Aus dem Niederl. v. Birgit Erdmann und Verena Kiefer.
Mixtvision 2020. € 24,70.

Arie van't Riet / Jan Paul Schutten: Nette Skelette

Das gab es noch kaum: Ein Sachbuch, in dem nicht nur die inhaltliche Informationsvermittlung (in diesem Fall über unterschiedlichste Tierarten, gegliedert in Gliederfüßer und Weichtiere, Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere), sondern vor allem auch die graphische Gestaltungsform und die technischen Produktionsprozesse dahinter im Zentrum stehen.

Die Bilder in diesem Buch sind nicht gezeichnet, nicht gemalt oder collagiert, sondern zeigen die Objekte ihrer Darstellung (die Tierskelette) in filigranen, monochromen Röntgenaufnahmen. In naturwissenschaftlicher Genauigkeit, die immer auch mit einem künstlerischen Anspruch versehen ist, eröffnen die entstandenen Aufnahmen einen einzigartigen Blick ins Innere der dargestellten Tiere und üben dabei eine ganz besondere Faszination aus, wenn sie eine noch nie dagewesene Ästhetik ins Bild bringen. Es ist eine Ästhetik des toten, präparierten Körpers, die jedoch nie ins Hässliche oder Makabre übergleitet, sondern der immer eine Qualität von Schönheit und Eleganz innewohnt. Erreicht wird diese Wirkung durch die gewissenhafte Komposition der Bilder, die kunstvoll in Stellung gebrachten Tierkörper und die stilvoll dazu arrangierten, behutsam am Computer nachkolorierten Blätter und Blüten, die sich oft wie Seidenpapier über und neben die Tierskelette legen. Dabei entsteht ein ganz besonderes Spannungsverhältnis zwischen der Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit und Unvollkommenheit der Natur und der Stabilität und Beständigkeit der sichtbaren Knochen.

Im Angesicht dieser außergewöhnlichen Visualität würde man nun vielleicht meinen, dass der Sachtext von Jan Paul Schutten in den Hintergrund tritt. Dieser ist jedoch mit so viel Charme, Wortwitz und spannenden Details gespickt, dass man auch dort gerne länger verweilt und gespannt den Betrachtungsanleitungen für die Bilder folgt. Es ist keine Auflistung naturwissenschaftlicher Hardfacts, die hier geliefert wird, sondern kurzweilige „Geschichten“, die oft Anekdoten gleichen und dennoch immer eine Fülle an aufschlussreichen Informationen enthalten:
Flugzeugkonstrukteure haben Maschinen gebaut, die mit Leichtigkeit 7000 Kilometer pro Stunde fliegen können. Sie haben Maschinen gebaut, die ohne auftanken zu müssen die Welt umrunden. Maschinen, die auf dem Radar unsichtbar sind. Maschinen, die 500 Passagiere transportieren. Doch kein Mensch hat jemals ein Flugzeug entworfen, das einer Libelle gleicht. Ausnahmslos alle Flugzeugkonstrukteure platzen vor Neid. Denn Libellen können blitzschnell nach vorn, zurück, nach oben, unten, linke und rechts fliegen. […] Man sollte meinen, Libellen brauchen jede Menge Grips, um die komplizierten Flugbewegungen kontrollieren zu können. Aber dem ist nicht so. Schau dir mal den Kopf an: Ihr Cockpit besteht vor allem aus Augen.

Mindestens so spannend wie die Texte und die Bilder ist das Vorwort, in dem erklärt wird, wie Arie van’t Riet die Röntgenaufnahmen erstellt hat. Dass es keinesfalls so einfach, sondern vielmehr eine hohe Kunst ist – die viel Übung und auch einige Fehlversuche bedarf –, die Tiere und die um sie herum drapierten Requisiten mit der richtigen Strahlungsstärke abzulichten, sodass jene beeindruckenden Bilder entstehen, die wir in dem Buch wiederfinden, wird hier auf eindrückliche Weise erläutert. Und es wird klargestellt, dass für dieses Buch kein Tier zu Schaden gekommen ist! (Arie van’t Riet hat nur tote (Haus-)Tiere, die er auf der Straße gefunden oder von Bekannten bekommen hat, für seine Darstellungen verwendet.)

Alles in allem ist „Nette Skelette“ also nicht nur ein äußerst informatives Sachbuch, sondern auch ein einzigartiges Kunstbuch!

LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – Es bietet sich an, die fast schon erzählenden Informationstexte in einzelnen Episoden zu lesen und sich in der Lektüre genug Zeit dafür zu nehmen, um tief in die jeweiligen Geschichten und Bilder einzutauchen. Ein andermal wiederum kann man auch einfach nur die beeindruckenden Bilder betrachten und in all ihren Details auf sich wirken lassen.

SPRECHEN – Im Zusammenspiel zwischen Bild und Text bietet das Buch unzählige Anknüpfungspunkte für Gespräche über die dargestellten Tiere, ihren Körperbau und ihre Lebensweisen: Wie habe ich mir das Skelett eines Frosches, Vogels oder Igels vorgestellt? Wie sieht das Innere einer Schildkröte unter ihrem Panzer aus? Wozu dienen Eckzähne im Gegensatz zu Nagezähnen? Dabei regt das Buch vor allem zum Vergleich der Ähnlichkeiten und Unterschiede der unterschiedlichen Tierarten an.

TUN – Auch wenn man im Alltag selbst nicht in das Innere von Tieren blicken kann – das Buch eröffnet hier einmalige Welten! –, zahlt es sich aus, Blätter und Blüten einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Auch mit freiem Auge erkennt man die feingliedrigen Adern, die sich durch die dünne Haut schlängeln, die Pflanze mit Nährstoffen versorgen und als „Skelett“ Stabilität schaffen.

Claudia Sackl


Die gesammelten MINT-Bücher der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> MINT-Archiv