Shaun Tan:
Reise ins Innere der Stadt.
Aus dem Austral. v. Eike Schönfeld.
Aladin, S. 288, € 28,00

Tier – Mensch – Stadt. Das ist die Formel hinter Shaun Tans neuem Kurzgeschichtenband. In einem Interview gibt der australische Illustrator Einblick in die Herangehensweise an diesen über 280 Seiten fassenden Band, der sich im Umfang deutlich abhebt von den Bilderbuchformaten, die ihn in den letzten Jahren zu einem der bekanntesten Künstler am internationalen Kinderbuchmarkt gemacht haben: „Die grundlegende Prämisse, die ich mir selbst stellte, war sehr einfach: Denk‘ an ein Tier in einer Stadt. [...] Warum ist es dort? Wie reagieren die Menschen auf das Tier?“ Die Reaktionen der Figuren in den Erzählungen können bei der Lektüre der 25 surrealen Kurzgeschichten, die manchmal aus nur einem Absatz bestehen, sich teilweise aber über mehrere Seiten ausbreiten, unmittelbar nachvollzogen werden, da Tan auf eine einfache wie wirkungsvolle Erzählform in Text und Bild setzt: Zunächst wird dank Eike Schönfelds gelungener Übersetzung ein ambivalentes Stimmungsbild ohne Illustration aufgebaut, das das Erscheinen, die Deplatziertheit oder etwa die Schönheit eines Tieres im urbanen Raum poetisiert. Beim Lesen entstehen Bilder im Kopf und eine Erwartungshaltung darauf, wie die Situation in Shaun Tans abfallend gestalteten, doppelseitigen Ölbildern aufgelöst werden könnte. „Die Öffentlichkeit nannte sie anstößig. Politiker nannten sie inakzeptabel. Religionsführer nannten sie unheilig. Sogar Naturforscher nannten sie unnatürlich. Sie kamen trotzdem, wie ein kühler Wind, der in einer heißen, unruhigen Nacht weht, die Riesenschnecken, [...]“ Man blättert um und sieht zwei riesige Weinbergschnecken über einer grün-bläulich schimmernden Fußgängerunterführung, in der ein Straßenmusiker Gitarre spielt; die Fühler der sich umschlingenden Tiere werden vom Licht der Straßenbeleuchtung in strahlende Orangetöne getaucht; eine Stadtlandschaft wird schemenhaft sowie abgedunkelt am Rand des Bildes angedeutet; vereinzelte Ampellichter verweisen auf das urbanes Setting, das sich wie ein roter Faden durch die Illustrationen zieht und sich kunstvoll über die Doppelseiten hinweg ausbreitet, sodass man jede einzelne rahmen und an die Wand hängen möchte. Shaun Tan kombiniert surreale Momente, die er in „Die Regeln des Sommers“ spielerisch erprobte, beeindruckende Bildpanoramen, die schon in „Ein neues Land“ für Aufsehen sorgten, eine raffinierte Erzählform, die das Bilderbuch und den Kurzfilm „Die Fundsache“ einen Oskar bescherte und eine ergreifende Melancholie, die uns wie in „Der rote Baum“ nachhaltig nachdenklich werden lässt.

Peter Rinnerthaler

 


Christina Laube und Mehrdad Zaeri:
Marthas Reise
Knesebeck 2018, S. 40, € 25,00

Es gibt Dinge, die einfach zusammengehören: Kino und Popcorn, Kaffee und Kuchen, Autofahren und Fluchen, Sandalen und Socken, Sommer und Regen, Bonny und Clyde, Alice und der Hase, Schnurrbart und Brille. Das sind die Klassiker. Vollständigkeitshalber sollten vielleicht auch Freibad und Pommes Frites nicht unerwähnt bleiben. Christina Laube und Mehrdad Zaeri führen in ihrem aktuellen Bilderbuch allerdings zwei weitere Komponenten zueinander, die zwar noch nicht in den Kanon der populären Zusammengehörigkeit aufgenommen wurden, aber bei genauerem Überlegen viel reizvoller sind, wenn man sie kombiniert: Zugfahren und nachdenklich werden. Ein stimmungsvoller Grundstein dafür wird für die titelgebende Protagonistin Martha bereits auf der zweiten Doppelseite ihrer Reise zwischen Mutter und Vater gelegt, wo ein grau-schraffierter Wendezug vor einer minimalistischen Landschaft mit viel Leerraum und großer weißer Wolke anfährt: „An ihrem Fenster ziehen Bäume vorbei, deren Blätter sich bereits gelb und rot gefärbt haben. Manche tänzeln vom Wind getragen durch die Luft. Der Herbst ist da.“ Wie schon vor zwei Jahren, als bei Knesebeck das Märchen „Aschenputtel“ neu inszeniert wurde, kombiniert das Bilderbuchpaar eine klare, unaufgeregte und doch poetische Sprachform mit extrem feiner Blei-, Farb- sowie Tuschestift-Illustration und veredelt dies mit noch hauchzarteren Scherenschnitten, die dem Buch eine filigran schöne Haptik verleihen und das Umblättern zum gefühlvollen Akt der Wertschätzung erheben. Schon kurz nachdem der spärlich besetzte Zug den Bahnsteig verlassen hat und eine wild gekritzelte, gekratzte, eingegraute Landschaft durchschneidet, beginnen „Marthas Gedanken […] durch Fenster über die bunten Landschaften hin zu ihrem Opa, zu seinem kleinen Haus und seinem großen Garten [zu wandern]“ und initiieren einen philosophischen Tagtraum über das Verwurzelt-Sein, das Schicksal, die Liebe, über Wertschätzung und das eigene Träumen. Kurze Begegnungen mit den Reisenden führen zu melancholisch gestimmten Assoziationsketten, die Martha über ihre Identität reflektieren, eine Reihe an philosophischen Fragen formulieren und in die zusehends fantastischer werdende Bilderbuchlandschaft projizieren lassen. Das Bilderbuch „Martha“ bringt nicht nur zusammen, was zusammengehört, nämlich Text und Bild, sondern auch das, was besonders gut miteinander harmoniert: Bleistiftzeichnung und dezenter Farbeinsatz, Grau und Rot, Traum und Philosophie, Christina Laube und Mehrdad Zaeri.

Peter Rinnerthaler

 


Sepideh Sarihi und Julie Völk:
Meine liebsten Dinge müssen mit.
Beltz & Gelberg 2018, S. 30, € 12,95

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit…“….das beliebte Kinderspiel macht es (je nach Gedächtnisleistung) möglich, schier unendliche Mengen an Gegenständen in einen (imaginierten) Koffer zu packen. Die häufige Fragebogenfrage „Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“ hingegen bringt auf den Punkt, wie schwierig es ist, sich diesbezüglich zu beschränken (und wie sehr man sich darüber definiert, ohne welche Gegenstände man auf keinen Fall sein kann). Brisant wird die Frage, wenn es nicht um eine zeitlich beschränkte Urlaubsreise geht, sondern um einen endgültigen Abschied: „Als ich mich gerade kämmte, sagte Papa, dass wir bald ausziehen werden. Mama hat sich so gefreut. Papa auch.“ Die gebürtige Iranerin Sepideh Sarihi verortet ihre Geschichte, die erstmals 2015 in der Kinderzeitschrift „Gecko“ erschien, nicht konkret, weder historisch noch geographisch (lediglich subtile Bilddetails lassen vermuten, dass es sich von einer Reise aus dem Süden in den Norden handelt). Ebenso bleibt offen, um welche Art Umzug es hier geht – eine Auswanderung in ein anderes Land? Eine Flucht? Wesentlich ist für die kindliche Ich-Erzählerin jedenfalls der Umstand, dass sie in ihren kleinen roten Koffer nur ihre liebsten Dinge einpacken darf. Ein Ding der Unmöglichkeit – denn wie sollen so wesentliche Menschen und Gegenstände wie die beste Freundin, der Birnbaum und der Busfahrer Platz in einem Koffer haben? Es gilt also, eine kreative Lösung zu finden… .Julie Völk setzt in ihren fein gearbeiteten, detailverliebten Illustrationen ein weiteres Mal auf die Signalfarbe Gelb und die Wirkung des Weißraums: So viel Raum der schlichte und poetische Text für eigene Assoziationen und Ideen lässt, so viel Raum wird auch im Bild gelassen. Wie die Geschichte changieren auch die Bilder zwischen einer ganz realen Ausgangssituation und surrealen beziehungsweise spielerischen Elementen: Denn während des Sinnierens über die Unmöglichkeit, sich zu beschränken, weiß das Kind den Koffer auf sehr vielfältige Art einzusetzen. Das höchst gelungene Zusammenspiel zwischen Bild und (Para-)text zeigt sich nicht zuletzt ganz am Anfang und ganz am Ende des Bilderbuchs: Während am Schmutztitel die Ich-Erzählerin bange ihre beste Freundin umarmt und beiden die Sorge vor dem nahenden Abschied deutlich anzusehen ist, bieten jene Bilder, die den ganz ans Ende gestellten Biographien der beiden Künstlerinnen beigestellt sind, die Hoffnung auf eine neue Freundschaft – und vielleicht einen neuen Lieblingsmenschen.

Kathrin Wexberg

 


Wolfgang Korn:
Karl Marx. Ein radikaler Denker
Hanser 2018, S. 256, € 19,60

Arbeitswerttheorie, Akkumulation, Zirkulation – die Begriffe, mit denen sich Karl Marx in seinen Schriften auseinandersetzte beziehungsweise an denen er sich abarbeitete, sind durchaus sperrige, zudem sind seine Texte durch die historische Distanz auch sprachlich herausfordernd. Wie also kann es gelingen, sein Leben, vor allem aber sein Denken für ein jugendliches Lesepublikum aufzubereiten? Der deutsche Sachbuchautor Wolfgang Korn hat bereits vor 10 Jahren mit „Die Weltreise einer Fleeceweste – Eine kleine Geschichte über die große Globalisierung“ (Bloomsbury) bewiesen, dass auch so komplexe Sachverhalte wie die Globalisierung gut nachvollziehbar werden, wenn man sie an einem konkreten Beispiel aus der Alltagswelt durchspielt. Ähnlich geht er in seiner Marx-Biographie vor, indem er gleich zu Beginn des Buches die Relevanz von dessen Kapitalismus-Analysen für das Heute einer globalisierten Welt, die stets an der Schwelle zum Kollaps steht, verdeutlicht. Dann stellt er chronologisch das Leben von Karl Marx von Geburt bis zum Tod dar und versteht es dabei, dessen individuellen (und sehr ungewöhnlichen) Werdegang in den historischen Kontext einzuordnen – denn wer hat schon präsent, dass seine Geburtsstadt Trier genau in der deutsch-französischen, heiß umkämpften Grenzregion lag und eines der Armenhäuser Deutschlands war? Oder worin genau Marx´ Differenz mit den Junghegelianern lag? In diesen Zeitenverlauf sind in anderer Schrift und mit zahlreichen Gedankenstrichen Passagen gesetzt, in denen der Autor die von Marx aufgeworfenen Fragen in die Gegenwart übersetzt, weiterspinnt oder breiter diskutiert: So ergänzt er etwa die ökonomische Kritik, Marx` Arbeitswerttheorie sei nicht beweisbar, mit den Überlegungen, was eine Theorie überhaupt zu leisten imstande ist, und dem Hinweis, dass das Modell Arbeitswert auch heute noch mehr Erklärungswert als alle anderen Modelle der Wirtschaftstheorie habe. Erfrischend zeitgemäß ist die Buchgestaltung, für die Manja Hellpap verantwortlich zeichnet: In ihren Zwischentiteln zeigt sie Abbildungen von Marx und seinem Umfeld in großformatigen Schwarz-Weiß-Darstellungen, in den Fließtext eingebaut sind Fotos und Faksimiles. Korns genaues Eingehen auf sehr private Details wie gesundheitliche Probleme mag manchmal ein wenig zu weit gehen, macht aber jedenfalls den vor 200 Jahren geborenen Ökonomen, Rechtsgelehrten, Arbeitswissenschaftler, Psychologen, Literaturexperten und Philosophen als Mensch mit Stärken und Schwächen greifbar.

Kathrin Wexberg

 


Julie Murphy:
Dumplin'. Go big or go home.
Aus dem Engl. v. Kattrin Stier.
Fischer 2018, S. 400, € 19,60

„Leider kein Foto für dich“ – bei Jugendlichen populäre Castingshows wie Germanys Next Top Model zeigen in zugespitzter Form, was Frauen und Mädchen ständig erleben: Dass es sehr rigide gesellschaftliche Vorstellungen gibt, wie ihre Körper auszuschauen haben, um als schön zu gelten. Dass Feministinnen bereits seit Mitte der 1990er-Jahre den Begriff „body positive“ einbringen, ändert nichts am scheinbar allgemeingültigen Konzept von schlank = schön. In den USA, wo einerseits Fettleibigkeit ein massives Gesundheitsproblem ist, andererseits bereits ganz kleine Mädchen in Schönheitswettbewerben zur Schau gestellt werden, ist dieser Trend besonders stark. Davon weiß Willowdean, die 16jährige Ich-Erzählerin, ein Lied zu singen. Besonders bitter: In Clover City, der (fiktiven) texanischen Kleinstadt, in der sie lebt, gibt es nur einen gesellschaftlichen Höhepunkt, den jährlich stattfindenden „Miss Teen Blue Bonnet“-Schönheitswettbewerb. Der zu allem Überfluss von ihrer Mutter organisiert wird. Diese ruft die Tochter, die sich eigentlich ganz wohl in ihrer Haut fühlt,  wegen ihrer Molligkeit liebevoll „Dumplin“, und bedauert es, dass sie definitiv nicht in Frage kommt, am Wettbewerb teilzunehmen. Doch dann kommt irgendwie eines zum anderen, Willowdean verliebt sich, ist wütend, dass die Mutter die Sachen der an ihrem Übergewicht jung verstorbenen Tante ausmisten will, und meldet sich aus einem spontanen Impuls heraus an. Zwei weitere stets wegen ihres Aussehens gehänselte Mädchen schließen sich ihr an. Jetzt könnte man (gerade bei einem US-amerikanischen Roman) vermuten/befürchten, dass eine spektakuläre Geschichte á la hässliche Entlein verwandeln sich in Schwäne  folgt, dem ist aber gottseidank nicht so. Willowdean gewinnt nicht, sie wird sogar disqualifiziert, weil sie nicht ihr zuvor vom Komitee genehmigtes Talent vorgeführt hat, sondern einen Song ihres Idols Dolly Parton performt. Julie Murphy, die sich selbst als „fat feminist“ bezeichnet, überzeugt mit einer differenziert gezeichneten Figurenkonstellation, die familiäre Verstrickungen ebenso miteinbezieht wie Eifersucht unter Freundinnen. Dank Südstaaten-Lokalkolorit und nicht zuletzt der musikalischen Referenzen auf Dolly Parton bleibt die Lektüre der knapp 400 Seiten stets fokussiert. Und am Ende steht die Erkenntnis: „manchmal besteht die Vollkommenheit, die wir an anderen sehen, in Wahrheit aus vielen kleinen Unvollkommenheiten, weil an manchen Tagen das verdammte Kleid einfach nicht zugehen will.“

Kathrin Wexberg

 


Steven Herrick:
Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen.
Aus dem Austral. v.Uwe-Michael Gutzschhahn.
Thienemann 2017, S. 240, € 15,50


Jugendroman in Versform

Steven Herricks Roman „Wir beide wussten, es war was passiert“ schaffte es im Jahr 2017 auf die Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises. Laut Jury zeichnet sich der Text durch die „stille und vorsichtige Weise“ aus, „mit der [die] Geschichte einer Freundschaft“ erzählt wird. Unter dem weit weniger sperrigen Titel „The Simple Gift“ erschien das Buch in Australien bereits vor 17 Jahren und könnte durchaus für Herricks zeitlosen Sprachstil stehen. Diesen behält er im neuen Roman „Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“ bei, und dieser wird wohl auch nach 17 weiteren Jahren nicht antiquiert wirken: „Ich schließe das Tor, / gehe die Treppe hinauf, / setze mich / auf die oberste Stufe / und warte auf Dad / und auf Keith, / dass sie / nach Hause kommen / in der perfekten Stille / des Nachmittags.“ Jenen Sommer, den Herrick in lyrischer Prosa skizziert, scheint von jeglichen zeitlichen Dimensionen befreit zu sein. Sowohl die Zeit der Handlung als auch die Handlungszeit werden dehnbar und es bleibt an den Lesern, die Erzählung über Verluste, Jugend und Familie, zeitlich wie räumlich einzuordnen. Leerstellen und viel Raum für eigene Gedanken werden auch durch die formale Gestaltung des Jugendromans bereitgestellt. 
Der schnell umbrechende Flattersatz schafft viel Weißraum, die Überschriften der Kürzestkapitel laden dazu ein, innezuhalten, bevor man sich wieder den intimen Gedanken des Protagonisten Harry hingibt, der sowohl eine gute Freundin als auch die eigene Mutter an die unbändigen Fluten des naheliegenden Flusses verloren hat. Die Wehmut, der an Lyrics erinnernde Text, eine von Konflikten gezeichnete Kindheit, die von Natur geprägte aber weitgehend unspektakuläre Landschaft und die erbarmungslose Innensicht des Protagonisten erinnern an eine Kunstform, die sich wie dieser Roman völlig der Melancholie verschrieben hat: Blues! Auch der rebellische (Unter-)Ton, der von den Jugendlichen immer wieder angeschlagen und in kurzen Beobachtungen angedeutet wird, verlangt im Grunde nach einem Banjo oder zumindest nach einer Mundharmonika: „Johnny sitzt auf einem Baumstumpf, / isst die Sandwiches / und wischt den Apfel / an seiner schmutzigen Hose blank, / ehe er dankbar zubeißt / und über die Vorstellung lacht, / dass sein Vater Plakate aufhängt.“ Dass der literarisierte Blues unaufgeregt und emotional zugleich im inneren Ohr der Leser groovt, ist abermals Uwe-Michael Gutzschhahn zu verdanken, der den eigenwilligen Text ins Deutsche übertragen hat und dafür sorgt, dass Jugend zeitlos und zeitlos erfahrbar bleibt.

 

Peter Rinnerthaler