. Vielmehr verhandelt sie das Erlebte aus der konsequenten Ich-Perspektive eines 12-jährigen Mädchens. Dabei wählt sie einen kindlich-naiven Blick auf das Geschehen und bleibt dabei erschreckend genau in ihren Beschreibungen.

Nachdem der Krieg immer näher kommt, beschließt die Familie zu fliehen. Wohin? Das weiß keiner so genau und nach tagelangen Strapazen auf der Flucht kehrt die Familie um. In ein Zuhause, welches nicht mehr das gleiche ist wie jenes, das sie einige Zeit zuvor verlassen hatten. Die Kinder gehen zur Schule, am Sonntag in die Kirche und der Vater zimmert Särge – früher waren es Möbel. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Kasten. Die braucht aber niemand mehr. Die Devise für die Familie ist, sich normal zu verhalten, unauffällig:

Das war etwas, über das ich lange nachdenken musste. Wie verhielt man sich normal? Sich auffällig verhalten war leicht, albern und anstrengend sein auch. Doch wie sich normal verhalten aussah, wusste ich nicht. […] Wir gingen nebeneinander her, ohne ein Wort zu sagen. Ganz normal. Bis wir in Lachen ausbrachen und beschlossen, dass sich normal zu verhalten blöd war.

Von normal kann im Ausnahmezustand Krieg natürlich keine Rede sein; Nach dem plötzlichen Tod der Mutter – durch einen Raketenangriff am Weg zum Bäcker – begibt sich die Familie nunmehr ohne Mutter wieder auf die Flucht. Ob das titelgebende Mantra der Mutter Alles wird gut, immer nun auch noch stimmt, bleibt in diesem Moment fraglich.
Bevor sich die Familie auf den Weg macht, vergräbt Alice besagten Globus mit einer Handvoll anderer Erinnerungsgegenstände im Garten – unter anderem ein Familienfoto, auf dem alle ausgelassen lachen –, die hier hoffentlich auf sie warten. Bis dahin heißt es für Alice mehr Verantwortung zu übernehmen.

Der Krieg wird von Tag zu Tag spürbarer: Kälte, Heimatlosigkeit, Hunger, Angst und Ungewissheit werden zu ständigen Begleitern. Damit einher geht auch Krankheit: Vater und Schwester erkranken an Typhus, während Alices Bruder bei einem Angriff verletzt wird. Um zumindest drei Kinder in Sicherheit zu wissen, werden Alice und ihre beiden jüngeren Geschwister mit einem Viehtransporter nach Frankreich geschickt. Ohne Sprach- und Ortskenntnisse findet sich die 12-Jährige in der Position des Familienoberhaupts wieder:

Dass ich Angst hatte, wollte ich sagen. Ich hätte es zu meinem Vater und meiner Mutter gesagt. Zu Oscar und Rosa. Auch zu Johanna. Aber niemals zu Jules und Clara. Ich war die Älteste. Und die Älteste musste die Stärkste sein.

Es wird eine zutiefst ehrliche Hauptfigur gezeichnet, die innerhalb kürzester Zeit erwachsen werden muss. Die Grausamkeiten des Krieges prägen natürlich den Plot, dennoch gelingt es der Autorin die kindliche Wahrnehmung in den Vordergrund zu rücken und unaufgeregt über Unvorstellbares zu schreiben. Dabei wird auch immer wieder der Blick auf das Positive in der Welt gerichtet und sei es auch noch so klein.
Dieser kindlichen Wahrnehmung verpflichten sich auch die fein gezeichneten, schwarz-weißen Illustrationen der österreichischen Künstlerin Julie Völk, die immer wieder in den Text oder an den Anfang respektive das Ende der Kapitel gesetzt werden. Sie nehmen mal weniger, mal mehr Raum ein und demonstrieren in ihrer Schlichtheit das Erlebte, die Ausweglosigkeit und die inneren Empfindungen der Protagonistin.
Am Ende findet sich eine Familie in Frankreich wieder, die zwei Familienmitglieder weniger zählt und in der ein scheinbar normaler Alltag eingekehrt war; die Kinder gehen zur Schule, der Vater tischlerte wieder. Alles war normal…
Nur unsere Familie war nicht mehr normal. Sie war in Stücke geschnitten. Zerschnitten wie Papier und über alle Gebäude zerstreut. […]
Zwei Schnipsel fehlten. Davongetragen vom Wind, nach oben hinauf. Bis in den Himmel.

Was aber bleibt, ist der Globus tief vergraben im Garten, der den Krieg überdauert.  

Alexandra Hofer


Nicht mit dem ersten, aber mit dem zweiten Weltkrieg beschäftigt sich die Buchliste Shoah und Widerstand.
Außerdem wurde in einer Buchliste zum Thema Flucht thematisiert, in welcher Form und aus welchen Gründen Menschen flüchten müssen und wie sich das in Kinder- und Jugendliteratur niederschlägt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Carlsen 2020.
€ 16, 50.

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Mistvertsändnis. Mit Bildern von Peter Schössow

 

Arrogant. Der Duden nennt anmaßend, dünkelhaft, überheblich und eingebildet als Bedeutungsmöglichkeiten für das Adjektiv. Rico notiert dazu Folgendes:

Wenn man auf jemanden herabsieht. So schlau kann Oskar also gar nicht sein, schließlich ist er viel kleiner als ich und musste ständig zu mir raufgucken. (I, S. 36)

Gemeinsam mit dem Visier und der Primzahl ist arrogant einer jener Begriffe, die Rico in seinen Worterklärungs-Kärtchen mit Oskar in Verbindung bringt, als die beiden einander am Spielplatz in der Grimmstraße kennenlernen. Dort, wo die Grimmstraße eine Halbinsel bildet – und damit als eine Straße erkennbar ist, die von der Dieffe weg und gleichzeitig zu ihr zurückführt. Hier treffen der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar in jenem Sommer aufeinander, als Rico nach seiner Fundnudel und Oskar nach Mister 2000 sucht.
„Kann es sein, dass du ein bisschen doof bist?“ (I, S. 33) lautet Oskars Frage an Rico. Denn Oskar hat das, was für Rico offensichtlich ist, nicht verstanden.
In der filmischen Adaption sieht man Rico das inkriminierte Wort mit Filzstift auf ein Post-it schreiben, um es im Wörterbuch nachzuschlagen: arrokant. Denn dass Ricos Rechtschreib-schwäche in seinem Tagebuch dank Rechtschreibkorrektur nicht sichtbar ist, heißt ja nicht, dass sie nicht da ist. Doch wie hat es der Wehmeyer, Ricos Lehrer im Förderzentrum, so schön formuliert:
„Deine Rechtschreibung zieht einem zwar die Schuhe aus, Rico […]. Aber wie du schreibst, das hat schon was.“ (I, S. 49)
Andreas Steinhöfel etabliert Rico von Beginn an als defizitären Erzähler, der dennoch – oder gerade deswegen – seiner ganz eigenen Sprachgebung folgt. Als Ich-Erzähler nähert sich Rico seinem Leben und Erleben auf komische Weise an und macht das Moment des Absurden zum primären Stilmittel. Rico folgt nicht nur seinem konsequent kindlichen Blick, sondern auch den wortwörtlichen Bedeutungen dessen, womit er es zu tun bekommt. Seiner Bewegung im Raum entsprechend ist auch seine Sprach-Welt eine ohne Irrwege, ohne Metaphern und Sprichwörtlich-keiten. Ricos Blick ist ein komödiantischer Blick, der die Dinge ganz naiv und unverschämt offen legt.
Die semiotische Dimension einzelner Wörter ist Rico mitunter ein Rätsel; mit Blick auf deren Semantik jedoch ist er selten um assoziative Erklärungsmuster verlegen:

Linguistin: Eine Wissenschaftlerin, die die Geheimnisse der menschlichen Sprache untersucht.  Also zum Beispiel, warum manche Autos Mehrtürer genannt werden, manche Heilige aber auch, und warum es Mehrtürertod heißt, obwohl der heilige Quirinius nicht bei einem Autounfall in Rom gestorben ist, sondern dort geköpft wurde. (III, S. 158)

Die angesprochene Linguistin ist Svens Mutter und entstammt dem dritten Band, als Rico und Oskar von Berlin aus bis an die Ostsee müssen, um das Rätsel um den Diebstahlstein zu lösen. Sven wiederum kennt man bereits aus dem ersten Band: Der gehörlose Zuhörer wird zum Wegweiser, als Rico die Dieffe zum ersten Mal (alleine) verlassen muss, um auf der Suche nach Oskar Sophia zu befragen.
Bereits mit dem dritten Band hat sich abgezeichnet, was sich nun, im fünften Band verfestigt: Durch und mit Oskar bewegt Rico sich viel selbstbestimmter durch die Welt. Gemeint ist damit eine räumliche Welt gleichermaßen wie Ricos Sprach- und Denkwelt. Nichts könnte davon besser Zeugnis ablegen, als das Worter-klärungskärtchen RUMKUGELN, das Rico extra für den Wehmeyer verfasst hat.
Gemeint ist damit aber auch Ricos Erzählwelt. Zwar wird auch Ricos fünftes Abenteuer auf wenige Tage verdichtet, doch die Zeitdehnungen des ersten Bandes (Immer noch fast schon Donnerstag I, S. 175) weichen einem zügigen Ablauf der durch-aus nicht unkomplexen Handlung, die nun sogar auf zwei Ebenen erzählt wird. Und eine umfassendere Figurenkonstellation als bisher miteinbezieht: Zusätzlich zum Haus in der Dieffe 93, des-sen Bewohner*innen-Plan weiterhin textuell in den Band einführt, kommen separat aufgelistete Handelnde dazu, denn:
Weil im Buch fast so viele Leute auftauchen, wie in einer Bingotrommel Kugeln sind, hab ich die wichtigsten hier aufgezählt. (V, S. 6)

All die Bingokugeln bereiten Rico mittlerweile viel weniger Sorgen. Statt des klackernden Durcheinanders in seinem Kopf löst sich höchstens mal eine vereinzelte Kugel – und lenkt Rico auf eine Denk-Spur, die er nicht in der Sekunde erfassen kann, der er aber dennoch nachgeht. Doch gerade diese eine Bingokugel fordert ihn gehörig heraus. Denn: Zwischen Rico und Oskar kommt es zu einem fürchterlichen Streit.

Wir erinnern uns: Mittlerweile ist das Rico und Oskar-Universum transmedial angewachsen. Für animierte Kurzfilme in der Sendung mit der Maus hat Andreas Steinhöfel seinem ver-schworenes Duo eine multikulturelle Clique an die Seite gestellt, die dann auch zu den Protagonist*innen der Kindercomics rund um Rico und Oskar wurden. Wie Rico Soo-Min, Samira, Nuri, Sarah, den Checker und den Lawottny kennen gelernt hat, wird im vierten Band (der nur an einem Tag und außer zu Beginn ausschließlich im Haus in der Dieffe 93 spielt) in Rückblicken auf den davor liegenden Sommer erzählt.
Damals hatte hinter einer hohen Mauer eine hoffnungsvolle Freundschaft begonnen, die aber im Herbst schmerzhaft und verräterisch wieder zerbrochen  (IV, S. 43) war. Grund dafür waren Oskars Alleinanspruchsanwandlungen auf Rico. Als das Vomhimmelhoch herabschwebte, wurde der Streit beigelegt, so-dass die Clique nun integrativer Bestandteil eines neuen Aben-teuers von Rico und Oskar ist. Mehr noch: Sie steht im Mittel-punkt der Ereignisse. Denn der Hinterhof, in dem die acht einander treffen, soll verkauft und bebaut werden. Es gilt also, die eigene Zugehörigkeit zu verteidigen und herauszufinden, was hier eigentlich vorgeht und wie man es verhindern kann.

Just in dieser Situation keimen Oskars Eifersuchtsanwandlungen wieder auf. Denn da ist nicht nur die Clique per se, sondern auch Ricos neu erwachtes Herzklopfen, wenn es um Sarah geht. Rico wiederum fühlt sich von Oskar hintergangen und bedrängt. Es kommt zum Streit.
Es bleibt einem beinahe das Herz stehen, als die beiden in Worten aufeinander losgehen. Denn wenn eine Freundschaft so innig und einzigartig ist, braucht es sprachliche Heftigkeit, um aus Rico und Oskar wieder einen Rico und einen Oskar zu machen. Rico wirft Oskar dessen Verbitterung ob Sarahs neuer Rolle vor. (So einen bescheuerten Freund brauch ich nicht. V, S. 91) Oskar aber fällt in alte Muster zurück. Stichwort: arrogant.

„Wenn ich so schrecklich bin, dann geh doch, du Sonderschüler!“, brüllte Oskar. „Dann hau doch ab zu deiner Scheiß-Sarah, du Arschloch!“
(V, S. 91)

Wie Kugelmenschen waren sie, die beiden. Nun aber ist etwas zerbrochen.
Doch nur eine Freundschaft, die so innig ist wie jene von Rico und Oskar gibt auch her, dass ein Streit dennoch das Vertrauen impliziert, dass man einander verbunden bleibt. Diese Ver-bundenheit bleibt sichtbar, indem Rico weiterhin eine Rico und Oskar-Geschichte erzählt. Auch wenn die beiden (räumlich) voneinander getrennt sind.

Andreas Steinhöfel nutzt dazu einen Kunstgriff.
Für Rico kommt es ganz gelegen, dass Frau Dahling die Angst befällt, ihr Herr van Scherten könnte einem Kurschatten verfallen sein. Als Frau Dahling ihrem Liebsten nach Bad Wildungen nachreist, trifft sich das nicht eben ungünstig. Denn eine der Spuren im Hinterhof-Fall weist in diese geografische Richtung. Also begleitet Rico Frau Dahling. Und der Checker begleitet Rico, während die restliche Clique gemeinsam mit Oskar in Berlin weiter ermittelt. Als Rico Reiselektüre für Frau Dahling besorgen soll, stößt er auf die Werke von Hedwig Kurzmaler und ist höchst angetan von deren vornehmer Sprache und edlen Figuren (V, S. 105) und beschließt:
Wenn ich jemals ein Buch schreibe, dann schreibe ich es so, wie die Hedwig Kurzmaler es geschrieben hätte. (V, S. 105) 

Enthusiasmiert lebt Rico sich in die Welt von „Griseldis“ ein und nutzt die Sujets der vorletzten Jahrhundertwendem, um nun seinerseits etwas ganz Neues auszuprobieren: Er erzählt Oscars kapitale Abenteuer und erschafft dafür eine metafiktionale Parallelwelt, in die er einschreibt, was Oskar in Berlin widerfährt, während er selbst in Bad Wildungen mit einer verworrenen Familiengeschichte konfrontiert wird. Verzeihung. Rico erzählt, in welche Gipfel aller Schmach Oscar Dörings durch den perfiden Verrat seines einst besten Freundes  Federico d’Oretti durchleben muss.
Oscars kapitale Abenteuer werden nicht nur grafisch stilisiert und abgesetzt, sondern von Peter Schössow auch illustratorisch auf besondere Weise begleitet: Er versetzt Oscar ins Berlin der Jahrhundertwende, schreibt zahlreiche Filmzitate in seine Bilder ein und treibt das intertextuelle Spiel mit Verweisen und Anleihen, das Andreas Steinhöfel mit Hedwig Kurzmaler anstößt (deren Namen man eigentlich anders schreibt, nämlich ganz kompliziert und als Doppelname V, S. 104) intermedial klug und humorvoll weiter.

Zum Thema arrogant hätte auch Hedwig Courths-Mahler einiges zu sagen; muss sie es doch über sich ergehen lassen, als trivial markiert zu werden. Nur ein Autor wie Andreas Steinhöfel schafft es, ihr Werk mit so viel Esprit aufzugreifen und zu zeigen, wie lustvoll man dessen Kompositionsprinzipien (literarisch) rezipieren kann. Und nicht nur das: Andreas Steinhöfel verabschiedet seine Rico und Oskar Reihe, indem er sie umfassend in eine Tradition der Kinder- und Jugendliteratur im Allgemeinen und seines eigenen Werkes im Besonderen einschreibt: Von Schwestern, die den Namen Edith und Enid Burnett tragen (und damit gleich drei Kinderbuchautorinnen die Ehre erweisen), über die Tasche von Mary Poppins bis hin zu einem Verweis auf die Hexenkinder Visibles reichen die Anspielungen, die das Herz all jener frohlocken lassen, die Kinderliteratur anders begreifen als unter den Vorzeichen pinkifizierter Hypes.
Denn rosa ist hier höchsten die Füllung winziger Windbeutel, die Rico links liegen lassen muss (manchmal muss man für Freunde Opfer bringen V, S. 313), als vor der offenen Kühlschranktüre endlich die herzerwärmende Versöhnungsszene alles wieder ins Lot bringt. Andreas Steinhöfel schließt damit noch einmal den Kreis zum Beginn dieser wunderbaren Freundschaft am Spielplatz in der Grimmstraße. Nun ist es Rico, der sich bei Oskar entschuldigt:
Ich sollte dich besser kennen und dich deswegen auch besser verstehen. Aber ich hab nur mich und Sarah gesehen, und dabei haben ein paar Sachen, die ich doof an dir finde, zu viel Gewicht gekriegt. Entschuldigung bitte. (V, S. 313)
Dieserart versöhnt spazieren die beiden über die regennassen Straßen in den Sonnenuntergang und machen dabei Rick Blaine und Captain Louis Renault alle Ehre.
Wir werden sie vermissen. Aber! Uns bleibt immer noch die Dieffe 93.

Heidi Lexe

Die ersten drei Bände rund um Rico und Oskar als filmische Adaption sind Teil der neuen Kinderfilm-Medienliste, in der verschiedene Filme zusammengetragen wurden, die auf kinderliterarischen Texten basieren.

Die gesammelten Kröten der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Krötenarchiv

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


avant 2020.
€ 20,60.

Katharina Greve: Die letzten 23 Tage der Plüm.

 

Es ist (ein aufsteigender, aber dennoch) ein Countdown, der mit dem Titel des vorliegenden Comic der deutschen Zeichnerin und Cartoonistin eröffnet wird. Von 1 bis 23, und dann – so viel sei verraten – ein Neubeginn bei Nr. 24.

Die Plüm vom Planeten Plümos zählen seit der Erfindung der Zahlen für ihr Leben gern. Aber auch über ihre fiktionale Welt hinaus liegt das Letzte-Tage-Zählen gerade voll im Trend: Die letzten Tage des von vielen mit großer Genugtuung (und zugleich mit großen Erwartungen für das Kommende) verabschiedeten Jahres 2020 haben wir schon hinter uns. Die letzten Tage einer (wie die erschreckenden aktuellen Ereignisse wieder einmal gezeigt haben) beschämenden Präsidentschaft auf der anderen Seite des Atlantiks befinden sich noch vor uns. Wie viele letzte Tage jeder und jede Einzelne von uns noch bis zum Erhalt jenes Serums zu zählen hat, das uns allen wieder eine gewisse Form von „normalem“ Leben ermöglichen soll, ist für die Meisten noch ungewiss.

Nicht zuletzt deshalb können wir dieser Tage ein paar Momente ausgelassenen Lachens gut gebrauchen. Und mit solchen kann Katharina Greve, die bereits in ihren früheren Arbeiten „Das Hochhaus“ (2017) und „Die dicke Prinzessin Petronia“ (2019) bewiesen hat, dass sie es versteht, ihre zeitgenössischen Gesellschaftssatiren in Comicform punktgenau mit einer ordentlichen Portion Ironie und Zynismus anzureichern, in ihrem neuen Buch zur Genüge aufwarten.

Aber es gibt noch einen Grund, warum die Geschichte über die sonderbaren Plüm-Wesen das Jahr 2021 eröffnen soll:
24 Tage umfasst die serielle Erzählung insgesamt.
24 Monate arbeiten wir – das sechsköpfige Team der STUBE und der Literarischen Kurse – nun in unserer neuen, gemeinsamen Organisationseinheit.
730 Tage alt ist unsere enge, enthusiasmierte und erfolgreiche Zusammenarbeit mit 01.01.2021 also. Eine Zusammenarbeit, die auf personeller Ebene zwar bereits davor in Form von (gelegentlich durchaus intensivem) Austausch untereinander bestanden hat, die nun seit 01.01.2019 aber auch strukturell verankert ist und dadurch in unser tägliches Denken und Tun, mehrere gemeinsame Veranstaltungen sowie miteinander konzipierte Fernkurse für Literatur eingegangen ist.
Um unsere nunmehr zweijährige Abteilung Literatur in der Erwachsenenbildung zu feiern und uns gegenseitig Danke zu sagen, gönnen wir uns zum Jahresbeginn also eine gemeinsame Buchempfehlung, die sich – im Sinne unseres verschiedene Lesealter übergreifenden Miteinanders – an jugendliche ebenso wie an erwachsene Leser*innen richtet. Was hier die Kröte des Monats ist, ist dort der sogenannte >>>Lese-Tipp, in dem die Literarischen Kurse jedes Monat besondere Texte aus dem Bereich der aktuellen allgemeinen Literatur empfehlen. Aber jetzt endlich zum Buch:

Mit slapstickartiger Situationskomik, frechem Wortwitz und abstruser Phantasie erzählt Katharina Greve in „Die letzten 23 Tage der Plüm“ von den letzten dreien der sorg- und ambitionslosen ungeschlechtlichen Kopffüßlern, die sich ähnlich wie Bakterien durch Teilung vermehren (was aber so anstrengend ist, dass sie schon längst darauf verzichten) und auf ihrem kargen Planeten tagein, tagaus nicht viel mehr tun als Lübosen-Würmer zu rösten, hochprozentigen Summerling zu trinken und zu schlafen. Ihr friedvoller Alltag (manche würden ihn vielleicht auch als grotesk eintönig oder gar stumpfsinnig bezeichnen) wird jäh aus der Balance geworfen, als ein pinkfarbener Punkt am Himmel auftaucht, der den Weltuntergang anzukündigen scheint:

„Schlechte Neuigkeiten, Schte, Rüm. Dieser pinke Punkt da oben kommt auf uns zu. Nach meinen Berechnungen stoßen wir in 23 Tagen mit ihm zusammen.“
„Was bedeutet das Pla?“
[­- dramaturgischer Spannungsmoment des Umblätterns -]
„Wir werden alle sterben.“
„Was machen wir jetzt?“
„Wir sind die letzten drei des stolzen Volkes der Plüm! Darum halten wir uns an unsere ehrenvollen Traditionen!
Und an die erste Plüm-Regel für ausweglose Situationen.“
[- erwartungsvoller Blick auf die rechte Buchseite -
Alle brechen in Panik aus.]

Mit reduzierter, gezielt gesetzter Strichführung verleiht Katharina Greve den drei grünen Plüm ausdrucksstarke Gesichtszüge und zieht für ihre Endzeitstimmung-erzeugende entleerte Raumdarstellung nur vereinzelte Requisiten – wie zum Beispiel grüne Flaschen – heran. Denn die zweite Plüm-Regel für ausweglose Situationen lautet: So viel Summerling trinken, wie man kann. Die angekündigte dritte Plüm-Regel für ausweglose Situationen gibt es gar nicht, denn:

„So ausweglos war noch nie eine Situation, dass die zwei anderen nicht gereicht hätten.“
„Ächz“

In 24 pointierten dialogischen Kurzszenen vor immergleichem Horizont und stetig größer werdendem pinken Punkt lässt Katharina Greve die drei letzten Plüm unterschiedlichste Möglichkeiten ersinnen, wie sie einerseits den fatalen Zusammenprall mit dem pinken Punkt verhindern und andererseits ihre letzten Tage maximal auskosten können, indem sie tun, was noch kein Plüm zuvor getan hat. Aufräumen zum Beispiel, ein Kunstwerk erschaffen – oder einen vergammelten Trufonten essen und sich zum ersten Mal in der Geschichte der Plüm eine Fleischvergiftung zuziehen... Dass Schte und Rüm im Gegensatz zu dem immer verzweifelter werdenden Pla nicht gerade die Hellsten sind, ist dabei nicht unbedingt von Vorteil. Sowohl ihr selbstgebasteltes Umleitungsschild als auch ihre Mini-Rampe, mit der sie sich zum pinken Punkt hinaufschießen möchten, um mit ihm zu reden („Rüm meint, man kann mit jedem über alles reden“), sind selbst innerhalb der nicht immer ganz nachvollziehbaren Logik der Plüm zum Scheitern verurteilt.

Regelmäßig unterbrochen werden die absurden, aber umso amüsanteren Versuche, den bevorstehenden Weltuntergang abzuwenden oder zumindest erträglicher zu machen, von jenen pseudo-wissenschaftlichen Einschüben (ebenfalls 24 an der Zahl), die den Leser*innen in historiografischem Duktus Wissenswertes über die Plüm vermitteln und damit auf erheiternde und aufschlussreiche Weise zu Greves kuriosem Worldbuilding beitragen:

Seit jeher halten die Plüm den Schlaf für den Urzustand jedes Seins, da man schlafend niemandem willentlich Schaden zufügt. Alle anderen Aktionen – wie etwa die Ernährung – dienen nur dazu, den Schlaf zu sichern. Am besten und tiefsten schlafen sie übrigens seltsamerweise auf violetten Kissen. Warum, wurde nie geklärt, da selbst die wissbegierigsten Plüm sofort eindösten, sobald sie über violette Kissen nachdachten.

Dass Katharina Greve ein Faible für besondere Buchformate hat, hat sie schon in ihrer auf einem genialen >>>Web-Comic-Bauprojekt basierenden Graphic Novel „Das Hochhaus“ gezeigt, hinter dessen außergewöhnlich schmalen, hochformatigen Buchdeckeln sich ein Stockwerk nach dem anderen nach oben schraubt und Blicke ins Innere der Apartments und des Alltagslebens der Bewohner*innen eröffnet. „Die letzten 23 Tage der Plüm“ hingegen erstreckt sich entlang der horizontalen Achse in die Länge und basiert auf einer gedruckten Comicserie, die Greve für die Tageszeitung „taz“ verfasst und für den vorliegenden Band (dessen Ende von den „taz“-Leser*innen und -Redakteur*innen maßgeblich beeinflusst wurde) um einige Episoden erweitert und neu koloriert hat. Alles andere als seriös, aber deshalb nicht weniger präzise verhandelt sie darin die großen Fragen, an denen sich Philosoph*innen seit Jahrhunderten abarbeiten. Mithilfe parodistischer Überzeichnung und grafischem Minimalismus entwirft sie eine einzigartige Endzeitwelt, die Leser*innen unterschiedlichen Alters zum Schmunzeln bringt.

 

Claudia Sackl

Bonusmaterial:

>>>Das Hochhaus. 102 Etagen Leben von Katharina Greve.
Rezension von Claudia Sackl im März 2018.

>>>könig der kinder / tänze der untertanen. gedichte. Texte von Nils Mohl. Bilder von Katharina Greve.
Kröte des Monats im August 2020 vom STUBE-Team.