Freies Geistesleben 2021.
€ 15,90.

Dolf Verroe: Traumopa.
Mit Illustrationen von Charlotte Dematons

Thomas ist wegen eines Urlaubs seiner Eltern bei den Großeltern, als sein Opa plötzlich stirbt: «Einfach so», sagt Oma. «Er hat mich wachgestupst, sah mich an und war tot.» Der weitere Text ist nicht so, wie man ihn von einem Kinderbuch erwarten würde. Denn es gibt hier kein gemeinschaftliches Trauern, sondern die Erwachsenen leiten jene Dinge in die Wege, die nach dem Tod eines nahen Angehörigen erledigt werden müssen, während der kindliche Protagonist für sich bleibt.

Er möchte Opa noch einmal sehen, schleicht sich ins großelt-erliche Schlafzimmer: Opa sieht friedlich aus, lächelt sogar ein bisschen. Aber Thomas wird klar, dass sein Opa nie wieder träumen wird und dadurch seinem Enkel diese Träume auch nicht mehr erzählen wird können. Genau diese Träume sind jener Darstellungsgegenstand, der dieses besondere Buch ausmacht. In der Buchgestaltung wechseln sich Szenen aus der fiktionalen Realität mit erinnerten Traumsequenzen des Opas ab. Darin fliegt er mal über eine Stadt und mal beginnt er zu wachsen, wodurch er die ganze Erde überblicken kann. Illustratorisch löst die französische Künstlerin dieses Nebeneinander, indem die Ebene der Trauerbewältigung mit dunkeln, gedeckten Farben markiert wird, während die erinnerte Traumwelt in allen Farben schillert.
Auch wenn die Trauer selbst keinen übermäßig großen Raum einnimmt, zeigen Bild und Text gleichermaßen, welche Bedeutung Erinnerungen im Trauerprozess zukommen. Vor allem dann, als Thomas bemerkt, dass er sich nach einiger Zeit nicht mehr an das Aussehen seines Opas erinnern kann. Während im Text die Einäscherung nüchtern abgehandelt wird, wirkt die Szene des Vergessens umso emotionaler.

Die Frage, was nach dem Tod geschieht, wird in einem Zwiegespräch zwischen Thomas und einem muslimischen Freund aufgegriffen, ohne dabei aufdringlich zu sein. Fast nebenbei wird über den Unterschied zwischen Allah und Gott gesprochen und wie es sich um den Himmel verhält, wenn man weder an den/die eine_n noch an den/die andere_n glaubt.

Gerade weil dieser Text einen anderen Weg als andere seiner Art wählt und den Trauerprozess nicht in den Mittelpunkt rückt, erlaubt er durch die kurzen erzählenden Passagen gepaart mit den eindrücklichen Illustrationen darüber nachzudenken, was mit den Erinnerungen nach dem Tod eines geliebten Menschen passieren.

Alexandra Hofer

 

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