Einar Turkowski:
Aus dem Schatten trat ein Fuchs.
Gerstenberg 2019, S. 40, € 25,70

Stockt das Gespräch bei der nächsten Dinner-Party, lohnt es sich, unvermittelt in die Runde zu fragen, über welche Superkräfte die wortkargen Mitfeiernden am liebsten verfügen würden. Zeitreisen, selbstständiges Fliegen und Unsichtbarkeit sind die Klassiker, die jedoch rasch zu psychoanalytisch eingefärbten Interpretationen führen können: Klar sei angeblich, dass diesen Wünschen latente Formen der Gegenwartsverweigerung, der Haltlosigkeit und des Voyeurismus zu Grunde liegen. Mein unverfänglicher Superkraft-Tipp lautet daher: Die Gabe uneingeschränkt in fiktionale Räume jeglicher Kunstformen eintreten zu können. Bitte, gern geschehen! Denn wer könnte widerstehen, mit Alice eine Tasse Tee zu trinken, Bruegels wimmelnde Turmbauten zu erkunden oder in all die kunstvoll gestalteten Bilderbuchwelten einzutauchen? Wohl niemand. Und schon gar nicht, wenn Einar Turkowski dazu einlädt, durch fein-ziselierte, magisch-realistische und rätselhaft-verspielte Illustrationen zu wandern. Der Bilderbuchkünstler der ein Patent für das tiefste Schwarz und das hellste Weiß zu besitzen scheint, verfügt zudem über eine äußerst ausdifferenzierte Palette an Grauschattierungen, die er mit Hilfe von unterschiedlich harten Bleistiftminen zu atemberaubenden Landschaftsbildern heranwachsen lässt. Wie schon in früheren Erzählungen werden nächtliche Szenerien zu taghellen Gegenden, in denen der pechschwarze Himmel und fehlende Schattenwürfe auf die Zeit des Träumens verweisen. „Und die Nacht war noch jung.“, versichern die ersten Kapitel, die sich, wie alle anderen auch, aus lediglich sechs kurzen Versen zusammensetzen und in ihrer intendierten Zaghaftigkeit reimen; man möchte sagen, zu reimen wagen. Doch auf den zart gesetzten Text ist die Reise des Fuchses und des ihm folgenden Paradiesvogels durch karge, durch üppig wuchernde, durch steinige Gefilde nicht angewiesen, da die klug komponierten Bilder mit variierenden Einstellungsgrößen, außergewöhnlichen Perspektiven und einem kryptischen System aus Buchstaben-, Zahlen- sowie Zeichensetzungen auf Mauern und winzigen Plaketten von einer Sehnsucht erzählen, die das ungleiche Tierpaar durch die Nacht treiben lässt. Einar Turkowskis in den Erzählraum eingeschriebener Code wird auch diesmal nicht zu knacken sein. Möchte er auch gar nicht, sondern viel mehr eine Verheißung sein, eine Allegorie für die vielen persönlichen, melancholischen Sehnsüchte, über die man sich auf Dinner-Partys neben Superkraftgelüsten durchaus auch unterhalten könnte.

Peter Rinnerthaler

 

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