Phantastik-Tipp der STUBE

Aus d. Engl. v. Ulrike Köbele.
Loewe 2026.
400 S.
Struan Murray: Dragenborn. Das Erbe des Feuers
Die Sache ist die, Alex: Du verwandelst dich gar nicht wirklich. Du bist längst ein Drache. Du musst nur die Kraft finden, es zu erkennen. (197)
Ein mysteriöser groß gewachsener Fremder lädt sich selbst in Alex’ zu Hause ein und erklärt kurz später ihrer Mutter, dass er das Mädchen mit auf eine Schule nehmen wird, wo sie lernen wird, mit ihren besonderen Fähigkeiten umzugehen.
Kommt das vage bekannt vor? Aber nein, es ist keine Zauberschule, sondern ein Dracheninternat.
In Struan Murrays phantastischer Welt haben vor mehreren Tausenden von Jahren Drachen und Menschen gegeneinander Krieg geführt. Um ein Auslöschen einer der Spezies zu verhindern, haben Feen einen mächtigen Zauber ausgesprochen, der Drachen Menschengestalt verleiht. Nicht alle wissen von ihrem inneren Drachen, so wie vorerst Alex. Das Mädchen geht aber dann davon aus, dass ihr verstorbener Vater einer war und kommt u. a. mit nach Skralla, um seinem ‚Erbe’ näher zu sein – und wohl auch um der liebevollen, aber sehr kontrollierenden Mutter zu entkommen. Durch geheime Durchgänge in verborgene Bereiche, in denen es noch magische Lebewesen – wie etwa die angesprochenen Feen – gibt, führt der Weg in die Schule. Diese ist sehr gut und humorvoll als ‚ungezähmte’ Version eines Internats gestaltet: Gegessen wird im Fressarium, auf Tischen und Bänken, die hoch im Raum befestigt und durch Strickleitern zu erreichen sind und jedes Kind hat eine Schlafhöhle.
Manchmal lohnt es sich, ein Auge zuzudrücken, da vereinzelte Elemente die Handlungslogik zugunsten eines Spannungsbogens durchbrechen; etwa wenn im Kampf völlig untrainierte Jungdrachen relativ erfolgreich gegen einen Angriff bestehen.
Neben Gattungskonventionen wird auch mit Assoziationen rund um Drachen humorvoll im Text gespielt. An erster Stelle steht dabei das Schatzsammeln. Denn auf der einen Seite hat jede Drachenfigur eine Sammlung an Gegenständen, die ihr teuer sind; und auf der anderen Seite gibt es den historisch gewachsenen Hort der Schule:
Am Ende der Treppe befand sich ein gigantisches Gewölbe, das bis unter die Decke mit unzähligen Schätzen gefüllt war. Regenbögen aus funkelnden Edelsteinen, zu Haufen aufgetürmte glänzende Schwerter, deren Anblick entfernt an Stachelschweine erinnerte, ganze Ansammlungen aus silbernen Broschen und Kristallenen Halsketten. Und Bücher, überwiegend Bücher [...] (208)
Natürlich dürfen auch die strenge, etwas ruppige Lehrerin, der weise Mentor und der Klassenkollegenfiesling nicht fehlen. Ebenso der machtvolle magische Gegenstand und der Antagonist, der einen finsteren Plan hat und im Verborgenen agiert, sind elementare Teil der Erzählung.
Ob der berüchtigte Drak Midna allerdings tatsächlich so verborgen ist, ist eine andere spoilergeladene Frage … Ein gewisses Mysterium umgibt auch die Identität seines Handlangers. Diese Geheimnisse ergeben sich aus der spezifischen Konstellation von Menschen- und Drachengestalt, denn zu wissen, dass ein Drache rot ist, sagt nichts über seine humanoide Gestalt aus. Unter diesem Blickwinkel ist die Einbandgestaltung nochmals spannender: Werden hier Alex in beiden Gestalten oder Alex’ und ein anderer Drache dargestellt?
„Dragenborn” öffnet die Tür zu einer phantastischen Welt mit neuen Dimensionen von Drachenfiguren. Ein psychologisch interessant dargestellter Handlungsbogen mit Fokus auf Identitätsfindung wird parallel zum Kennenlernen der verborgenen Welt und zum wohl unausweichlichen Kampf gegen den zerstörerischen Antagonisten entwickelt. Der Autor greift eine Vielzahl klassischer Motive auf, deren Zusammenstellung und Adaption einen spannenden Auftakt einer Serie liefern. Wer mit Phantastik-Konventionen vertraut ist, wird zum Rätseln eingeladen, wie mit ihnen umgegangen wird: Wird der Mentor sterben? In welchem dramatischen Moment wird Alex, der die Verwandlung lange Zeit nicht gelingt, ihrer Drachenidentität freien Lauf lassen?
Sonja Loidl
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