Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten
Berlin

Emil und die Detektive war gestern. Aus der Schumannstraße 15 wird die Dieffe 93 und der brave Streber wird vom tiefbegabten Rico abgelöst. Für einen wie ihn, der rechts und links irgendwie nicht auseinanderhalten und schon gar keinen Stadtplan lesen kann, ist es gar nicht so leicht, einem Entführer in der Großstadt Berlin auf die Spur zu kommen. Mann, Mann, Mann. Da hilft es auch nichts, ein so cleveres Kerlchen wie Oskar kennenzulernen, denn schon bald ist Oskar selbst Opfer von Mister 2000. Da gilt es für Rico trotz all seiner Schwächen gehörig Stärken zu mobilisieren. Mobilisieren: etwas in Bewegung bringen. So hätte Rico es in seinem persönlichen Wörterbuch formuliert, das er als enthusiastischer Ich-Erzähler seinem Computer-Tagebuch handschriftlich hinzufügt. Trotz persönlicher Langsamkeit vermag Rico dabei gehörig Drive in die sich überschlagenden Ereignisse zu bringen. Soweit der Startschuss für ein mittlerweile zum Rico-Universum angewachsenes Medienpaket aus vier Buchbänden, drei filmischen Adaptionen, vom Autor selbst gelsenen Hörbüchern und Comic-Bändern, in denen sich zu Rico und Oskar eine Krezberger Hinterhof-Clique gesellt.Dabei zeigt sich, dass dem Raum immer größere Bedeutung zukommt; denn nach und nach erlangt Rico auch topografische Sicherheit und wagt sich zunehmend über die Dieffe hinaus.

Carlsen 2008.
224 S.

Cornelia Funke: Herr der Diebe
Venedig

Scipio nennt sich "Herr der Diebe": er ist der Räuber mit den dunklen Augen, der, der überall einbrechen kann, ohne erwischt zu werden. Der Roman lässt die Kinderbande rund um Scipio Abenteuer in den verwinkelten, dunklen Gassen, verlassenen Häusern und finsteren Winkeln des modernen Venedigs erleben, das durch seine labyrinthartige Stadtstruktur und die vielen Kanäle und Brücken zum idealen Abenteuerspielplatz wird. Dabei geraten die Hauptfiguren in eine Märchenwelt, in der die Grenzen zwischen Kindheit und Erwachsensein durchlässig werden.
Scipio ist zwar nicht der, für den ihn die obdachlosen und einsamen Kinder halten; doch im turbulenten Finale der Geschichte findet auch dieser Knabe sein wahres Profil. Zu einem großen Dieb gehört ein schmieriger Hehler und ein rätselhafter Auftraggeber. Hier ist es Barbarossa, mit dem fuchsrot gefärbten Bart und ein verwitterter Conte, der mit Scipios Hilfe ein ungewöhnliches Objekt in seinen Besitz bringen will...
Den Rätseln der Kindheit und des Erwachsenwerdens wird hier nicht so weise nachgespürt, wie es die Vorrede vermuten lässt, doch am Schluss blickt man auf etliche Stunden spannender Lektüre zurück.

Dressler 2000.
400 S.

Ursula Poznanski: Aquila
Siena

Das pittoreske Flair der toskanischen Stadt Siena wird für die Austauschstudentin Nika zum Schauplatz einer unheimlichen Schnitzeljagd: Denn als sie mit einer Erinnerungslücke von ganzen zwei Tagen aufwacht und nicht nur ihre Mitbewohnerin, sondern auch Handy und Laptop-Akku verschwunden sind, sind gekritzelte Botschaften (verstörenderweise in ihrer eigenen Handschrift…) auf einem Zettel in ihrer Hosentasche der einzige Hinweis, was passiert sein könnte. Zwischen Contrada dell'Aquila, Contrade Lecorno und anderen markanten Orten der Stadt versucht Nika mit kriminalistischem Gespür, aber mangelnden Italienischkenntnissen das Rätsel zu lösen und wird dabei schließlich selbst von der Polizei verdächtigt, ihre Mitbewohnerin ermordet zu haben. Mit bewährtem Gespür für Spannung setzt Bestseller-Autorin Ursula Poznanski hier erstmals weniger auf Technik als auf die besondere Atmosphäre einer besonderen Stadt, und weiß die Leser_innen trotz mancher Unglaubwürdigkeiten im Plot in Atem zu halten.
Loewe 2017. 432 S.

 


Kirsten Boie: Alhambra
Granada

Vielen Jugendlichen ist der Begriff Alhambra eher durch das beliebte Brettspiel als durch den Palast in der spanischen Stadt Granada bekannt. Boston, der jugendliche Protagonist, besucht jedoch die "echte" Alhambra. Er bewegt sich mit seiner Schulklasse auf den touristischen Pfaden einer faszinierenden Stadt, während parallel erzählt wird, was im Granada des Jahres 1492 passiert. Als er auf einem Markt nach einer alten Fliese greift, landet er plötzlich in jener Vergangenheit. Irrtümlich wird er für den zukünftigen Gemahl der Prinzessin gehalten und gerät in eine sehr gefährliche Situation. Gekonnt kombiniert die Autorin so unterschiedliche Textsorten wie Verwechslungsgeschichte, Abenteuer- und Entwicklungsroman und schildert dabei sowohl historische Rahmenbedingungen wie auch die Innensicht ihres Protagonisten.

Oetinger 2007.
432 S.

Anne Charlotte Voorhoeve: Liverpool Street
London

Die elfjährige Ziska Mangold steigt im Winter 1939 am Bahnhof Liverpool Street in London aus – damit beginnt für sie ein neues Leben. Während sie mit einem so genannten Kindertransport entkommen konnte, bleiben ihre Eltern und ihre beste Freundin in Deutschland zurück. Als sich endlich eine Pflegefamilie findet, wartet eine große Überraschung auf sie: Gerade sie, die protestantisch erzogen wurde und von ihrer jüdischen Herkunft erst durch die antisemitischen Beschimpfungen erfahren hat, ist in einer orthodoxen Familie untergekommen! Über mehrere Jahre hinweg wird erzählt, wie es ihr in dem fremden Land und der großen Stadt ergeht, voller Sorge um die, die sie zurücklassen musste. Bei aller Tragik ist dennoch Platz für Situationskomik und natürlich die erste Liebe...

Ravensburger 2007.
576 S.

Kerstin Cantz: Nachtschattenmädchen

Granada

Sprachferien in Granada: Die jugendliche Ich-Erzählerin Karla leidet nicht nur unter der brütenden Hitze der andalusischen Stadt, sondern unter unerklärlichen Angstzuständen. Nach dem Mord an einer Ordensschwester stößt sie auf ein Phantombild: Darauf abgebildet ist sie selbst – oder zumindest jemand, der ihr exakt gleicht. Tagebucheinträge einer zunächst Unbekannten und auktorial erzählte Passagen eröffnen die Dimensionen einer historischen Begebenheit, die auch mit Karlas Leben zu tun hat: Uneheliche Babys, so genannte bebés robados, die während der Franco-Diktatur ihren Müttern weggenommen wurden. Alles ist anders als immer geglaubt. Und doch ist da auch ein Neuanfang: Der Kontakt zu jener Frau, der sie vor siebzehn Jahren geraubt wurde…

Arena 2016.
180 S.


Katherine Rundell: Sophie auf den Dächern

London

Die in bewusst antiquiertem Setting angesiedelte Abenteuergeschichte erzählt von Sophie, die nach einem Schiffsunglück als Baby an das Themseufer in London gespült wird. Der Gelehrte Charles nimmt sich ihrer an. Seine Erziehungsmethoden sind unkonventionell und den weiblichen Rollenbildern der Zeit voraus: Sophie darf Bücher nicht nur lesen, sondern auch auf ihnen essen, sie trägt Hosen und spielt auf Hausdächern. Charles lehrt sie, frei zu denken und zu handeln. Keine Möglichkeit – und sei sie auch noch so unwahrscheinlich – außer Acht zu lassen ist sein Credo und auch ein wichtiges Leitmotiv des Romans, der metaphernreich einen kindlichen Kosmos voll von wunderbaren Ereignissen entwirft, zu dem nur ausgewählte erwachsene Figuren – wie Charles – Zugang haben.
Aus dem Engl. v. Henning Ahrens
Carlsen 2015.
256 S.

Marjaleena Lembcke: Liebeslinien
Helsinki

Aulikki ist siebzehn und auf der Suche: nach sich selbst, dem Leben, einem Platz in der Welt und zwischenmenschlichen Beziehungen. Vom frühen Krebstod der Mutter und der Sprachlosigkeit des Vaters traumatisiert, beschließt die wortkarge Protagonistin im Helsinki der 1960er Jahre ihren Schulabschluss nachzuholen und ein neues Leben abseits familiärer Normen zu beginnen. In der Anonymität der Großstadt knüpft sie, sich und das Geschehen stets distanziert und genau beobachtend, lose Beziehungen, lernt unterschiedlichste Lebensmodelle kennen und macht erste sexuelle Erfahrungen - bis die Liebe alles durcheinander bringt. Einsame, sprachlose Figuren in alltäglichen Situationen, präzise Bilder und auf das Wesentliche reduzierte Formulierungen zeichnen dieses Jugendbuch aus, das ohne Pathos und formalen Schnickschnack ganz still und damit umso überzeugender Lebens-, Gefühls- und Gedankenwelten nachzeichnet.

dtv (Reihe Hanser) 2008.
192 S.

Holly-Jane Rahlens: Mauerblümchen

Berlin

Holly-Jane Rahlens, die "gelernte Berlinerin aus Brooklyn" (FAZ), lässt diesen Roman fast ausschließlich in Berliner S- und U-Bahnen spielen. Die Ich-Erzählerin Molly Beth Lenzfeld ist ein zurückhaltendes, schüchternes Mädchen, die am Tod ihrer Mutter leidet – nachdem sie mit ihrem Vater während dessen Gastprofessur ein Jahr in Berlin-Charlottenburg gelebt hat, steht ihre ersehnte Rückkehr nach New York bevor. Als kurz davor plötzlich die Mauer geöffnet wird (Molly verschläft dieses denkwürdige historische Ereignis), bleibt für sie noch eine letzte Sache in Berlin zu tun: Das Geburtshaus ihrer Mutter in Ostberlin zu besuchen. Doch in der S 3 lernt sie Mick kennen, den sie mit seiner Lederjacke zunächst für einen Italiener hält – und diese Begegnung entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zu einer wunderbaren Liebesgeschichte, in der wie en passant allerlei Unterschiede zwischen dem Leben in Ost- und Westberlin zur Sprache kommen. Rahlens widersteht der Versuchung, für ihren Wende-Roman eine Konstruktion zu erfinden, warum sich heutige Jugendliche plötzlich mit dem Mauerfall beschäftigen, und lässt ihre Handlung kurzerhand im November 1989 spielen – das verleiht dem Text eine erfrischende Ungekünsteltheit. Der Weg der Figuren durch das U- und S-Bahn-Netz kann anhand von Ausschnitten aus dem Plan, die jedem Kapitel vorangestellt sind, nachvollzogen werden. Dennoch kein verkapptes Sachbuch, getarnt als Roman, sondern eine unterhaltsame Geschichte voller Witz und Gefühl – an deren Ende selbst die verkopfte Molly sagen kann: "Aber das ist später. Viel später. Und jetzt ist jetzt".
Rowohlt 2009.
155 S. (lieferbar als Taschenbuch und E-Book)


Nicola Yoon: The sun is also a star
New York

Wie schon “Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt” (verfilmt unter dem Originaltitel „Everything, Everything“ ) folgt auch dieser Roman der jamaicanisch-amerikanischen Autorin einer eigentlich aussichtslosen Liebesgeschichte: Just an jenem Tag, an dem die illegal in New York lebende Natascha abgeschoben werden soll, lernt sie Daniel kennen. Erzählzeit und erzählte Zeit sind fast deckungsgleich, wenn man den beiden durch die Stadt folgt und miterlebt, wie sie schicksalhaft aufeinander zusteuern. Obwohl auch hier Welten zwischen dem koreanisch-amerikanischen Daniel und seinem Hang zu den großen Gesten der Literatur und der jamaicanischen Natascha liegen, die überzeugt den Grundgesetzen der (Meta-) Physik folgt. Der kurzweilige Wechsel zwischen den Ich-Perspektiven der beiden wird durch unterschiedlichste Erzählpassagen zu einer Textcollage erweitert, die jenen einen Tag im Leben von Natascha und Daniel in den Kontext sowohl ihrer eigenen Familiengeschichten als auch zahlreicher anderer Biografien im Schmelztiegel New York stellen.

Aus dem Engl. v. Dominique Falla.
Dressler 2017.
400 S.

Rachel Cohn/David Levithan: Dash & Lilys Winderwunder
New York

"Es war Weihnachtszeit, die schrecklichste Zeit des Jahres." So beschreibt Dash den Moment, in dem er versteckt in den Regalen seiner Lieblingsbuchhandlung ein Notizbuch findet. Darin hat die sechzehnjährige Lily ("Ich liebe Weihnachten. Ich liebe alles daran: die Lichter, die Fröhlichkeit, die großen Familientreffen") dem unbekannten, potentiell jungen männlichen Finder Rätsel aufgegeben mit einem offensichtlichen Ziel. Von nun an legen sich die beiden gegenseitig Fährten durch das winterliche New York und zögern das genauso ersehnte wie gefürchtete Treffen heraus. Zwischen liebenswert antiquierten Vorstellungen von Liebe und Weihnacht und der schillernd hektischen Konsumwelt beginnt so eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen - allein getragen durch das Medium des Buches.

Aus dem Engl. v. Bernadette Ott.
cbt 2011.
320 S.

Bjørn Ingvaldsen: Lucy´s Song
Paris

"She realized, she’d never ride through Paris in a sports car with the warm wind in her hair". "The Ballad of Lucy Jordan" wird zur symbolhaften Sehnsuchtsmelodie, die die 13jährige Ich-Erzählerin motiviert, eine Parisreise für sich, ihre an Krebs erkrankte Mutter, ihre Tante sowie ihre im Rollstuhl sitzende Schwester zu organisieren. Paris und ein rotes Cabrio können den Lebensmut der Mutter wieder stärken, davon ist die Protagonistin überzeugt - und ein Stück gelingt dies auch. Die Reise der vier Frauen wird zum Höhepunkt des novellenhaft anmutenden Textes, in dem die zunehmend gereifte Protagonistin die Grenzen des ihr allein Schaffbaren ausloten muss.

Aus dem Norweg. v. Christel Hildebrandt.
Boje 2011.
128 S.

 

Andy Mulligan: Trash
Manila

In der philippinischen Stadt Manila leben tausende Menschen auf und von Müllbergen. Diese Elendsviertel sind Schauplatz des unkonventionellen Romans, der dort keine tragische Milieustudie ansiedelt, sondern einen spannenden Krimi, der erst nach und nach seine Sozialkritik preisgibt: Raphael, Gardo und Ratte bezeichnen sich als Mülljungen, sie stöbern jeden Tag barfuß in dem, was andere wegwerfen. Eines Tages machen sie einen besonderen Fund: einen mysteriösen Code. Reihum protokollieren die Jungen schlagfertig die ausgelösten Ereignisse: Die Polizei, die ihnen auf den Fersen ist, ein korrupter Vizepräsident und dessen gestohlene 6 Millionen Dollar Bargeld, die gefunden werden wollen…

Aus dem Engl. v. Uwe-Michael Gutzschhahn.
rororo 2011.
126 S.

Matthew Quick: Goodbye Bellmont

Bellmont

Sein ganzes Leben lang trainiert Finley schon Basketball. Was als Form der Bewältigungsstrategie beginnt, wird jetzt zu einem potenziellen Ausweg. In Form eines Stipendiums will er der Stadt Bellmont entkommen, die von rivalisierenden Gangs, Gewalt und Drogen geprägt ist. Der Fokus verschiebt sich allerdings, als Boy21 auftaucht, dessen traumatischer Hintergrund dazu geführt hat, dass er das Basketballspielen aufgab. Doch wenn Boy21 wieder mit dem Basketballspielen beginnt, ist Finleys Stipendienplatz ernsthaft in Gefahr. Unaufgeregt und ausführlich wird sowohl von Freundschaft und individueller Charakterentwicklung als auch von einer von Angst geprägten und unterdrückten Stadtbevölkerung erzählt.

Aus dem Engl. v. Knut Krüger.
dtv 2015.
256 S.

Kate de Goldi: Barney Kettles bewegte Bilder

Christchurch

Der zwölfjährige Barney Kettle ist ein ambitionierter Filmemacher, der, wenn es um die Umsetzung seiner Visionen geht, keinen Spaß versteht. Trotz seiner manchmal diktatorisch anmutenden Arbeitsweise ist seine jüngere Schwester Ren als listenschreibende und ordnungsliebende Organisatorin immer an seiner Seite. Nach einer  kurzen Schaffenskrise beginnen die beiden mit einem neuen Projekt: einem Dokumentarfilm über die schrulligen Bewohner_innen der Highstreet im neuseeländischen Christchurch, für den sie ganz im Sinne der Oral History ganz unterschiedliche Menschen interviewen. Doch schon bald fällt es den beiden schwer, sich auf den Dreh zu konzentrieren, als sich in der Nachbarschaft Diebstähle zu häufen beginnen und das dynamische Geschwisterpaar auf die mysteriösen Comics von „Orange Boy“ stoßen. Voller medialer Anspielungen, zuallererst natürlich auf die Welt des Films, wird aus einer besonderen Erzählhaltung heraus berichtet, deren Tragik sich erst vom Ende des Romans her erschließt – so geht es letztlich um nicht weniger als die Rekonstruktion eines für immer zerstörten Mikrokosmos und um das künstlerische Werk, das bestehen bleibt, auch wenn ein Menschenleben geendet hat.

Aus dem Engl. von Ingo Hertzke
Königskinder 2017.
424 S.