Monica Hesse:
Sie mussten nach links gehen.
Aus d. Amerikan. v. Cornelia Stoll.
cbj 2020.
444 S., € 18,50.


Literarische Auseinandersetzungen mit der Shoah beschreiben oft Themen wie Deportation und Konzentrationslager, viele dieser Texte enden mit dem Kriegsende, wobei ja das Leiden und Sterben jüdischer Menschen damit nicht plötzlich endete. Im Gegensatz dazu widmet sich die US-amerikanische Autorin Monica Hesse in ihrem neuen Jugendroman der Zeit danach: Zofia Lederman, die 18-jährige polnische Ich-Erzählerin, lässt sich nach der Befreiung aus dem KZ Groß-Rosen relativ schnell aus dem Krankenhaus entlassen, um nach ihrem jüngeren Bruder Abek zu suchen, der einzige aus ihrer Familie, von dem sie weiß, dass er an der Rampe in Auschwitz nicht nach links, also direkt in die Gaskammer, gehen musste. Diese Suche führt sie nach Föhrenwald, ein deutsches Camp für Displaced Persons: Ein Ort, an dem vorwiegend junge Juden und Jüdinnen Pläne für ihre Zukunft, etwa die Emigration nach Palästina, schmieden. Zofias Familie hatte eine Textilfabrik, sie selbst kann gut sticken und nähte lieben Menschen gerne heimlich Botschaften ein: So ist in jenen Mantel, den ihr Bruder bei der Deportation trug, ein kleines Stoffstück mit einem Alphabet der Familie eingenäht, von A wie Abek bis Z wie Zofia. Dieses Alphabet, das also einen sehr haptischen Aspekt der Weitergabe von Tradition ebenso beinhaltet wie einen sehr intellektuellen, wird zum Leitmotiv des ungemein spannend erzählten Romans, der die Unklarheit, was nun tatsächlich mit Abek passiert ist, fast thrillermäßig einzusetzen weiß. Im Camp beginnt Zofia eine Liebesbeziehung mit dem schweigsamen Josef, begleitet von einem leisen Unbehagen, dass irgendetwas anders sein muss, als er sagt. Diese offenen Fragen wiederum charakterisieren sehr stimmig die Verfasstheit jener jungen Erwachsenen, von denen erzählt wird: Sie sind einerseits schwer traumatisiert von dem, was ihnen angetan wurde, andererseits aber auch voller Entschlossenheit, ihr Leben nun sinnvoll und selbstbestimmt zu gestalten. Am Ende des Textes werden beide Geheimnisse, jenes um Abek und jenes um Josef, auf sehr überraschende Weise aufgedeckt. Zofia bleibt die schmerzhafte, aber auch klärende Erkenntnis, dass jenes ursprünglich gestickte Alphabet jener Familie, in die sie hineingeboren wurde und die nicht mehr existiert, für immer verloren ist. Es liegt an ihr, ein neues Alphabet zu schreiben - zusammengesetzt aus all jenen Menschen und Orten, die ihr im Leben danach heilsam begegnet sind.

Kathrin Wexberg




Johannes Herwig:
Scherbenhelden.
Gerstenberg 2020, S. 272, € 16,00

 

Leipzig, 1995: Zufällig stolpert Nino in jene Gruppe Punks, die im weiteren Verlauf zur Triebfeder seiner Suche nach Zugehörigkeit, Sinn und Normalität in der Nachwendezeit in Ostdeutschland wird. Gewaltvolle Zusammenstöße mit Passant_innen und Neonazis gehören dabei ebenso zum Alltag wie Drogen- und Partyexzesse, eskalierende Demonstrationen und das Austesten von Grenzen. Insofern erinnert „Scherbenhelden“ zwar deutlich an Manja Präkels‘ Buchdebüt „Als ich mit Hitler Schnapskrischen aß“ (2018), folgt zugleich aber einer ganz anderen literarischen Ästhetik. Kennzeichnete Präkels fragmentarisch-verknappte Prosa ein bitterer, provokant-direkter Erzählton, schreibt Herwig seinen (Scherben-)Held_innen – die allesamt aus benachteiligten und/oder dysfunktionalen Familienverhältnissen stammen – eine flüssige, ungekünstelte Szenesprache zu, die rechtsextreme Gewalt und das Schweigen der Erwachsenen zwar nicht so bedingungslos anklagt wie sein Vorgänger. Die Kontinuität rechtsradikaler Ideologien während und nach der DDR wird in dem dicht getakteten Jugendroman aber ebenso problematisiert wie das ambivalente Verhältnis zu einer Zeit, auf die man trotz aller Einschränkungen mit etwas Wehmut zurückblickt. Denn nicht für alle birgt die Wende vielversprechende Zukunftsaussichten: Seitdem Ninos Mutter gleich nach der Öffnung der DDR ihre Familie für ein „freies“ Leben im Westen verlassen hat, steckt der Vater in einer Depression. Wie in vielen anderen Branchen bleiben auch in seiner Schuhwerkstatt die Kund_innen aus. Mit dem Arbeits- und Werteverlust gehen in der Bevölkerung ein Verlust der Identität und ein Gefühl des Fremdseins einher, das auch Nino zu schaffen macht und das Johannes Herwig mit einfachen, aber ebenso konzisen wie eindringlichen Mitteln einzufangen versteht: „Vielleicht ist es das Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören […]. Draußen zu stehen. Das vielleicht auch so zu wollen. Aber irgendwie auch Wut darauf zu haben.“ Im Angesicht der Orientierungslosigkeit zwischen euphorischer Aufbruchsstimmung und zerstörten Hoffnungen erprobt sich Nino im Punksein – und hinterfragt auch diese Szene durchaus kritisch. Adoleszente Sinnsuche werden dabei auf vielschichtige Weise mit (gesellschafts-)politischen Umbrüchen verschränkt und zeitgeschichtliche Ereignisse subtil in eine überzeugende jugendliche Ich-Perspektive eingeschrieben, die der Autor mit stimmigen pop- und subkulturellen Bezügen durchsetzt.

Claudia Sackl




Holly-Jane Rahlens:
Das Rätsel von Ansley Castle.
Rowohlt 2020, S. 56, € 15,00

Von schottischen Inseln, digitalem Grusel und dem Fiktionscharakter der Literatur

Ist Literatur immer ein Konstrukt? Selbstverständlich. Nur lädt ein (Jugend-) Roman seine Leserinnen und Leser in den allermeisten Fällen in eine hermetische Erzählwelt ein, in der ihnen dieser Konstruktcharakter nicht bewusst wird. (Außer natürlich, der Roman ist schlecht konstruiert.) Legt ein Roman den Konstrukt-charakter – die Gemachtheit – von Literatur im Allgemeinen und seiner selbst im speziellen offen, so spricht man von Metafiktion. Wie aber lässt sich von Metafiktion erzählen – noch dazu in einem abenteuerlichen Roman, der zielgruppenadressiert für eine Alters-
stufe zwischen 11 und 13 Jahren erzählt?
Ich habe euch erschaffen. Mit Blut, Schweiß und Tränen. Und Pixeln natürlich. Die Information darüber, wer diesen Satz wann in „Das Rätsel von Ainsley Castle“ ausspricht, muss an dieser Stelle selbstverständlich zurückgehalten werden – schließlich soll das clever konstruierte, literarische Rätselspiel, von dem der Roman-
titel spricht, nicht vorab gelöst werden. Am Beginn der Lektüre kann ohnehin ein phantastischer Roman mit digitalem Gruselfaktor vermutet werden: Elizabeth, wie ihre literarische Schwester aus der Bennet-Familie Lizzy genannt, muss auf eine ganz im Norden liegende, schottische Insel umziehen, weil die Frau ihres Vaters dort die Leitung eines Hotels übernommen hat. Inmitten der rauhen Landschaft sind die mysteriösen Ereignisse nicht weit. In Lizzys Fall haben sie aber nichts mit geheimnisvollen Wesen aus dem schottischen Moor zu tun, sondern mit digitalen Nachrichten, in denen Lizzy eine exakte Textversion jener Situationen über-
mit telt wird, in denen sie sich gerade befindet. Wer versteckt sich hinter dem verklausulierten Absender administrator@bbm_ac.com? Märchenkompetent wie Lizzy gleichermaßen wie ihre Leserinnen und Leser sind, fällt der Verdacht sofort auf die Stiefmutter, die von Holly-Jane Rahlens mit intertextueller Zitationslust auch entsprechend beschrieben wird. Wie gut, dass am scheinbaren Ende der Welt die liebenswert-verwegenen Söhne der Schaffarmer nicht nur als Aushilfskellner im Hotel jobben, sondern auch Jugendliche mit Hacker-Potential sind. Dieserart begibt Lizzy sich gemeinsam mit Mack auf die Suche nach der Verortung im eigenen Leben (Roman …). Mit Anspielungsreichtum, Sprachwitz und Abenteuerlust weiß die aus den USA stammende und in Berlin lebende Autorin die Verdrehtheit von Lizzys Erlebnissen und Erkenntnissen über sich selbst zu inszenieren und dabei wie nebenbei davon zu erzählen, wie literarische Schreibprozesse funktionieren.

Heidi Lexe




Alex Wheatle:
Home Girl
Aus dem Engl. v. Conny Lösch.
Antje Kunstmann Verlag 2020, € 18,00

Im deutschsprachigen Raum hat sich der britisch-jamaikanische Autor Alex Wheatle in den letzten Jahren vor allem mit seiner Crongton-Jugendbuchserie einen Namen gemacht. Dabei beeindruckte der in Brixton, London, aufgewachsene Künstler nicht nur durch seine feinfühlige Auseinandersetzung mit den jugendlichen Lebensrealitäten in einem fiktiven Großstadtviertel, dessen mehrheitlich „schwarze“ Einwohner_innen mit sozialer Benachteiligung und Straßenkriminalität zu kämpfen haben. Besondere Aufmerksamkeit erlangte vor allem sein innovativer, spielerischer Umgang mit Sprache: Um der Schnelllebigkeit von Alltagsprache entgegenzuwirken, erfindet Wheatle einen künstlichen Jugendslang, der zwar auf der Südlondoner Umgangssprache basiert, zugleich aber mit Elementen aus Hip-Hop und Dancehall Reggae, aus Hollywood-Klassikern und allerlei anderen populärkulturellen Anleihen angereichert wird – und den Conny Lösch gekonnt ins Deutsche überträgt.
Der vierte Crongton-Roman „Home Girl“, der sich – ähnlich wie der dritte Band – an ein älteres Lesepublikum richtet, ist aus der Perspektive der 14-jährigen Naomi verfasst, die zu Beginn des Buches schon wieder in eine neue Pflegefamilie kommt. Bei den Goldings kann die rebellische Ich-Erzählerin, die auch vor ordentlichem Fluchen nicht zurückschreckt, jedoch erstmals wieder so etwas wie Zugehörigkeit empfinden – und das ausgerechnet in jener Familie mit jamaikanischen Wurzeln, in die sie laut Fürsorgesystem am wenigsten hineinpasst. Dass ein „weißes“ Kind von einer „schwarzen“ Pflegefamilie aufgenommen wird, stößt aber nicht nur beim Sozialamt auf Irritationen. Insbesondere der jamaikanische Großvater ist alles andere als begeistert darüber, dass sein Sohn ein „weißes“ Mädchen unterstützt, wo doch so viele „schwarze“ Kinder seine Hilfe noch dringender brauchen würden. Und auch Naomis beste Freundin Kim, die in derselben Betreuungseinrichtung zur Schule geht, hat ihre eigenen Pläne für ihre Zukunft und die Rolle, die Naomi – die gar nicht so selbstbestimmt ist, wie sie zunächst auftritt – darin spielen soll. Ohne plakativ zu werden, erzählt Wheatle, der selbst in einem Kinderheim aufgewachsen ist, von jugendlichen Figuren am Rande der Gesellschaft, die zu früh Verantwortung übernehmen mussten, und scheut nicht davor, die Verfehlungen von erwachsenen Bezugspersonen und sozialen Institutionen anzuklagen. Dank seiner flott getakteten Dialoge und seines spritzigen Erzähltons entsteht dabei eine einzigartige unterhaltsame und zugleich gesellschaftskritische Lektüre.

Claudia Sackl




Alexandra Helmig / Stefanie Harjes:
Der Stein und das Meer
mixtvision 2020, € 18,50

Es gibt Bilderbücher, in denen die Sonne ein Gesicht hat. Mit Schaudern wendet man sich ab, bedrängt vom grellen Kitsch, mit dem Erwachsene die angeblichen Bedürfnisse von Kindern stillen wollen, ohne deren Recht auf Ästhetik wahrzunehmen.
Es gibt Bilderbücher, in denen ein Fels ein Gesicht hat. Ein Gesicht ist. Und man kann gar nicht genug bekommen davon. Wie konnte das passieren?
Passiert ist ein kleines künstlerisches Meisterwerk im Bilderbuchformat. Passiert sind lyrische Texte von schlichter Schönheit und assoziative Illustrationen, die die angedeuteten Vorstellungswelten üppig ausinszenieren und zu einer Ästhetik der Zeit und des Zeitlosen erweitern. An Kinder adressiert bleibt das Bilderbuch dabei durch einen eigenwilligen Protagonisten:
Sören sieht dreihundertfünfundsechzigtausend Sonnenuntergänge / und eine Milliarde Regentropfen vom Himmel fallen. / Als er den vierhundertsiebenundzwanzigsten / Regenbogen zählt, / sagt der Fels: Du musst warten, / bis das Meer zu Dir kommt.
Sören ist eingeschrieben in eine kinderliterarische Tradition belebter Dinge – obwohl er nicht handelt, sondern nur Wünsche äußert: Als Stein möchte er nicht mehr auf einem Felsen im Meer liegen, sondern zum Teil der Fluten werden. In der langen Zeit des Wünschens und Wartens passiert also eigentlich nicht viel. Und doch Zahlloses, denn die Illustratorin Stefanie Harjes lädt das Wasser mit Fragmenten dessen auf, was Menschen über Jahrhunderte hin erlebt oder sich vorgestellt haben. Sie dynamisiert ihre Doppelseiten durch die breiten Pinselstriche ihres Tusche-Meeres und reichert diese Welt mit collagierten, gezeichneten, geklebten Requisiten und Figuren an. Diese tauchen auf und tauchen ab oder überdecken als zartgliedrige Zeichnungen gleichermaßen wie als luftig aquarellierte Schattenrisse den Strand.
Felsen, Meer, Sand, Wind und Wolken: Die Elemente gehen ineinander über und werden immer wieder repräsentiert von faszinierende Figurationen, Frauenkörpern oder geflügelten Wesen. Als Sörens Wunsch durch einen Jahrhundertsturm endlich erfüllt wird, tauchen die Bilder in Unterwasserwelt und fächern ein Panoptikum animaler und hybrider Meerwesen auf. Bis Sören von einem Kind am Strand aufgelesen wird – als Glücksstein. Noch einmal durchlebt er eine Metamorphose seines Daseins: Du musst ihn wegwerfen, damit das Glück zu dir fliegt. Und dort ist es angekommen, das Glück. Als künstlerischer Bilderbuch-Ausflug in eine zeitlose Traumwelt.

Heidi Lexe


Rébecca Dautremer:
Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough.
Insel 2019, S. 56, € 20,60

Ganz im Sinne Erich Kästners beginnt dieses scheinbar aus der Zeit gefallene Bilderbuch mit einer Leseransprache: „Bist du erwachsen, meinst du vielleicht, dass dieses Buch nichts für dich ist, denn es ist voller Bilder. Aber warum denn? Ich habe das Buch natürlich auch für Erwachsene gemacht.“ Für diese viel zu selten direkt ausgesprochene Frage sollte der französischen Bilderbuchkünstlerin ein Orden verliehen werden. Doch auch für die großformatigen Illustrationen, die an Breughels „Kinderspiele“ genauso erinnern wie an Dalí ohne Uhren, flämische Landschafts malerei oder einfach nur an den im Bereich der Illustrationskunst durchaus renommierten Namen Rébecca Dautremer, der aufgrund der vorliegenden Bilderbuchkunst allgemeine Anerkennung verdient hat. Neben den detailverliebten Illustrationen in Form von freigestellten Figurenzeichnungen, der Ästhetik eines Familienalbums nachempfundenen Fotografien oder ausladenden Panoramen, die man immer und immer wieder erkunden möchte, entsteht ein zu tiefst melancholischer Blick auf ein ganzes Leben, das einen wortkargen sowie romantischen Hasen mit dem wohl klingendsten Namen der Bilderbuchgeschichte ins Zentrum einer gewitzt-philosophischen Erzählung stellt, die bereits im Vorwort viel französischen Esprit versprüht: „Es ist eine poetische und raffinierte Art, vom Leben eines Menschen zu erzählen. Und raffiniert heißt in diesem Fall, dass ich ein kompliziertes Wort wie ‚Stundenbuch‘ verwendet habe, um etwas Einfaches wie das Leben auszudrücken.“
„Nichts leichter als das“, mögen sich noch immer skeptische Leser_innen denken. Doch nicht nur die klug gewählte Erzählperspektive und die damit im Wechselspiel stehenden, monumental wirkenden Landschafts- beziehungswiese Stadtbilder erlauben einen angemessen distanzierten Blick auf eine ein gesamtes Leben umfassende Geschichte, sondern vor allem die ruhigen Momente, die die Entwicklung des heranwachsenden Jacominus auf sensible Weise einzufangen wissen. Unter ein in Graustufen gehaltenes, illustriertes Foto, auf dem ein Vogelschwarm vor einer stürmischen Wolkenfront vorbeizieht, setzt Dautremer den einfachen Satz: „Er lernte nachzudenken, bevor er sprach…“ und unter das Bild, das den Titelhelden auf einer Parkbank unter einem weit ausladenden, weiß-blühenden Baum zeigt, ist zu lesen: „Ich habe dich sehr gemocht, mein kleines Leben. Du hast mir ein kleines Holzscheit gegeben, ein verrücktes Bein und harte Nüsse zu knacken, aber ich habe dich sehr gemocht.“

Peter Rinnerthaler