Mit Bildern v. Jens Rassmus.
Peter Hammer Verlag 2021.
€ 14, 95.

Julia Willmann: Rascha und die Tür zum Himmel

Was in Österreich der Faschingsdienstag ist (der ausgelassene Tag vor Beginn der Fastenzeit, an dem sich alle verkleiden), ist im schwäbisch-alemannischen Raum der Narrensprung. Dort werden traditionelle Narrenkleider getragen und das Gesicht wird hinter einer aus Holz geschnitzten Maske versteckt.

In diesem Setting verortet Julia Willmann ihren Debütroman für Kinder, in dem der kindliche Protagonist Rascha zum ersten Mal selbst am Narrensprung teilnehmen darf. Dafür verantwortlich ist Oma Ima, die ihm nicht nur vom Zauber des Narrensprungs erzählt, sondern auch von jenem ganz spezifischen Sprung, bei dem sie den bereits verstorbenen Opa Karle kennen und lieben gelernt hat. Aber auch von Bräuchen, die an diesem besonderen Tag gepflegt werden, berichtet sie ihm. Wie etwa, dass man sich „Glückseligkeit“ wünscht: Ein tolles Wort, Ima hat es mir beigebracht. Da ist »Glück« drin, Glück ist immer gut. Und weil hintendran noch »Seligkeit« kommt, heißt das für mich, dass das Glück weit und leicht ist wie flaumige Luft und dass es überall schweben kann. Die Autorin verknüpft so ein freudiges Ereignis mit ernster Thematik; denn Oma Ima ist krank und wird bald sterben. Ein Fakt, der die Erwachsenen mehr zu bedrücken scheint als Rascha selbst. Der freut sich, dass Ima ihre letzte Zeit – nach einem kurzen Ausflug ins Altersheim – wieder bei ihnen in der Wohnung ist. Sie sagt zwar keine Felsbrockenworte mehr, jene gewichtigen Worte, bei denen nicht widersprochen werden kann (z. B. dann, wenn es in der Familie Streit gibt und Oma Ima mit einem Blech Ofenschlupfer – dem Lieblingsessen der Familie, dessen Rezept sich auch am Ende des Texts findet – in der Tür steht und sagt So. Jetzt setzt euch her, und über das Essen der Streitgrund vergessen wird). Aber Rascha kann viel Zeit mit ihr verbringen und unter anderem von ihr lernen, dass zur Fastnacht die Zeit stehen bleibt;und weiter: Ohne Zeit ist der Weg in den Himmel ganz einfach. Durch die titelgebende Tür zum Himmel wird gegen Ende des Texts auch Oma Ima treten.

Wenngleich das Älterwerden, die Krankheit und später der Tod als Themen im Text immer subtil mitschwingen, erzählt die Autorin hier in erster Linie von einer ganz besonderen Oma-Enkel-Beziehung, in der das gemeinsame Gespräch großgeschrieben wird. Durch die offene Thematisierung des Todes und dessen Versinnbildlichung als Tür zum Himmel steht für den kindlichen Protagonisten nicht etwa die Trauer im Vordergrund – er versteht den Ort, an den man nach dem Tod kommt, vielmehr als ein kleines Paradies, in dem die Zeit stillsteht und immer Tag des Narrensprungs ist. Die Unaufgeregtheit des Romans, der humorvoll gleichermaßen wie einfühlsam geschrieben ist, ermöglicht auf der Textebene eine Begegnung mit dem Tod, die nicht durch Trauer, sondern das positive Gefühl eines Neubeginns geprägt ist.

Alexandra Hofer


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