Kirsten Fuchs: Mädchenmeuterei.
Berlin: Rowohlt 2021.
496 S.; € 22,95.

Mythen, Missstände und Meeresungeheuer
Sechs Jahre ist es her, dass Kirsten Fuchs mit ihrem ungewöhnlichen Roman "Mädchenmeute" die Jugendliteratur-Szene im Sturm eroberte, 2016 wurde der Text mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Der Folgeband schließt zeitlich direkt an: Nach ihrem sommerlichen Abenteuer sind die Mädchen zu einer Art Stars geworden und berichten bei von der toughen Yvette organisierten Bühnenauftritten von ihren Erlebnissen. Doch dann erhält Charlotte, die schüchterne, aber enorm wortgewandte Ich-Erzählerin, plötzlich rätselhafte Videos von Bea, die als einzige der Mädchengruppe nicht in ihren Alltag zurückgekehrt ist und von der Polizei gesucht wird. Offenbar steckt sie in ernsten Schwierigkeiten...Also besteigen die Mädchen kurz entschlossen mit Hilfe einer Journalistin, die sich als Reiseleiterin ausgibt, aber eigentlich ihre eigene Agenda verfolgt, ein Containerschiff nach Marokko. Inklusive einer eingeschmuggelten blinden Passagierin. Nicht nur die Gruppendynamik innerhalb der Mädchen ist diesmal die Herausforderung, sondern auch die zunehmend beklemmende Atmosphäre an Bord, was mit dem offenbar durch eine unheimliche Begegnung nachhaltig verstörten Kapitän und dem tyrannischen Ersten Offizier zu tun hat, aber auch den ungerechten Arbeitsbedingungen auf hoher See, die Charlotte durch den Kontakt zur Mannschaft zunehmend bewusst werden. Gleichzeitig wird auch in den Videos von Bea, die quasi als zweite Erzählebene im Text fast drehbuchartig nacherzählt werden, die Stimmung immer bedrohlicher und die Zeit drängt. Doch ein Containerschiff wie die Lexy Barker hat seinen eigenen Fahrplan und eine solche Reise ihren eigenen Rhythmus:

Es war komisch, dass alles sich ständig veränderte auf dem Schiff und um das Schiff herum immer dieses riesige Wasser blieb. Der Himmel darüber auch. Die Wassermasse hatte ein Ende, der Himmel nicht. Wenn man in beides weit, weit, weit hineinreisen würde, würden beide Massen dunkel werden. Ich kam mir vor wie der Startpunkt nach egal wohin, auf jeden Fall ins Schwarze, als ob ich fiel und stieg gleichzeitig, als ob ich mich nach vorne und zurück bewegte. Ich meine, wir fuhren auf einer Kugel. Da ist man immer auf dem Rückweg eigentlich.

Auf fast 500 Seiten wird eine Fülle von Themen verhandelt, die der Skurrilität der Handlung um nichts nachsteht, komisch, aber auch anrührend, packend bis zum Ende der im wahrsten Sinne des Wortes stürmischen Reise, die natürlich die titelgebende Meuterei beinhaltet.

Kathrin Wexberg




Lea Loos: Widerstand ist zwecklos - Nein!
Berlin: avant-Verlag 2021. 154 S.;€ 16,50.

Wie effektiv ist gewaltloser Widerstand?
Klimawandel, strukturelle Ungerechtigkeiten, die Zunahme autoritärer Regierungen, das Sterben im Mittelmeer – die Krisen, denen unsere Gesellschaft und insbesondere junge Menschen gegenüberstehen sind vielfältig und komplex. Wie wir diesen und anderen Herausforderungen unserer Zeit auf effektive Weise entgegentreten und Veränderungen bewirken können, führt Lea Loos in ihrem erzählenden Sach-Comic „Widerstand ist zwecklos – Nein!“ auf anschauliche, fundierte und unterhaltsame Art vor. Im Zentrum steht dabei der (wissenschaftlich belegte) Grundgedanke, dass gewaltfreier Widerstand – mit den richtigen Strategien, genügend diversen Befürworter*innen und einem langen Atem – nachhaltiger und erfolgreicher ist als gewaltsame Proteste.

Ausgehend von einem fiktiven Konflikt (bei Protesten im Pflegeheim gegen das schlechte Essen kommt es zu Angriffen auf das Pflegepersonal) versteht es die deutsche Illustratorin, moderne Erkenntnisse aus der Soziologie auf zugängliche und lebhafte Weise an jugendliche Leser*innen zu vermitteln. Dies gelingt nicht nur durch die alltagsnahe Erzählsituation des Comics (eine Familie beginnt nach der Berichterstattung über die Proteste über Widerstandsformen zu diskutieren), sondern auch dank der facettenreichen Gestaltungs- und Vermittlungsstrategien, die im Buch Anwendung finden. Einerseits lässt die Autorin die erwähnten Wissenschaftler*innen mithilfe eines geschickten Erzählkniffs persönlich im Wohnzimmer der Familie auftreten. Andererseits werden die bunten, die häusliche Gesprächssituation abbildenden Panels von verschiedenen, andersfarbigen Einschüben unterbrochen: Historische Beispiele gewaltfreier Protestbewegungen und digitale Recherchen in der fiktiven App „Who, Who?“ werden dabei ebenso in die Erzählung eingebunden wie Tabellen, Diagramme und erzählende Schaubilder, die die referierten Forschungsergebnisse auf kreative Weise veranschaulichen. Neben diesen intermedialen Einschreibungen besticht vor allem die Figurenkonstellation des Comics: Es ist die junge Tochter, die ihre Eltern – zusammen mit den nacheinander auftauchenden Soziolog*innen – über die Dimensionen und Strategien gewaltlosen Widerstandes informiert und auf differenzierte Weise zwischen den (eindimensionalen) Positionen von Mutter („Passiver Widerstand bringt nix!“) und Vater („Gewalt ist unmoralisch!“) vermittelt. Dabei führt der Comic nicht zuletzt vor, wie unterschiedliche Meinungen und Perspektiven im Dialog gemeinsam ausgehandelt werden können.  

Claudia Sackl




Patrick Ness: Und der Ozean war unser Himmel.
Mit Illustrationen von Rovina Cai .
Aus d. Amerikan. v. Bettina Abarbanell.
München: cbj 2021. 160 S.; € 20,60.

Von Monstern und Geschichten
Wie rechtfertigt man Krieg? Wer ist der eigentliche Teufel? Wie weit geht Loyalität? Diese und eine Vielzahl an anderen gesellschaftskritischen Fragen schneidet Patrick Ness in seinem neuen Roman an, ohne dabei eindeutige Antworten zu liefern. Verortet wird der Text rund um die junge Walin Bathseba, die aus der Ich-Perspektive erzählt, in einer gespiegelten Welt zu der der Menschen. Die Wasserlinie ist jene Schnittstelle zwischen den beiden Elementen Luft und Wasser, die für Mensch und Wal gleichermaßen lebensnotwendig sind und die Grenze, an der seit Jahrhunderten gejagt wird. Waren es in „Moby Dick“ von Herman Melville noch die Menschen, die Jagd auf die Meeressäuger machten, sind es hier nun auch die Wale, die Gleiches mit Gleichem vergelten. In einer Gegenerzählung werden so die Rollen vertauscht und die Jäger*innen und die Gejagten an der Wasseroberfläche gespiegelt. So auch die Konstruktion der fantastischen Welt, in der die Erdanziehungskraft zum Auftrieb wird und in der die Wale, ähnlich der Menschen, in Gemeinschaften leben, technische Errungenschaften von jenseits des Wasserspiegels nutzen und in der Traditionen und Geschichten von Generation zu Generation weitergegeben werden. In dieser Welt ist Bathseba, die retrospektvisch erzählt, der großen Jägerin Alexandra als Lehrling in einer Walschule unterstellt, um selbst die Kunst der Menschenjagd zu erlernen. Toby Wick, ein sagenumwobener Mythos, der allgemeinhin nur als der Teufel bezeichnet wird, wird Gegenstand einer letzten Jagd der Walschule mit ungewissem Ausgang. Angereichert wird das Erzählte durch bildreiche Metaphern, die die Grenzen zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung verschwimmen lassen und der Frage nachspürt, wie Teufel durch Geschichten und Gerüchte Gestalt annehmen können.

Die Düsterness des Plots, der von Jagd auf Mensch und Wal dominiert wird, wird durch die in gedeckten Farben gehaltenen Illustrationen von Roivna Cai noch intensiviert. In feinen Linien und mit kräftigen Akzentsetzungen in blutrot wird dem Text Tiefe verliehen, während die Illustrationen selbst unterschiedliche Funktionen einnehmen: Während zu Beginn die Bilder schmückende Ergänzungen sind und immer wieder großflächig eingestreut werden, wird das Ende maßgeblich über die Bilder weiter- und auserzählt. So entsteht durch das Zusammenspiel ein eindrückliches, durch die Perspektive der Wale verfremdetes Plädoyer für das Zusammenleben von Mensch und Tier und der Frage, wer die wahren Teufel sind.

Alexandra Hofer




Kyra Groh: Mein leben als lexikalische Lücke.
Hamburg: Arctis 2021. 448 S.; € 18,90.

Lexikon, Leben und Liebe
„Sisu“ stammt aus dem Finnischen und meint so viel wie Kampfgeist oder die „mentale Eigenschaft, auch in aussichtslosen Situationen niemals aufzugeben“. Es ist eines jener Wörter, die samt Definition wie kleine Vignetten an den Beginn jedes Kapitels in Kyra Grohs neuem Jugendroman gestellt werden. Diese Wörter sind es auch, die die Atmosphäre und Emotionen der jugendlichen Figuren im folgenden Text einfangen und widerspiegeln werden. Bezeichnet werden diese Termini aufgrund der Unübersetzbarkeit als lexikalische Lücken.
Zu Wort kommen dabei die beiden jugendlichen Figuren Benni und Jule, aus deren Perspektive abwechselnd erzählt wird: Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Wäre da nicht die Liebe zu lexikalischen Begriffen, die keine akkurate Übersetzung ins Deutsche finden und die sich immer mehr einschleichende familiäre Entfremdung: Benni – eine Nebenfigur aus Grohs Debütroman „Schicksal ist eine verdammt fiese Illusion“ (2020) – ist vaterlos, Sohn einer streng religiösen Mutter und absolviert nach dem Abschluss ein Praktikum im Krankenhaus. Die strikten Glaubensinhalte vertritt er schon lange nicht mehr, scheut aber den offenen Konflikt aufgrund der labilen Psyche seiner Mutter. Jule hingegen hasst die polemischen Gespräche am Frühstückstisch sowie den unreflektierten Fleisch- und Medienkonsum ihrer Familie. Stattdessen ist ihr die Fridays-for-Future-Bewegung und das Klima eine Herzensangelegenheit: Themen, die diametral zur Weltanschauung ihrer Familie verlaufen. Inmitten dieser familiären Konflikte treffen die beiden Jugendlichen aufeinander und finden ineinander einen Ort der Kommunikation und Zuneigung, die in der Familie so schmerzlich vermisst wird und der sich auch im Freundeskreis nicht einstellen will. Metaphorisch gesprochen verstehen sie sich selbst also als „lexikalische Lücke“.
Eingewoben wird diese aufkeimende Liebe in ein Umfeld, mit dem die Autorin ein Abbild der Gegenwart skizziert; die Jugendliche sehen sich mit Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Oberflächlichkeit ebenso konfrontiert wie mit der eigenen jugendlichen Selbstergründung und der Suche nach dem für sie allein und gemeinsam passenden Platz in der Gesellschaft.
Eine Kombination aus Liebesroman, einem Appell über die Wichtigkeit von (innerfamiliärer) Kommunikation und der Skizzierung unterschiedlicher Weltanschauungen, die als lagom (schwedisch für gerade richtig, genau passend) bezeichnet werden könnte.


Alexandra Hofer





Lucia Zamolo: Elefant auf der Brust oder: Warum sich Liebeskummer lohnt.
Münster: bohem press 2020. 128 S.; € 15,95

Herzschmerz und Handlettering


Für die Liebe gibt es unendliche viele Sprachbilder und Vergleiche, sie wird in Musik, Literatur und bildender Kunst in all ihren wunderbaren Facetten beschrieben. Doch wie ist es mit dem leider mindestens ebenso häufigen Liebeskummer, der zwar in der Jugend wohl besonders intensiv durchlebt wird, aber längst nicht auf diese Lebensphase beschränkt ist? Womit kann er verglichen werden? Analog zu den oft bemühten romantischen Schmetterlingen im Bauch veranschaulicht die Künstlerin Lucia Zamolo das Phänomen als das Gefühl, ein Elefant würde auf der Brust sitzen. In diesem Buch, das gleichermaßen als Sachbuch, Lebenshilfeband wie auch sehr persönliche Auseinandersetzung verstanden werden kann, setzt sie sich mit dem Thema auf einer individuellen emotionalen Ebene, verkörpert durch ein erzählendes Ich auseinander, unternimmt aber auch einen witzigen und in Bild und Text anspielungsreichen Streifzug durch die Kulturgeschichte. Alice im Wunderland und Richard Wagners musikalische Interpretation von Tristan und Isolde werden dabei ebenso zitiert wie Platon. Das emotionale Chaos des Liebeskummers wird in Phasen aufgedröselt, die analog den klassischen Trauerphasen durchlebt werden müssen. In seiner ästhetischen Konzeption setzt das ungewöhnliche Buch ganz auf die expressive Kraft der Handschrift: Durchstreichungen, Hinzufügungen, Kritzeleien und durcheinandergewirbelte Buchstaben sind nur einige der Stilmittel, die wiederum stimmig dem Thema entsprechen. Der Umgang mit Groß- und Kleinschreibung ist dabei ebenso anarchisch wie jener mit anderen Konventionen, da werden Buchstaben durcheinandergewirbelt und muss das Buch auch schon mal um 90 Grad gedreht werden, um die Drastik des beschriebenen Gefühls auch ganz haptisch nachzuempfinden. In ihrem bemerkenswerten Debut "Rot ist doch schön" widmete sich Zamolo der Menstruation und setzte daher in der Farbgestaltung naheliegender Weise auf die titelgebende Farbe und ihre Schattierungen. Hier greift sie der Komplexität des Gefühlsspektrums entsprechend zu sehr unterschiedlichen Akzenten: Vom tiefen Schwarz der Verzweiflung über den schmerzlichen Verlust bis hin zum optimistischen und lebensbejahenden Gelb jener finalen Phase, in der das erzählende Ich, nicht zuletzt dank hilfreicher Selfcare-Maßnahmen wie "Serien glotzen" oder "nichts tun" wieder ganz in sich ruht und auch das Positive des schmerzhaften Prozesses anerkennen kann: "Und ja: Der Kummer im Wort Liebeskummer überwiegt. Aber vor Kummer steht Liebe."

Kathrin Wexberg




Laura Zimmermann:
Meine Augen sind hier oben.
Aus. d. Engl. v. Barbara König.
Atrium 2020.
336 S., € 18,50.

Von der Realität einer Selbstfindung


Die Thematisierung des weiblichen Körpers und dessen Grenzen sollte spätestens seit der digitalen Bewegung #metoo kein Tabuthema mehr sein. Die Explizität, die die amerikanische Autorin Laura Zimmermann in ihrem Jugendromandebüt wählt, sucht im jugendliterarischen Bereich mitunter aber ihresgleichen. Auch wenn es allmählich zu einer gesellschaftlichen Sensibilisierung kommt, scheint die Ausdrücklichkeit (insbesondere weiblicher) Körperlichkeit immer noch ein Problem darzustellen. Fatal wird es, wenn man sich wie die 15-jährige Greer aufgrund der üppigen Oberweite in seinem eigenen Körper nicht wohlfühlt, sich in XXL-Pullovern verkriecht und das Selbstbewusstsein einen Tiefststand erreicht. Dass Greer ein Mathegenie ist, klug, schlagfertig und witzig, hat keine Bedeutung, wenn sie sich nur auf ihre Brüste reduziert fühlt.
Für die Protagonistin ist nicht nur Sport keine Option, sie fühlt sich in ihrem gesamten Tun eingeschränkt. Bereits alltägliche Dinge, wie der Kauf eines Kleides für den Schulball, bereiten ihr erhebliche Probleme. Zum Umdenken über sich selbst kommt es für Greer durch zweierlei: Zum einen ist da Jackson, der Neue, der mit Witz auf ihre Abwehrhaltung reagiert. Und von dem sich zeigt, dass auch er mit Selbst- und Fremdwahrnehmung kämpft. Zum anderen schafft Greer es, entgegen aller Widrigkeiten in die Volleyballmannschaft aufgenommen zu werden und findet über das konsequente Training zu einem neuen körperlichen Selbstverständnis.

Aus konsequenter Ich-Perspektive mit einer Fülle an inneren Monologen erzählt, gewährt der Text nicht nur Greer Raum zur Entwicklung, sondern gibt Einblicke in Jacksons Leben: Er zieht häufig um, findet schnell Freund*innen, wird von diesen aber ebenso schnell wieder vergessen. Er selbst möchte sich in die Biographie anderer einschreiben und hadert zunehmend mit Greers Verschlossenheit, die ihm dieses Bedürfnis verwehren.
Geschliffene Dialoge, sarkastisch-(selbst)ironischer Ton, ohne ins Zynische zu verfallen, prägen den Plot, der einen ehrlichen Umgang mit dieser Thematik wählt. Dabei dominieren nicht Bodyshaming, Mobbing oder gar die Liebesgeschichte, sondern der Umgang mit Selbstzweifel, Body-Positivity und der eigenen Körperlichkeit. Dadurch finden sich am Ende zwei Figuren, bei denen sich die eine selbst sieht, während der andere gesehen wird, ohne dabei die Realität einer Selbstfindung aus dem Blick zu verlieren.

Alexandra Hofer