Aus dem Engl. v. Claudia Stein.
Kleine Gestalten 2020. € 15,40.



Carolina Celas: bis zum horizont

Du bist immer da.
Da drüben. 
Oder dort hinten.
Manchmal scheinst du weit weg.
Dann wieder nah.

In ein Zwiegespräch mit einem unbestimmten, unbekannten Du tritt jenes namenlose Ich, das uns durch dieses besondere Bilderbuch führt. Ein Zwiegespräch, das – basierend auf dem Titel sowie jener Linie, die sich durch das gesamte Buch zieht und (fast) jede einzelne Doppelseite horizontal genau in der Mitte durchtrennt – einerseits als Dialog mit dem Horizont gelesen werden kann. Dies legen nicht nur die formale Gestaltung der Illustrationen, sondern auch die dargestellten Bildmotive nahe, die unterschiedlichste Szenarien zeigen: Mal blicken wir durch ein Fenster auf atemberaubende Bergformationen oder auf wundersame Wolkengebilde, mal aus Vogelperspektive auf einen Fluss unter einer Brücke, mal senkrecht nach oben in den weiten, endlosen Himmel. Auf der Suche nach dem Horizont in einer sich stets transformierenden Welt, in der es immer auf die Perspektive ankommt.

Jetzt versteckst du dich.
Ganz leise. […]
Wenn ich mich hinlege, verschwindest du.
Und ich suche dich, will dich einfangen.

Das Zusammenspiel zwischen diesem aus dem Englischen übersetzen lyrischen Text aus der Feder der portugiesischen Künstlerin Carolina Celas und ihren mit Wachskreide, Filz- und Buntstift in intensiven Farben zum Leuchten gebrachten Bildwelten lässt aber vielfache (Be-)Deutungsebenen zu. Ob das Ich durch organische, mit bunten Algen bewachsene Höhlen streift, durch die schmalen Spalte zwischen streng geometrisch angeordneten Rollläden blickt, oder sich selbst im Spiegel betrachtet…

Da drüben.
Dort hinten.
Endlos.
Ob du wohl auch in mir bist?

…das in Verszeilen zur Sprache gebrachte Zwiegespräch kann andererseits auch als (imaginierter oder realer) Dialog mit einer geliebten/vermissten/ersehnten/… Person gelesen werden. Ihren bildlichen Anknüpfungspunkt erfährt eine solche Interpretation in jener Figur, die der Protagonistin zur Seite gestellt wird: ein kleines grünes, an einen Teddybären erinnerndes Wesen ohne Arme, das gemeinsam mit dem sprechenden Ich surreale Landschaften bestaunt, als das Gegenüber dieses Ichs ins Bild tritt, von ihm beobachtet wird, sich vor ihm versteckt.
Ob als (selbst-)reflexiver Dialog mit dem Horizont, mit einem anderen Menschen oder gar mit sich selbst – in einem sorgfältig komponierten, aber umso leichtfüßigeren Spiel mit Bild- gleichermaßen wie mit Erzählperspektiven liefert dieses künstlerische Bilderbuch vielseitige Anstöße zum Diskutieren und Philosophieren mit kleinen und großen Leser_innen.

Claudia Sackl

 

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