Angie Thomas:
The Hate U Give.
Aus dem Amerik. v. Henriette Zeltner.
cbt 2017, S. 512, € 13,99


Die 16-jährige Ich-Erzählerin Starr lebt gewissermaßen in zwei Welten: Sie wächst in einem schwarzen Viertel auf, besucht aber eine teure, überwiegend weiße Privatschule. Diesen Spagat weiß sie diplomatisch zu bewältigen – im Mikrokosmos der Schule vermeidet sie alles, was sie als „black angry girl“ ausweisen könnte, sie ist beliebt und hat einen weißen Freund. Bis ein folgenschwerer Abend ihre Welt ins Wanken bringt: Nach einer Party lässt sie sich von einem ehemaligen Mitschüler nach Hause fahren und gerät mit ihm in eine Fahrzeugkontrolle. Er macht eine unüberlegte Bemerkung, eine zu schnelle Bewegung – und wird vom Streifenpolizisten erschossen.

Die in Jackson, Mississippi geborene Autorin Angie Thomas hat in ihrem Debüt die Morde an Alton Sterling und Philando Castile 2016 durch die Polizei als Folie genommen, um beispielhaft davon zu erzählen, wie struktureller Rassismus in den USA alltäglich ist und welche Folgen Morde wie diese für die Hinterbliebenen haben. „Leute wie wir werden in solchen Situationen zu Hashtags, aber Gerechtigkeit kriegen sie kaum einmal.“, fasst Starr zusammen, wie sich zwar im Zeitalter von Twitter und Co. Empörung medial gut verbreitet, aber dennoch Jury-Entscheidungen meist zugunsten der (weißen) Staatsgewalt ausfallen. Zentrales Motiv wird dabei die Frage, was Starr als einzelne tun kann, angebunden an die Topographie des Textes: Denn zwischen den jeweils in sich geschlossenen Welten von Ghetto und Schule scheint Starr jede Zugehörigkeit zu verlieren. „THUG“ bedeutet Verbrecher, ist aber auch ein Akronym für „The Hate U Give“, benannt nach Tupac Shakurs Album „Thug Life“, einer Stellungnahme darüber, dass rassistischer Hass, der von der Mehrheitsbevölkerung ausgeht, wieder auf diese zurückfällt. So werden von Angie Thomas auch die sozialen Probleme im schwarzen Viertel erklärt: als Mangel an Alternativen, als Resignation an struktureller Diskriminierung und schließlich auch ein Stück weit als Selbstermächtigung.

Dennoch ist „The Hate U Give“ kein düsteres Problembuch. Thomas entwickelt auf über 500 Seiten eine Menge differenzierter Figuren, die trotz krimineller Vergangenheit reflektiert und liebevoll sind, die trotz privilegiertem weißen Elternhaus Machtverhältnisse durchschauen. Auch die Übersetzung ist gelungen: Wendungen werden im Original belassen und dann erklärt, womit Klang und Soundtrack des Romans nachvollziehbar bleiben. Die vielen ausgiebig erzählten Szenen machen ihn zu einem ausgedehnten Leseereignis – ein Höhepunkt des Bücherherbstes.

Jana Sommeregger

 

 

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