Patrick Ness: Und der Ozean war unser Himmel.
Mit Illustrationen von Rovina Cai .
Aus d. Amerikan. v. Bettina Abarbanell.
München: cbj 2021. 160 S.; € 20,60.

Von Monstern und Geschichten
Wie rechtfertigt man Krieg? Wer ist der eigentliche Teufel? Wie weit geht Loyalität? Diese und eine Vielzahl an anderen gesellschaftskritischen Fragen schneidet Patrick Ness in seinem neuen Roman an, ohne dabei eindeutige Antworten zu liefern. Verortet wird der Text rund um die junge Walin Bathseba, die aus der Ich-Perspektive erzählt, in einer gespiegelten Welt zu der der Menschen. Die Wasserlinie ist jene Schnittstelle zwischen den beiden Elementen Luft und Wasser, die für Mensch und Wal gleichermaßen lebensnotwendig sind und die Grenze, an der seit Jahrhunderten gejagt wird. Waren es in „Moby Dick“ von Herman Melville noch die Menschen, die Jagd auf die Meeressäuger machten, sind es hier nun auch die Wale, die Gleiches mit Gleichem vergelten. In einer Gegenerzählung werden so die Rollen vertauscht und die Jäger*innen und die Gejagten an der Wasseroberfläche gespiegelt. So auch die Konstruktion der fantastischen Welt, in der die Erdanziehungskraft zum Auftrieb wird und in der die Wale, ähnlich der Menschen, in Gemeinschaften leben, technische Errungenschaften von jenseits des Wasserspiegels nutzen und in der Traditionen und Geschichten von Generation zu Generation weitergegeben werden. In dieser Welt ist Bathseba, die retrospektvisch erzählt, der großen Jägerin Alexandra als Lehrling in einer Walschule unterstellt, um selbst die Kunst der Menschenjagd zu erlernen. Toby Wick, ein sagenumwobener Mythos, der allgemeinhin nur als der Teufel bezeichnet wird, wird Gegenstand einer letzten Jagd der Walschule mit ungewissem Ausgang. Angereichert wird das Erzählte durch bildreiche Metaphern, die die Grenzen zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung verschwimmen lassen und der Frage nachspürt, wie Teufel durch Geschichten und Gerüchte Gestalt annehmen können.

Die Düsterness des Plots, der von Jagd auf Mensch und Wal dominiert wird, wird durch die in gedeckten Farben gehaltenen Illustrationen von Roivna Cai noch intensiviert. In feinen Linien und mit kräftigen Akzentsetzungen in blutrot wird dem Text Tiefe verliehen, während die Illustrationen selbst unterschiedliche Funktionen einnehmen: Während zu Beginn die Bilder schmückende Ergänzungen sind und immer wieder großflächig eingestreut werden, wird das Ende maßgeblich über die Bilder weiter- und auserzählt. So entsteht durch das Zusammenspiel ein eindrückliches, durch die Perspektive der Wale verfremdetes Plädoyer für das Zusammenleben von Mensch und Tier und der Frage, wer die wahren Teufel sind.

Alexandra Hofer

 

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