Aus d. Engl. v. Katharina Diestelmeier
Atrium 2021
316 S., € 15,50.

Onjali Q. Raúf: Die Nachtbushelden

Hektor ist nicht gerade eine Figur, die man als Held oder Sympathieträger bezeichnen würde: Er hegt weder gute Absichten noch legt er nachahmungswürdiges Verhalten an den Tag. Denn er ist ein Mobber. Als solchen bezeichnet er sich selbst und ist auch noch stolz darauf. Aus dieser doch eher ungewöhnlichen Ich-Perspektive erzählt die britische Autorin in ihrem zweiten Kinderroman ein weiteres Mal über gesellschaftspolitische Themen, ohne diese zu verharmlosen.
Zurück zu Hektor: Dieser vertreibt sich liebend gern die Zeit mit großen und kleinen Gemeinheiten gegen seine Mitschüler*innen und es kommt mitunter auch vor, dass er sich nicht mehr ganz im legalen Raum bewegt. Die ausschlaggebende Tat, die den Plot erst so richtig ins Rollen bringt, ist das Versenken von Thomas‘ Einkaufswagen im Stadtparkteich. Thomas ist obdachlos und verbringt die Großteil seiner Zeit in jenem Park, in dem er das wenige, was er noch hat, verliert. In Folge dessen wird Hektor, der Täter, von den Menschen in seinem Umfeld gemieden.

Das Besondere an dieser ungewöhnlichen Figur ist nicht, dass er so handelt, sondern vielmehr, dass er von Beginn des Textes an ohne moralische Erklärung so gezeichnet wird: Es kommt zu keiner Reflexion, es gibt keine Erklärung, warum er dieses problematische Verhalten an den Tag legt. Erst mit der Zeit entpuppt sich Hektor als ein kluger, schlagfertiger Kopf, der irgendwie auf die schiefe Bahn geraten ist und der nicht nur den Unterschied zwischen lustig und langweilig, sondern auch zwischen richtig und falsch lernen muss – und das nicht unbedingt freiwillig.
Diese individuelle Entwicklung des 10-jährigen Protagonisten verwebt die Autorin mit einer Detektivgeschichte quer durch London und schafft damit gleichzeitig eine Vielzahl kinderliterarischer Einschreibungen. Der Dieb, des es zu schnappen gilt –  und der zunächst im Milieu der obdachlosen Menschen Londons vermutet wird – hat sich auf Kunstraube spezialisiert, zu denen unter anderem auch Paddington Bärs Koffer oder die kleine Fee Tinkerbell aus „Peter Pan“ zählen. Um die Ermittler*innen auf eine falsche Fährte zu führen, hinterlässt der Täter Zeichen, die Obdachlose oft verwenden, um miteinander zu kommunizieren. Diese werden für die Leser*innen sowohl als Liste im Anhang, als auch als grafische Abbildung im Erzähltext abgedruckt. 
Inmitten dieser Diebstähle, Verwechslungen und Anschuldigungen kann sich Hektor mithilfe von neugewonnenen Freund*innen zum Positiven verändern, und natürlich das Rätsel um die mysteriösen Kunstraube lösen.

In einem rasant erzählten Text gelingt es der britischen Autorin zu sensibilisieren, ohne dies aufdringlich zu tun. Vielmehr werden Personen der Gesellschaft in den Fokus gerückt, die oft nicht wahrgenommen oder absichtlich übersehen werden. Durch das vielfältige Figurenrepertoire, beginnend bei Hektor, über seine sozial-engagierte Schulkollegin Mei-Li bis hin zu unterschiedlichen erwachsenen Figuren, die aus den verschiedensten Gründen obdachlos wurden, zeigt sich ein Querschnitt der Gesellschaft, wenn ein verwöhnter Mobber aus der Oberschicht auf Menschen trifft, die am Rande stehen. All dies gelingt auf eine literarisch gelungene Weise, wenn die Autorin ihren positionierten gesellschaftspolitischen Appell in eine spannende Verfolgungsjagd mit dem titelgebenden Nachtbus quer durch London verpackt.

Alexandra Hofer

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