Aus d. Span. v. Silke Kleemann.
Auf der katalan. Grundlage v. Montse Alberte.
cbt 2021.
€ 10, 30.

Nadia Ghulam / Agnés Rotger: Das Geheimnis meines Turbans

Der Untertitel fasst den Inhalt dieses bemerkenswerten Jugendromans in einem kurzen Satz zusammen. Und dennoch ist es so viel mehr, was Nadia Ghulam autobiographisch in diesem Text erzählt.

Der behüteten Kindheit in einer intakten Familie, in der die zu Beginn des Textes noch kindliche Nadia zur Schule ging, Zeit und Spielzeug zur Genüge hatte, wird durch einen Bombeneinschlag ein vehementes Ende gesetzt. Ihr Gesicht durch die Detonation entstellt, muss Nadia mehrere schmerzhafte Operationen über sich ergehen lassen. Neben dem biographischen Einschnitt markiert der Bombenangriff aber auch die Übernahme der Taliban in Afghanistan und das strikte Reglement, das damit einhergeht: Verschleierungszwang für die Frauen, ein Absprechen nahezu jeder Rechte und die generelle Herabsetzung und Unterdrückung der weiblichen Bevölkerung.
In diesem Setting verortet Nadia Ghulam ihren Jugendroman, der ihr eigenes Leben nachzeichnet: wie ihre Protagonistin wurde sie in Kabul geboren und durch einen Bombenangriff schwer verletzt.
Nadias Familie bricht spätestens nach dem Tod ihres Bruders Zelmai entzwei; der Vater ist psychisch sehr angeschlagen und die Mutter zunehmend an das Haus gebunden, so bleibt der noch kindlichen Protagonistin nur ein Ausweg, um das Leben der Familie zu sichern: sich als Junge zu verkleiden. Für viele Jahre wird Nadia sozusagen begraben, an ihre Stelle tritt Zelmai:

Zu allererst musste ich den Rockzipfel meiner Mutter loslassen und lernen, selbst der Welt entgegenzutreten, Ich musste eine möglichst harte Schale erschaffen und meine weiblicheren Züge unterdrücken.  […] Allmählich lernte ich, mich schroffer und unwirscher zu verhalten. Ich fand heraus, dass ich gut mit Schimpfwörtern war, und stieß ohne Zögern Drohungen aus, wenn mich Jemand beleidigte, ich war sogar fähig, selbst zu attackieren.

An das Dasein als Junge ist nicht nur das Geldverdienen gebunden, sondern auch die stetige Unsicherheit von den Taliban und ihrem Umfeld als Mädchen und später als junge Frau entlarvt zu werden. Im zerstörten Kabul schafft sie es aber, Arbeit zu finden, ihre Familie durchzubringen und unter diesen Umständen ein einigermaßen freies Leben zu führen.
Eindrücklich schildert die Autorin dieses Leben: neben körperlicher Arbeit wird die Ausgrenzung und Erniedrigung, nicht nur aufgrund von Nadias Aussehen, erbarmungslos auserzählt. In sprunghaften Kapiteln wird dabei von den Widrigkeiten und Schwierigkeiten erzählt, die durch das Voranschreiten der Zeit und die Unausweichlichkeit der Veränderung des weiblichen Körpers in der Pubertät bedingt sind. Nadia aber entwickelt eine innere und äußere Härte, durch die sie der Rolle als Familienernährerin gerecht werden kann. Es bleiben dabei aber immer auch jene Momente, in denen sie einfach nur ein Mädchen sein will. Gefühle, denen sie nicht nachgeben kann und darf: Ich war so müde, immer kämpfen zu müssen, einfach nur um zu beweisen, dass ich mir nichts zuschulden hatte kommen lassen …
Die Entwicklung hin zu einer jungen Frau fordern von Nadia viele Tribute, nicht nur als sie sich zum ersten Mal verliebt, diese Liebe aber natürlich nicht zeigen kann. Auch wenn das Überleben ihrer Familie stets im Zentrum der Innenwelt der Protagonistin steht, dominiert zunehmend die Frage nach dem eigenen Leben und Glück. Selbstbestimmt schreibt sie sich als Nadia in einer Schule und später einer Universität ein, wenngleich sie äußerlich ein junger Mann bleibt. Verschiedene NGOs, die für ein besseres Leben für Frauen in Afghanistan kämpfen, nehmen dabei ebenso Einfluss auf ihre Lebensgestaltung wie die stetig anhaltende Sorge um ihre Familie.

Diese Verflechtung der beiden Leben zeigt auf bedrückende Weise, zu welchen drastischen Maßnahmen (junge) Frauen greifen müssen, um ihr Leben zu sichern und zu gestalten. Während in vielen jugendliterarischen Texten die negativen Seiten des Islams behandelt werden, wird hier der friedliche Islam ins Zentrum gerückt, wenn Nadia in unterschiedlichen Moscheen einen sicheren Ort für ihr Leben, aber auch ihre Gedanken findet. Wenngleich sie das als Mann getarnt tun muss, wird ihre eigene Religiosität greifbar, als sie als Vorbeterin im heimischen Gotteshaus fungiert und darüber hinaus den Dialog mit geistlich Gleichgesinnten sucht.
Gerade durch das selbst Erlebte der Autorin wird dieser Text so authentisch, bis am Ende der Ausbruch aus dem Leben und der Aufbruch nach Europa steht:  Bevor ich in das Flughafengebäude trat, hatte ich den Turban gegen einen Schleier vertauscht. Aus reiner Gewohnheit spähte ich von dem Moment an ängstlich nach allen Seiten, ob auch kein Bekannter in Sicht war. Aber ich sah nur das warme Lächeln der beiden Frauen, die mit mir nach Barcelona flogen[.]


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