Susan Kreller:
Elektrische Fische
Carlsen 2020. S. 192, € 15,50.

„Deutsch ist immer noch ein paar Meere von mir entfernt.“ Der Umzug von Irland, wo sie als Tochter eines deutsch-irischen Ehepaares aufgewachsen ist, in das trostlose Heimatdorf der Mutter trifft Ich-Erzählerin Emma zwar nicht so hart wie ihre kleine Schwester Aoife, die gänzlich zu sprechen aufhört, aber wohl fühlt sie sich nicht. Als von außen kommend erlebt Emma die Trostlosigkeit und Verlassenheit dieser Gegend mitten in dem am dünnsten besiedelten deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern besonders drastisch. In einer Buchproduktion, in der aus Anlass von 30 Jahren Mauerfall sehr viele Bücher zum Thema DDR und Wende erschienen sind, gestaltet Susan Kreller, selbst in der DDR geboren, einen angenehm unaufgeregten und ganz der Perspektive ihrer jugendlichen Hauptfigur geschuldeten Blick auf den Alltag in einem „neuen Bundesland“. Ihr Klassenkollege Levin bringt es trocken auf den Punkt: „Ihr habt da übrigens irgendwas falsch verstanden. Man zieht nicht in diese Gegend, niemand macht das. Wenn überhaupt, zieht man hier weg.“ Emma hat eigentlich immer geglaubt, gut Deutsch zu sprechen, stößt aber nun auf zahlreiche Worte und Redensarten, die sie nicht einzuordnen weiß – so rutschen ihr immer wieder irische Wendungen heraus, die sie dann mühsam zu übersetzen versucht. Sprache ist für sie nicht nur ein Werkzeug zur Kommunikation, sondern wesentlich für ihre Identität. Darüber hinaus wird mit genauem Blick geschildert, wie das Gefühl von Zuhause auch über scheinbar banale Alltäglichkeiten entsteht: So kann sich die Schwester unendlich darüber ereifern, warum an deutschen Teebeuteln sinnlose Bändchen hängen. Selbst das Meer kann Emma nicht trösten, denn die Ostsee ist nun mal nicht der Atlantik. Bis ihr Levin, der es selbst nicht leicht hat, Hilfe beim Schmieden eines Planes für eine Rückkehr auf eigene Faust anbietet... Die titelgebenden elektrischen Fische können Strom erzeugen und sich auf diesem Wege unter Wasser verständigen, angeblich sogar richtige Gespräche führen. Das wiederum ist den Figuren in diesem wunderbar erzählten Text nur schwer bzw. auf ungewöhnliche Art möglich: Aoife kommuniziert paradoxerweise, indem sie das Sprechen komplett verweigert. Levin und Emma hingegen sprechen zwar nur wenig miteinander, verstehen einander aber trotzdem auf eine sehr innige Art – letztlich ist es er und die Verbindung zu ihm, die das Bleiben für Emma vielleicht doch erträglich machen.  

Kathrin Wexberg




Elizabeth Acevedo:
Poet X.
Rowohlt Rotfuchs 2019, S. 352, € 15,50

Im englischsprachigen Raum ist die Gattungsform des Versromans – gerade in der Jugendliteratur – keine Seltenheit. Auch die irische Sarah Crossan, der australische Stephen Herrick, vor allem der afroamerikanische Autor Kwame Alexander (dessen Bücher leider nicht auf Deutsch vorliegen) und zuletzt auch Jason Reynolds rhythmisieren ihre literarischen Texte in Zeilenbrüchen und spielen mit Klang, Tempo und Form ihrer Sprache. Auf besonders ausdrucksvolle und überzeugende Weise nutzt Elizabeth Acevedo diesen lyrisch-prosaischen Modus in ihrem literarischen Debüt. In „Poet X“ erzählt die junge afrodominikanische Autorin aus den USA von einem hispanischen Mädchen, dessen Familie aus der Dominikanischen Republik nach New York migriert ist: Weder mit der gottesfürchtigen Mutter noch mit dem verschwiegenen Vater kann sich Xiomara identifizieren. Als die einzige in der Familie, die keinen biblischen Namen trägt, verweist schon ihr Name auf ihren devianten, kämpferischen Charakter. Xiomara ist kein braves Mädchen, das still in Blumenkleidchen lächelt. Sie ist „Babyspeck, der sich in D-Körbchen und geschwungene Hüften verwuchs“, sie ist „dunkel und kurvig und wütend“. Wütend über die männlichen wie weiblichen, erwachsenen wie gleichaltrigen, gesellschaftlichen wie familiären Zugriffe auf ihren weiblichen Körper. Wütend über die alltäglichen sexualisierten Mikroaggressionen und normalisierten Übergriffigkeiten einer Gesellschaft, die Xiomara gelehrt hat, ihren Körper als „Unannehmlichkeit“ zu begreifen und das „Problem“ bei sich selbst anstatt den Anzüglichkeiten anderer zu suchen. Ihr körperliches Zuviel versucht sie hinter zu großen Klamotten zu verstecken. Ihre ungestüme, aufbegehrende Stimme weiß sie zunächst jedoch nur in jenen Verszeilen zu äußern, die sie in ihrem Notizheft niederschreibt – und die auch das vorliegende Buch speisen. Nur schrittweise wagt sie es, aus dieser Selbstzensur auszubrechen und ihre Gedanken und Empfindungen laut aussprechen: zuerst alleine vor dem Spiegel, dann auch gegenüber ihrem Bruder und ihrer besten Freundin, und schließlich in einem Spoken Word Poetry Club. Für Xiomara birgt dieses Schreiben und Performen eine Widerstandsform, mithilfe derer sie zu ihrer Stimme und ihrem Körper (zurück-)finden und sich die Sprache ihrer Unterdrücker aneignen und neu ausrichten kann. Dabei wird der Poetry Slam für sie zu jenem „Boxring“, in dem sie Konflikte diskursiv aushandeln kann und nicht mehr verbergen muss, was ohnehin „unversteckbar“ ist.

Claudia Sackl


Amina Bile, Sofia Nesrine Srour, Nancy Herz:
Schamlos.
Aus dem Norweg. v. Maike Dörries.
Ill. v. Esra Røise.
Gabriel 2019, S. 168, € 15,00

Ihren Mund verdeckt eine rosarote Umschlagbanderole. Die junge Frau auf dem Cover von „Schamlos“ blickt mit dunklen Augen, buschigen Augenbrauen und einem Tuch im Haar etwas verunsichert in die Kamera. Entfernt man die Banderole, kommt darunter das ganze Portrait zum Vorschein. Nun streckt sie selbstbewusst einen Mittelfinger in die Kamera, ihre Lippen sind knallrot geschminkt, sie trägt Nagellack. Das Tuch wird plötzlich als Reminiszenz an die feministische ArbeiterInnen-Ikone Rosie the Riveter lesbar.
Die äußere Aufmachung des Buches, nah an der Pinkifizierung, ist symbolisch für den Inhalt: alles, was wir von jungen Musliminnen zu wissen glauben, wird relativiert, wenn wir sie zu Wort kommen lassen und ihnen zuhören. Gleichzeitig reiht es sich in die Tradition der seit einigen Jahren populär werdenden feministischen Ratgeber für junge Mädchen ein. Allerdings mit neuen Stimmen: jenen von in Norwegen lebenden jungen Muslimas.
Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz sind Muslimas, Bloggerinnen, Feministinnen – und sie beziehen in ihrem Ratgeber, der sich vor allem an Mädchen ab 12 Jahren richtet, deutlich Position: dazu, wie es sich anfühlt, den Erwartungen von Familie, Freund_innen und Gesellschaft entsprechen zu müssen; dazu, wie schwierig es ist, zwischen Mehrheitsgesellschaft- und Minderheitszugehörigkeit zu pendeln; zum Hidschab und gegen ihn. Sie trauen sich sogar, Klartext zu reden, wenn es um den Mythos des Jungfernhäutchens geht.
Die kurzen Textformate – Pro- und Contra-Listen, Interviews und Twitter-ähnliche Einträge – überzeugen allesamt mit ihrer Direktheit und Energie. Nicht nur für muslimische Mädchen werden vor allem die acht Geschichten interessant sein, in denen Muslimas davon erzählen, wie sie soziale Kontrolle am eigenen Leib erfahren haben und wie ihr Umfeld die Begriffe „Ehre“, „Scham“ und „Schande“ systematisch einsetzte, um sie in ihrer individuellen Entfaltung einzuschränken. Bemerkenswert ist schließlich die Fotostrecke im Buch, die die Autorinnen im Großformat zeigt und als entschlossene und selbstbewusste Frauen in Szene setzt. Ein Foto ziert die Parole „Ratschlag für ehrbare Mädchen: lach nicht so laut.“ Amina Biles, Sofia Nesrine Srours und Nancy Herzs lachende Münder stehen demgegenüber weit offen.

Jana Sommeregger


Aline Sax:
Grenzgänger.
Aus dem Niederl. v. Eva Schweikart.
Urachhaus 2019, S. 493, € 19,00

Unter Zeitgeschichte wird per definitionem jener Abschnitt der Geschichte verstanden, den zumindest ein Teil der Zeitgenoss_innen schon bewusst miterlebt hat. Insofern ist aus heutiger Sicht die DDR bereits Zeitgeschichte. Im Nachwort zu ihrem üppigen Roman beschreibt die Autorin Aline Sax, promovierte Historikerin, wie sie den Mauerfall als Fünfjährige zwar mitbekam, aber die historische Tragweite der Ereignisse nicht abschätzen konnte. Erst als sie als junge Erwachsene in Berlin zum Zweiten Weltkrieg forschte, wurde ihr bewusst, wie sehr die frühere Teilung das Leben auch fünfzehn Jahre später noch prägte. Sie begann zu recherchieren und beschloss auf erzählende Weise der Frage nachzugehen, wie es wohl gewesen sein mag, das mitzuerleben. Dafür wählte sie drei Ich-Perspektiven aus drei verschiedenen Phasen der DDR: Ihren Ausgang nimmt die Geschichte im Jahr 1961, in einer wenig bekannten Phase der Teilung, als die Grenze noch offen war und Menschen wie die erste Erzählstimme Julian Niemöller als sogenannte „Grenzgänger“ arbeiten konnten, also im Osten lebten, aber zum Arbeiten in den Westen pendelten. Dann ist von einem auf den anderen Tag die Grenze zu, seine Arbeitsstelle ebenso wie seine Freundin plötzlich unerreichbar. Julian kann sich damit nicht abfinden und plant gemeinsam mit seinem Bruder die Flucht. Die nächste Perspektive gehört seiner Nichte Marthe, die 1977 gemeinsam mit ihrem Bruder heimlich subversive Aktivitäten gegen das Regime startet und sich dabei die Weiße Rose zum Vorbild nimmt. Die dritte Sicht wiederum erlebt 1989 die letzte Phase der DDR und gehört Marthes Cousine Sybille, die sich gut mit ihrem Leben arrangiert hat und erst durch eine familiäre Krise beginnt, über ein mögliches Leben außerhalb der Mauer nachzudenken. Aline Sax versteht es, ihre Fülle an Quellen und Informationen so stimmig in die Handlung einzubeziehen, dass man sich dabei nie erschlagen fühlt – trotz aller Detailgenauigkeit liest sich der fast 500 Seiten starke Roman ungemein spannend. Gerade in der aktuellen politischen Situation, in der weltweit autoritäre Machthaber_innen wieder stärker werden, ist es ebenso aufschlussreich wie schockierend zu lesen, was es konkret heißt, in einem Staat wie der DDR zu leben: Wo Grenzsoldaten völlig selbstverständlich auf ihre Mitbürger_innen schießen, deren einziges Verbrechen es ist, das Land verlassen zu wollen. Wo in universitären Lehrveranstaltungen Unterricht darin besteht, Polit-Phrasen wiederzugeben. Und wo Menschen von einem Tag auf den anderen verschwinden…

Kathrin Wexberg


Mirjam Pressler:
Dunkles Gold.
Beltz & Gelberg 2019, S. 336, € 17,95

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“ Dieses bekannte Zitat des spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana stellt Mirjam Pressler ihrem Jugendroman voran. Wer von der Vergangenheit für Jugendliche erzählt, verknüpft dabei oft die Zeitebenen von Vergangenheit und Gegenwart über konkrete Gegenstände: Jemand findet auf dem Dachboden ein altes Tagebuch, Briefe oder Ähnliches. Erfrischenderweise wird hier auf dieses oft knapp am Klischee vorbei schrammende Moment verzichtet und eine ungewöhnliche Verbindung gewählt: Laura, die jugendliche Ich-Erzählerin, zeichnet gerne. Als sie sich zunehmend für den mittelalterlichen jüdischen Schatz von Erfurt interessiert, mit dem sich ihre Mutter beruflich beschäftigt, beschließt sie, darüber eine Graphic Novel zu zeichnen. Rachel, die Ich-Erzählerin aus der weit zurückliegenden Zeit, ist also jene Figur aus ihrem eigenen Werk, der Laura sich durch das Zeichnen zu nähern versucht – eine spannende Wechselbeziehung. Um etwas über das Judentum zu erfahren, bittet sie den einzigen Menschen um Hilfe, von dem sie weiß, dass er Jude ist, Alexej Tschernowitzer, ein stiller Schulkollege. Je näher sich die beiden kommen, umso mehr stellt Laura fest, wie schwierig das Leben für jüdische Menschen in Deutschland ist – und wie unvermeidbar die Fettnäpfchen, die sich manchmal anfühlen wie Fallstricke. Umfassend recherchiert und mit vielen Details aus dem Alltagsleben der Menschen im Mittelalter stellt die Autorin zwei junge Mädchen ins Zentrum ihres Romans, die mit sehr unterschiedlichen Problemen ringen: Geht es für Laura viel um das schwierige Verhältnis zu ihrer alleinerziehenden Mutter und ihre eigene jugendliche Selbstfindung, steht für Rachel, nachdem „den Juden“ die Schuld für die sich ausbreitende Pestepidemie zugeschrieben wird, von einem Moment auf den anderen nichts weniger als das nackte Überleben auf dem Spiel. Während die konkreten gewalttätigen Auswirkungen des Antisemitismus durchaus drastisch geschildert werden, gönnt die Autorin ihrer historischen Figur zumindest ein versöhnliches Ende, um dann in einer Nachbemerkung einige weiterführende Informationen zu liefern. Das Leben als jüdisches Mädchen, die Beschäftigung mit der Geschichte, familiäre Verstrickungen – in ihrem letzten Roman, der nach ihrem Tod im Jänner nun posthum erscheint, hat Mirjam Pressler einige wesentliche Themen ihres Schreibens und Lesens noch einmal höchst lesenswert in einem Roman aufgegriffen.


Kathrin Wexberg


Einar Turkowski:
Aus dem Schatten trat ein Fuchs.
Gerstenberg 2019, S. 40, € 25,70

Stockt das Gespräch bei der nächsten Dinner-Party, lohnt es sich, unvermittelt in die Runde zu fragen, über welche Superkräfte die wortkargen Mitfeiernden am liebsten verfügen würden. Zeitreisen, selbstständiges Fliegen und Unsichtbarkeit sind die Klassiker, die jedoch rasch zu psychoanalytisch eingefärbten Interpretationen führen können: Klar sei angeblich, dass diesen Wünschen latente Formen der Gegenwartsverweigerung, der Haltlosigkeit und des Voyeurismus zu Grunde liegen. Mein unverfänglicher Superkraft-Tipp lautet daher: Die Gabe uneingeschränkt in fiktionale Räume jeglicher Kunstformen eintreten zu können. Bitte, gern geschehen! Denn wer könnte widerstehen, mit Alice eine Tasse Tee zu trinken, Bruegels wimmelnde Turmbauten zu erkunden oder in all die kunstvoll gestalteten Bilderbuchwelten einzutauchen? Wohl niemand. Und schon gar nicht, wenn Einar Turkowski dazu einlädt, durch fein-ziselierte, magisch-realistische und rätselhaft-verspielte Illustrationen zu wandern. Der Bilderbuchkünstler der ein Patent für das tiefste Schwarz und das hellste Weiß zu besitzen scheint, verfügt zudem über eine äußerst ausdifferenzierte Palette an Grauschattierungen, die er mit Hilfe von unterschiedlich harten Bleistiftminen zu atemberaubenden Landschaftsbildern heranwachsen lässt. Wie schon in früheren Erzählungen werden nächtliche Szenerien zu taghellen Gegenden, in denen der pechschwarze Himmel und fehlende Schattenwürfe auf die Zeit des Träumens verweisen. „Und die Nacht war noch jung.“, versichern die ersten Kapitel, die sich, wie alle anderen auch, aus lediglich sechs kurzen Versen zusammensetzen und in ihrer intendierten Zaghaftigkeit reimen; man möchte sagen, zu reimen wagen. Doch auf den zart gesetzten Text ist die Reise des Fuchses und des ihm folgenden Paradiesvogels durch karge, durch üppig wuchernde, durch steinige Gefilde nicht angewiesen, da die klug komponierten Bilder mit variierenden Einstellungsgrößen, außergewöhnlichen Perspektiven und einem kryptischen System aus Buchstaben-, Zahlen- sowie Zeichensetzungen auf Mauern und winzigen Plaketten von einer Sehnsucht erzählen, die das ungleiche Tierpaar durch die Nacht treiben lässt. Einar Turkowskis in den Erzählraum eingeschriebener Code wird auch diesmal nicht zu knacken sein. Möchte er auch gar nicht, sondern viel mehr eine Verheißung sein, eine Allegorie für die vielen persönlichen, melancholischen Sehnsüchte, über die man sich auf Dinner-Partys neben Superkraftgelüsten durchaus auch unterhalten könnte.

Peter Rinnerthaler