leykam 2022.
152 S.

Wie sehr unser Alltag vom Zusammenleben mit Bäumen geprägt ist, wird im (ja doch recht anspruchsvollen) Spagat zwischen üblicher Hektik und Bequemlichkeit rasch vergessen. Aber ob es nun der Sauerstoff ist, den wir atmen, das Holz, das wir als Baustoff verwenden, oder die immer heißer werdenden Sommer, in denen sie für Kühlung sorgen: Bäume sind für uns überlebenswichtige Partner. Dabei wissen viele Menschen nur wenig über sie. „Ein Baum kommt selten allein“ von Autorin Elisabeth Etz und Illustratorin Nini Spagl schafft hier Abhilfe. Informativ, zugänglich und humorvoll erzählen die beiden Künstlerinnen ihren Leser*innen in erfrischender Klarheit von biologischen Besonderheiten und komplexen chemischen Prozessen.

Launig wird etwa von faszinierenden Rekorden berichtet (das Wurzelsystem der schwedischen Fichte Old Tjikko ist teilweise 9500 Jahre alt!), Streitfragen aus der Baumforschung werden angesprochen (sind Palmen wirklich Bäume?) und spannende Fragen aufgeworfen, die sich die meisten Rezipient*innen vermutlich noch nie gestellt haben: Wenn Bäume etwa mithilfe von Sonnenlicht über ihre Blätter Energie gewinnen (so weit, so bekannt), was tun sie dann eigentlich nachts? So viel sei verraten: Sie sind uns Menschen dabei gar nicht so unähnlich. Unterstützend zu den Erklärungen in den Textblöcken wird die Expedition ins Reich der Bäume von allerhand ebenso neugierigen wie redseligen Insekten und Würmern begleitet. So entspinnen sich auf den flächig gestalteten, bunten Buchseiten kleine Dialoge zwischen den Tierchen, die miteinander plaudern, Fragen stellen und auf den Text reagieren.

LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – „Ein Baum kommt selten allein“ erklärt auch komplexe Zusammenhänge zugänglich und unterhaltsam, die Texte eignen sich zum Vorlesen genauso wie zur individuellen Lektüre. Die direkte Ansprache der Leser*innen durch Erzählinstanz und Figuren vermitteln dabei auch innertextlich den Anschein einer Gesprächssituation. Besonderen Witz verleihen dem Buch zusätzlich die Dialoge zwischen Tieren und Bäumen, die in Form von Sprechblasen in die Bilder integriert sind – auch ganze Doppelseiten dürfen sich diesem vergnügten Gewimmel widmen und bieten somit wohlverdiente Verschnaufpausen zwischen den informativen Themenblöcken.

SPRECHEN – Viele Gesprächsanlässe sind im Buch schon angelegt, die unterschiedlichen Themen werden immer auch an das alltägliche Zusammenleben zwischen Menschen und Bäumen angebunden. Selbst wer keinen Wald vor der Türe hat, findet zahlreiche Anknüpfungspunkte: Ein Kapitel etwa beschäftigt sich mit Bäumen im urbanen Raum, und auch unsere Abhängigkeit von Holz als Baumaterial bietet Möglichkeiten zur Anschlusskommunikation (Schau dich mal in deinem Zimmer um: Welche Dinge sind aus Bäumen gemacht? Wie würde dein Kinderzimmer ohne Bäume aussehen?). Selbstverständlich finden aktuell höchst relevante Themen wie Umweltzerstörung und Klimawandel ebenso ihren Platz.

TUN – Das aktive Beobachten und Erforschen von Bäumen wird in diesem Sachbuch hochgehalten. Mehrere Doppelseiten machen ganz konkrete Vorschläge, wie diese Auseinandersetzung aussehen kann. Gleich zu Beginn werden die Leser*innen etwa gebeten, auf eine weiße Fläche im Buch eine Landschaft zu malen und dann zu reflektieren – waren Bäume dabei? Wie viele? Gehören diese zu einem Landschaftsbild einfach dazu? Auch danach darf das Buch ohne Reue als Arbeits- und Schreibmaterial genutzt werden: Es wird dazu aufgefordert, gepresste Blätter und Fotos auf die Seiten zu kleben, Beobachtungen zu notieren oder ein (warum nicht auch aktivistisches!) Baumgedicht zu schreiben.

Sarah Auer