Hanser 2021.
€ 18,50.

Johanna Schaible: Es war einmal und wird noch lange sein

Zeit & Raum: Um zu erkennen, dass diese beiden Dimensionen aufs Engste miteinander verknüpft sind, bedarf es keinerlei quantenmechanischer Vorkenntnisse, bereits der genaue Blick auf die Katachresen und Metaphern unserer Sprache genügt: Wir sprechen von Zeitpunkten und von Zeiträumen, von Zeitspannen und dem Lauf der Zeit. Ebendieser besonderen Verbindung zwischen Raum und Zeit widmet sich Johanna Schaible in ihrem Bilderbuch-Kunstwerk „Es war einmal und wird noch lange sein“ auf überaus poetische Art und Weise: Erzählt wird die Erdgeschichte – von der Urzeit bis in die Zukunft. Erzählt wird vom Gestern zum Heute zum Morgen, vom Fernen zum Nahen zum Weiten, vom Großen zum Kleinen zum Unbestimmten – und zwar in Bild und Text, in Form und Inhalt. Eine Erzählbewegung, die hier aufgegriffen werden soll:

Zunächst also zum Gestern und Großen: Wir beginnen dabei vor Milliarden von Jahren, als sich das Land, wie es im Text heißt, formt. Ganz in schwarz collagiert die Künstlerin die Felsen, das Land. Einziges Farbelement ist die orange-gelbe Lava, der hier eine ganz besondere Materialität zukommt: Sie ist mit Acrylfarben ins Bild gesetzt und bewirkt auf dem Glanzpapier, auf dem die Illustrationen gedruckt sind, einen fast dreidimensionalen Effekt, schwappt damit nicht nur über die dunklen Felsen, sondern scheinbar auch über den Bildrand hinweg. Eingefangen wird ein einzelner Moment, ein Augenblick vor Milliarden von Jahren. Mit dem Umblättern folgt der Zeitsprung: Vor Millionen von Jahren lebten Dinosaurier auf der Erde. Und so nähert man sich mit jedem Blättern in immer größer werdenden Schritten der Gegenwart an: vor Hunderttausenden, vor Tausenden, vor Hunderten von Jahren …

Dass Zeit und Raum Hand in Hand gehen und die eine Dimension nicht ohne die andere gedacht werden kann, zeigt sich hier auf faszinierende Weise: Mit jedem Umblättern und jedem Zeitsprung verkleinert sich auch das Seitenformat. So entsteht auf formaler Ebene ein beeindruckender Effekt, der die inhaltliche Ebene kunstvoll spiegelt. Und damit wären wir bei der zweiten Erzählbewegung angekommen – dem Übergang vom Fernen zum Nahen, vom Fremden zum Vertrauten:

Erzählt wird zunächst von einer prä-menschlichen Welt: Der Formung des Landes und der Zeit der Saurier: Vor Millionen von Jahren lebten Dinosaurier auf der Erde. Der Text wird dabei auf der linken Doppelseite lakonisch in einen weißen Textblock gesetzt und dient in erster Linie der zeitlichen Verortung des illustratorischen Bildraumes. Im Vordergrund stehen aber die Aquarelle, die hier in gedeckten Farben eine besondere Form der Ruhe ausstrahlen: Eine weite grüne Landschaft, über deren Himmel einzelne Flugsaurier friedlich ihre Runden ziehen. Mit dem nächsten Umblättern taucht erstmals der Mensch in der Erdgeschichte auf: Winzig klein werden diese Urmenschlein in den Erzählraum gesetzt und wandern durch die weite Landschaft.

Johanna Schaibles Collagen fangen dabei die Erhabenheit dieser noch nicht menschlich ver-/ge-formten Natur ein – der Blick der Betrachtenden fällt auf eine weite Fläche. Im Text heißt es dazu: Vor Hundertrausenden von Jahren zogen die Menschen von Ort zu Ort. Von nun an ist die Geschichte der Erde die Geschichte des Menschen:: Seite für Seite wird immer mehr auf den Menschen, seine Bauten und Errungenschaften fokussiert, wenn der Bau der Pyramiden vor Tausenden von Jahren ins Bild gesetzt wird oder ein Schiff vor hundert Jahren seinen Weg durch das weite Meer findet.
Der Mensch – so könnte man sagen – schreibt sich in die Landschaft ein, prägt sie, gestaltet sie. Die Künstlerin zeigt dies auf eine überaus unaufdringliche, fast sanfte Art und Weise, wenn das menschengemachte Schiff im linken Bildrand ganz klein in die Weite des Ozeans gesetzt wird oder sich auf einer weiten Landschaft eine Straße nur andeutet, nur vermutet werden kann. Im Text heißt es dazu lakonisch: Vor zehn Jahren sah die Landschaft noch anders aus. Mit dem nächsten Umblättern finden die ersten städtischen Details Einzug in die Bildsprache des Textes: Nur die Dächer werden collagiert und auf den unteren Rand in die Doppelseite integriert.

Die Rede war auch bereits von einer Bewegung vom Fernen zum Nahen. Diese gestaltet Johanna Schaible über eine Bewegung der Blick-Perspektive: Je weiter wir in der Zeit nach vorne blättern, desto näher kommen wir auch dem Dargestellten. Die weite Perspektive auf die Landschaften auf den ersten Doppelseiten konzentriert sich immer mehr, fokussiert, zoomt immer näher an die Orte der Handlung heran – so wie auch die Seiten immer kleiner werden und damit das Geschehen konzentrieren. Und so landen wir in einem Park, in dem letzten Monat noch der Herbst zu sehen war, hangeln uns weiter über den Karneval letzte Woche, das Gewitter gestern, den Sonnenuntergang vor einer Stunde bis in das Zentrum des kindlichen Lebens – das Kinderzimmer: Vor einer Minute wurde das Licht gelöscht. Damit schweift der Blick nicht mehr über eine fremde, weite, unberührte Landschaft, sondern zeigt uns einen Raum des Intimen: Nur ein kleiner Lichtstrahl fällt durch die angelehnte Tür des Kinderzimmers. Schemenhaft kann man die Details in diesem Zimmer betrachten – den Schreibtisch, das Regal, ein Bild von einem Saurier an der Wand, das schlafende Kind.

Vom Fernen, Großen und Weiten, vom Gestern sind wir damit einem hermetischen Raum im Jetzt angekommen. Und so heißt es auf der nächsten Seite: Jetzt! Wünsch dir was! und in der Illustration ist der Nachthimmel zu bestaunen, über den eine Sternschnuppe ikonisch ihre Bahn zieht. Die besondere Seitenarchitektur dieses Buches – das zunehmend kleiner werdende Bildformat – erzeugt dabei einen ganz besonderen Effekt, der sich auf den vorherigen Seiten bereits angedeutet hat: Da die Seiten mit jedem Umblättern kleiner geworden sind, ragen nun, da wir in der Mitte des Buches – in der erzählten Gegenwart – angekommen sind, die Bildränder der vorangegangenen und der nachfolgenden Doppelseiten fächerartig über diese kleine, schmale Sternschnuppenseite hinaus. Vergangenheit und Zukunft bilden damit bildlich einen beeindruckenden Rahmen für den gegenwärtigen Augenblick. Der Moment erscheint immer eingebettet in ein Davor und ein Danach, die sich hier in den bunten Seitenrändern fächerartig andeuten.
Damit erreicht die Erzählsymphonie ihr grande finale. Davon ausgehend wird nun in fragend-vorsichtig-tastendem Ton in die Zukunft erzählt und ein unbestimmtes Du adressiert: Wann stehst du morgen auf?, heißt es dort, während die Illustration den Blick in ein morgendlich helles Kinderzimmer gewährt. Wo wirst du morgen Nachmittag sein? Was machts du morgen Abend? Was bringt das Wochenende?

Dabei spiegeln sich der erste Teil des Bilderbuches – die Vergangenheit – und der zweite Teil des Buches – die Zukunft – auf vielerlei Ebenen: Mit jedem Umblättern nimmt das Seitenformat wieder zu. Auch der Blick weitet sich zunehmend, zoomt wieder heraus, nimmt nicht mehr einzelne hermetische Räume in den Blick, sondern zeigt einen Marktplatz, einen winterlichen Park, eine Stadt.

Dabei wird jede einzelne Doppelseiten aus der zweiten Hälfte des Bilderbuches – dem Zukünftigen – inhaltlich und gestalterisch mit einer Doppelseite aus der ersten Hälfte des Buches – dem Vergangenen – gematcht, sodass in gewisser Weise ein Spiegelphänomen entsteht. Jene Doppelseiten, die dieselbe Seitengröße haben, sind dabei farblich und thematisch aufeinander abgestimmt: Aus dem herbstlichen Park vor einem Monat wird das winterliche Parkambiente in einem Monat; aus der Schifffahrt vor hundert Jahren wird der Raum über den Wolken, den ein Flugzeug durchkämmt. Dabei werden die Spuren, die der Mensch in der Landschaft hinterlässt, im Vergleich dieser Bildpaare besonders deutlich: Aus der unberührten Landschaft vor zehn Jahren wird in zehn Jahren eine großstätische Schachtelstadt in grau-matten Farben, die aus einzelnen Vierecken collagiert ist und den ganzen Erzählraum zu füllen weiß. Wo wohnst du in zehn Jahren?

Aber nicht nur bildsprachlich deutet sich eine zeitliche und thematische Bewegung an: auch der Text zeigt eine Entwicklung. Zunächst sind es in der ersten Hälfte des Buches noch Aussagen über die erdgeschichtlichen Entwicklungen – die Dinosaurier, das Nomadentum, den Bau der Pyramiden von Gizeh –, aber je näher wir uns der erzählten Gegenwart in der Mitte des Buches nähern, desto konkreter werden diese Aussagen und berühren immer mehr die (kindlich-)alltägliche Lebenswelt: Gestern gab es ein Gewitter. Vor einer Stunde ist die Sonne untergegangen. Hatten wir es in diesem ersten Teil noch mit Aussagen zu tun, so erzählt der Text über das Zukünftige im Modus der Frage: Wo wirst du morgen Nachmittag sein? Zunächst sind diese Fragen sehr konkret auf die kindliche Lebenswelt bezogen – Was machts du morgen Abend? Was bringt das Wochenende? Aber je weiter wir in die Zukunft blättern, desto philosophischer und reflektierender werden die Fragen: Was wird dich für immer beeindrucken? Wirst du eines Tages Kinder haben? Woran wirst du dich erinnern, wenn du alt bist? Die zuerst sehr konkreten werden dabei zunehmend ungenauer und spiegeln dieses Moment des Unbestimmten, das mit dem Zukünftigen immer schon verbunden ist, auf poetische Art und Weise wider.

Am Ende steht – wie ganz zu Beginn – eine dunkel gestaltete Landschaft, in die nur einzelne Farbakzente gesetzt sind. Zu Beginn des Bilderbuches war es die dynamisch schäumende Lava – ein Naturphänomen, das, wie es im Text hieß, das Land formte. Nun ist es das Lichtermeer der Großstadt, das die Natur formt. Lakonisch steht am Ende eine Frage, die die Offenheit alles Folgenden suggeriert: Was wünscht du dir für die Zukunft? Denn es scheint klar: Es war einmal und wird noch lange sein

Julia Lückl

"Es war einmal und wird noch lange sein" ist eines jener Bücher, die Einzug in die Seitenweise Kinderliteratur 2021 gefunden haben. Rund 120 Neuerscheinungen des Jahres 2021 wurden vom STUBE-Team ausgesucht, umfangreich annotiert und charmant präsentiert.
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