Kröte im März

Klett Kinderbuch 2026.
48 S.
Massuda Kassem und Melanie Garanin: Chicken Survivor
Eine Bar, irgendwo am Waldrand. Eine Theke. Zwei Abenteurer, die bei ihren Drinks „Tall Tales“ austauschen: RIESIG sei es gewesen, das Huhn. Monströs. Der Fuchs spreizt die Pfoten, der Habicht die Flügel, um anzuzeigen, wie übermächtig der Gegner körperlich war. Kein Wunder, dass die Augen der beiden immer noch blutunterlaufen sind …
Comiczeichnerin Melanie Geranin pinnt dieses Panel in Fotomanier auf das Nachsatzpapier. Ein Aperçu zu einer aberwitzigen Story, ein tragi-komischer Abgesang auf männliche Eitelkeit. Denn der Gegner, der hier als Grund für eine heldenhaft erkämpfte Niederlage beschworen wird, war eigentlich eine Gegnerin. Noch dazu eine, die – rein biologisch gesehen – schwer im Nachteil war, als erst der Fuchs und dann der Habicht den Hühnerstall überfallen haben.
Aber erst mal zurück zum Anfang.
Oder vielleicht doch nicht, denn wenn man vom Ende her zurückblättert, geben auch die Paratexte des an Dynamik wohl nur schwer zu überbietenden Bilderbuches Aufschluss über dessen Kuriositäten:
Zuerst einmal findet man da ein Rezept. Also eigentlich zwei Rezepte. Ein vegetarisches, das selbst dem Fuchs das Feuer aus dem Mund treibt. Und dann ein Hühnercurry. Eines, das der Fuchs wohl selbst gerne auf jenen Speiseplan gesetzt hätte, den er seinen Kindern präsentiert. chicken WINX war dort zu lesen, und NAGGETZ. Da hätte Chicken Vindaloo eine gute Alternative ergeben, mit all seinen Gewürzen von Koriander bis Kreuzkümmel, mit seiner Chilipaste und Kokosmilch und seinen !! Hühnerkeulen ohne Haut. Aber nichts da, der Fuchs ist nicht am Curry, sondern am/an Vindaloo gescheitert.
Noch einmal nach vorne geblättert und wir lernen sie kennen, das Huhn aller Hühner, das Survivor Huhn, um das sich alles dreht: Keine Hühner im Haus? Das schert Vindaloo, Real-Vorbild für die literarische Figur wenig …
Halt. Stopp.
Ein Huhn, das nach einem Chicken-Curry benannt ist?
Nun also doch zurück an den Anfang:
Die Powers sind eine ökobewegte Familie mit handwerklich begabtem Vater. Sie leben am Waldrand in der Nähe einer großen Stadt und entschließen sich, Hühner zu halten. Im wunderschönen Garten rund um das neue Haus wird ein Stall gebaut; Hühner werden angeschafft. Fünf an der Zahl, für jedes Familienmitglied eines. Mutter Eva, die drei (ansprechend genderneutral ins Bild gesetzten) Söhne Johnny, Cian und Louis und Papa Power übernehmen die Verantwortung für je ein Huhn und geben ihm auch einen Namen. Dieserart gesellen sich Gisela, Trudi, Heidi, Ingrid und Vindaloo zur Familie.
… ?
Vindaloo? So wie das indische Curry?
Genau. Angezeigt ist damit der trockene Humor, der der gesamten Geschichte innewohnt – und wohl auch ein subtextueller Realitätsanspruch. Man würde an dieser Stelle gerne sagen: Kein Huhn musste für dieses Bilderbuch sterben. Aber es wäre nicht wahr. Für dieses Bilderbuch musste sicher kein Huhn sterben, aber in diesem Bilderbuch sieht die Sache anders aus. Ich sage nur: Fuchs. Ich sage nur: Habicht.
Vorerst aber leben Familie Powers und die Hühner in paradiesartiger Öko-Stadtrand-Harmonie, die sowohl auf Text- als auch auf Bildebene durch fiktionale Übersteigerung humorvoll ausgekostet wird:
Die Hühner ließen sich die Sonne aufs Gefieder scheinen. Gisela las gerne Literatur (so genannte ChickLit) und schrieb lustige Kurzgedichte. Vindaloo war ein sportliches Huhn, drehte gern ein paar Runden im Gehege und hielt sich mit Kniebeugen fit. Ingrid liebte Evas duftende Blumen. Trudi und Heidi schauten gern besinnlich in den Himmel und spielten Wolken-Raten.
Spätestens an dieser Stelle gilt es, das eigentlich Kraftfeld dieses Buches anzusprechen. Denn all der Eigensinn und Charme dieser Hühner wird natürlich erst durch die Illustrationen angemessen zur Geltung gebracht: Melanie Geranin setzt auch hier auf ihren Comic-Stil, schafft anstelle von Panels zahlreiche rahmenlose Einzelbilder, die quer über die quadratischen Seiten verteilt sind: Sie lässt die Hühner in schräger Energetik schaukeln, toben, glücklich sein. Und setzt im weiteren Verlauf auf eine Besonderheit ihrer Bildgestaltung: ineinander greifende Bewegungssequenzen innerhalb eines Bildes.
Und damit sind wir bei der bewegungsfreudigen Vindaloo und leider auch beim Fuchs. Er wird in einer kleinen Parallelhandlung eingeführt – ebenfalls als treusorgender Familienvater. Das kulinarisch utopierte Glück der einen Familie führt jedoch leider dazu, dass die andere Familie lernen muss, dass Gelegenheit Diebe macht. Auf die harte Tour.
Der Fuchs fällt in die zu diesem Zeitpunkt noch nicht gut genug geschützte Hühnerwelt ein und macht mit Trudi kurzen Prozess. Dann aber wendet er sich Vindaloo zu und Melanie Geranin setzt Speedlines ein, um einen Blickkontakt zu zeigen, der actionfilmreif ist. So wie auch die nachfolgende Szene, denn die gemeinsamen Kinobesuche der Powers mit den Hühnern haben wohl dazu geführt, dass Vindaloos Martial-Arts-Kompetenz bemerkenswert ist. Das weiße Karate Kid-Stirnband um den kleinen Hühnerkopf gebunden, scheut Vindaloo keine Kampfsportmühe, sich gegen den Fuchs zur Wehr zu setzen.
Der Fuchs zieht ab, die Parallelgeschichte endet damit, dass der Fuchs seiner Familie stolz die Ausbeute des Angriffs präsentiert (Die Niederlage gegen Vindaloo lässt er erstmal unerwähnt.) und Trudi im füchsischen Kochtopf schmort.
Bei den Powers hingegen ist man hin und her gerissen: Man trauert um Trudi und bejubelt Vindaloo, die aber – auch diese Trope jener Filme, in denen der Held am Ende zerschunden und zerschlagen auf der Matte siegreich bleibt, wird aufgenommen – sichtbar devastiert aus dem Kampf hervorgeht. Hier jedoch läuft danach nicht Surviver zum Abspann. Hier kämpft ein Huhn mit entzündeter Wunde am Flügel um ihr Überleben. Der professoral wirkende Tierarzt rät zur Notschlachtung.
Auftritt Dr. Julia.
Die Nachbarin der Powers, eigentlich Humanmedizinerin, verwandelt das Badezimmer kurzerhand in einen Operationssaal, sterilisiert, amputiert und vernäht. (Cian wollte danach lieber doch kein Tierarzt werden.) Vindaloo wird in die Familienpflege übergeben und in einer Panelfolge, die kreativ mit Konstanten und Varianten spielt, zeigt sich: So viel Fürsorge muss zum Erfolg führen.
Tut es. Am fünften Morgen findet man ein Ei im Krankenkörbchen. Vindaloo ist wieder da.
Nun. „Karate Kid“ wurde zahllose Male fortgeführt. Die Vermutung liegt nahe, dass auch Vindaloo ihren chilligen Lebensabend noch nicht erreicht hat und der Spoiler mit dem Habicht an der Bar hat den Antagonisten der Fortsetzung ja bereits etabliert. Der Rhythmus und Drive des intermodalen Erzählens wird prolongiert. Wieder weht ein eiskalter Wind durch das Hühnerrevier das mittlerweile gegen den Fuchs abgesichert, nach oben hin aber leider noch offen ist. Man hört ihn förmlich, den Soundtrack aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ und tatsächlich blicken Vogel und Vogel einander kurz danach ins Auge. Auch der Habicht hat eine Familie zu ernähren …
Das Ergebnis: Ingrid null. Vindaloo unerschrocken, siegreich (gezielte Rechte aus der Kalten) und verletzt. Dr. Julia für den Medizinnobelpreis vorgeschlagen. Die Powers samt Heidi und Gisela erneut unerreicht im Pflegemodus. Die Sicherheitsmaßnahmen im Hühnerstall an Fort Knox angepasst. Die Leser:innen happy.
Und Chicken Vindaloo brodelt im Kochtopf. Oder doch nicht?
Heidi Lexe
Melanin Geranin hat 2023 für ihren gemeinsam mit Andreas Steinhöfel kreierten Comic „Völlig meschugge!?“ den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten. Der Sieger des heurigen Preises wurde soeben bekannt gegeben. Alles über „Völlig meschugge!?“ und Nils Mohls Roman „Engel der letzten Nacht“ sowie zahlreiche Bücher der Empfehlungsliste(n) des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises findet man >>> hier.
Lust auf noch mehr ChickLit? Die heurige Vorlexung an der Universität Wien widmet sich geflügelte Wesen in der Kinder- und Jugendliteratur und damit Hühnern, Enten, Taube und Raben, Vogelmetamorphosen, politischen Symbolfiguren, Phoenixen, Engeln und Drachen. Ergänzt durch einen Schwerpunkt, bei dem variantenreich ins All geflogen wird. Die Vorlesung ist öffentlich und kann jederzeit gerne besucht werden. Details und das Semesterprogramm sind >>> hier zu finden.
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