Steven Herrick:
Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen.
Aus dem Austral. v.Uwe-Michael Gutzschhahn.
Thienemann 2017, S. 240, € 15,50


Jugendroman in Versform

Steven Herricks Roman „Wir beide wussten, es war was passiert“ schaffte es im Jahr 2017 auf die Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises. Laut Jury zeichnet sich der Text durch die „stille und vorsichtige Weise“ aus, „mit der [die] Geschichte einer Freundschaft“ erzählt wird. Unter dem weit weniger sperrigen Titel „The Simple Gift“ erschien das Buch in Australien bereits vor 17 Jahren und könnte durchaus für Herricks zeitlosen Sprachstil stehen. Diesen behält er im neuen Roman „Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“ bei, und dieser wird wohl auch nach 17 weiteren Jahren nicht antiquiert wirken: „Ich schließe das Tor, / gehe die Treppe hinauf, / setze mich / auf die oberste Stufe / und warte auf Dad / und auf Keith, / dass sie / nach Hause kommen / in der perfekten Stille / des Nachmittags.“ Jenen Sommer, den Herrick in lyrischer Prosa skizziert, scheint von jeglichen zeitlichen Dimensionen befreit zu sein. Sowohl die Zeit der Handlung als auch die Handlungszeit werden dehnbar und es bleibt an den Lesern, die Erzählung über Verluste, Jugend und Familie, zeitlich wie räumlich einzuordnen. Leerstellen und viel Raum für eigene Gedanken werden auch durch die formale Gestaltung des Jugendromans bereitgestellt. 

Erbarmungslose Innensicht

Der schnell umbrechende Flattersatz schafft viel Weißraum, die Überschriften der Kürzestkapitel laden dazu ein, innezuhalten, bevor man sich wieder den intimen Gedanken des Protagonisten Harry hingibt, der sowohl eine gute Freundin als auch die eigene Mutter an die unbändigen Fluten des naheliegenden Flusses verloren hat. Die Wehmut, der an Lyrics erinnernde Text, eine von Konflikten gezeichnete Kindheit, die von Natur geprägte aber weitgehend unspektakuläre Landschaft und die erbarmungslose Innensicht des Protagonisten erinnern an eine Kunstform, die sich wie dieser Roman völlig der Melancholie verschrieben hat: Blues! Auch der rebellische (Unter-)Ton, der von den Jugendlichen immer wieder angeschlagen und in kurzen Beobachtungen angedeutet wird, verlangt im Grunde nach einem Banjo oder zumindest nach einer Mundharmonika: „Johnny sitzt auf einem Baumstumpf, / isst die Sandwiches / und wischt den Apfel / an seiner schmutzigen Hose blank, / ehe er dankbar zubeißt / und über die Vorstellung lacht, / dass sein Vater Plakate aufhängt.“ Dass der literarisierte Blues unaufgeregt und emotional zugleich im inneren Ohr der Leser groovt, ist abermals Uwe-Michael Gutzschhahn zu verdanken, der den eigenwilligen Text ins Deutsche übertragen hat und dafür sorgt, dass Jugend zeitlos und zeitlos erfahrbar bleibt.

 

Peter Rinnerthaler

 

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