Mit Illustrationen von Barbara Jung.
Tulipan 2021.
€ 14,40.

Nikola Huppertz: Schön wie die Acht

“Die Zahlen brauchen nur sich selbst.” (S. 26.)

Das ist bei Ich-Erzähler, Malte, 12, irgendwie ähnlich: Er ist ein tougher und zielstrebiger Kerl, übt eifrig für die Mathe-Olympiade, das Familienleben mit Mama und Papa ist soweit harmonisch, dass er kaum Freunde hat, stört ihn eigentlich nicht. 

Doch dann zieht seine siebzehnjährige Halbschwester Josefine vorübergehend bei ihnen ein, weil ihre Mutter nach einer Krebserkrankung auf Reha ist. Vom gepiercten Äußeren bis zu ihren spitzen Bemerkungen ist sie ganz auf Krawall gebürstet, schwänzt Schule und macht Andeutungen, die Malte beunruhigen und sein Weltbild ein Stück weit ins Wanken bringen: Haben ihm seine Eltern doch nicht die Wahrheit gesagt, wie das damals war, mit der ersten Familie des Vaters? Als wäre das nicht genug der Verunsicherung, plagen ihn amouröse Verwicklungen: Denn Lale, die neu in seiner Mathe-AG ist, macht ihm zwar Sorgen als ernstzunehmende Konkurrentin, gefällt aber sonst ausnehmend gut. 

Malte ist völlig überfordert mit all diesen Veränderungen, die mit dem vertrauten Regelwerk der Mathematik nicht in den Griff zu bekommen sind. Diese schmerzliche Erkenntnis erinnert ihn an eine andere:

Und ich muss daran denken, wie es war, als ich als kleines Kind nur die natürlichen Zahlen kannte, zum Beispiel die Drei wie Mama-Papa-Malte und die Fünf wie die Finger an jeder Hand und natürlich die Acht, die schöne Acht. Aber dann, irgendwann, ist mir klar geworden, dass es auch negative Zahlen gibt, die weniger darstellen als nichts, und Brüche, die eher Verhältnisse von Zahlen sind, und irrationale Zahlen mit ihren nicht enden wollenden Nachkommastellen. Ich hab geweint und geweint, doch das hat nichts genützt, es ist nie wieder so geworden wie vorher. Man kann vielleicht die Regeln und Axiome lernen, aber man kann einfach nicht so tun, als gäbe es kein Pi, keine Wurzel aus Zwei und keine Unendlichkeit.
So sehr man es sich auch wünscht. (S. 62.)

Die Mathematik als sein zentrales Lebensthema wird in den Vignetten und Illustrationen von Barbara Jung, vor allem aber auch dem wunderbaren Cover voller gekritzelter Zahlen und Formeln, gespiegelt. Aber wenn man gerade in jener schwierigen Altersphase zwischen Kind und Jugend, sich ablösen und gleichzeitig beschützt sein wollen, steckt, hilft die zuverlässigste Gleichung nicht weiter. Und auch die Eltern, die ihn mit ihrer Lebenslüge tief enttäuscht haben, sind keine Hilfe. Zur zentralen Bezugsperson und Ratgeberin in diesem Gefühlswirrwarr wird ihm ausgerechnet die bis dahin so fremde neue Schwester. Besondere Pointe: Sie teilt seine Begeisterung für Zahlen nicht nur nicht, sondern ihr Herz schlägt für etwas scheinbar völlig Gegensätzliches: Gedichte. Doch vielleicht haben Zahlen und Lyrik eine größere Schnittmenge, als man vermuten würde? 


LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – der Roman, in dem Nikola Huppertz ihrem Erzähler eine wunderbar authentische Stimme verleiht, liest sich schnell und packend. Burschen und Mädchen ab 12 Jahren, ob mathematikbegeistert oder nicht, werden sich beim Lesen darin wiederfinden. 

SPRECHEN – die Themen, mit denen Malte sich auseinandersetzt, bieten eine Vielzahl an Gesprächsanlässen für junge Leser_innen: wie ist das, wenn man die Eltern bei einer Lüge ertappt? Was macht Familie aus und wer gehört eigentlich dazu? Wie schafft man es, in einer Nachricht an jemanden, den man sehr mag, den richtigen Ton zu finden?

TUN – anders als der Titel vermuten lassen würde, macht die Lektüre des Buches weniger Lust auf Mathematik, als auf Lyrik: denn zu seinen berührendsten Passagen gehört jenes Gedicht, das sozusagen von Mathematik-Genie Malte und seiner neu liebgewonnenen großen Schwester stammt.


Kathrin Wexberg


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