Peter van Gestel: Wintereis
Amsterdam

Der Abschied von der Kindheit wird in der Jugendliteratur oft durch einen Sommer gekennzeichnet – in diesem durch und durch ungewöhnlichen Buch ist es ein Winter: Jener des Jahres 1947, in dem es so kalt war, dass in Amsterdam sogar die Grachten zufrieren. Thomas, der zwölfjährige Ich-Erzähler, hat keine Freunde, bis er Piet Zwaan kennen lernt. Nach und nach beginnt er zu verstehen, was es mit Piets Familie auf sich hat und warum dieser Bahnhöfe nicht ertragen kann: Er ist Jude, während er versteckt überlebt hat, wurden seine Eltern ermordet. Vieles bleibt vage, umso deutlicher werden in der manchmal etwas sperrigen Sprache des Romans die vielfältigen Folgen, die die Verbrechen des Nationalsozialismus auch für jene hinterlassen, die überlebt haben. Ein Weiterleben beeinhaltet für Piet auch das Verlassen von Amsterdam, um in einer anderen Stadt sein Glück zu finden…

Aus dem Niederländ. v. Mirjam Pressler.
Beltz & Gelberg 2008.
336 S.

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten
Berlin

Emil und die Detektive war gestern. Aus der Schumannstraße 15 wird die Dieffe 93 und der brave Streber wird vom tiefbegabten Rico abgelöst. Für einen wie ihn, der rechts und links irgendwie nicht auseinanderhalten und schon gar keinen Stadtplan lesen kann, ist es gar nicht so leicht, einem Entführer in der Großstadt Berlin auf die Spur zu kommen. Mann, Mann, Mann. Da hilft es auch nichts, ein so cleveres Kerlchen wie Oskar kennenzulernen, denn schon bald ist Oskar selbst Opfer von Mister 2000. Da gilt es für Rico trotz all seiner Schwächen gehörig Stärken zu mobilisieren. Mobilisieren: etwas in Bewegung bringen. So hätte Rico es in seinem persönlichen Wörterbuch formuliert, das er als enthusiastischer Ich-Erzähler seinem Computer-Tagebuch handschriftlich hinzufügt. Trotz persönlicher Langsamkeit vermag Rico dabei gehörig Drive in die sich überschlagenden Ereignisse zu bringen. Aber am besten, Andreas Steinhöfel erzählt selbst davon … die Hörbuchversion ist bei Silberfisch erschienen, der zweite Band mit dem Titel "Rico, Oskar und das Herzgebreche" erscheint im April 2009.

Carlsen 2008.
224 S.

Kirsten Boie: Alhambra
Granada

Vielen Jugendlichen ist der Begriff Alhambra eher durch das beliebte Brettspiel als durch den Palast in der spanischen Stadt Granada bekannt. Boston, der jugendliche Protagonist, besucht jedoch die "echte" Alhambra. Er bewegt sich mit seiner Schulklasse auf den touristischen Pfaden einer faszinierenden Stadt, während parallel erzählt wird, was im Granada des Jahres 1492 passiert. Als er auf einem Markt nach einer alten Fliese greift, landet er plötzlich in jener Vergangenheit. Irrtümlich wird er für den zukünftigen Gemahl der Prinzessin gehalten und gerät in eine sehr gefährliche Situation. Gekonnt kombiniert die Autorin so unterschiedliche Textsorten wie Verwechslungsgeschichte, Abenteuer- und Entwicklungsroman und schildert dabei sowohl historische Rahmenbedingungen wie auch die Innensicht ihres Protagonisten.

Oetinger 2007.
432 S.


Marjaleena Lembcke: Liebeslinien
Helsinki

Aulikki ist siebzehn und auf der Suche: nach sich selbst, dem Leben, einem Platz in der Welt und zwischenmenschlichen Beziehungen. Vom frühen Krebstod der Mutter und der Sprachlosigkeit des Vaters traumatisiert, beschließt die wortkarge Protagonistin im Helsinki der 1960er Jahre ihren Schulabschluss nachzuholen und ein neues Leben abseits familiärer Normen zu beginnen. In der Anonymität der Großstadt knüpft sie, sich und das Geschehen stets distanziert und genau beobachtend, lose Beziehungen, lernt unterschiedlichste Lebensmodelle kennen und macht erste sexuelle Erfahrungen - bis die Liebe alles durcheinander bringt. Einsame, sprachlose Figuren in alltäglichen Situationen, präzise Bilder und auf das Wesentliche reduzierte Formulierungen zeichnen dieses Jugendbuch aus, das ohne Pathos und formalen Schnickschnack ganz still und damit umso überzeugender Lebens-, Gefühls- und Gedankenwelten nachzeichnet.

dtv (Reihe Hanser) 2008.
192 S.

Anne Charlotte Voorhoeve: Liverpool Street
London

Die elfjährige Ziska Mangold steigt im Winter 1939 am Bahnhof Liverpool Street in London aus – damit beginnt für sie ein neues Leben. Während sie mit einem so genannten Kindertransport entkommen konnte, bleiben ihre Eltern und ihre beste Freundin in Deutschland zurück. Als sich endlich eine Pflegefamilie findet, wartet eine große Überraschung auf sie: Gerade sie, die protestantisch erzogen wurde und von ihrer jüdischen Herkunft erst durch die antisemitischen Beschimpfungen erfahren hat, ist in einer orthodoxen Familie untergekommen! Über mehrere Jahre hinweg wird erzählt, wie es ihr in dem fremden Land und der großen Stadt ergeht, voller Sorge um die, die sie zurücklassen musste. Bei aller Tragik ist dennoch Platz für Situationskomik und natürlich die erste Liebe...

Ravensburger 2007.
576 S.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix
London

Abgeschnitten von der Zauberwelt hockt Harry nach den erschreckenden Ereignissen am Ende seines vierten Schuljahres im Ligusterweg. Ganz im pubertären Selbstmitleid verstrickt, hadert er mit dem Verlassensein. Dabei müsste doch in der Zauberwelt großer Aufruhr über Voldemorts Rückkehr herrschen. Doch einzig im geheimen Hauptquartier, Grimmauld Platz Nr. 12 in London plant der Orden des Phönix gezielte Einsätze gegen dessen finstere Pläne, während einige Straßen weiter im Untergrund der Großstadt der Zaubereiministerium die Rückkehr Voldemorts noch nachhaltig abstreitet.
Im Erzählen geschickt wie immer nimmt die englische Erfolgsautorin im fünften Band ihres Entwicklungsromans die Machenschaften des Dunklen Lord zurück und stellt mit ministeriellem Ränkespiel die Frage nach den Mechanismen der Macht: In der Figur der sadistischen, krötenartigen Dolores Umbridge versucht man der Leitung Hogwarts habhaft zu werden - und stößt auf ebenso verzweifelt wie kreativ ausgelebten Widerstand. Detailreich und spannend ausgestaltet werden neue Schauplätze eingeführt und nimmt letztlich auch der Kampf Voldemorts gegen Harry Potter dramatische Wendungen.

Aus dem Engl. v. Klaus Fritz.
Carlsen 2003.
1024 S.


Andy Mulligan: Trash
Manila

In der philippinischen Stadt Manila leben tausende Menschen auf und von Müllbergen. Diese Elendsviertel sind Schauplatz des unkonventionellen Romans, der dort keine tragische Milieustudie ansiedelt, sondern einen spannenden Krimi, der erst nach und nach seine Sozialkritik preisgibt: Raphael, Gardo und Ratte bezeichnen sich als Mülljungen, sie stöbern jeden Tag barfuß in dem, was andere wegwerfen. Eines Tages machen sie einen besonderen Fund: einen mysteriösen Code. Reihum protokollieren die Jungen schlagfertig die ausgelösten Ereignisse: Die Polizei, die ihnen auf den Fersen ist, ein korrupter Vizepräsident und dessen gestohlene 6 Millionen Dollar Bargeld, die gefunden werden wollen…

Aus dem Engl. v. Uwe-Michael Gutzschhahn.
rororo 2011.
126 S.

Rachel Cohn/David Levithan: Dash & Lilys Winderwunder
New York

"Es war Weihnachtszeit, die schrecklichste Zeit des Jahres." So beschreibt Dash den Moment, in dem er versteckt in den Regalen seiner Lieblingsbuchhandlung ein Notizbuch findet. Darin hat die sechzehnjährige Lily ("Ich liebe Weihnachten. Ich liebe alles daran: die Lichter, die Fröhlichkeit, die großen Familientreffen") dem unbekannten, potentiell jungen männlichen Finder Rätsel aufgegeben mit einem offensichtlichen Ziel. Von nun an legen sich die beiden gegenseitig Fährten durch das winterliche New York und zögern das genauso ersehnte wie gefürchtete Treffen heraus. Zwischen liebenswert antiquierten Vorstellungen von Liebe und Weihnacht und der schillernd hektischen Konsumwelt beginnt so eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen - allein getragen durch das Medium des Buches.

Aus dem Engl. v. Bernadette Ott.
cbt 2011.
320 S.

Bjørn Ingvaldsen: Lucy´s Song
Paris

"She realized, she’d never ride through Paris in a sports car with the warm wind in her hair". "The Ballad of Lucy Jordan" wird zur symbolhaften Sehnsuchtsmelodie, die die 13jährige Ich-Erzählerin motiviert, eine Parisreise für sich, ihre an Krebs erkrankte Mutter, ihre Tante sowie ihre im Rollstuhl sitzende Schwester zu organisieren. Paris und ein rotes Cabrio können den Lebensmut der Mutter wieder stärken, davon ist die Protagonistin überzeugt - und ein Stück gelingt dies auch. Die Reise der vier Frauen wird zum Höhepunkt des novellenhaft anmutenden Textes, in dem die zunehmend gereifte Protagonistin die Grenzen des ihr allein Schaffbaren ausloten muss.

Aus dem Norweg. v. Christel Hildebrandt.
Boje 2011.
128 S.


Fa
ïza Guène: Paradiesische Aussichten
Paris

"Meine Mutter sagt, mein Vater hat uns verlassen, weil es so geschrieben stand. Bei uns heißt das Mektoub. Das ist so was wie das Drehbuch eines Films, in dem wir mitspielen. Das Problem ist nur, dass unser Drehbuchautor nichts taugt." Das Leben der 15jährigen, aus Marokko stammenden Doria fühlt sich manchmal an, als hätte Allah drauf gespuckt. Doch Tristesse lässt Doria nicht zu. Mit Wortwitz und Assoziationsreichtum schildert sie ihr Leben in einer der trostlosen Pariser Vorstädte und charakterisiert jene, die daran beteiligt sind – allen voran die Mutter und deren Versuch Selbständigkeit zu erlangen, Hamoudi, der mit dem Akzent eines Vorstadtrowdies Rimbaud zitiert, und Nabil, der ihr den ersten Kuss raubt. Paris zeigt sich hier von einer anderen als der touristisch verklärten Seite – für Doria ist der Eiffelturm ein fremder und ferner Ort. Angebunden an ein dichtes Netz medialer Anleihen fasziniert der Erzählstil der jungen Autorin durch das gleichwertige Miteinander von Ernsthaftem und Ironisierendem.

Aus dem Französ. v. Anja Nattefort.
Carlsen 2006.
144 S.

Peter Sís: Die drei goldenen Schlüssel
Prag

Wie kann der Erzähler seiner in New York aufgewachsenen Tochter vermitteln, wie Prag, die Stadt seiner Kindheit, ist? Mit einem Ballon lässt er sich zurückfliegen und streift durch die engen Gassen der tschechischen Hauptstadt: Vom Elternhaus durch das Labyrinth der engen Altstadtgassen bis zum Altstädter Ring mit der berühmten astronomischen Uhr, über die Karlsbrücke bis hinauf zum Schloss, von dem aus man die ganze Stadt überblicken kann. Mit den drei goldenen Schlüsseln, die ihm an besonderen Orten anvertraut werden, erinnert er sich auch an die prägenden Geschichten und Legenden von früher. Eine in Text und Bild ungewöhnliche und poetische Annäherung – an eine Stadt genau so wie an die Zeit der Kindheit.

Aus dem Tschech. v. Michael Krüger.
Hanser 1995.
60 S.

Ingvar Ambjørnsen: Die Gangster von Steinsund
Steinsund

Der Autor: Ein über Gärtnerei und Psychiatrie zur Schriftstellerei gekommener Norweger. Der Erzähler: Ein kleinkrimineller Jugendlicher mit "Ganovenehre". Die Handlung: Der 15-jährige Fillip flieht in einem gestohlenen Auto hauptsächlich vor der Polizei, nebensächlich vor seinen Eltern, eigentlich vor sich selbst. Durch eine Verwechslung wird er in die Ermittlungen rund um einen Banküberfall gezogen. Von seiner Zuflucht auf dem Leuchtturm einer idyllischen Schäreninsel aus, beginnt er, seine detektivische Neugier mit der Doppelmoral des selbst Kriminellen zu mischen … Das Ergebnis: Ein hochgradig spannender Krimi mit viel Sprachwitz an einem der am westlichsten gelegenen Küstenstreifen Norwegens.

Aus dem Norweg. v. Gabriele Haefs.
Sauerländer 2007.
128 S.


Cornelia Funke: Herr der Diebe
Venedig

Scipio nennt sich "Herr der Diebe": er ist der Räuber mit den dunklen Augen, der, der überall einbrechen kann, ohne erwischt zu werden. Der Roman lässt die Kinderbande rund um Scipio Abenteuer in den verwinkelten, dunklen Gassen, verlassenen Häusern und finsteren Winkeln des modernen Venedigs erleben, das durch seine labyrinthartige Stadtstruktur und die vielen Kanäle und Brücken zum idealen Abenteuerspielplatz wird. Dabei geraten die Hauptfiguren in eine Märchenwelt, in der die Grenzen zwischen Kindheit und Erwachsensein durchlässig werden.
Scipio ist zwar nicht der, für den ihn die obdachlosen und einsamen Kinder halten; doch im turbulenten Finale der Geschichte findet auch dieser Knabe sein wahres Profil. Zu einem großen Dieb gehört ein schmieriger Hehler und ein rätselhafter Auftraggeber. Hier ist es Barbarossa, mit dem fuchsrot gefärbten Bart und ein verwitterter Conte, der mit Scipios Hilfe ein ungewöhnliches Objekt in seinen Besitz bringen will...
Den Rätseln der Kindheit und des Erwachsenwerdens wird hier nicht so weise nachgespürt, wie es die Vorrede vermuten lässt, doch am Schluss blickt man auf etliche Stunden spannender Lektüre zurück.

Dressler 2000.
400 S.

Monika Helfer / Birgitta Heiskel: Rosie in Wien
Wien

Rosie erwachte. Doch fühlt sich die Reise der jungen Amerikanerin durch Wien mehr wie ein Traum an. Gleich der Collage-Technik der Illustrationen setzt sich ihr Weg durch die Donaumetropole aus erzählerisch locker zusammengehaltenen Versatzstücken der bekanntesten Sehenswürdigkeiten zusammen. Ihr Blick fällt dabei auf Menschen, die durch ihre Eigenarten das Bild und die Geschichte der Stadt besonders prägen: Der König von Wien (Am Ende meiner Regentschaft hat man mir die Hand weggesprengt), eine Straßenmusikantin und einen Augustin-Verkäufer sowie den in der Wiener Kanalisation lebenden Orson (Drei Mal die Woche werden hier unten Führungen veranstaltet). In kurzen Sequenzen wird mit der Oberflächlichkeit touristischer Sichtweisen einer Stadt gespielt: So ist es am Ende keine zielführende Handlung, die Text und Bild bestimmt, sondern vielmehr eine assoziative Annäherung an das multikulturelle Zusammenleben im Wien der Gegenwart. Ein verspieltes, detailverliebtes Bilderbuch mit magischer Note zum (Wieder-)Entdecken einer Stadt.

Residenz 2004.
40 S.