Peter Hammer 2022.
24 S.

Das Vorsatzpapier blau: auf der linken Seite eine kreisrunde Stanzung im Buchdeckel. Auf der rechten ein ebenso kreisrunder Mond, vor dem sich eine Ranke mit allerlei Getier und Pflanzen vertikal über die Seite erstreckt. Klappt man das Buch noch einmal zu, schauen durch die Stanzung jenes Getier und jene Pflanzen entgegen und eröffnen so einen ersten Blick auf das titelgebende Paradies. Bis es zu dieser Vielfalt, die sich bereits durch das Cover erblicken lässt, kommt, wird es in der Erdzeitgeschichte aber noch so mancher Epoche und evolutionsbiologischer Entwicklung bedürfen. Doch was stand am Anfang? Am Anfang stand das Wort. Und am Anfang stand gleichermaßen auch der Urknall, wenn man Religion und Wissenschaft miteinander vereinen will.

Nähert man sich aus theologischer Sicht Jürg Schubigers Text, dann kann dieser als eine Form des transmedia storytellings der Bibel verstanden werden. Der Autor greift biblische Figuren auf, erzählt deren Geschichte aber weiter, findet vielleicht sogar ein alternatives Ende. Die Bilder der viel bepreisten deutschen Illustratorin Rotraut Susanne Berner spinnt die kurzen, klaren Sätze weiter und reichert durch die Illustrationen die Bedeutungsdimension eben dieser an, wenn Adam und Eva  zu Beginn des Bilderbuches im Gras liegen und die Unendlichkeit der Sterne bestaunen. Die Sterne oder vielmehr die Unendlichkeit des Universums referiert bereits zu Beginn auf jene Ewigkeit, die kurze Zeit später im Text angesprochen werden soll, wenn Eva Adam eröffnet, dass sie vorhabe die Sterne zählen zu wollen, Auch wenn ich eine doppelte Ewigkeit brauche[.] Dieses Vorhaben, das bei Adam auf wenig Verständnis stößt, ist zugleich jener Aspekt, der den ersten Streit zwischen den beiden Figuren heraufbeschwört. Damit erhält die Frage nach der Ewigkeit sowie Unendlichkeit neben der Bedeutung für den Menschen in Berners Illustrationen mehrere Dimensionen und wird auf ganz unterschiedlichen Ebenen verhandelt. Die Perspektivierung der Illustrationen nimmt dabei jeweils den gleichen Ausschnitt des Paradieses in den Blick: Die Erde, ein Streifen Horizont, der mal als Wasser-, mal als Luftraum fungiert und so alle Lebensräume beherbergt und schließlich der Himmel mit den Gestirnen, der über den Lebensräumen schwebt. Ein weißer, über jede Doppelseite verlaufender Balken am unteren Bildrand birgt Platz für die dreifärbigen, kurzen Textpassagen, von denen ausgehend weitergedacht wird. Die dreifache Farbkodierung ergibt sich durch die beiden menschlichen Figuren wie jene der Erzähler*innenstimme. Mit dieser Konstanten des Bild- und Textraums wird am Ende gebrochen, wenn es keiner Wörter mehr bedarf. Wo Konstanten sind, braucht es aber immer auch Varianten, die hier durch die unterschiedlichsten Pflanzen und Tiere realisiert werden und die sich durch das Moment des Vor- und Zurückblätterns und eines immer wieder Betrachten immer wieder neu und anders erschließen lassen (können).

Der Lebensraum der Erde mit all seiner Tier- und Pflanzenwelt, sei es im Wasser, in der Luft oder an Land folgt der Evolutionsgeschichte: Beginnend bei Einzellern, über sogenannte „niedere“ Lebensarten, wird die Entwicklung der Flora und Fauna im Laufe der Erdzeitalter in die Bilder eingespeist und kann damit als Gegenüberstellung von Naturwissenschaft und Religion, die durch die biblische Konnotation des Erzähltextes aufgerufen wird, gelesen werden. Je Doppelseite findet eine andere Entwicklungsebene ihren Platz: Wo sich zunächst Fische im gesamten Bildraum tummeln, übernehmen dann (Dino)Saurier und andere Urzeittiere, die mit der letzten Eiszeit ausgelöscht wurden, bis sich das Paradies bis zum letzten Umblättern in jene Welt wandelt, wie wir sie heute kennen. Dabei werden geographische Grenzen ebenso außen vorgelassen, wie eine womöglich Hierarchie in etwaigen Nahrungsketten. Von Eva wird diese Fülle an Leben mittels Wir leben ja wie in einem zoologischen Garten subsummiert. Die Bilder selbst erhalten dadurch Wimmelbildcharakter, wie er von Rotraut Susanne Berner bekannt ist und die Illustratorin zeigt einmal mehr, wie unterschiedliche Ebenen in einem Bildraum eröffnet werden können.

Auf dieser sich hinsichtlich des tierischen Figurenrepertoire ändernden Seiten fungieren zwei Figuren wiederum als wiederkehrende Konstante, wenn auch in unterschiedlichen Positionen und Körperhaltungen: Adam und Eva. Aufgebrochen wird hier die Vorstellung eines homogenen Urelternpaares gemäß einer vermeintlich mitteleuropäischen Vorstellung: Auf ihre körperliche Ursprünglichkeit zurückgeworfen, treffen die Lesenden wie Betrachtenden auf einen Adam als person of Color und eine Eva, die aufgrund ihres Teints indigenen Ursprungs sein könnte.

Adam und Eva sind hier, wie auch im biblischen Urstoff, jene Menschen, die sich durch (Nach)Denken diese, ihre Welt erschließen. In all diesen Überlegungen bleibt natürlich immer die Frage offen, ob die Natur – die Schöpfung – durch den Menschen als Geschöpf, das zur Vernunft fähig ist, erschlossen werden muss. Oder ob nicht vielmehr der Mensch die Natur für die Gestaltung des eigenen Lebens braucht.

Der Mond als auch ein Granatapfelkern, der die Lesenden von Beginn an begleitet sind jene zwei Motive, die auf jeder Doppelseite auftauchen und durch ihre natürliche Gegebenheit den Kreislauf des Lebens aufgreifen und damit einmal mehr auf die Ewigkeit referieren: Der Mond wird demnach nicht als einfache Sichel in den Nachthimmel gesetzt, sondern steht für sich schon für den Wandel der Zeit. Er wandert nicht nur einem Bogen gleich über das Firmament, sondern durchläuft indes die unterschiedlichen Mondzyklen, bis er am Ende als perfekter Vollmond dominant am Himmel steht. Parallel dazu sprießt ein Granatapfelkern. War auf der ersten Doppelseite der rote Kern der einzige Farbklecks in einer noch mondlosen Landschaft vor der Erschaffung der Menschen, verwandelt sich dieser mit jedem Umblättern von einem kleinen Keimling hin bis zu jenem Granatapfelbaum, der das Ende des Textes nach sich zieht. Dieser strebt aus eigenem Antrieb gen Himmel und kann dabei ebenso als kindliche Selbstermächtigung gelesen werden. Denn auch das Kind entfaltet sich für gewöhnlich aus eigenem Antrieb heraus, benötigt nur den Nährboden und Geborgenheit – jene Bedingungen also, die im Paradies gegeben sein sollten. Die Neugierde, die in dieser Metapher den Granatapfel antreibt, zu wachsen, nimmt dabei keinen unerheblichen Raum innerhalb einer (kindlichen) Selbstermächtigung ein, um die es letztendlich auch beim biblischen Baum der Erkenntnis geht und die auch in Schubigers Text mitschwingt, wenn die Frage aufgeworfen wird, ob der „Sündenfall“ des Menschen nicht auch als Befreiungsschlag gelesen werden kann.

Was fehlt nun also noch an einem Text, der über Adam und Eva erzählt? Die obligatorische Schlange. Diese gesellt sich spätestens dann zu Adam und Eva, als die Weiblichkeit das Leben im paradiesischen Garten in Frage stellt und sich der erste Streit der Menschen anbahnt; nicht den Überfluss anerkennend, sondern vielmehr die Reduziertheit herbeiwünschend formuliert Eva die Ausweglosigkeit: hier bleibt ja hier nichts zu wünschen übrig. Die Männlichkeit weiß darauf keinen Rat, es entbrennt aber kein Streit, vielmehr empfindet die Weiblichkeit Trauer über diese Ausweglosigkeit, in einem Paradies, in dem nichts zu wünschen bleibt, gefangen zu sein. In dieser Hilflosigkeit gründet auf Text- und Bildebene der Nährboden menschlicher Zuneigung, was auch als Plädoyer für das zusammen und gemeinsam sein, gelesen werden kann: Adam erfand in seiner Ratlosigkeit nämlich den Kuss. Und damit verändert sich auch die bildliche Verfasstheit des Paradieses, in das die beiden gesetzt werden. Die vormalige Dreiteilung weicht einer Gesamtheit; das Dunkelblau der Nacht einem Zartrosa der Morgen- oder Abenddämmerung, um nach dem letzten Umblättern die Krone des herangewachsenen Granatapfelbaumes in seiner Fülle zu zeigen, in der nicht nur Adam und Eva, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Geschöpfe aus dem Tierreich sich an den süßen Früchten des Baum der Erkenntnis erfreuen, ohne dabei infrage zu stellen, was denn ein Schwein in einer Baumkrone zu suchen hätte.

Rotraut Susanne Berner holt durch ihre Illustrationen die Paradieserzählung auf eine andere Ebene und verortet sie durch die Hereinnahme der unterschiedlichen durch die Natur vorgezeichneten Phänomene neu, reichert sie mit naturwissenschaftlichen Anknüpfungspunkten an. Und auch wenn der Text den biblischen Urstoff weiterdenkt, bleibt dieser klar in Genesis verortet, eröffnet aber andere und neue Denkräume, die einmal mehr aufzeigen, dass es womöglich Raum für andere Interpretationen bedarf.

Alexandra Hofer


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